Archiv des Autors: Leah Preisinger

Pura Vida

Es war irgendwie ein komisches Gefühl zu wissen, dass ich nach den sehr intensiven vergangenen Monaten in Brasilien das Land mitsamt seiner Sprache, in der ich gerade so richtig angekommen war, für dreieinhalb Wochen verlassen werde. Nichtsdestotrotz freute ich mich unglaublich auf das Abenteuer, das mir bevorstand.

Mitten während eines Familienfests im Haus der Großmutter meiner Gastschwester wurde ich von einem Taxi abgeholt, das mich zu später Stunde zum Flughafen brachte. Dort wurde es zunächst spannend, ob ich denn tatsächlich fliegen können würde, da das Standby-Fliegen immer ein gewisses Risiko mit sich bringt. Glücklicherweise hat aber alles reibungslos geklappt und nach einem gesprächsintensiven Flug mit meiner brasilianischen Sitznachbarin, fand ich mich bereits in Panama wieder und von dort war es nur noch ein Katzensprung nach San José.

Dort angekommen musste ich zunächst feststellen, dass sich das bestellte Flughafenshuttle in der Uhrzeit geirrt hatte. Das war aber nicht weiter schlimm, denn diverse Taxifahrer boten mir netterweise ihr Handy an, um dem Fahrer bescheid zu sagen, sodass ich mich einige Zeit später wohlbehalten im Hostel wiederfand und noch gut zehn Stunden bis zur Ankunft von Marle totzuschlagen hatte. Die Freude beim Wiedersehen war unheimlich groß, obgleich die Situation auch etwas Surreales an sich hatte. Denn sich nach so langer Zeit ausgerechnet am anderen Ende der Welt in einem x-beliebigen Hostel wieder zu vereinen, passiert wirklich nicht alle Tage.

Am nächsten Morgen wachten wir viel zu früh auf und waren dementsprechend müde, aber das gehört wohl dazu. Mit dem Taxi machten wir uns dann auf in Richtung Busbahnhof, von welchem wir nach Manuel Antonio abfuhren. Ich glaube wir beide waren mehr als dankbar, als wir endlich in der Unterkunft ankamen, denn die Fahrt war von Hitze und Erschöpfung geprägt. Der Blick, der sich uns von den gemütlichen Hängematten aus bot, machte die Anstrengungen allerdings mehr als wett. Besonders das erfrischende Meerwasser hob unsere Stimmung ungemein und verlieh uns neue Energie. Nachdem wir noch einige lustige Strandverkäufer abwimmeln mussten, machten wir uns ausgehungert auf die Suche nach Essbarem, denn wir hatten den ganzen Tag noch nichts gegessen. Dementsprechend gut schmeckten uns die Nudeln, vor allem ich hatte sie nach drei Monaten Reis-Vorherrschaft wirklich vermisst. Nach dem Essen fielen wir erschöpft in die Betten, holten etwas Schlaf nach, um fit für den Nationalpark am nächsten Morgen zu sein.

Der Park bot uns eine Vielfalt an Flora und Fauna, ebenso wie traumhafte Strände. Beispielsweise begegneten wir einer Schlange, einem Alligator, Affen und verschiedenen Echsen, bevor wir uns im Meer abkühlten und uns mit unserem seit Kindertagen bestehenden Kürzel „LEMA“ auf einem Aussichtspunkt verewigten.

Des Weiteren wanderten wir während unserer Zeit in Manuel Antonio zu einer kleineren, abgelegenen Bucht und genossen einen sonnigen Strandtag inklusive erster Versuche meinerseits Gespräche auf Spanisch zu führen, was jedoch in einer kläglichen Mischung aus Portugiesisch und Spanisch in meinen Antworten endete. Beim Zurücklaufen im Bikini merkten wir einmal mehr, dass dieser Aufzug nicht unbedingt geeignet ist, um an Bauarbeitergruppen vorbeizulaufen, was dazu führte, dass wir in unsere Handtücher gewickelt und deshalb in unserer Bewegungsfreiheit eingeschränkt langsam den Berg hinaufwatschelten. Am Abend gingen wir noch mit zwei anderen deutschen Backpackern aus dem Hostel einen leckeren Fruchtsmoothie trinken, bevor ich den Sternenhimmel von der Hängematte aus bewunderte und darauf wartete, dass die Mitbewohner aus dem Zimmer einschliefen, da ich sie nicht mit meinem Husten stören wollte, der mich unglücklicherweise die ganze Reise über begleitete.

Am nächsten Morgen ging die Reise weiter nach Monteverde. Während der Umsteigezeit in Puntarenas probierte wir zum ersten Mal ein typisches Gericht in einem der Sodas und kamen dabei mit zwei Österreicherinnen ins Gespräch, die wir im Verlauf unserer Tour noch öfter wiedersehen werden.

Der zweite Teil der Fahrt schien sich ins Endlose zu ziehen, während sich der Bus die abenteuerlichen Bergsträßchen hinaufquälte. Je höher wir kamen, desto stärker wurde der Eindruck, wir seien im Allgäu, denn Kühe weideten auf saftigen Hügeln und das Hostel erinnerte an eine Berghütte. Durch ständigen feinen Nieselregen, der auf den ersten Blick Schnee nicht unähnlich war und nicht zuletzt durch die erstaunlich niedrigen Temperaturen stellte sich ein Gefühl der Heimeligkeit ein, wie ich es in der Vorweihnachtszeit vermisst hatte. Dementsprechend dankbar war ich für diese gemütliche Atmosphäre zu Weihnachten. Den Temperaturen angemessen aßen wir eine Nudelsuppe, die wir in einem überraschend großen Supermarkt in Anbetracht der Größenverhältnisse des Orts fanden, wo wir angesichts des reichhaltigen Angebots ganz im Glück waren.

Die Wanderung durch den Nebelwald von Santa Elena am Folgetag war ein Erlebnis der besonderen Art. Die tropfenden überdimensionalen Blätter und mächtigen Baumstämme sorgten für eine Urzeitstimmung, wie ich sie bisher an keinem Ort der Erde erlebt habe. Nur selten begegneten wir anderen Menschen auf unserem Weg durch die schlammigen Waldtiefen, der uns einmalige Blicke auf große Affen und andere kleinere Tiere erlaubte.

Wiederrum eine ganz andere Welt stellte dann das Bummeln durch die kleinen Geschäfte des Orts mit Skihütten-Charme, sobald die Sonne herauskam, dar. Anschließend machten wir es uns in einem schönen Café gemütlich und genossen den Fakt, einfach Zeit zu haben und stundenlang reden zu können. Abends besuchten wir noch die einzige Bar der Umgebung, in der aber im Gegensatz zum folgenden Weihnachtsabend ernüchtern wenig los war.

Nach einem ausgiebigen Weihnachtsfrühstück mit Ei, Toast, viel Obst und Milchshakes sprachen wir mit Familie und Freunden zuhause, schaukelten in den Hängematten und aßen Nachos in einem nahegelegenen Restaurant, wobei wir intensive Gespräche über die Zukunft und das Verständnis von Werten in der modernen Welt führten. Richtig gemütlich wurde es am Abend, als alle im Hostel kochten und wir mit zwei Kanadiern Karten spielten. Einer der beiden, der Künstler ist, legte uns des Weiteren Tarot-Karten, bevor wir mit allen Hostelgästen und auch mit einigen Einheimischen den Weihnachtsabend ausgelassen tanzend verbrachten.

Am nächsten Morgen fuhren wir mit Boot und Kleinbus weiter nach La Fortuna. Noch etwas müde vom Vorabend würdigten wir die Sicht auf den Vulkan leider zu wenig, denn wie sich herausstellte, kommt es selten vor, dass dieser nicht zur Hälfte im Nebel verschwindet. Außerdem hatten wir das Glück zwei Faultiere am Straßenrand zu sehen, bevor wir mit einem Schweizer und einem Kanadier zu den famosen Hot springs gingen und dort über vier Stunden im angenehmen Thermalwasser dümpelten und von Einheimischen in lustige Gespräche verwickelt wurden.

Nach nur einer Nacht dort brachen wir am nächsten Morgen auf zu einer langen Reise nach Tortuguero. Wie lange diese tatsächlich werden würde wussten wir zu diesem Zeitpunkt glücklicherweise noch nicht. Da wir widererwartend über San José fahren mussten, war es uns nicht mehr möglich das letzte Boot in den Nationalparkt zu erreichen, welches bereits um vier Uhr nachmittags gefahren wäre. Ein wenig planlos „strandeten“ wir somit in irgendeiner Kleinstadt ohne Hostels. Am Busbahnhof fragten wir deshalb etwas naiv nach einer Übernachtungsmöglichkeit. Zu unserer großen Freude fand sich ein Hotel, das ohne unseren finanziellen „Backpacker-Ruin“ zu verursachen, den Luxus eines Einzelzimmers bot, den wir auch redlich genossen.

Im Morgengrauen ging es dann weiter nach Tortuguero. Während der Fahrt mit dem Boot sahen wir Krokodile, Faultiere und Echsen und wurden von einem Kuh-Transport überrascht. In dem sehr überschaubaren Dorf angekommen, gönnten wir uns zunächst einen vegetarischen Burrito und stöberten durch die Läden, bevor der Regen einsetzte und wir den Nachmittag Podcast hörend, lesend und Platanos futternd verbrachten.

Besonders lecker war am Folgetag das Frühstück bestehend aus Müsli mit saftiger Ananas und Melone. Trotz des Regens unternahmen wir einen Strandspaziergang im Bikini auf der Suche nach schlüpfenden Schildkröten, die wir allerdings leider nicht zu Gesicht bekamen. Zum Ausgleich machten wir Yoga am Strand und tranken später einen leckeren Kaffee in einem Buddha-Café mit Flussblick. Dort hatten wir Gelegenheit genug den Wert von Freundschaft im Allgemeinen und unserer im Besonderen zu reflektieren und über die ausufernde Mediennutzung heutiger Generationen zu sprechen. Bei guter Musik und dem beruhigenden Geräusch des Regens kochten wir abends eine leckere Gemüsepfanne und kamen nicht umhin zu realisieren, dass all die Dinge, die vor uns liegen, eine enorme Vorfreude in uns hervorrufen und wie dankbar wir für unsere weitreichenden Möglichkeiten sind.

Am nächsten tag fuhren wir weiter nach Cahuita. Während der Fahrt hörte ich einen Podcast über Hannah Arendt, der mich sehr inspiriert und mich ein weiteres Mal in meinen Studienplänen bestärkt hat. Da ein Sturm das Meer sehr aufgewühlt hatte, verweilten wir nicht allzu lange am Strand und genossen stattdessen Bananenmilch und Wraps im stilvoll eingerichteten Hostel. Je weiter die Reise fortgeschritten war, desto ruhiger und entspannter ließen wir es angehen. Wir verbrachten unsere Nachmittage lesend in einem sehr schönen Café, dessen leckeres Brot mein plötzlich einsetzendes und völlig unbegründetes Verlangen nach Brezeln am ehesten befriedigen konnte. Das gemütliche Nichtstun war sehr erholsam-, außer lecker zu kochen, Säfte zu trinken, stundenlang zu quatschen und zu lesen taten wir wenig.

Unser vorletzter Stopp -Puerto Viejo- mit seinen süßen Lädchen, veganen Bars und Surfshops bot Gelegenheit zum Schlendern und Stöbern, bevor wir den Silvesterabend mit den anderen Leuten aus der Unterkunft einstimmten und schließlich auf einer Strandparty wild tanzten, dem Feuerwerk zusahen und jede Menge lustige Bekanntschaften machten. Die folgenden Tage in Puerto Viejo verbrachten wir überwiegend am Strand des türkisblauen Karibikmeers, wo wir wahlweise Surfer beobachteten oder uns im Wasser treiben ließen. Außerdem lernten wir diverse Leute mit den verschiedensten Nationalitäten kennen und probierten Varianten der populären Empanadas und eine Pizza in Gestalt eines Eises.

Unseren letzten Halt legten wir in Uvita ein. Auf der Fahrt dorthin machten wir auf der einen Seite die Erfahrung von einem hinterlistigen Taxifahrer, auf der anderen Seite aber wurden wir inspiriert von der Hilfsbereitschaft und Selbstlosigkeit in Form eines Mannes, der sich unserer annahm, als wir leicht desorientiert und aufgewühlt aus dem Taxi stiegen, dessen Fahrer wir so dringend loswerden wollten. In Uvita überkam uns dann erst recht ein Camping-Flair. Der Strand war nur bei Betreten vor sieben und nach vier Uhr kostenlos, sodass wir nach Joggingrunden oder Yoga-und Fitnesseinheiten am Morgen, den Tag lesend und Musik hörend verbrachten, bevor wird den spektakulären Sonnenuntergang in Pastelltönen auf dem walflossenförmigen Teil des Strandes genossen und zu Abend aufwendigere Gerichte kochten.

Der Abschied in San José nach einer letzten gemeinsamen Übernachtung fiel uns unglaublich schwer. Nachdem ich im Hinblick auf meine Gelassenheit kurz vor Abflug nochmal auf die Probe gestellt wurde, da ich zum falschen Flughafen gebracht wurde und daraufhin im Eiltempo durch die Stadt zum richtigen Abflugort gelangen musste, hatte ich endlich Zeit, die Gedanken und Gefühle sacken zu lassen. Mir ist wirklich klar geworden, wie glücklich ich mich schätzen kann, so eine Freundschaft haben zu dürfen und wie zuversichtlich ich nicht zuletzt dank toller Menschen in meinem Umfeld auf die Zukunft blicke.

Im Flugzeug hörte ich mir dann portugiesische Musik an und diskutierte mit meiner Sitznachbarin über Weltpolitik, sodass in Bezug auf Brasilien so etwas wie Heimatgefühle entstanden sind, vor allem als ich abends bei meiner Gastfamilie erschöpft ins Bett gefallen bin.

Liebe Grüße und bis bald 🙂

O tempo do Advento

Nach der sehr intensiven Zeit auf dem Zwischenseminar bot das doch recht stupide Korrigieren diverser Klausuren Gelegenheit genug, die Eindrücke und Gedanken des Seminars zu verarbeiten. Da ich den Großteil der Schüler eher auf freundschaftlicher Basis kenne, tat es mir für jeden Punkt, den ich ihnen abziehen musste, leid. Aber alles in allem haben sie gut abgeschnitten und haben sich die zweimonatigen Ferien mehr als verdient. Wer allerdings in einem oder mehreren Fächern nicht genug Punkte erreicht hat, muss noch bis Weihnachten zum Nachholunterricht kommen.

Apropos Weihnachten. Die Vorweihnachtszeit hier in Brasilien zu erleben ist wirklich eine besondere Erfahrung. Die Adventszeit, so wie ich sie aus Deutschland gewohnt bin, inklusive Adventskalender und Kranz existiert hier nicht. Ich musste in den meisten Fällen sogar das portugiesische Wort „Advento“ erklären. Eine nette Frau im Fitnessstudio hat neulich völlig zusammenhangslos zu mir gesagt, dass man Länder nicht verglichen kann und soll, dass jedes Land und dessen Traditionen auf ihre Art besonders und schön sind. Daran muss ich immer wieder denken, wenn ich den Weihnachtschor bei Sonnenschein oder die dekorierten Palmen sehe, die irgendwie surreal und fehl am Platz wirken; zumindest aus der deutschen „Weihnachtsbrille“ betrachtet.

Trotz allem wollte ich nicht auf einen Adventskranz verzichten und bin auf der Suche nach geeigneten Materialien durch die Nachbarschaft gestreift. Ein Palmwedel und ein riesiges Blatt haben meine Aufmerksamkeit geweckt. Den Passanten muss ich wohl ein lustiges Bild geboten haben, als ich mit Flipflops hüpfend und mit Hilfe meines Schlüssels ein Stück des Palmwedels abtrennte. Auch der Portier schaute mich fragend an, als ich vollbepackt zurückkam. Dank weiterer Backaktionen und zweier Adventskalender aus Deutschland kam aber trotz allem Weihnachtsstimmung bei mir auf. Ein großes Dankeschön an dieser Stelle für die kreativen Beiträge zum Video-Adventskalender von Familie, Freunden und Nachbarn. Ihr habt mich jeden Morgen zum Lachen gebracht 🙂

Eine Neuinterpretation des traditionellen Adventskranzes – auf brasilianische Art 🙂

Für eine Freundin, auf deren Geburtstag ich eingeladen war, habe ich des Weiteren einen Adventskalender aus Keksen und inspirierenden Sprüchen gebastelt, um diese schöne Tradition mit ihr zu teilen. Der Geburtstag war ohne Zweifel eine schöne Erfahrung. Auf der Dachterrasse, von der sich ein spektakulärer Blick auf die Stadt bot, machten wir es uns mit leckeren Snacks, Gitarre und Kartenspielen gemütlich. Ich hatte zunächst ein wenig Sorge, dass ich die Regeln der diversen Spiele nicht gleich verstehe, weil inzwischen so gut wie niemand mehr besondere Rücksicht nimmt oder mich anders behandelt, was die Sprache angeht. Letztlich waren die Sorgen völlig unbegründet und unter einem prachtvollen Sternenhimmel haben wir noch lange über Politik diskutiert und gesungen, was mich sehr an die Lagerfeuerabende in meinem Heimatdorf erinnerte.

In der folgenden Woche hatte ich in der Schule nur sehr wenig zu tun, da ohnehin selten Unterricht stattfand oder Prüfungen abgenommen wurden. Ich nutzte die freie Zeit, um viele Podcasts zu hören, Briefe in meinem Lieblingscafé zu schreiben und weitere Museen zu besuchen. Die Diversität der Ausstellungsinhalte im „Memorial Minas“ hat mich sehr fasziniert. Geschichten revoltierender Sklaven, eine Mediathek mit Filmen zu allerlei Themen von Literatur bis indigener Kultur, literarische Konzepte großer Schriftsteller des Bundesstaates und eine eindrückliche und zum Nachdenken anregende Fotogalerie Sebastiao Salgados wurden auf dem zweiten und dritten Stock von der Geschichte der Stadt, Höhlenmalerei, der Darstellung der sich aus europäischen, afrikanischen und indigenen Völkern zusammensetzenden Gesellschaft von Minas und zahlreichen weiteren Kunstwerken ergänzt. Insgesamt habe ich auf zwei Besuche verteilt über acht Stunden dort verbracht und habe längst nicht alles gesehen.

Ein anderes Mal war ich in einer neuen Ausstellung im „Espaco do Conhecimento UFMG“ zum Thema „Mundos Indígenas“. Die Geschichten und Botschaften der fünf ausstellenden Völker(Yanomami, Ye`kwana, Xakriabá, Maxakali und Pataxoop) waren sehr direkt und gingen hart ins Gericht mit der weißen, der kapitalistischen Lebensweise, die ihre, letztlich unser aller Lebensgrundlage zerstöre.

  • Heutzutage hat der Mensch das Gefühl verloren, die Natur als Verbündeten zu haben.  Wir kämpfen, um ihr zu trotzen. Wir kämpfen, um Wasser, um Wald zu haben.
  • Die Menschheit muss wieder lernen, sich um ihr Umfeld zu kümmern.
  • Diese Erde ist unsere Mutter, ist der Ort, an dem wir geboren sind. Die Erde darf nicht zerstört werden!  

Eine interessante Erfahrung war vor Kurzem auch die „formatura“ der Schüler des 9. Schuljahres, also die Abschlussfeier des „Ensino Fundamental“. Es wurde viel gesungen und musiziert. Des Weiteren haben zwei Schüler eine wirklich beeindruckende Rede gehalten. Entgegen meiner Erwartung erhielten die Schüler aber kein Abschlusszeugnis oder Ähnliches, stattdessen kam mir der Abend eher wie ein Gottesdienst vor, was aber natürlich auch damit zusammenhängt, dass das CSA eine katholische Schule ist.

Letztes Wochenende war ich ein letztes Mal mit meiner Gastfamilie in Buenópolis. Nach zwei Besuchen war ich mir sicher, schon alles Sehenswertes der Kleinstadt zu kennen. Doch ich wurde eines besseren belehrt, als ich noch ganz neue Ecken entdeckte. Neben dem ältesten Haus der Stadt, das ganz idyllisch zwischen Mangobäumen weit außerhalb des Stadtkerns liegt, lernte ich noch zwei schöne Hotels kennen uns musste mich unweigerlich mit der vorherrschenden Armut in den peripheren Gegenden der Umgebung auseinandersetzen. Ich kann und will nicht müde werden, meine Privilegien kritisch und reflektierend wahrzunehmen. Privilegien, die es mir erst erlauben zu reflektieren, die komplexen Rückkopplungen unserer globalisierten Welt wirklich spüren zu können.

Anders als bei den ersten beiden Besuchen verbrachten meine Gastschwester und ich viel Zeit mit deren achtjährigen Cousine. Wir spielten u.a. das Spiel des Lebens, wobei ich als Bank meine Sprachfertigkeiten bezüglich großer Zahlen unter Beweis stellen musste. Beim Versteckfangen fühlte mich in alte Zeiten im Sommer auf dem Dorf zurückversetzt. Auch im Restaurant vergnügten wir uns mit Tischkickern und den riesigen Kröten(„sapos“), die dank des Regens, der endlich eingesetzt hat, überall herumhüpfen und die ich fälschlicherweise als „sapatos“, also Schuhe bezeichnete, was für viel Gelächter sorgte.

Am nächsten Tag haben wir ein letztes Mal das Anwesen von Luís besucht. Es fühlte sich an wie ein richtiger Urlaubstag, denn wir verbrachten die Zeit hauptsächlich schwimmend und Karten spielend. Zwischendurch aßen wir saftige Früchte direkt vom Baum. Wenn ich ehrlich bin ist allerdings das ganze Jahr hier Erholung pur. Zwar sind die Eindrücke und Gefühle, die damit einhergehen, oft sehr intensiv, aber es tut so gut, scheinbar unendlich viel Zeit zu haben, solange irgendwo zu verweilen, wie es mir gefällt.

Abends haben wir noch einen Freund meines Gastvaters auf dessen Anwesen besucht, das über einen wunderschönen See verfügt und auf dem zwischen Pflanzen mit Früchten in Größe eines Fußballs Katzenbabys herumtollen. Besonders schmeichelnd fand ich, dass der Freund dachte ich sei lediglich eine Brasilianerin mit deutschen Wurzeln und nicht wirklich aus Deutschland. Bevor wir in einem neu eröffneten Fazenda-Restaurant den Abend bei Live-Musik ausklingen ließen, hatten wir noch viel Spaß mit dem Schwein von Luís, das nicht mehr loszuwerden war, sodass ich notgedrungen mit ihm die Dusche teilen musste. Beim Abendessen unterhielten wir uns angeregt und ließen die letzten drei Monate Revue passieren. Mir kommt es inzwischen wie eine halbe Ewigkeit vor, dass ich mich von meiner Familie in Frankfurt verabschiedet habe und ins Ungewisse aufgebrochen bin.

Am letzten Sonntag bin ich zu meiner neuen Gastfamilie umgezogen, die glücklicherweise nur zwei Querstraßen entfernt wohnt, sodass die Umgebung für mich die selbe bleibt. Direkt freudig empfangen wurde ich von ihrem kleinen wuscheligen Hund, der das Zusammenleben hier sehr lebendig macht.

Nachdem ich mich häuslich eingerichtet hatte saßen wir noch lange bei Pao de Queijo und Wein zusammen und hatten Gelegenheit uns gegenseitig kennenzulernen und über Politik zu diskutieren. Wie schon in der ersten Familie fühlte ich mich von Anfang an wohl und willkommen.

Mit meiner Gastschwester und auch mit ihren Freunden, die viel Zeit mit uns verbringen, hatte ich schon viel Spaß und tolle Gespräche. Wir haben zusammen Plätzchen gebacken, ihre Großeltern besucht, gemalt und ein Rock-Konzert mit brasilianischer Musik im Palácio das Artes besucht.  Außerdem hatte ich am Mittwoch einen Workshop in der Schule zu Thema Weihnachtsgeschenke. Es war sehr gemütlich, mit Musik und viel Gelächter den Nachmittag bastelnd zu verbringen.

Des Weiteren war ich abends zusammen mit ein paar Freunden in einer wirklich coolen Bar, in der alle Brettspiele, die man sich vorstellen kann, in einem sich über zwei Stockwerke erstreckenden Regal zu Verfügung stehen. Wir vergnügten uns mit ganz verschiedenen Spielen von Logik bis Wissensquiz, bei dem ich zu meiner Freude nicht verloren habe, obwohl alle Fragen auf Portugiesisch waren. Ebenfalls war ich mit ein paar Mädels am Folgetag in einigen Bars im „Mercado Novo“, einem sehr hippen und alternativen Ort in einer alten Lagerhalle. Zahlreiche nachhaltige Geschäfte, Vintage-Stores und coole Bars, in jeweils ganz verschiedenen Stilrichtungen sorgen für eine tolle Atmosphäre. Ich habe dank der Mädels dort leckere neue Getränke kennengelernt und wurde zu allen kommenden angesagten Events der Stadt eingeladen. Es war ein wunderbarer Abend mit Gesprächen über Politik und Moral bis zu persönlichen Geschichten. Ich freue mich auf jeden Fall schon sehr auf alle kommenden Ereignisse mit ihnen.

Mit Mateus, Pedro und Santi

Die Bilder vom Mercado Novo sind nicht von mir, sondern aus dem Internet. Aber da mich dieser Ort total begeistert hat, werde ich bestimmt noch oft dorthin gehen und eigene Bilder machen:)

Dank all dieser netten Leute fühle ich mich inzwischen wirklich wohl und angekommen in Brasilien. Gleichzeitig lerne ich aber durch die Distanz den Wert langjähriger Freundschaften besonders zu schätzen, sodass ich mich schon unglaublich auf das Wiedersehen mit Marle in Costa Rica und natürlich unsere Reise durch das Land freue, die mit Sicherheit abenteuerlich und unvergesslich wird.

Liebe Grüße und eine schöne Weihnachtszeit!

 

 

Já dois meses…

Nun bin ich schon zwei Monate hier, ganz weit weg von zuhause, die Zeit ist wie im Fluge vergangen. Inzwischen habe ich so etwas wie einen Alltag entwickelt. Und trotzdem, es gibt keinen Tag, an dem nichts Neues passiert, an dem ich nicht völlig neue Erfahrungen mache, sodass ich das Land jedes Mal aus einem anderen Blickwinkel betrachten kann und immer neue Aspekte, neue Mosaikstücke dazukommen, die sich langsam zusammenfügen.

Vorletzten Montag habe ich beispielsweise eine Ausstellung von Paul Klee im Centro Cultural Banco do Brasil  besucht, die allein schon durch die deutschen Bildtitel und Videos im Kontrast zu den Museen stand, die ich bisher angeschaut habe. Auch in dieser Ausstellung war der Eintritt frei und ich habe den ganzen Nachmittag in Texten vertieft und Bilder bewundernd dort verbracht. Vielleicht haben auch die deutschen Worte, die ein Gefühl von Heimat in der Ferne hervorgerufen haben, dazu beigetragen, dass ich so begeistert von der Ausstellung war. Vor allem aber die philosophischen Interpretationsansätze zu den Werken ganz verschiedener Stilrichtungen haben mich fasziniert. Eines, das einen Seiltänzer darstellt und diesen mit der Fragilität des Lebens assoziiert, hat mich in seinen Bann gezogen. Aber auch die Bilder, in denen Klee die Nazi-Diktatur zu verarbeiten versuchte, ebenso wie ein toll gestaltetes Video, welches die verschiedenen Mal-und Zeichentechniken erklärte, haben mir sehr gefallen. Nachdem ich noch die Zitate Klees auf wellenförmigen Skulpturen im prachtvollen Innenhof auf mich wirken gelassen hatte, verließ ich das Museum inspiriert und beflügelt.

Das A2-Training, das ich in der vorletzten Woche nicht nur als Prüfungsvorbereitung für die älteren Schüler, sondern auch als Übung für die mündlichen Klausuren der Klassen 8 und 9 angeboten habe, ist inzwischen zur Routine geworden. Mit den älteren Schülern habe ich in Zweiter-Teams die Prüfung simuliert und Ausdrücke geübt, die bei Prüfern beliebt sind. Die jüngeren Schüler sollten entweder Fragen zu ihrer Person beantworten beziehungsweise einem Mitschüler stellen oder etwas über ihr Leben erzählen. Einige Schüler hatten große Probleme damit, frei zu sprechen, denn mit nur zwei Wochenstunden haben Sprachen im brasilianischen Lehrplan leider keine Priorität. Ich habe mir deshalb die Zeit genommen, zu jeder möglichen Frage, die in der Prüfung oder Klassenarbeit vorkommen könnte, einfache Sätze zu formulieren und den Schülern auf diese Weise hilfreiche Phrasen an die Hand zu geben.

Mit einer Freundin war ich neulich im Kino. Wir haben den Film „Joker“ angeschaut, der grob zusammengefasst von einem psychisch Kranken und der Kritik an der Klassengesellschaft handelt. Während ich so im Kinosessel saß musste ich unweigerlich daran denken, wie ausgeprägt die gesellschaftlichen Unterschiede in Brasilien sind und, dass auch ich Teil derer bin, diese weiter verstärke wenn ich in der Shoppingmall im noblen Kino bin, während draußen so viele Menschen kein Dach über dem Kopf haben.

Mit meiner Portugiesisch-Lehrerin habe ich mich vorletzte Woche das erste Mal zum Englischunterricht getroffen. Bei Sonnenschein saßen wir gemütlich in einem Café am Praca da Liberdade und haben zunächst über uns und unser Leben geredet, bevor wir uns den Texten zur „ambiguity of belonging“ zuwandten. Es war eine lustige Erfahrung die Sprache zu wechseln und das Gespräch auf Englisch zu führen, verstärkte aber das tolle Gefühl von gelebter Mehrsprachigkeit, das ich hier schon öfter erleben durfte.

Das Thema der Identität und der Ambiguität ist vor allem im 21. Jahrhundert hochaktuell, betrifft jeden von uns. Deshalb war es besonders spannend vom Uni-Leben, oberflächlichen Freundschaften und Familienzusammenhalt in der brasilianischen Leistungsgesellschaft zu hören. Das Jahr in Belo Horizonte wird jedenfalls ein weiteres Puzzlestück meiner Identität bilden und mir neue „coping strategies“, neues Selbstvertrauen und Gelassenheit schenken. Zum Glück treffen wir uns auch in Zukunft wöchentlich zum Lernen, denn der Sprachkurs an der UFMG endete letzte Woche. Mit einem persönlichen Abschiedstext verabschiedete die Lehrerin die anderen Teilnehmer und mich. Auch wenn der Kurs meiner Meinung nach ein wenig zu leicht war, werde ich besonders die multikulturelle und lustige Gruppe vermissen.

Für meine Weihnachtsprojekte habe ich vor kurzem Plätzchen gebacken. Die Zutaten dafür zu bekommen gestaltete sich schwieriger als erwartet. So bin ich zwischen den Supermarktregalen umhergestreift und fand letztendlich Puderzucker, der ganz anders als der mir bekannte aussah und leider keine gemahlenen Haselnüsse. Laut meiner Gastmutter gibt es einen Laden, der allerlei Nüsse gemahlen verkauft. Beim nächsten Backen werde ich dort auf jeden Fall vorbeischauen, denn das Zerkleinern der Nüsse hat meinen Gastvater und mich ganz schön eingespannt. Beim Backen kam aber trotz aller Schwierigkeiten Weihnachtsstimmung auf und das Endergebnis war nicht schlechter als in Deutschland.

Ebenfalls für die Projekte habe ich Weihnachtskarten in verschiedensten Ausführungen und kleine Geschenkboxen als Demonstrationsobjekte vorbereitet. Des Weiteren habe ich ein Winter-und Weihnachtsquiz beziehungsweise Activity-Spiel erstellt. Beim Basteln der Spielkarten, des Spielfeldes und des Würfels kam ich wie immer beim Selbermachen total zur Ruhe, die Arbeiten erinnerten mich sehr ans Geschenke basteln in der Vorweihnachtszeit. Obwohl ich erst am Freitag vor Beginn der Projekte erfuhr, dass ich diese nun machen sollte, empfand ich keinerlei Stress, sondern genoss nicht zuletzt dank der hier gewonnenen Gelassenheit die Vorbereitungen.

Spielfeld, Karten und Winter-und Weihnachtsvokabeln

In der folgenden Woche führte ich dann zwei der Projekte mit den Klassen 6 und 7 beziehungsweise 9 und 10 durch. Das Activity-Spiel war nicht nur für die Schüler eine willkommene Abwechslung, auch ich hatte viel Spaß und konnte weitere wertvolle Erfahrungen sammeln. Ich war den Großteil der Zeit alleine mit den Klassen, habe sie zunächst in Gruppen eingeteilt, das Spiel erklärt und dann mit ihnen über die lustigen Pantomime-Darstellungen, Zeichnungen und rudimentären Erklärungen der Winter-und Weihnachtsvokabeln gelacht. Das Team, das die meisten Worte der Vokabelliste richtig erkannt hat, bekam Plätzchen. Zu meiner Freude haben viele Schüler nach dem Rezept gefragt und sich in die Workshop-Listen fürs Plätzchenbacken und Weihnachtsgeschenke basteln in Dezember, also in ihrer Ferienzeit, eingetragen.

Aber auch das Basteln mit den jüngeren Schülern war wirklich toll. Zunächst erklärte ich auf Portugiesisch- da ihre Deutschkenntnisse dafür noch nicht ausreichen- was sie machen sollen, wies darauf hin Papier zu sparen und verteilte die Materialien, von denen ich selbst auch viele mitgebracht hatte. Bei Weihnachtsmusik im Hintergrund half ich beim Geschenkboxen- und Kartenbasteln, in deren Herstellung auch die Jungs ganz vertieft waren. Die Kleinen sind wirklich sehr süß, kamen nicht selten zu mir und umarmten mich, lobten mein Portugiesisch und sagten Dinge wie: „Du bist toll!“ oder: „Können das alle in Deutschland so gut?“. Die Kunstwerke der Schüler sind klasse geworden, ich denke die Familien können sich in diesem Jahr auf besondere Geschenke freuen. Auf das geplante wöchentliche Kreativprojekt im nächsten Jahr blicke ich schon mit Vorfreude.

Auch außerhalb des Deutschunterrichts habe ich an der Schule zu tun. Mehrere Lehrer anderer Fächer haben mich zu sich in den Unterricht eingeladen und mit einem Geographielehrer, der auch an der Uni arbeitet, traf ich mich bereits zweimal, um ihm bei einem Projekt über den Geographieunterricht in Deutschland und den Einfluss deutscher Geographen zu unterstützen. Bei diesen Gesprächen merkte ich, wie toll es ist, über komplexe Themen und Unterrichtsinhalte in einer neuen Sprache sprechen zu können. In den kommenden Wochen werden wir des Weiteren mit meiner Geographielehrerin aus Heidelberg per Videoanruf tiefer in die Materie einsteigen und Einheiten über Geographie in Deutschland für den Deutschunterricht hier planen. Im kommenden Jahr werde ich diesen Lehrer auch auf Ausflüge in periphere Gegenden im Sinne der Begegnung verschiedener Lebensrealitäten begleiten.

Im Fitnessstudio hier, das ich nur besuche, weil es dort ein Schwimmbad und tolle Kurse gibt, fallen mir nicht selten minimale kulturelle Feinheiten auf. Beispielsweise wenn ich mit rotem Kopf aus dem 30°C warmen Wasser des Sportbeckens herauskomme. Weiterhin arbeite ich an meinen Kopfstandfertigkeiten und Tanzschritten oder jogge die nicht zu enden scheinenden bergigen Straßen hinauf. Die Aussicht von oben gleicht die Anstrengungen aber mehr als aus.

Was mich sehr überrascht hat ist, dass, abgesehen von einem kleinen Feuerwerk, von der Freilassung des Ex-Präsidenten Lula aus dem Gefängnis im Alltag so gar nichts zu spüren ist. Das Thema Politik, das die Gesellschaft, sogar Familien in Lager spaltet, wird meiner Erfahrung nach leider selten erwähnt, lieber ignoriert. Viel präsenter sind stattdessen weitere Feste in der Nachbarschaft. Sonntags mehrere Stunden Samba-Musik in voller Lautstärke zu hören, ist für mich keine Seltenheit mehr.

Ansonsten war ich erneut mit einigen Jungs des CSA zu Mittag essen und weiterer Treffen sind bereits geplant. Bei leckerem Essen quatschen wir meist über Musik, Universitäten, Sprichwörter und kulturelle Unterschiede. Wenn einer der Jungs Texte von Materia oder anderen deutschen Sängern fehlerfrei vorsingt, haben wir alle etwas zu Staunen und Lachen. Da sie alle ein Studium in Deutschland anstreben hoffe ich, dass der Kontakt zwischen uns auch nach dem Jahr aufrecht erhalten werden kann.

Die vegane kulinarische Szene Belo Horizontes habe ich dank einer Alumna, die Biologie studiert und am CSA beim Unterricht hilft, kennengelernt. Nachdem wir noch zwei andere Mädels abgeholt hatten, bot sich uns bei der Fahrt ein spektakulärer Blick auf die Stadt bei Nacht und einen rotschimmernden Vollmond. Die wirklich enorm steilen Straßen der Stadt stellen für Fahranfänger eine richtige Herausforderung dar und wären meiner Meinung nach besser zum Schlitten-; als zum Autofahren geeignet. Bei netten Gesprächen über die Uni, meine Arbeit, Sprachen, Schulfreundschaften und Partys probierten wir uns durch die köstlichen veganen Pizzasorten, die uns wie am Fließband von einem sehr lustigen Kellner serviert wurden. Es war ein wahrer Kampf mit dem Essen aufhören zu dürfen und die süßen Pizzasorten abzulehnen.

Nach meiner letzten Sprachkursstunde, die eine Prüfung beinhaltete, traf ich mich am Folgetag erneut an der UFMG mit dem Mädchen. Ich hatte ein stereotypisch schlechtes Gewissen als ich bemerkte, dass die Prüfung 20 Minuten später endete, als geplant. Am Treffpunkt angekommen merkte ich aber nicht zum ersten Mal, dass ich mir diesbezüglich wenig Gedanken zu machen brauche, eine weitere Lektion in Sachen Gelassenheit.

Die Mädels zeigten mir ihre Biologie-Fakultät, deren Anblick mich innerlich zum Schmunzeln brachte. Ein Hippiemarkt im Innenhof, Farbtöpfe für Wandgemälde von Tieren, Vegan-Sticker und allerlei Pflanzensorten zierten die Szene von kartenspielenden und rauchenden Studenten, die mich allesamt freundlich empfingen. Wir blieben aber nur kurz, da die Arbeit in der Schule wartete. Die Rückfahrt zum CSA in einer Fahrgemeinschaft war eine unglaublich bereichernde Erfahrung. Wie sich herausstellte lernten außer der Alumna noch zwei der anderen drei Mitfahrenden Deutsch. Als ich ihnen nach einigen Worten, die sie auf Deutsch austauschten mitteilte, dass ich aus Deutschland komme, war das Erstaunen groß. Danach hatten wir allerdings viel Spaß daran, über die Uni, die Freiwilligenarbeit, deutsches Bier und brasilianische Getränke sowie verschiedene Sprachen zu plaudern. Als wir ausstiegen meinte das Mädchen zu mir, dass sie diese Fahrgemeinschaften liebt weil man immer mit netten Leuten ins Gespräch komme. Ich für meinen Teil konnte ihr nur grinsend beipflichten. Für mich war es nicht zuletzt schön zu sehen, wie in so einem Mikrokosmos gesellschaftliches Zusammenleben in großem Stil möglich ist.

Vergangenes Wochenende bin ich mit meiner Gastfamilie erneut nach Buenópolis gefahren. Der zweite Besuch war nicht weniger beeindruckend und ereignisreich als beim ersten Mal. Nach unserer Ankunft besuchten wir zunächst das Anwesen von Luís. Begrüßt wurde ich dieses Mal vom Schwein Presidente, das mir schnüffelnd hinterherlief und schließlich eingesperrt werden musste, weil es zu anhänglich war.

Die frei herumlaufenden Gänse, Hühner, Schildkröten und anderen Tiere, ebenso wie die prachtvollen Pflanzen genoss ich wie beim letzten Besuch. Den Nachmittag verbrachten wir schwimmend und Mango futternd. Die Enkelin von Luís war auch da. Mit ihr spielte ich ein wenig, bevor wir durch die Straßen spazierten und schließlich im bereits bekannten Restaurant zu Abend aßen.

Am nächsten Morgen folgten meine Gasteltern und ich zunächst den Eisenbahnschienen und wurden von zwei wild lebenden Pferden auf unserem Weg begleitet.

Im Anschluss fuhren wir auf die Fazenda. Dank des Regens am Vortag war der Weg durch die Serra  glücklicherweise wenig staubig. Dort angekommen bewunderten wir erst die Kürbisplantagen und aßen erneut einige Mangos, bevor wir die Pferde sattelten und uns auf den Weg zum Wasserfall machten. Der Ritt dauerte gut zwei Stunden und führte uns durch die weitläufige Serra mit ihren riesigen Weiden voller grasender Kühe und Pferde, die Berge im Hintergrund. Während ich meinen Blick nur ungern von der Landschaft losreißen konnte quatschte ich mit der Freundin von Luís Carlos, dem Sohn von Luís, über ihr Modegeschäft und verschiedene Reisen. Je länger wir so im Westernstil dahinritten, desto fester saß ich wortwörtlich aber auch sprichwörtlich im Sattel. In der Sprache und der brasilianischen Kultur fühle ich mich immer sicherer und gewinne tagtäglich Selbstvertrauen.

In Curimataí angekommen fühlte ich mich wie in einer Wild West Szene. Laut meinem Gastvater sei das dort „o fim do mundo quente“. Über 400 Pferde und Reiter versammelten sich in dem kleinen Ort zum alljährlichen Pferdetreffen und während wir in einem rustikalen Restaurant ein für die Region typisches Mittagessen bestehend aus feijao, arroz, ovo, batata rústica und chuchu aßen, stolzierte die Pferdeparade draußen vorbei.

Im Anschluss liefen meine Gasteltern und ich zu dem nahegelegene Wasserfall. Wir badeten in dem erfrischend kalten Wasser und genossen das gleichwohl warme Wasser direkt auf den Steinen und den spektakulären Ausblick.

Nachdem wir geduscht hatten sind wir auf eine Art Dorffest zu Ehren der neuen Kapelle gegangen. Dabei wurden wir ziemlich eingeräuchert, denn nebenan wurden gerade die Reste des Zuckerrohrs der Cachaca-Herstellung verbrannt. Zu Abend aßen wir natürlich erneut in dem einen guten Restaurant der Stadt. Maniok und ein Gespräch über den Winter in Deutschland und den Unterschied zwischen Studenten in Deutschland, die im Gegensatz zu den brasilianischen nur in seltenen Fällen noch zu Hause wohnen, rundeten den Tag ab.

Am nächsten Morgen statteten wir uns noch mit ausreichend Mangos, Gemüse und Eiern aus, bevor wir uns auf den Rückweg machten, auf dem meine Gasteltern mir noch wertvolle Tipps und Ideen für weitere Reiseziele in der Nähe gaben.

Zuhause hatte ich nur Zeit meine Sachen umzupacken und zu duschen, bevor ich mich auch schon auf den Weg nach Sao Paulo zum Zwischenseminar machte. Gegen halb elf abends fuhr ich mit dem Taxi zum Busbahnhof, wo ich nach einem kurzen Zeigen des Tickets in Form eines Kassenzettels zum Abfahrtssteig durfte. Dort realisierte ich, dass um diese Uhrzeit Busse im Viertelstunden-Takt nach Sao Paulo fahren. Nachdem ich meinen Bus gefunden und mein Gepäck verladen hatte stieg ich nach den Grußworten: „Pass gut auf dich auf!“ des Fahrers in den Bus ein. Die Sitze, die der portugiesischen Bezeichnung „poltrona“, also Sessel, absolut gerecht werden, haben für eine angenehme Fahrt gesorgt. Flixbus und co. sollten sich von diesem Comfort meiner Meinung nach eine Scheibe abschneiden. Der Bus legte zwei Stopps an eigens dafür gebauten Halteplätzen für unzählige Fernbusse ein. Dort gab es leckeres Essen, Snacks, Souvenirs und saubere Toiletten. Während der Fahrt hat sich die Vegetation des Weiteren sehr verändert. Der eisenhaltige Boden aus Minas hat einem feuchteren Klima und zum Teil alpenähnlichen Wiesen- und Waldlandschaften Platz gemacht.

Während der Fahrt von Belo Horizonte nach Sao Paulo

In Sao Paulo angekommen hatte ich wenig Zeit mich am großen Busbahnhof Tietê zurechtzufinden. Gerade noch rechtzeitig gelang es mir beim richtigen Anbieter ein Ticket zu kaufen und den Flughafenshuttle zu finden. Am Flughafen traf ich dann alle anderen Freiwilligen aus Brasilien, Uruguay und Bolivien. Nach weiteren 1 1/2 Stunden Fahrt, während der wir erste Erfahrungswerte austauschten, kamen wir in unserer Unterkunft „busca vida“ an, einem absoluten Naturparadies mit einem alternativen, scheinbar wild zusammengewürfelten aber unglaublich liebevoll ausgewählten Mobiliar. Die ganze Zeit über hatte ich das Gefühl in einem großen Kunstwerk zu wohnen und entdeckte ständig neue Details und gemütliche Ecken.

Die Besitzer, ein junges Pärchen mit ihrem Sohn Gamma und weiteren Familienmitgliedern, haben allesamt eine unglaublich liebevolle und energiegeladene Ausstrahlung. Wir waren ihre erste richtige Gruppe. Sie sprachen davon, wie wichtig es ihnen sei diesen Ort, in den sie sich so verliebt hätten, mit anderen Menschen zu teilen, die Naturverbundenheit und Ruhe zu verbreiten. Nachdem wir unsere Zimmer bezogen hatten, die vollständig aus Naturmaterialien gebaut sind und das Gefühl vermitteln in und mit der Natur zu leben, trafen wir uns zum Begrüßungskreis. Vom Vorbereitungsseminar kannten wir Freiwilligen aus Brasilien bereits die Methoden unseres Trainers. Die Energizer aus dem Theater der Unterdrückten, ebenso wie das minutenlange in-die-Augen-Schauen mit noch fremden Personen trugen aber wie schon beim letzten Mal zu einer schöner Begegnung zwischen Menschen auf Augenhöhe bei und ließ mich erneut realisieren, dass eben dieses sich Zeit nehmen und intentionslose Anschauen und Sehen eines Menschen im Alltagstrott verloren geht.

Das Essen dort war ein wahrer Luxus. Alle Gerichte waren vegan oder vegetarisch, mit Liebe zubereitet und wirklich lecker, sodass wir alle nicht umhin kamen uns ständig auf die nächste Mahlzeit zu freuen. Das Bananenbrot, vegane Aufstriche, verschiedene Kuchen, veganes Brot, traditionelle Gerichte wie Tapioca mit Guacamole und Kichererbsenmus, feijao oder leckere Gemüsequiche- und Bratlinge werden wir sehr vermissen.

Wie auch schon auf dem Vorbereitungsseminar schätze ich die harmonische Atmosphäre, die Zeit zum Reflektieren und den wirklich erstaunlichen Effekt der Abgeschiedenheit, der zu einem Mikrokosmos der Offenheit und Vertrautheit beitrug. Dieses Gefühl ermöglichte beispielsweise ein dreistündiges, sehr intensives Gespräch mit einem mir vorher unbekannten Mädchen, eingekuschelt in einer Hängematte. Auch das amigo/a-secreto/a-Spiel sorgte für ein liebevolles Miteinander mit kleinen Zetteln, netten Botschaften und Gesten. Gleichzeitig bildete das Mörder-Spiel, bei dem man der entsprechenden Person einen Gegenstand in die Hand geben muss wenn man alleine, beziehungsweise nur von bereits Toten umgeben ist, einen lustigen Kontrast.

Im wunderbar kreativ eingerichteten Theater hatten wir Raum für tolle Gespräche, kritische Diskussionen über Kulturweit und unsere Privilegien, ebenso wie die Möglichkeit zum Austausch mit Leuten, die sich in einer vergleichbaren Situation befinden.

Die Natur um uns lud zum Joggen, Yoga zwischen Papageien und tropischen Pflanzen oder Schwimmen im See ein. Der Respekt und achtsame Umgang mit unserer Umgebung war auch im Hinblick auf giftige Spinnen, Schlangen im Bad oder auf dem Weg oder Skorpione im Feuerholz wichtig. Das anfänglich mulmige Gefühl legte sich allerdings schnell und wich einem stets bewussten Blick für unser Umfeld.

Am Mittwoch machten wir einen Ausflug anlässlich des „dia da consciência negra“ in die nahegelegene Kleinstadt Braganca Paulista. Dort erwartete uns ein lebendiger Festplatz, der neben Capoeira-Vorstellungen und leckerem Essen auch Zumba und musikalische Beiträge zu bieten hatte. Nachdem ich mit ein paar Mädels über den lokalen Wochenmarkt geschlendert bin und wir riesige Maracujas oder Zuckerrohrsaft probiert hatten, unterhielten wir uns mit Einheimischen. Erneut zum Nachdenken und kritischen Hinterfragen angeregt hat uns die Begrüßung und Ankündigung unseres Besuches im großen Stil auf diesem Fest, das doch eigentlich Raum zum Publikmachen der Probleme Schwarzer in der brasilianischen Gesellschaft bieten sollte. Einerseits sind Begegnungen und Allianzbildungen zwischen Schwarzen und Weißen im Hinblick auf eine Änderung des Staus quo unerlässlich, andererseits fühlten wir Freiwillige uns nicht wohl damit, im Mittelpunkt des Bewusstseinstages zu stehen.

Der Vortrag über Rassismus in Brasilien, der beispielsweise aufzeigte, dass unter 4705 Universitätslehrern an der Universidade de Sao Paulo gerade mal vier schwarze Lehrer sind, gefolgt von einem Musik-und Tanzworkshop afro-brasilianischer Kultur waren ganz besondere Erfahrungen. Nach anfänglicher Schüchternheit gaben wir uns mit der Zeit immer mehr den neuen Klängen und Bewegungen hin und ich für meinen Teil hatte unglaublich viel Spaß beim Ausprobieren der Schritte, die unter anderem der Jagd mit Pfeil und Bogen nachempfunden waren.

Verschwitzt aber aufgelockert vom Tanzen wanderten wir im Anschluss in Flipflops einen Hügel hinauf. Die atemberaubende Aussicht über die Seenplatte und die Berge im Hintergrund lohnte sich aber absolut. Ein alter Käfer im Baum und ein spektakulärer Fels von dem wir im Chor Anti-Bolsonaro-Parolen riefen, werde ich so schnell nicht vergessen.

Am Lagerfeuer abends wichtelten wir und tauschten Zuneigung aus, die wir alle deutlich spürbar vermissen. Sich liebevoll zu knuddeln und in den Arm zu nehmen tat unglaublich gut und ist auch wieder auf diese Atmosphäre des sicheren und harmonischen Mikrokosmos zurückzuführen.

Am nächsten Tag hatten wir zunächst Zeit Projektideen auszutauschen und auszuarbeiten, bevor wir einem Referenten der Schwarzen-Bewegung Sao Paulos bei seinem Vortrag über die Entstehung und Geschichte des Rassismus in Brasilien lauschten. Die anschließende Diskussion über die derzeitige politische Situation, über Privilegien und Diskriminierung war ebenso aufschlussreich. Laut Referent sei es enorm wichtig, dass sich Menschen zunächst ihres Schwarzseins bewusst werden, dieses akzeptieren, um zusammenzuarbeiten und auch mit Weißen Allianzen zu bilden, die an der Macht sind. Der Grund für die unzulängliche gegenseitige Hilfe unter Schwarzen liege vor allem darin, dass sie sich untereinander nicht in die Augen sehen weil sie im Gegenüber ihr Spiegelbild sähen, dass sie aus Selbsthass nicht als Schwarz akzeptieren wollen. An dieser Stelle sind die Begegnung auf Augenhöhe und der gegenseitige Respekt von höchster Wichtigkeit.

Nach einem leckeren Abendessen wurden wir von einer Theatersequenz über indigene Leiden in der brasilianischen Gesellschaft überrascht. Die Schauspielerin stellte Fragmente aus ihren 30 Jahren Erfahrung im Gesundheitswesen dar. Die Fragmente thematisierten das Zerstören und Niederbrennen indigener Dörfer, das Wegnehmen ihrer Kinder, Kämpfe um Land, das von großen Firmen im Namen des Profits weggenommen wird, AIDS, Flucht und Tod auf dem Arbeitsweg. Im metaphorischen Fluss wusch sie das Blut des Genozids, der verseuchten Kleider, die nach wie vor Realität seien, aus. Ihre Verkleidung, ebenso wie ihr mitgebrachtes Wägelchen erinnerten an ein Leben auf der Straße, an Prostitution aber auch an die Kraft der Elemente. Die anschließende Musik einer einheimischen Band, ebenso wie die neuen Tanzschritte, die wir von ihnen lernten, sorgten dafür, dass das schwer im Magen liegende Thema vom Theaterstück auf lebendige Weise verarbeitet werden konnte. Wir gaben uns an diesem Abend voll der Musik hin und bestaunten die elefengleichen Bewegungen der Besitzerin des Seminarorts mit einem Hula-Hoop-Reifen.

Auf diesem Seminar realisierte ich wie dankbar ich für meine Situation sein sollte. Ich kann mich über keinerlei ernsthafte Probleme beklagen, was die Einsatzstelle, die Wohnsituation, die Sprache oder die politische Lage angeht. Wie gut ich die Sprach inzwischen beherrsche merkte ich zuletzt beim Übersetzten des Theaterstücks für die anderen. Während sich einige Freiwillige schwertun einheimische Gleichaltrige kennenzulernen oder wenn die Einsatzstelle ihnen entweder zu viel abverlangt oder sie sich wenig sinnvoll vorkommen, bin ich umso glücklicher über die Menschen in meinem Umfeld in Belo Horizonte.

Am letzten Tag pflanzten wir jeweils zu zweit Araukarien in Erinnerung an unserer Zeit am Seminarort. Die Trennung von den anderen Freiwilligen nach dieser intensiven Zeit war surreal und hart. Nachdem wir den Mädels aus Bolivien und Uruguay noch Acaí gezeigt hatten verabschiedete ich mich von den liebgewonnen Menschen, die meine Lage nachvollziehen können wie es keine Freunde oder Familienmitglieder in Deutschland vermögen. Das Zwischenseminar bot Raum für Erholung und Reflexion und sorgte dank der Atmosphäre von Vertrautheit für neue Inspiration und Motivation.

Liebe Grüße!

 

 

 

 

 

 

 

 

A vida cultural

„Parabéns! Glückwunsch, wenn dich ein Deutscher zu sich nach Hause einlädt!“, berichtete ein Schüler neulich während eines Gesprächs über kulturelle Unterschiede beim Mittagessen, über seine Erfahrungen in Deutschland. Er reagierte damit auf meine Verwunderung darüber, dass mich eine junge Frau aus dem Fitnessstudio, die ich gerade mal zehn Minuten kannte, in ihr Restaurant eingeladen hat. Sie hatte mich beim Tanzen angesprochen und nachdem wir in den kurzen Pausen zwischen den Liedern Gelegenheit hatten, uns ein wenig kennenzulernen, hat sie mich mit den Worten: „Depois, vamos marcar um dia !“ verabschiedet. Auf dem Nachhauseweg fuhr sie mit heruntergelassener Scheibe an mir vorbei und rief mir winkend „Oi, Leah!“ zu.

Diese Offenheit und Gastfreundschaft ist mir zu diesem Zeitpunkt nicht zum ersten Mal begegnet, gleichwohl dauerte es seine Zeit, bis ich mich an die Umarmungen, Einladungen und zwanglosen Gespräche gewöhnte.

Vor Kurzem kam ich auf der Rückfahrt von der Universität im Bus mit einer Frau ins Gespräch, als wir uns beide stöhnend über die Hitze und den Stau beklagten. Eine gute halbe Stunde später, als sie ausstieg, hatten wir ein tolles Gespräch über Bildungsungleichheit, Rassismus und Freiwilligenarbeit geführt.

Beim Stöbern in einem der vielen Läden mit nachhaltiger Mode sprach mich die Verkäuferin  auf meine Herkunft an. Wie sich herausstellte, arbeitet ihr Mann in einer deutschen Firma und würde gerne Deutsch lernen. Dies resultierte im gegenseitigen Austausch der Kontaktdaten und einer netten Unterhaltung.

Begegnungen wie diese, sei es in Cafés, Läden oder beim Sport, zaubern mir jedes Mal ein Lächeln aufs Gesicht und regen mich zum Nachdenken darüber an, dass diese Art des gegenseitigen Umgangs unglaublich wertvoll ist, dass diese Art der aufgeschlossenen und ehrlich interessierten Begegnung die Essenz des Zwischenmenschlichen Kontakts, gar gesellschaftlicher Werte im Allgemeinen ausmacht.

Sonnenuntergang – ein kurzes Vergnügen in Regionen mit Äquatornähe

Um nochmal auf die kulturellen Unterschiede zurückzukommen, möchte ich an dieser Stelle von einem interessanten Erlebnis am letzten Sonntagabend erzählen. Gegen 18 Uhr war wie aus dem Nichts enorm laute Musik zu hören, die wie sich herausstellte, von einer Überraschungsparty auf der Straße stammte. Aus dem Fenster konnten wir ein Auto mit Blinklichtern und Stereoanlage im Kofferraum, umgeben von einer Menschenmenge, die einem Mann mit Mikrofon lauschte, beobachten. Es ist nicht übertrieben wenn ich sage, dass man die Musik und die Rede noch drei Häuserblocks weiter gut hätte hören können. Meine Gasteltern meinten dazu nur kopfschüttelnd, dass viele Brasilianer wenig Rücksicht nähmen, wenn es um den eigene Spaß ginge und, dass diese Art der Geburtstagsüberraschung doch längst „fora da moda“ sei.

Ich konnte über diese Situation eigentlich nur lachen, vor allem wenn ich daran dachte, wie schnell in meinem Heimatdorf eine Beschwerde wegen Lärmschutz eingereicht geworden wäre. Nach einer halben Stunde waren wohl alle Anwohner erleichtert, endlich wieder ihre Ruhe zu haben, nicht zuletzt da die Musik alles andere als geschmackvoll war.

Mit einer Gruppe besonders interessierter Deutschschüler habe ich mich inzwischen mehrmals getroffen und würde sie nun eher als Freunde bezeichnen. Mit einem Mädchen war ich in einem Freizeitpark im Stadtviertel Pampulha, das neben viel Grün auch über einen großen See, umgeben von vielerlei Gebäuden mit kultureller Bedeutung verfügt.

Kirche, See und Fußballstadion im Stadtviertel Pampulha

Auch wenn die Boxautos, die Achterbahn oder Schiffschaukel eher für kleinere Kinder gedacht sind, besuchen viele ältere Jugendliche den Park und auch wir hatten unseren Spaß. Zwischendurch unterhielten wir uns über unsere Schulen, Klassenfahrten und Freunde und ich probierte das in Brasilien sehr bekannte Getränk „Guaraná“.

Vor ein paar Tagen war ich dann bei dieser Freundin zu Besuch. Während wir Tee tranken und Pao de queijo aßen, führten wir unser Gespräch über die Unterschiede der Schulsysteme, Bücher und kulturelle Gegebenheiten fort. Zu meiner großen Freude kann ich mich inzwischen mit meinen brasilianischen Freunden ganz normal auf Portugiesisch unterhalten. Zusammen haben wir auch einen Bananenkuchen gebacken, bei dessen Herstellung ich feststellen musste, dass brasilianische Rezepte für gewöhnlich keine Gramm- oder Milliliter-Angaben beinhalten, sondern stattdessen Mengenangaben in Tassen oder Löffeln angeben. Wir mussten deshalb ein wenig improvisieren, als wir das deutsche Rezept in Tassen-Einheiten umwandelten. Der Kuchen ist uns glücklicherweise trotzdem gelungen und beim gemeinsamen Pizzaessen mit der ganzen Familie kam ich erneut in den Genuss der Selbstverständlichkeit der Gastfreundschaft. Ein Verwandter der Familie ist Schwede. Da mir mein Ruf als Schweden-Liebhaberin vorauseilt, wurde ich sogleich für den Tag, an dem dieser zu Besuch kommt, eingeladen.

Auf dem Nachhauseweg – im Auto – lernte ich des Weiteren nicht zum ersten Mal die Sicherheitslage und die Freiheiten in Deutschland zu schätzen. Nach Einbruch der Dunkelheit, also gegen halb sieben, sollte ich laut Einheimischen, wenn es nicht unbedingt sein muss, nicht alleine durch die Straßen laufen, die tagsüber aber total sicher und unbedenklich sind.

Das Privileg auf der „richtigen Seite des Wechselkurses“ zu stehen bekomme ich vor allem in den Kilo-Restaurants zu spüren. Mit ein paar deutschlernenden Freunden und auch ein paar anderen Jungen des CSA war ich vorgestern zusammen essen. Wir hatten viel Spaß, probierten uns an Zungenbrechern in verschiedenen Sprachen, redeten über Politik und ich musste feststellen, dass einer der Jungs mehr deutsche Lieder kennt als ich. Trotz meines vollen Tellers kostete mich das Essen umgerechnet gerade einmal zwei Euro, was für mich natürlich toll ist. Wenn ich allerdings daran denke, dass mein Ansprechpartner am CSA mir erzählt hat, dass er aufgrund des schwachen Real nicht mit seiner Familie nach Deutschland fliegen kann und dass viele Produkte für alle Brasilianer spürbar teurer werden, dann wird mir die Ambivalenz meiner Situation und Position wieder einmal deutlich.

Mit einer anderen Freundin war ich letzte Woche auf einem großen Flohmarkt, der wöchentlichen „feira hippie“, der in einer der vielen am Sonntag für Autos gesperrten Straßen stattfindet. Wir schlenderten durch die nicht zu enden scheinenden Gässchen aus Ständen, die Schuhe, Schmuck, Kleidung, Essen und Kunstgegenstände anbieten.

Bummeln bei schönstem Wetter

Zwischendurch lauschten wir der Straßenmusik mit traditionellen Instrumenten und bestaunten tanzende Menschengruppen, die ihren Sonntag gutgelaunt genossen. Im angrenzenden Parque Municipal hörten wir noch einem Samba-Konzert zu und redeten über unsere Zukunftsträume.

Auf dem Weg zurück, bestückt mit einer Kette mit bunten Perlen, die für mich das lockere und unbeschwert scheinende Lebensgefühl Brasiliens symbolisiert, dachte ich schmunzelnd an die vielen Samba tanzenden Menschen in den Straßen zurück. Dieses Lebensgefühl spiegelt sich in meinen Augen auch in der Fähigkeit wider, trotz schwieriger Lebensrealitäten das Bunte ins Leben hereinzulassen. Der Weg zur Uni führt mich beispielsweise an ärmeren Vierteln mit schwerwiegenden sozio-politischen Problemen vorbei. Bäume, verziert mit Girlanden aus Plastikdeckeln oder Graffiti-Kunstwerke an den Wänden von Müllsammelstellen, die an den Umweltschutz appellieren, sind keine Seltenheit im Stadtbild.

Besonders gefallen haben mir die zahlreichen Parks Belo Horizontes. Neben dem Praca da Liberdade und dem Parque Municipal, die abgesehen von Spielgelegenheiten nicht selten kostenlose Kulturveranstaltungen zu bieten haben, hat es mir vor allem der Parque das Mangabeiras angetan.

Der an die Berge angrenzender Park bietet auf der einen Seite einen tollen Blick auf die Stadt, auf der anderen Seite erstreckt sich eine tolle Bergkulisse. Der Park ist vom Zentrum nur wenige Minuten entfernt, dank des Grüns, des Wassers, der Tiere, der Picknick-, Spiel- und Sportgelegenheiten kam ich mir aber ganz weit weg von der Stadt vor.

Als meine Gastmutter und ich den Park besucht haben, wurden wir von einem Sturm überrascht, sodass wir zwischen Böen aus rotem Sand zum Auto zurück sprinten mussten. Der Regen, der nun endlich eingesetzt hat und jeden Tag pünktlich um 16 Uhr beginnt, sorgt zum Glück dafür, dass das Stadtbild zunehmend grüner und der rote Sand durch Gras ersetzt wird.

Besonders interessant war auch der Besuch des Museums „Minas e Metal“. Die meisten Museen sind kostenlos, sodass diese stets gut besucht sind. Der Bundesstaat Minas Gerais ist bekannt für sein Reichtum an Bodenschätzen. Diese alle vereint in ihrer wortwörtlich funkelnden Pracht zu sehen, war wirklich beeindruckend. Die Ausstellung ist meiner Meinung nach außerdem sehr liebevoll gestaltet. Es gibt viel zum Anfassen und Ausprobieren und ein abwechslungsreicher Medieneinsatz sorgt für das Ansprechen aller Altersklassen.

Auch das Kultur-Kino, das vorrangig einheimische Dokumentarfilme oder Werke unbekannterer Regisseure und Produzenten zeigt, hat mir sehr gefallen. Ansonsten habe ich mein Herz an Acaí verloren. Mit „granola“ und Banane als Topping schmeckt die Smoothie-Creme einfach lecker 🙂

Aber auch viele andere einheimische Gerichte haben es mir angetan. In meinem Bullet Journal habe ich deshalb schon einige Seiten den brasilianischen Gerichten gewidmet. Trotzdem vermisse ich in der kommenden Vorweihnachtszeit ein wenig die Plätzchen-Kultur. Die gemütliche Weihnachtsstimmung in der Wärme hier will sich noch nicht so richtig einstellen. Aber ich bin gespannt darauf, wie hier Weihnachten gefeiert wird. Außerdem werde ich trotz der Hitze mit den Schülern backen und Weihnachtskarten basteln. Für mich ist das Wichtigste in der Weihnachtszeit das Zusammensein mit Menschen, die mir wichtig sind. Inzwischen habe ich hier auch einige solcher Menschen kennengelernt und ich freue mich schon besonders auf das Wiedersehen mit einer meiner besten Freundinnen aus Deutschland in Costa Rica, wo wir zusammen das Fest verbringen und natürlich das Land erkunden werden.

Eine Toleranzprobe der besonderen Art war für mich das Mitgliedertreffen des „Movimento dos Focolares“, zudem mich meine Gastmutter eingeladen hatte. Im Voraus habe ich mir die Zeitschrift der Bewegung durchgelesen. Viele spannende Artikel aus der ganzen Welt über Klimaschutzmaßnahmen und soziale Projekte hatten mein Interesse geweckt und ich war außerdem einfach neugierig darauf, so ein Treffen einmal mitzuerleben. Die Menschen dort waren unglaublich nett, haben viel mit mir gesprochen und sogar vorgeschlagen, dass ich ihre Kinder, die in meinem Alter seien, kennenlerne. Ich sollte mich dann auf Portugiesisch vor allen im Versammlungsraum vorstellen und wurde daraufhin von mehreren süßen alten Frauen umarmt. Danach hat ein junges Mädchen von einem sozialen Projekt erzählt, das Jugendliche auf der ganzen Welt involviert. Es wurde gesungen und die monatlichen Ziele vom Schutz der Menschenrechte und der Empathie hervorgehoben. Ich hatte während der gesamten Versammlung sehr ambivalente Gefühle. Einerseits haben mir die Projekte und Aktionen der Gruppe wirklich gefallen. Andererseits konnte ich mich mit der tiefreligiösen Motivation für ihr Handeln nicht identifizieren.

In Kleingruppen erörterten wir die Frage, wie die Mitglieder das „palavra da vida“ des Monats hinsichtlich der Weihnachtsbotschaft mittels Dekoration in die Praxis umsetzten können. Eine Frau berichtete dabei von einem Ereignis im Bus, als sie einem Studenten, der kein Geld mehr auf seiner Bus-Karte mehr hatte, half. Eine andere Frau erzählte von ihrer Freiwilligenarbeit mit Behinderten. Beide sprachen davon, dass der Heilige Geist ihnen in diesen Momenten nahe war und sie zum guten Handeln motivierte. Bei diesen Worten habe ich mich ein wenig unwohl gefühlt, habe mir aber auch in Erinnerung gerufen, dass Toleranz genau hier greift. Denn die Gruppe nutz ihren Glauben für Dinge, die einen Mehrwert für die Gesellschaft haben, genauso wie unzählige kirchliche Vereine und Organisationen einen wichtigen Beitrag zum gesellschaftlichen Zusammenleben leisten. Lediglich die Motivation für das Handeln unterscheidet mich als säkular orientierten Menschen von den Mitgliedern. Viele christliche Werte finden sich ja auch im weltlichen Moralkodex wieder, trotzdem werde ich nicht nochmal zu den Treffen mitgehen, denn das Gefühl irgendwie fehl am Platz zu sein, ließ mich nicht los.

Weiterhin möchte ich von einem tollen Ereignis am CSA berichten. Vorletzten Freitag fand das vom Goethe-Institut entwickelte Spiel mit dem Namen „Autobahn“ statt.

Am Donnerstag bekam das Helferteam aus älteren Deutsch-Schülern, Lehrern und mir das Spiel erklärt und wir bauten die verschiedene Stationen, die nach deutschen Städten benannt sind, auf. Ziel des Spiels ist neben Spaß vor allem der Kontakt mit der deutschen Sprache und Kultur. Abgesehen von den vierzehn Städte-Stationen gibt es die Polizei-Station, die die Reisepässe an die Spieler verteilt und die Punkte zusammenzählt, beziehungsweise die „abgefahrenen“ Distanzen ermittelt, um am Ende ein Gewinner-Team küren zu können.

Am Freitag haben wir das Spiel dann zwei Mal mit den Fünftklässlern, die jeweils am Morgen oder am Nachmittag Unterricht haben durchgeführt. Zunächst wurden auch ihnen die Spielregeln erklärt, bevor ich ihnen die Pässe und ein Schlüsselbund mit Hilfsmitteln ausgeteilte und ihnen ihre Anfangsstation mitgeteilt wurde.

An den verschiedene Stationen warteten interaktive Aufgaben auf die Schüler, die Teamgeist erfordern. In Stuttgart mussten die Gruppen beispielsweise mit verbundenen Augen ein ferngesteuertes Auto durch einen Parcours bewegen, in Hamburg mit Hilfe unzähliger Fanartikel ein Bild deutscher Fußballfans inszenieren und in Bremen sollten sie mit einem Walki Talki nach Deutschland telefonieren.

Ich für meinen Teil saß in der Polizei-Station und nahm die „Telefonate“ entgegen. Das hat für viele Lacher bei meinen Schülern und mir gesorgt. Eine der Fragen an mich war: „Wie heißt du?“. Die Schüler sollten die Fragen eigentlich auf Deutsch stellen, fragten aber meist trotzdem auf Portugiesisch und erwarteten wohl auch eine Antwort auf Portugiesisch. Ich antwortete allerdings auf Deutsch: „Ich heiße Sara.“, was bei ihnen für Verwirrung sorgte, sodass ich nicht selten zehnmal hintereinander den Satz wiederholen musste. Meine Freunde aus der Polizei-Station begrüßen mich jetzt immer mit den Worten „Na, wie geht’s Sara?“. Wenn die Schüler die fünf Stationen „abgefahren“ hatten, mussten sie den Pass gegen einen neuen austauschen und stets darauf achten, dass sie gemäß der Deutschlandkarte die größtmögliche Distanz zwischen den Städten wählen.

Die Schüler hatten große Freude am Spiel und bei der Siegerehrung, die auch das Öffnen eines Tresors beinhaltete, waren alle ganz gebannt. Das Spiel bietet meiner Meinung nach eine tolle Abwechslung zum normalen Schulalltag und ein – vielleicht zu – positives Deutschlandbild.

Dank eines Ausflugs mit einer Lehrerin zur Polícia Federal bin ich nun offiziell in Brasilien registriert und erhalte eine Art Personalausweis für Ausländer. Während wir auf meinen Termin warteten unterhielten wir uns über die Unterschiede zwischen dem Abitur und dem brasilianischen ENEM. Wie sich für mich herausstellte, kann ich mehr als froh sein in Deutschland meinen Abschluss gemacht zu haben, denn das brasilianische Pendant zum Abi besteht aus 180 Multiple-Choice-Fragen aus allen Fächern und lediglich einer Schreib-Aufgabe. Bei dieser Art der Prüfung hätte ich ganz bestimmt schlechter als in Deutschland abgeschnitten, für andere Schüler ist dieses Modell aber sicherlich gut. Ich freue mich jedenfalls, das Abitur in der Tasche zu haben, bald Philosophie und Politikwissenschaften zu studieren und in der Zwischenzeit Brasilien entspannt genießen zu können.

Liebe Grüße!

 

Buenopolis e a vida social

Mit den Worten: „Jetzt wirst du das ursprünglichere Brasilien, eine andere Seite des Landes kennenlernen!“, fuhren wir vergangenen Freitag mit vollbepacktem Auto in Richtung Norden.

Da Ferienanfang war, standen wir zunächst in Stau. Davon habe ich aber wenig mitbekommen, denn dank des gemütlichen Roadtrip-Feelings habe ich den Großteil der Fahrt zwischen Kissen und Decken geschlafen. Nur an den Maut-Stellen der privatisierten Straßenabschnitte bin ich hin und wieder aufgewacht.

Nach sechs Stunden Fahrt sind wir gegen zwei Uhr morgens beim Haus der Eltern meines Gastvaters angekommen und sind alle hundemüde in die dicht an dicht stehenden Betten gefallen.

Eine erholsame Nacht war es aber leider nicht. Ab fünf Uhr waren die erste Feuerwerke zur Feier der Schutzpatronin Brasiliens „Nossa Senhora Aparecida“ zu hören und um sechs Uhr hieß es für uns auch schon aufstehen, um an der Taufe der Cousine meiner Gastschwester teilhaben zu können. Diese fand keine 200 Meter entfernt vom Haus in der blau-weißen Dorfkirche statt. (Ich sollte wohl anmerken, dass die Bezeichnung in brasilianischen Größenordnungen zu verstehen ist, immerhin hat Buenopolis grob 10.000 Einwohner).

Die Straße, in der sich sowohl das Haus der Eltern, als auch die Kirche befindet.

Obwohl ich selbst nicht sehr religiös bin, war diese Erfahrung äußerst interessant. Meiner Meinung nach war die Atmosphäre in der Kirche sehr schön. Der Live-Gesang, das gegenseitige Umarmen nach dem Gebet und nicht zuletzt die Freudentränen der Familien, deren Kinder getauft wurden, haben dazu beigetragen. Dass die katholische Kirche in vielen Teilen Brasiliens einen starken Einfluss hat, manifestiert sich in meinen Augen neben den vielen ministrierenden Kindern vor allem im alltäglichen Sprachgebrauch. „Nossa“ oder „Nossa Senhora“ bedeutet  beispielsweise so viel wie „Wow!“, „Toll!“, „Enorm!“, „Wie schön!“, „Krass!“ oder „Oha!“ und lässt sich in fast jedem Gespräch wiederfinden.

Nach der Kirche sind wir zum Frühstück ein paar Straßen weiter in das Haus des Schwagers meines Gastvaters gefahren. Leckere Pao de queijo, frischer Saft und andere Leckereien waren schon vorbereitet. Im Hof des Hauses wurden wir von zwei kleinen Welpen empfangen, die freudig an uns hochsprangen. Ich habe mich dort sehr wohlgefühlt. Dank der Gastfreundschaft war es auch überhaupt nicht unangenehm mit eigentlich fremden Personen in deren Haus zu frühstücken. Im Gegenteil, fühlte ich mich stets willkommen und fast als Teil der Familie.

Im Anschluss an das Frühstück sind wir auf das Anwesen, die „Fazenda“ des Schwagers gefahren. Dort habe ich einmal mehr daran denken müssen, wie glücklich ich mich schätzen kann, das hier erleben zu dürfen und wie dankbar ich für meine Situation bin.

Einfahrt der Fazenda – eine wahre Prachtallee aus tropischen Pflanzen!

Auf der Fazenda erwartete uns ein wahres Paradies, erbaut und gepflanzt allein von einer Person, dem Schwager Luis. Das Gelände ist riesig. Neben einem Wochenendhaus und einer überdachten Terrasse befindet sich in der Mitte ein großer Badesee, in dem früher sogar mal Piranhas gelebt haben, die aber ungefährlich gewesen sind. Unter gigantischen Mangobäumen befindet sich ein großes Gehege mit bunten Kanarienvögeln, Papageien und Schildkröten. Ein paar prachtvolle Pfauen stolzierten dazwischen umher.

Weiter unten auf dem Gelände leben Hühner, Truthähne und Gänse zwischen einer unbeschreiblichen Vielfalt an Farnen, Obstbäumen und Blüten. Stauend bin ich durch die Pflanzenpracht geschlendert, habe mir alles von meinem Gastvater erklären lassen und mich wortwörtlich durchgefuttert. Angefangen bei Acerola, über Jabuticaba, süße Maracuja, Mandarinen, Orangen, Ananas und Mango, bis zu Pitanga (Surinamkirsche), Amora (maulbeerähnliche Frucht) und schließlich Avocado und Bohnen war alles dabei, was man sich wünschen könnte.

Auch im Gemüsegarten lernte ich zahlreiche neue Sorten kennen, darunter Chuchu (Chayote) und Maxixe (Antillengurke), die ich bei einem reichhaltigen Mittagessen serviert bekam, während alle anderen Grillfleisch aßen. „Churrasco“ ist eben sehr beliebt bei den Brasilianern. Am nächsten Tag aßen alle aber im Gegensatz dazu vegetarisch. „Feijao“, also Bohnen, Reis, Ei und verschiedene Gemüsegerichte wurden von einem gigantischen Salat begleitet.

Am Nachmittag habe ich außerdem die Pflanzenzucht von Luis bewundert, die von Orchideen über Farne, bis zu Nutzpflanzen alles zu bieten hat. Des Weiteren habe ich für meinen Portugiesisch-Test gelernt, dabei die traumhafte Aussicht genossen und war schließlich zusammen mit meiner Gastschwester im See baden. Über uns glitten bunte Vögel dahin, hinter uns zeigte ein Pfau seine ganze Pracht und wir redeten über die Unterschiede zwischen dem brasilianischen und deutschen Schulsystem. Zwischendurch hat uns noch einer der Hunde Gesellschaft geleistet.

Für mich war es unbeschreiblich toll, dort zwischen all den Pflanzen und Tieren sein zu können. Ich glaube ich habe es bis jetzt nicht ganz realisiert, habe noch nicht alle Eindrücke verarbeiten können.

 

Zu Abend haben wir in einem sehr stillvoll eingerichteten Vintage-Restaurant gegessen. Laut meiner Gastfamilie sei dies aber auch das einzig gute Restaurant in Buenopolis. Das erinnert mich ein wenig an die Zentralbar in der Kleinstadt Nürtingen in meiner Heimat, in der man stets gute Chancen hat, Bekannte aus allen umliegenden Dörfern zu treffen.

Am nächsten Morgen habe ich nach einem leckeren Frühstück mit frischgepressten Acerolasaft und Biscoitos de queijo zunächst in der noch angenehmen Morgensonne weiter gelernt.

Süße Maracuja sind selbst in den großen Städten Brasiliens selten zu finden.

 

Traumhafter Ausblick beim Lernen

Nach dem Mittagessen, an dessen Vorbereitung sich alle mit Schnippel-Arbeit beteiligt haben, bin ich mit meinem Gastvater und dem Sohn des Schwagers auf dessen Farm gefahren. Zunächst tauschten wir unser Auto gegen den Jeep des Schwagers ein, denn der Weg zur Farm führt zum Großteil über ungeteerte Straßen. Die Fahrt dauerte gut eine Stunde. Wir durchquerten eine enorm trockene Landschaft auf eisenhaltigem Boden, der jetzt am Ende der Trockenzeit ziemlich staubte. Der Ausblick über die „serra“, die sich tausende Kilometer weit erstreckt, war allerdings einmalig und ich bin einmal mehr fasziniert von den Anpassungsmechanismen der Natur an solch unwirtliche Bedingungen.

Auf der Farm angekommen, bekam ich zunächst ein Hemd und einen Hut, bevor wir über das Gelände spazierten, das nicht zu enden schien. An dieser Stelle möchte ich anmerken, dass laut Fazendeiro diese Farm eher klein sei. Die Größenverhältnisse Brasiliens sind mit nichts zu vergleichen, was ich bisher aus Europa kannte. Wir stapften über ausgetrocknete Wiesen, prüften Dämme aus gestapelten Bäumen, die die Erde bei Eintreten der Regenzeit vor dem Wegschwämmen schützen sollen, beäugten die Setzlinge, die nur mittels einer Tröpfchenbewässerungsanlage am Leben gehalten werden und kletterten über Zäune. Unterwegs konnte ich eine Grille dreifacher Größe im Vergleich zu europäischen Grillen und bunt schillernde Papageien in Mangobäumen beobachten.

Während der Fazendeiro weiter seine Setzlinge in der prallen Sonne prüfte, die ihm wenig auszumachen schien, ruhten mein Gastvater und ich uns im Schatten der Bäume aus. Wir aßen Mangos mit den Händen direkt vom Baum und pflückten dattelartige Gewächse, um unseren Durst zu stillen. Im Anschluss daran streichelte ich die Pferde und schaute mir die Kühe indischer Herkunft an, die an dieses Klima gewöhnt sind und nach der Allenschen Klimaregel über sehr große Ohren verfügen, die sie irgendwie drollig aussehen lassen.

Dann durfte ich sogar auf einem der Pferde reiten. Mit meinem Hut und dem Westernsattel kam ich mir ein bisschen wie ein Cowgril in einem (schlechten) Westernfilm vor, während ich mit meinem Gastvater durch die Kuhherden trabte. Ich lernte, dass die Pferde hier besonders angenehm zu reiten sind, da man ähnlich wie bei Islandpferden ein volles Wasserglas halten könnte, ohne es zu verschütten. Das war in Anbetracht der früheren Handelswege in diesem Land der großen Distanzen wirklich nützlich. Wie wir so einhändig mit wehendem Haar durch die „serra“ ritten, musste ich zunehmend schmunzeln. Was für einzigartige Erfahrungen ich hier machen darf und wie toll das Gefühl war, so frei von allem Stress, verbunden mit der Natur, die Augenblicke zu genießen.

Blick aus dem Tal auf die bergige Landschaft (serra)

Danach spazierten wir nochmal über das Gelände, um die Zeit bis zur Rückfahrt zu überbrücken. Auf Portugiesisch erörterten wir die Probleme der Bauern in Brasilien und Deutschland und genossen den Ausblick auf die golden schimmernde Landschaft. Dass es sich lohnt, seine Umgebung aufmerksam zu studierten, offenbarte sich mir in Form eines Tukans keine zehn Meter neben mir und der Duschschwamm-Pflanze, die in Mangobäumen wächst.

Bevor wir wieder zurück gefahren sind, habe ich den spektakulären Sonnenuntergang in rosa-rot-Farben, ebenso wie den aufgehenden Vollmond über den Bergen bewundert, während ich weiter mit den Pferden kuschelte und Kälbchen den Hügel hinauftrotteten.

Diese Bilder sind vom Sonnenuntergang am Vortag im Tal, da ich auf der Farm keinen Fotoapparat dabei hatte.

Zu Abend aßen wir im selben Restaurant wie am Vortag. Diesmal habe ich aber „mandioca com manteiga“ probiert und mitten im Gespräch realisiert, dass ich so langsam wirklich in der Sprache ankomme, von Erlebnissen berichten und mich an Konversationen mit mehr als nur ein paar Worten beteiligen kann. Beim lautstarken Konzert der Grillen und Vögel am Abend kuschelten wir uns in die Betten und ich hatte Zeit, die Eindrücke und Bilder des Tages Revue passieren zu lassen.

Am nächsten Morgen machten wir uns auf den Rückweg. Aber nicht bevor wir uns mit frischem Gemüse aus dem Garten ausgestattet und uns von der Familie in ihrem Laden „casa do fazendeiro“ verabschiedet hatten. In besagtem Laden sollten wir dann auch noch Bilder mit Hut und vor Pferdestatuen oder Lederschuhen machen, um die Reise abzurunden.

Kein Kommentar 🙂

Auf dem Rückweg legten wir allerdings noch einen Stopp in einem Restaurant ein, in dem gigantische Bullenköpfe an der Wand und ein Buffet über dem offenen Feuer die Wild-West-Seite von Minas Gerais präsentierten. Im Anschluss besichtigten wir noch eine Höhle, in der ich seit Wochen das erste Mal wieder so etwas wie Kälte empfunden habe. Die sieben Säle mit erhabenen Stalagmit-, und Stalaktit-Formationen haben alle Teilnehmer der Führung beeindruckt und die schimmernden Wände boten ein tolles Ende des Ausflugs.

Meine Gastschwester hatte mich nach dem Tag auf der Farm mit den Worten „A Leah gosta das aventuras!“begrüßt. Als ich „Sim, foi otimo!“ antwortete, musste ich daran dennken, dass nicht nur dieser Tag, sondern jeder einzelne Tag hier in Brasilien ein Abenteuer mit viele Einsichten, zu revidierenden Meinungen und tollen Erfahrungen ist.

In meiner Freizeit habe ich inzwischen auch sehr tolle Leute in meinem Alter kennengelernt. Neulich habe ich mich beispielsweise mit ehemaligen Schülern des CSA in einer veganen Bar getroffen. Entgegen meiner Erwartung kannte ich niemanden in der Gruppe. Da mich ein Diego zu dem Treffen eingeladen hatte, rechnete ich mit dem mir bereits bekannten PASCH-Alumnus, den ich in Sao Paulo kennengelernt hatte. Als ich diesem schrieb, wo er denn sei, musste ich feststellen, dass es wohl noch einen anderen Diego in der Gruppe geben muss. Dass ich niemanden kannte war aber überhaupt nicht schlimm. Wir teilten uns ein Bier (chope), redeten auf Portugiesisch und Deutsch, als ob wir uns schon lange kennen würden und probierten die vegane Version der brasilianischen Spezialität „coxinha“, einer tropfenförmigen Hähnchenkrokette. Wir sprachen über die Uni, Produkte zur Plastikvermeidung und die politische Situation im Land. Die „Fora Bolsonaro“-Sticker und der Secondhand-Shop in der Bar untermauerten unsere Ansichten. Auf dem Heimweg habe ich mir mit einem der Jungen ein Uber geteilt. Er erzählte mir von seinem Traum, in Deutschland zu studieren und ich berichtete im Gegenzug von meiner Arbeit als Freiwillige.

An diesem Abend habe ich für mich erneut feststellen können, wie einfach es ist, nette Leute kennenzulernen, wenn ich mich nur auf die neue Situation einlasse und nicht so viel nachdenke. Dass Sprache ein Türöffner sein kann habe ich einmal mehr beim gestrigen Mittagessen mit der Tochter einer Lehrerin des CSA festgestellt. Ihre Mutter hatte den Kontakt hergestellt und nach einem kurzen Gespräch auf Whatsapp verabredeten wir uns in der UFMG. Wir redeten über Interessen, die Probleme der Uni und unser Leben im Allgemeinen, genauso wie all die anderen Studenten um uns herum. Das war eine schöne Erfahrung für mich. Zuvor hatte ich mit zwei Teilnehmern des Portugiesisch-Kurses jeweils auf Spanisch und Portugiesisch beziehungsweise auf Englisch über ihre Herkunft und Geschichte gesprochen. So verschiedene Lebensrealitäten- der eine aus Venezuela geflüchtet, der andere aus Kalifornien, der Liebe wegen in Brasilien- und trotzdem so ähnliche Gespräche mit offenen, sehr netten Menschen, haben mir gut gefallen. Menschen auf Augenhöhe zu begegnen und sich gegenseitig zuzuhören erscheint mir heute wichtiger denn je, wenn es im Weltgeschehen an Respekt und Toleranz mangelt. Wenn ich mit so verschiedene Menschen in Kontakt komme und die Mehrsprachigkeit lebe, realisiere ich zunehmend was es bedeutet, ein Bürger der Welt zu sein.

In ein paar Tagen treffe ich mich des Weiteren zum ersten Mak mit einer Schülergruppe aus besonders interessierten Deutschlernenden. Wir haben diese Treffen völlig unabhängig von der Schule organisiert. Da wir uns alle gut verstehen wollen wir auf diese Weise in alltäglichen Situationen der Freizeit Deutsch beziehungsweise Portugiesisch sprechen und einfach Spaß zusammen haben. Wir planen Film- oder Spieleabende, wir möchten zusammen kochen und backen oder Bars besuchen. Netterweise werden mir die Schüler auch ihre Stadt zeigen. Wir fangen mit dem Stadtviertel Pampulha an…

Liebe Grüße!

 

 

Greve geral, Ouro Preto e muito mais

„Identität definiert sich eher über Konflikte und Dilemmata als über Übereinstimmungen“. Dieses Zitat von Harari aus seinem Buch 21 Lektionen für das 21. Jahrhundert passt meiner Meinung nach sehr gut zu den Erlebnissen der letzten Tage.

Anlässlich der geplanten Privatisierung öffentlicher Bildungseinrichtungen, sowie der Kürzung von Geldern im Sozialbereich, hat am 3. und 4. Oktober ein „greve geral“, ein Gerneralstreik an der UFMG stattgefunden.

Aufruf zum Streik

Bevor ich mir ein Bild von den Ergeignissen rund um den Streik machen konnte, war es mir wichtig, mich mit den Argumenten der Gegenseite, der Bolsonaro-Befürworter auseinanderzusetzten. In einer vernetzten Welt, in der globale Probleme globale Antworten verlangen (nach Harari, S.156), erachte ich es als sinnvoll, sich mit den Sorgen, Meinungen und Zukunftsvorstellungen anderer politischer Lager zu befassen, selbst wenn die eigene Meinung zu bestimmten Sachverhalten klar umrissen ist. Gerade dann ist es nötig, den anderen Meinungen zunächst mit Toleranz und Respekt zu begegnen, um einen Diskurs überhaupt erst zu ermöglichen.

Für mich war es eine interessante Erfahrung, mir die Position der Befürworter der Privatisierungen anzuhören, vor allem auch da ich diese Haltung nicht automatisch mit den betreffenden Personen in Verbindung gebracht hätte. Aufschlussreich war besonders, dass sich meine Gesprächspartner grundsätzlich für das Vorhandensein kostenloser Bildung ausgesprochen haben. Der Grund für ihre Unterstützung der Privatisierungsvorschläge liege lediglich darin, dass ihrer Meinung nach die Steuergelder, ihre Steuergelder, falsch angelegt wären. Viele Fakultäten seien chaotisch und sie hätten Sorgen bezüglich der Sicherheit der eigenen Kinder, sollten diese Universitäten wie die UFMG besuchen.

Für mein Dafürhalten war deutlich eine sehr persönliche Komponente herauszuhören. Die Zukunftssorgen auch im Hinblick auf die Korruption, derer sie müde seien, veranlasse sie dazu, auf Reformen, Änderungen und Umbrüche im System zu hoffen. In meinen Augen sind sie klassische Protestwähler. Dieser Eindruck wurde durch die Antwort „Gute Frage…“, auf mein Nachhaken, wie Bolsonaro gedenke, die tiefgreifenden Probleme wie das der Korruption zu lösen, bestätigt, wenn nicht noch verstärkt.

Sicher gibt es unter den Befürwortern Bolsonaros auch ganz andere Kaliber, Hardliner, doch diese sind im Allgemeinen die Ausnahme, denn um so erfolgreich sein zu können, muss die Politik des Präsidenten auch in der breiten Masse der Bevölkerung fußen.

Nun aber zu meinen Eindrücken vom Streik an der UFMG. Nachdem die Lehrerin des Sprachkurses es mit Verweis auf Demonstrationen und eine andere Atmosphäre an der Uni freigestellt hatte, den Kurs zu besuchen, war ich überrascht als ich mich auf einem vollständig ausgestorbenen Campus wiederfand. Mein Sprachkurs konnte unterdessen nur aus dem Grund stattfinden, dass er von einem bereits privaten Unternehmen (cenex) durchgeführt wird.

In der Ferne waren Geräusche hörbar, die auf eine Demonstration oder Kundgebung hinwiesen, von diesen habe ich aber auf dem Campus nichts mitbekommen. Stattdessen waren die anderen Kursteilnehmer und ich nahezu die einzigen Menschen in der Universität. Zu sehen waren allerdings eine Vielzahl an Plakaten und großen Werbepostern überall auf dem Gelände, die von den Zielen und Forderungen der Streikenden berichteten.

Forderungen der Bewegung

Eingebettet in eine landesweite Protestaktion gegen die Privatisierungsbestrebungen, möchten die Streikenden die Kürzung der Gelder der UFMG von 215 Millionen Real auf 150,5 Millionen Real, welche im jährlichen Haushaltsplan (Lei Orcamentária Anual = LOA) verankert ist, rückgängig machen. Des Weiteren setzten sie sich für soziale Ziele wie beispielsweise den Fortbestand von Arbeiterrechten und eine solidarische Behandlung von Arbeitslosen ein. Die genaue Ausgestaltung der Forderungen, ebenso wie die exakten Meinungen der Gegenseite sind aber zu komplex, als dass ich hier darüber berichten könnte. Ich bin allerdings sehr gespannt, was in Zukunft im politischen Diskurs passieren wird. Gleichzeitig werden mir auch an dieser Stelle meine Privilegien bewusst, denn ich kann hier als außenstehende Beobachterin meine Eindrücke reflektieren, ohne dass ich um meinen Studienplatz fürchten muss…

Apropos lernen. Sowohl in der Küche, als auch im Fitnessstudio erfahre ich ständig Neues, lerne dazu. Neulich wollte ich eines meiner Lieblingsrezepte- Couscous-Bällchen gefüllt mit Brokkoli und Käse- für meine Gastfamilie kochen. Ich hätte nicht gedacht, dass das Endergebnis so stark von dem mir bekannten abweichen könnte. Zunächst musste ich feststellen, dass es wohl verschiedene Arten von Couscous gibt, sodass ich es nun mit einer gelblichen Masse, die für mein Dafürhalten eher nach Polenta aussieht, zu tun hatte. Ebenso lernte ich, dass man diesen Couscous auch ganz anders zubereitet. In einem eigens dafür angefertigten Topf wird die Masse in ein Stofftuch eingewickelt und gart mit Hilfe von Wasserdampf. Am Ende hatte ich einen gelblichen Couscous-Kuchen vor mir, aber der war mindestens genauso lecker wie die Bällchen.

Die Kurse im Fitnessstudio sind nicht nur wegen der neuen Bewegungen interessant, sondern auch deshalb, da es eine bereichernde Erfahrung ist, einem Kurs auf einer Sprache zu folgen, die man noch nicht vollständig beherrscht. In Zeiten der weltweiten Migration und des unterbewussten Unterscheidens in fremd und eigen, erachte ich es als sehr wichtig, selbst einmal die Erfahrung zu machen, der oder die vermeintlich Fremde zu sein, um die Schwierigkeiten, mit denen sich Migranten konfrontiert sehen, auch nur ansatzweise nachempfinden zu können.

Egal ob beim Yoga, Pilates oder Tanzen hat, nachdem ich mich einfach auf die Erfahrungen eingelassen habe, der Kopfstand oder das sehr Hintern-betonte Tanzen Seite an Seite (oder besser Popo an Pop :D) mit der Lehrerin gut geklappt und hat zudem wirklich Spaß gemacht.

In der Schule verbringe ich gerade den Großteil der Zeit damit, Schüler auf den mündlichen Teil ihrer A2-Prüfung vorzubereiten. Dafür üben wir Dialoge, Fragen und Ausdrücke zu verschiedenen Themen des Alltags. Die Schüler, die dich auf diese Weise näher kennengelernt habe, sind ausgesprochen nett und ich bin jedes Mal aufs Neue erstaunt, wie motiviert und lebensfroh sie trotz all der harten Arbeit sind.

Einzeltraining im Klassenzimmer

Auf dem Pausenhof werde ich des Öfteren zu umherstehenden Grüppchen dazu gerufen, bekomme verschiedene Dinge zu probieren und soll mich an Zungenbrechern auf Portugiesisch versuchen. Inzwischen habe ich mich sehr gut eingelebt und der tägliche Handschlag mit dem Pförtner des CSA wird zum Alltag.

Weiterhin wurde ich gebeten, ein Interview zum Thema Plastikvermeidung für die Schülerzeitung zu geben. Zum Glück auf Englisch, denn über so komplexe Sachverhalte kann ich auf Portugiesisch leider noch nicht sprechen. Aber es hat mich sehr gefreut, dass das Interesse für den Klimaschutz auch hier zu wachsen scheint. Da ich in nächster Zeit mit einigen Schülern eigene Produkte herstellen werde, die gute Alternativen zu Plastik enthaltenden Produkten darstellen, war das Interview ein toller Einstieg in die Thematik.

Hier einige der Produkte, die ich verwende, um Plastik zu vermeiden

Rund um den Praca da Liberdade bin ich gerade dabei, gemütliche Cafés und andere interessante Orte zu erkunden. Bei Abendsonnenschein lässt es sich sehr gut in einem der Cafés mit stilvoller Einrichtung bei Cappuccino, Pao de queijo und einem guten Buch aushalten. Dabei komme ich aber auch häufig ins Grübeln darüber, wie gut es mir eigentlich geht, wie glücklich ich mich schätzen kann und dass das absolut nicht selbstverständlich ist. Denn letztlich ist es purer Zufall, wo man geboren wird. Umso wichtiger, dass Bewohner des globalen Nordens mit heutigen Privilegien verantwortungsvoll umgehen und darauf hinarbeiten, dass diese nach und nach weniger wahrnehmbar, weniger existent werden.

Neulich haben mich auch zwei kleine Äffchen im Baum daran erinnert, dass ich mich trotz meines Alltags hier, doch am anderen Ende der Welt befinde.

Auf der Fahrt nach Ouro Preto, einst größte Stadt Amerikas und ehemalige Hauptstadt des Bundesstaates Minas Gerais, wurde dieses Gefühl, weit weg von Europa, von Zuhause zu sein, wiederholt.

Sobald wir die Ausläufer Belo Horizontes hinter uns gelassen hatten, veränderte sich das Landschaftsbild. Ambitionierte Radfahrer begleiteten uns auf der gesamten Strecke von rund 80 Kilometern. Auch sie fühlten sich wohl, abgesehen vom Sportsgeist, von dem Blick auf eine erhabene Hügel- und Bergwelt angetrieben. Mich haben vor allem diese Weite, das schier endlose Grün, die spektakulären Felsen und die Vielfalt der Flora beeindruckt. Je weiter wir uns von Belo Horizonte entfernten, desto mehr „fazendas“ mit Kühen, die wie im Allgäu auf saftigen Wiesen grasen, tauchten auf. Im Gegensatz zum Trubel der Stadt, hat die Landschaft mit all den „florestas“, Hügeln, Tälern und Wasserquellen unheimlich beruhigend gewirkt. Innerhalb der 80 Kilometern auf der sehr kurvigen Straße, hat sich auch das Klima verändert. In Belo Horizonte sind wir bei annähernd 30 Grad und Sonnenschein losgefahren, in Ouro Preto sind wir dagegen bei Regen, dampfenden Wäldern und 19 Grad angekommen.

Blick auf Belo Horizonte

Kontrastprogramm zum Blick auf BH

Ouro Preto selbst liegt in den Bergen. Kleine, wirklich steile Gassen mit wunderbar bunten Häusern im Barockstil prägen das Stadtbild. Außerdem verfügt die Stadt über eine Vielzahl an Kirchen, Museen und Schmuck-und Edelsteinläden, die unter anderem Papageien aus mühevoller Handarbeit verkaufen. Das ist bestimmt nicht jedermanns Geschmack, aber die Vielfalt an funkelnden Steinen aus den Mienen der Umgebung sind auf jeden Fall einen Blick wert.

Neben einem gemütlichen Künstlermarkt haben wir das „Museu da Inconfidência“ besucht. Die Ausstellungsstücke reichen von religiösen Reliquien, über indigene Urnen, Möbel aus verschiedenen Jahrhunderten und Erinnerungsstücken an die Sklaverei, bis zur Geschichte der Auflehnung gegen die portugiesischen Besatzer.

Flagge des Bundesstaates Minas Gerais

Als wir das Museum verließen, erwartete uns strahlender Sonnenschein; das Wetter in bergigen Gegenden ist bekanntlich wechselhaft. In einem idyllischen Restaurant habe ich erfolgreich einen Ananassaft ohne Strohhalm bestellt. Ich glaube das war der beste Saft meines Lebens! Es wird mir auf jeden Fall enorm schwerfallen, auf die leckeren frischen Früchte verzichten zu müssen, wenn ich wieder in Europa bin.

Vor ein paar Tagen habe ich mit meinen Gasteltern einen Film von National Geographic über die Tier- und Pflanzenwelt Brasiliens geschaut, als es geklingelt hat und wir zur Taufe der Cousine meiner Gastschwester eingeladen wurden. In Buenópolis kann ich mich also nicht nur auf die Vielfalt an prachtvollen Pflanzen und Tieren freuen, sondern auch auf ein brasilianisches Familienfest.

Des Weiteren möchte ich in den nächsten Tagen die „brechós“, also die Secondhand-Läden Belo Horizontes, durchstöbern und im Café com Letras Kulturbeiträgen lauschen.

Liebe Grüße und bis bald!

Tantas coisas…

Rückblickend weiß ich gar nicht richtig, wo ich anfangen soll zu erzählen. Es ist so viel passiert, ich habe so viel Neues erlebt und so viele einmalige Erfahrungen gemacht. TANTAS COISAS…

Bevor ich aber richtig anfange, möchte ich darauf hinweisen, dass dies meine persönlichen Eindrücke, meine subjektiven Erfahrungen sind, von denen ich berichte. Mir ist durchaus bewusst, dass ich weiterhin ein Leben führe, dass dem meinen in Europa ähnelt und dass gleichzeitig ganz andere Lebensrealitäten in diesem riesigen Land existieren. Die Privilegien, die mit meiner Herkunft und Hautfarbe zusammenhängen werden hier besonders spürbar für mich, denn sie sind unmittelbar mit der Unterdrückung und Benachteiligung mancher Menschen verbunden. Unser Wohlstand im globalen Norden basiert zu großen Teilen auf einem politisch-ökonomischen System, das nach wie vor vom Fortbestand rassistischer und postkolonialer Strukturen profitiert.

Ebenso möchte ich darauf verweisen, dass die durch meine Sozialisation geprägte „westliche Sichtweise“ mein Berichten beeinflusst, wenn vielleicht auch nur unterbewusst. Ich werde aber mein Bestes geben, eben diese kritisch zu hinterfragen und gemäß interkultureller Kompetenzen dem Neuen aufgeschlossen und vorurteilsfrei gegenüberzutreten, ohne zwischen dem Eigenen und dem vermeintlich Fremden, Andersartigen zu unterscheiden. Denn in einer globalisierten Welt bedarf es unvoreingenommenen Begegnungen auf Augenhöhe, um Probleme auf internationaler Ebene in gegenseitigem Respekt gemeinsam angehen zu können.

Nun aber zum eigentlichen Inhalt, beginnend mit der Ankunft in Sao Paulo.

Nach einem sehr schlafintensiven Flug, auf dem ich auch den Abschied von Freunden und Familie habe sacken lassen, ging es um 3 Uhr morgens los in eine riesige Stadt, die auch um diese Uhrzeit nicht zu schlafen schien. Zusammen mit den anderen Freiwilligen, die ich am Flughafen getroffen habe, schlenderte ich durch Pinheiros, das Viertel in dem auch das Goethe-Institut liegt. Im nächstbesten Café probierten wir sogleich die berühmten Pao de queijo, welche uns sogar von einem netten Mann auf Deutsch serviert wurden.

Das Viertel hat bei mir einen sehr positiven Eindruck hinterlassen. Es gab zahlreiche, toll eingerichtete vegane Restaurants, Unverpackt- und Bioläden, beeindruckende Straßenkunstwerke und nicht zuletzt nachhaltige Labels in kreativ-alternativen Verkaufshallen. Auch der Flohmarkt mit Second-Hand Ständen in weißen VW-Bussen, handgemachten Kunstgegenständen, allerlei Trödel und leckerem Essen durfte nicht fehlen.

Blick aus dem Hotelzimmer in Sao Paulo

Mit Lea auf bunt bemalten Treppen

Straßenkunstwerke wie dieses, sind in Sao Paulo nicht selten

Das Seminar am Goethe-Institut war wirklich gewinnbringend. Im Gegensatz zu den eher allgemeineren Themen, die wir auf dem Vorbereitungsseminar am Werbellinsee behandelt haben, bekamen wir in Sao Paulo sehr konkrete Tipps für die Gestaltung von Aktivitäten an die Hand. Nachdem das PASCH-Team uns mit dem Strukturen und Aufgaben des Institutes und des Netzwerkes bekannt gemacht hat, haben wir verschiedene Lernapps, Quizze und Methoden kennengelernt und Workshops zu Phonetik und Interkulturalität besucht. Nicht zuletzt hatten wir Freiwilligen die Möglichkeit mit Ehemaligen per Videochat zu sprechen.

Traditionell brasilianische Gerichte wie Feijoada oder panierten Maniok durften wir am Abend in einem gemütlichen Restaurant probieren und wurden danach bei Live-Musik zum Forró tanzen aufgefordert.

Nach einem ausgiebigen Frühstück mit unglaublich leckerem frischen Obst ging die Reise auch schon weiter, das Taxi zum Flughafen stand schon bereit. Beim Check-in habe ich auch direkt damit angefangen konsequent Portugiesisch zu sprechen, einfach, um schnell in die Sprache hineinzufinden.

Erst während des Fluges kam ich dazu, all die neuen Eindrücke zu verarbeiten und zu realisieren, dass ich nun wirklich ein  Jahr in Belo Horizonte verbringen werde.

Da ich mir normalerweise über alle Dinge sehr viele Gedanken mache, habe ich mir für dieses Jahr vorgenommen, weniger nachzudenken, alles ohne zu urteilen auf mich zukommen zu lassen und mit offenen Augen, die eigene Position reflektierend in Brasilien anzukommen.

Anflug

Am Flughafen wurde ich von meiner Gastschwester und ihrem Deutschlehrer – meiner  Ansprechperson abgeholt.

Da der Flughafen vollständig außerhalb der Stadt in einem aufgrund mangelnden Regens steppenartigen Gebiet liegt, war ich beim Anblick der grünen Stadt begeistert. Rosafarbene, leuchtend gelbe und weiße Bäume, ebenso wie verschiedene Palmensorten zieren den Straßenrand.

Dieser Baum hat mich besonders fasziniert!

Farbenpracht am Straßenrand

Bei meiner Gastfamilie fühle ich mich überaus wohl. Mein Gastvater spricht sogar ein wenig Deutsch, sodass die Ankunft und das Einleben leichter fielen.                                                       Nachdem ich mich in meinem neuen Zimmer häuslich eingerichtet hatte, sind wir lecker essen gegangen und waren in einem Supermarkt einkaufen, der bereits auf Plastiktüten an der Kasse verzichtet und stattdessen Pappkartons oder Mehrwegtaschen anbietet.

An meinem ersten richtigen Tag in Belo Horizonte bin ich nach einem leckeren Frühstück mit frisch gepresstem Saft, Avocado in Größe eines kleinen Kopfes und Vollkornbrot zusammen mit meiner Gastmutter zur Universität gefahren, um mich für meinen Portugiesisch-Kurs anzumelden.

Um mich einschreiben zu können, benötigte ich eine Art Steuernummer, genannt CPF. Diese zu bekommen war gar nicht so einfach, hat aber letztendlich gut geklappt. Dank der CPF konnten wir auch eine SIM-Karte für mich kaufen und als wir schließlich wieder zu Hause ankamen, waren wir erleichtert und erschöpft zugleich. Erschöpft war ich auch deshalb, weil ich den ganzen Tag nur Portugiesisch gesprochen habe. Dank meiner Spanischkenntnisse habe ich fast alles verstanden, das Sprechen war anfangs aber noch etwas bruchstückhaft.

Am Dienstag ging es dann für mich zum ersten Mal in die Schule. Dort wurde ich überaus herzlich willkommen geheißen, von diversen Lehrerkollegen ausgefragt und umarmt. In den folgenden zwei Wochen habe ich in jeder Klasse, die Deutsch lernt, eine Unterrichtstunde mit verschiedenen „Kennenlernaktivitäten“, die ich mir selber ausgedacht und auch vorbereitet hatte, durchgeführt.

Ich war selbst überrascht, wie viel Freude ich daran habe, vor einer Klasse zu stehen. Noch vor ein paar Jahren habe ich nur ungern vor vielen Menschen gesprochen, heute gehe ich regelrecht auf in dieser Aufgabe. Die harmonische Atmosphäre des Colégio Santo Antônio und im selben Maße die sehr netten Schüler, haben wohl dazu beigetragen.

Colégio Santo Antônio in der Rua Pernambuco

Von den Schülern der Klassen 6 und 7 habe ich zum Beispiel Willkommensbriefe geschenkt bekommen, die zum Teil sehr berührend waren. Gemein haben all diese Briefe aber, dass sie mich in umfassender Weise begrüßen und in ihrer Mitte aufnehmen wollen, sodass ich mich möglichst wohlfühle.

Aber auch die älteren Schüler sind sehr offen, haben ihre Hilfe angeboten und sprechen mich ebenso wie die kleinen immer auf dem Gang an, sodass ich mir manchmal wie ein Popstar vorkomme, wenn ganze Kinderscharen winkend und rufend auf mich zukommen.

Mit einer Klasse besonders taltentierter Deutschschüler aus dem vorletzten Jahr habe ich fast wie mit meinen deutschen Freunden über Politik, Klima-Aktivismus und Hobbys sprechen können. Ich war schwer beeindruckt von ihrem Sprachniveau, die zahlreichen Stipendien für Sprachkurse und Probestudiengänge in Deutschland sind mehr als gerechtfertigt.

Wenn meine Aktivitäten nicht die gesamte Unterrichtszeit eingenommen haben, durfte ich dem Lehrer/der Lehrerin beim regulären Unterricht assistieren, beispielsweise indem ich Hausaufgaben im Plenum korrigierte. Oder aber mir wurden zu allerlei Themen von Sprachen über Freund und Familie, bis zu Musikpräferenzen Löcher in den Bauch gefragt.

Vor ein paar Tagen durfte ich sogar in der Grundschule des CSA beim Schnupperunterricht in den fünften Klassen helfen. Die Kinder hatten zu diesem Zeitpunkt zumeist zum ersten Mal Kontakt mit der deutschen Sprache. Es war wirklich interessant zu beobachten, wie die Kinder ihre ersten Sätze lernten und beim Kahoot-Quiz über Deutschland völlig in ihrem Element waren, vor Freude über jede richtige Antwort lautstark aufschrien.

In Zukunft werde ich verstärkt Schüler auf die FIT-Prüfung des Goethe-Institutes vorbereiten, AGs und Projekte zu den Themen backen/kochen, herstellen von plastikfreien Produkten, Kultur, und Deutsch lernen anhand von Zitaten, Artikeln, Podcasts, Büchern und Kurzfilmen, die kreativ gestaltet werden. Des Weiteren werden ich mit den PASCH-Alumni Projekte umsetzen, vielleicht sogar eine Art Stammtisch einrichten.

Das Verhältnis zwischen Lehrern und Schülern habe ich als offen und freundschaftliche empfunden. Besonders die jüngeren Schüler umarmen ihre Lehrer nicht selten oder fragen nach deren Privatleben.

Zum Schulsystem Brasiliens und zum Unterricht am CSA lässt sich sagen, dass sie im Allgemeinen härter und anstrengender sind, als ich es aus meiner Schulzeit gewohnt bin. Privatschulen wie das CSA setzen alles daran, die Kinder so früh wie möglich auf die Aufnahmeprüfungen der staatlichen Universitäten vorzubereiten. Das Paradoxe am Schulsystem in Brasilien ist, dass die staatlichen Schulen zwar meist schlechter sind als die privaten, die privaten Universitäten dagegen einen wesentlich schlechteren Ruf als die staatlichen genießen. Von unserem brasilianischen Trainer auf dem Vorbereitungsseminar, der selbst in den Favelas Sao Paulos aufgewachsen ist, haben wir erfahren, dass es die Menschen, die kein Geld für eine Privatschulen aufbringen können, schwerer haben, an einer staatlichen Uni aufgenommen zu werden. Sie müssen sich möglicherweise verschulden, um an einer privaten Uni studieren zu können.

Dieser sich selbst verstärkende Mechanismus des Klassismus hat mich erneut dazu veranlasst, meine Position und Privilegien kritisch in Augenschein zu nehmen, denn Chancengleichheit im Bildungssektor als Schlüssel zu einer egalitäreren Gesellschaft herrscht auch noch lange nicht in Deutschland. Darüber hinaus trägt unserer westliche Lebensweise in hohem Maße dazu bei, dass sie in Ländern des globalen Südens ebenso wenig umgesetzt werden kann.

In Vorbereitung auf die Aufnahmeprüfungen der Universitäten arbeiten die Schüler hart. Der Unterricht findet in Schichten bis 19:00 statt und Prüfungen werden entweder freitagabends oder samstagmorgens geschrieben. Und dann nicht nur eine, sondern gleich vier oder fünf, die gleichzeitig ausgeteilt werden und dann in eigen gewählter Reihenfolge bearbeitet werden können.

Über die Unterrichtsweise im Allgemeinen kann ich mir nicht anmaßen, eine Aussage zu treffen, denn ich kenne ausschließlich den Deutschunterricht am CSA. Diesen habe ich als sehr lebendig empfunden. In Gruppen von maximal 20 Schülern kommt jeder zu Wort. Weiterhin kommen modernste Medien von Smartboard über Ipads bis zu Lernapps, neben dem klassischen Lehrbuch zum Einsatz.

Der Sprachkurs an der UFMG (Universidade Federal de Minas Gerais) gefällt mir ebenfalls sehr gut. Mit dem Bus fahre ich je nach Verkehr 40-50 Minuten dorthin. Meiner Erfahrung nach funktioniert das System des öffentlichen Nahverkehrs hier sehr gut. Mit Hilfe einer App kann man nicht nur ganz bequem die Fahrtzeiten prüfen, sondern auch die Buscard aufladen, die dann beim Einsteigen an einem Drehkreuz vorgezeigt wird. Auf einem Bildschirm wird der Restbetrag auf der Karte angezeigt.

An dieser Stelle möchte ich mir die Frage stellen, wieso es hätte anders sein sollen. Als westlich Sozialisierte neigen die Europäer und Nordamerikaner gerne dazu, den globalen Süden als weniger fortschrittlich, weniger zivilisiert oder chaotisch einzustufen. Dies ist ein deutliches Indiz für postkoloniale Kontinuitäten, für eingebrannte falsche Denkmuster. Also nochmal, woher nehme ich mir als Europäerin das Recht anzunehmend, dass der öffentliche Nahverkehr in Brasilien weniger organisiert ist als in Deutschland? Schließlich ist die DB in den letzten Jahren alles andere als pünktlich und organisiert gewesen. Des Weiteren können wohl die wenigsten Europäer von sich behaupten, dass sie über fundiertes Wissen über die Situation Brasiliens oder andere Länder des globalen Südens verfügen. Die Medienberichte über den globalen Süden sind in der westlichen Welt oft einseitig, zeigen nur das, was dem westlichen Blick auf die Welt entspricht oder ihn bestätigt.

Weiterhin ist Uber neben den Bussen ein weitverbreitetes und kostengünstiges Fortbewegungsmittel.

Bus nahe des Praca da Liberdade

Die Universität kommt mir vor wie eine Welt für sich. Der Bus braucht bestimmt zehn Minuten, um alle Fakultäten einmal anzufahren.

Viele Studenten tragen hier auch T-Shirts, die erkennen lassen, was sie studieren. Zudem ist der gesamte Campus sehr grün. Überall wachsen Palmen oder Pflanzen in allen erdenklichen Farben. Mir gefällt es sehr, die Uniluft zu schnuppern, bevor ich nach meiner Rückkehr nach Deutschland selber anfangen werde zu studieren.

Der Kurs an sich ist hilfreich, aber ein wenig einfach. Toll ist allerdings, dass ich mit anderen Menschen, die sich in einer ähnlichen Lage wie ich befinden, in Kontakt komme. Des Weiteren ist die Lehrerin sehr engagiert. Weit mehr lerne ich aber  im Alltag. Vom ersten Tag an habe ich dank meiner Spanischkenntnisse sehr viel verstehen können. Insofern sehe ich den Kurs, bei dem ich seit ein paar Stunden als Übersetzerin und Assistentin der Lehrerin fungiere, als Möglichkeit zur Festigung der Grundkenntnisse.

Innenhof der Faculdade de Letras an der UFMG

Dass die Sprache der Schlüssel zu fast allem ist haben wir Freiwilligen nicht nur oft von Ehemaligen gehört, sondern das habe ich auch selbst sofort so empfunden. Deshalb war es mir wichtig, dass ich von Beginn an Portugiesisch spreche. Mit Lehrern und Gastfamilie habe ich anfangs eher einseitige Gespräche geführt, doch ich kann sagen, dass ich mich schnell in die Sprache hineingehört habe und positive Rückmeldungen dafür bekomme. Sei es mit den Kollegen, Schülern, der Familie oder bei der Anmeldung im Fitnessstudio, es klappt wirklich gut und es ist sehr motivierend, am eigenen Leib zu erfahren, wie schnell man Fortschritte in einer Sprache machen kann, wenn man nur in dem Land lebt, deren Amtssprache diese ist.

Im Hinblick auf die Vielfalt an kulturellen Angeboten wird mir in Belo Horizonte bestimmt nicht langweilig. Kinos, Museen, Märkte, Konzerte, Aufführungen und verschiedene Parks sorgen für ein ausgewogenes Kulturleben.

Bis jetzt habe ich ein Museum über „arte popular“, den Mercado Central, ein Konzert der Philharmonie, den Praca da Liberdade und den Parque das Mangabeiras besucht. All diese Orte und Plätze haben mich auf ihre Weise begeistert.

Im Museum haben mich die mir bisher unbekannten Formen und Farben der Kunstwerke in ihren Bann gezogen. Von Höhlenmalereien über indigene Netzkörbe und Holzschnitzereien, bis zu religiösen Szenen, nachgebildet in detailreicher Handarbeit aus Ton, bunten Keramikblumen, Stickereien und Graffitikunstwerken war alles vertreten und bot einen vielseitigen Blick auf die Diversität der brasilianischen Kulturszene.

Bunte Tütchen, die auf Festen verwendet werden

                                                                                    Der Mercado Central erinnert mich mit seiner erhabenen Architektur, den wohlorganisierten Ständen und der Vielfalt an leckeren Lebensmitteln an die Markthalle in Stuttgart. Angefangen bei allerlei Gewürzen, über Käse, Fleisch und Nüsse, bis hin zu einer unbeschreiblichen Auswahl an Obstsorten, werden hier alle Geschmäcker fündig. Viele Frucht- und Nusssorten habe ich in Europa bisher nicht gesehen und war dementsprechend neugierig sie zu probieren. Selbstverständlich gibt es auch Pao de queijo, neben Haushaltsgegenständen und Tieren auf dem Markt zu erwerben.

Der Parque das Mangabeiras bietet einen fantastischen Ausblick auf die Stadt auf der einen, und die Berge auf der anderen Seite.

Blick auf die Stadt und die Berge, die Belo Horizonte umrahmen

Auch der Praca da Liberdade läd zum Bleiben ein. Eine Palmenallee bildet das Zentrum des Platzes, der mit vielen Pflanzen und Sitzgelegenheiten bestückt ist. Umgeben ist der Platz von altehrwürdigen Gebäuden in Pastellfarben, ebenso wie von moderner Architektur.

Auch an dieser Stelle möchte ich innehalten und mir an die eigene Nase fassen, meine Gedankenmuster kritisch hinterfragen.

Wieso war ich auch hier überrascht und nicht wenig beeindruckt vom fortschrittlich-westlichen Stadtbild? Ich habe mich regelrecht ertappt gefühlt, als ich vor dem architektonisch sehr interessanten Konzerthaus stand und so etwas schlicht nicht erwartet hatte. Es ist deshalb unheimlich wichtig für mich, dass ich in Zukunft die Kunst-und Kulturszene, ebenso wie alle anderen Erfahrungen hier einfach auf mich zukommen lasse und genieße.

Gleichzeitig möchte ich hier auch die Frage nach der mangelnden Präsenz indigener Werte und Kulturszenen im modernen Stadtbild und dem erneuten Zusammenhang mit der westlichen Lebensweise in den Raum stellen.

Palmenallee am Praca da Liberdade

Straßenkunst an einem Bauzaun

Konzertsaal der Philharmonie

Zusammenfassend kann ich sagen, dass sich mein Alltag in Brasilien wenig von dem in Deutschland unterscheidet, abgesehen von meinem Rollenwechsel von der Schülerin zur Freiwilligen natürlich. Dank meiner Gastmutter habe ich schon viele neue vegetarische Gerichte kennengelernt und habe ihr im Gegenzug deutsche Speisen gezeigt.

Von all dem Trubel um Bolsonaro und die Waldbrände bekomme ich im Alltag wenig mit. Allerdings spüre ich trotzdem die Spaltung der Gesellschaft in zwei politische Lager, wenn auch nur unterschwellig.

Die Luft war in den ersten Wochen seht trocken und ab und an waren Aschefetzen sichtbar. Von Einheimischen habe ich aber erfahren, dass die Waldbrände um diese Jahreszeit normal seien, das Ausmaß aufgrund des fortschreitenden Klimawandels sei aber nichtsdestotrotz beunruhigend.

In meiner Freizeit lerne ich viel Portugiesisch, um mich noch besser verständigen zu können. Ich jogge gerne am Praca da Liberdade, besuche Kurse im Sportstudio, stöbere in kleinen nachhaltigen Läden oder schwimme zusammen mit meiner Gastmutter im Schwimmbad ihres Freizeitclubs, da öffentliche Bäder in Belo Horizonte leider nicht wirklich existieren.

Der Ausblick aus meinem Zimmerfenster

Ich freue mich unglaublich, hier sein zu können und bin dankbar für all die Menschen und die Erfahrungen, die ich machen darf. Allein in den letzten zwei Wochen habe ich eine Entwicklung in meiner Persönlichkeit in Richtung noch mehr Selbstständigkeit, Offenheit, Gelassenheit und mehr Selbstbewusstsein wahrgenommen.

In den kommenden Wochen werde ich an der UFMG die Proteste bezüglich der angestrebten Privatisierungen der Universitäten beobachten können, meine ersten Projekte umsetzen und auch Ausflüge in andere Gegenden machen können. Also, bleibt gespannt.

Liebe Grüße an alle, die das lesen. Ich vermisse euch trotz der tollen Erlebnisse hier sehr!

P.S. : Ich entschuldige mich dafür, dass das Tilde-Zeichen(~) und das c mit Cedille nicht zu sehen sind. Diese richtig zu verwenden, war mir aufgrund meines älteren Laptops nicht möglich.