O tempo do Advento

Nach der sehr intensiven Zeit auf dem Zwischenseminar bot das doch recht stupide Korrigieren diverser Klausuren Gelegenheit genug, die Eindrücke und Gedanken des Seminars zu verarbeiten. Da ich den Großteil der Schüler eher auf freundschaftlicher Basis kenne, tat es mir für jeden Punkt, den ich ihnen abziehen musste, leid. Aber alles in allem haben sie gut abgeschnitten und haben sich die zweimonatigen Ferien mehr als verdient. Wer allerdings in einem oder mehreren Fächern nicht genug Punkte erreicht hat, muss noch bis Weihnachten zum Nachholunterricht kommen.

Apropos Weihnachten. Die Vorweihnachtszeit hier in Brasilien zu erleben ist wirklich eine besondere Erfahrung. Die Adventszeit, so wie ich sie aus Deutschland gewohnt bin, inklusive Adventskalender und Kranz existiert hier nicht. Ich musste in den meisten Fällen sogar das portugiesische Wort „Advento“ erklären. Eine nette Frau im Fitnessstudio hat neulich völlig zusammenhangslos zu mir gesagt, dass man Länder nicht verglichen kann und soll, dass jedes Land und dessen Traditionen auf ihre Art besonders und schön sind. Daran muss ich immer wieder denken, wenn ich den Weihnachtschor bei Sonnenschein oder die dekorierten Palmen sehe, die irgendwie surreal und fehl am Platz wirken; zumindest aus der deutschen „Weihnachtsbrille“ betrachtet.

Trotz allem wollte ich nicht auf einen Adventskranz verzichten und bin auf der Suche nach geeigneten Materialien durch die Nachbarschaft gestreift. Ein Palmwedel und ein riesiges Blatt haben meine Aufmerksamkeit geweckt. Den Passanten muss ich wohl ein lustiges Bild geboten haben, als ich mit Flipflops hüpfend und mit Hilfe meines Schlüssels ein Stück des Palmwedels abtrennte. Auch der Portier schaute mich fragend an, als ich vollbepackt zurückkam. Dank weiterer Backaktionen und zweier Adventskalender aus Deutschland kam aber trotz allem Weihnachtsstimmung bei mir auf. Ein großes Dankeschön an dieser Stelle für die kreativen Beiträge zum Video-Adventskalender von Familie, Freunden und Nachbarn. Ihr habt mich jeden Morgen zum Lachen gebracht 🙂

Eine Neuinterpretation des traditionellen Adventskranzes – auf brasilianische Art 🙂

Für eine Freundin, auf deren Geburtstag ich eingeladen war, habe ich des Weiteren einen Adventskalender aus Keksen und inspirierenden Sprüchen gebastelt, um diese schöne Tradition mit ihr zu teilen. Der Geburtstag war ohne Zweifel eine schöne Erfahrung. Auf der Dachterrasse, von der sich ein spektakulärer Blick auf die Stadt bot, machten wir es uns mit leckeren Snacks, Gitarre und Kartenspielen gemütlich. Ich hatte zunächst ein wenig Sorge, dass ich die Regeln der diversen Spiele nicht gleich verstehe, weil inzwischen so gut wie niemand mehr besondere Rücksicht nimmt oder mich anders behandelt, was die Sprache angeht. Letztlich waren die Sorgen völlig unbegründet und unter einem prachtvollen Sternenhimmel haben wir noch lange über Politik diskutiert und gesungen, was mich sehr an die Lagerfeuerabende in meinem Heimatdorf erinnerte.

In der folgenden Woche hatte ich in der Schule nur sehr wenig zu tun, da ohnehin selten Unterricht stattfand oder Prüfungen abgenommen wurden. Ich nutzte die freie Zeit, um viele Podcasts zu hören, Briefe in meinem Lieblingscafé zu schreiben und weitere Museen zu besuchen. Die Diversität der Ausstellungsinhalte im „Memorial Minas“ hat mich sehr fasziniert. Geschichten revoltierender Sklaven, eine Mediathek mit Filmen zu allerlei Themen von Literatur bis indigener Kultur, literarische Konzepte großer Schriftsteller des Bundesstaates und eine eindrückliche und zum Nachdenken anregende Fotogalerie Sebastiao Salgados wurden auf dem zweiten und dritten Stock von der Geschichte der Stadt, Höhlenmalerei, der Darstellung der sich aus europäischen, afrikanischen und indigenen Völkern zusammensetzenden Gesellschaft von Minas und zahlreichen weiteren Kunstwerken ergänzt. Insgesamt habe ich auf zwei Besuche verteilt über acht Stunden dort verbracht und habe längst nicht alles gesehen.

Ein anderes Mal war ich in einer neuen Ausstellung im „Espaco do Conhecimento UFMG“ zum Thema „Mundos Indígenas“. Die Geschichten und Botschaften der fünf ausstellenden Völker(Yanomami, Ye`kwana, Xakriabá, Maxakali und Pataxoop) waren sehr direkt und gingen hart ins Gericht mit der weißen, der kapitalistischen Lebensweise, die ihre, letztlich unser aller Lebensgrundlage zerstöre.

  • Heutzutage hat der Mensch das Gefühl verloren, die Natur als Verbündeten zu haben.  Wir kämpfen, um ihr zu trotzen. Wir kämpfen, um Wasser, um Wald zu haben.
  • Die Menschheit muss wieder lernen, sich um ihr Umfeld zu kümmern.
  • Diese Erde ist unsere Mutter, ist der Ort, an dem wir geboren sind. Die Erde darf nicht zerstört werden!  

Eine interessante Erfahrung war vor Kurzem auch die „formatura“ der Schüler des 9. Schuljahres, also die Abschlussfeier des „Ensino Fundamental“. Es wurde viel gesungen und musiziert. Des Weiteren haben zwei Schüler eine wirklich beeindruckende Rede gehalten. Entgegen meiner Erwartung erhielten die Schüler aber kein Abschlusszeugnis oder Ähnliches, stattdessen kam mir der Abend eher wie ein Gottesdienst vor, was aber natürlich auch damit zusammenhängt, dass das CSA eine katholische Schule ist.

Letztes Wochenende war ich ein letztes Mal mit meiner Gastfamilie in Buenópolis. Nach zwei Besuchen war ich mir sicher, schon alles Sehenswertes der Kleinstadt zu kennen. Doch ich wurde eines besseren belehrt, als ich noch ganz neue Ecken entdeckte. Neben dem ältesten Haus der Stadt, das ganz idyllisch zwischen Mangobäumen weit außerhalb des Stadtkerns liegt, lernte ich noch zwei schöne Hotels kennen uns musste mich unweigerlich mit der vorherrschenden Armut in den peripheren Gegenden der Umgebung auseinandersetzen. Ich kann und will nicht müde werden, meine Privilegien kritisch und reflektierend wahrzunehmen. Privilegien, die es mir erst erlauben zu reflektieren, die komplexen Rückkopplungen unserer globalisierten Welt wirklich spüren zu können.

Anders als bei den ersten beiden Besuchen verbrachten meine Gastschwester und ich viel Zeit mit deren achtjährigen Cousine. Wir spielten u.a. das Spiel des Lebens, wobei ich als Bank meine Sprachfertigkeiten bezüglich großer Zahlen unter Beweis stellen musste. Beim Versteckfangen fühlte mich in alte Zeiten im Sommer auf dem Dorf zurückversetzt. Auch im Restaurant vergnügten wir uns mit Tischkickern und den riesigen Kröten(„sapos“), die dank des Regens, der endlich eingesetzt hat, überall herumhüpfen und die ich fälschlicherweise als „sapatos“, also Schuhe bezeichnete, was für viel Gelächter sorgte.

Am nächsten Tag haben wir ein letztes Mal das Anwesen von Luís besucht. Es fühlte sich an wie ein richtiger Urlaubstag, denn wir verbrachten die Zeit hauptsächlich schwimmend und Karten spielend. Zwischendurch aßen wir saftige Früchte direkt vom Baum. Wenn ich ehrlich bin ist allerdings das ganze Jahr hier Erholung pur. Zwar sind die Eindrücke und Gefühle, die damit einhergehen, oft sehr intensiv, aber es tut so gut, scheinbar unendlich viel Zeit zu haben, solange irgendwo zu verweilen, wie es mir gefällt.

Abends haben wir noch einen Freund meines Gastvaters auf dessen Anwesen besucht, das über einen wunderschönen See verfügt und auf dem zwischen Pflanzen mit Früchten in Größe eines Fußballs Katzenbabys herumtollen. Besonders schmeichelnd fand ich, dass der Freund dachte ich sei lediglich eine Brasilianerin mit deutschen Wurzeln und nicht wirklich aus Deutschland. Bevor wir in einem neu eröffneten Fazenda-Restaurant den Abend bei Live-Musik ausklingen ließen, hatten wir noch viel Spaß mit dem Schwein von Luís, das nicht mehr loszuwerden war, sodass ich notgedrungen mit ihm die Dusche teilen musste. Beim Abendessen unterhielten wir uns angeregt und ließen die letzten drei Monate Revue passieren. Mir kommt es inzwischen wie eine halbe Ewigkeit vor, dass ich mich von meiner Familie in Frankfurt verabschiedet habe und ins Ungewisse aufgebrochen bin.

Am letzten Sonntag bin ich zu meiner neuen Gastfamilie umgezogen, die glücklicherweise nur zwei Querstraßen entfernt wohnt, sodass die Umgebung für mich die selbe bleibt. Direkt freudig empfangen wurde ich von ihrem kleinen wuscheligen Hund, der das Zusammenleben hier sehr lebendig macht.

Nachdem ich mich häuslich eingerichtet hatte saßen wir noch lange bei Pao de Queijo und Wein zusammen und hatten Gelegenheit uns gegenseitig kennenzulernen und über Politik zu diskutieren. Wie schon in der ersten Familie fühlte ich mich von Anfang an wohl und willkommen.

Mit meiner Gastschwester und auch mit ihren Freunden, die viel Zeit mit uns verbringen, hatte ich schon viel Spaß und tolle Gespräche. Wir haben zusammen Plätzchen gebacken, ihre Großeltern besucht, gemalt und ein Rock-Konzert mit brasilianischer Musik im Palácio das Artes besucht.  Außerdem hatte ich am Mittwoch einen Workshop in der Schule zu Thema Weihnachtsgeschenke. Es war sehr gemütlich, mit Musik und viel Gelächter den Nachmittag bastelnd zu verbringen.

Des Weiteren war ich abends zusammen mit ein paar Freunden in einer wirklich coolen Bar, in der alle Brettspiele, die man sich vorstellen kann, in einem sich über zwei Stockwerke erstreckenden Regal zu Verfügung stehen. Wir vergnügten uns mit ganz verschiedenen Spielen von Logik bis Wissensquiz, bei dem ich zu meiner Freude nicht verloren habe, obwohl alle Fragen auf Portugiesisch waren. Ebenfalls war ich mit ein paar Mädels am Folgetag in einigen Bars im „Mercado Novo“, einem sehr hippen und alternativen Ort in einer alten Lagerhalle. Zahlreiche nachhaltige Geschäfte, Vintage-Stores und coole Bars, in jeweils ganz verschiedenen Stilrichtungen sorgen für eine tolle Atmosphäre. Ich habe dank der Mädels dort leckere neue Getränke kennengelernt und wurde zu allen kommenden angesagten Events der Stadt eingeladen. Es war ein wunderbarer Abend mit Gesprächen über Politik und Moral bis zu persönlichen Geschichten. Ich freue mich auf jeden Fall schon sehr auf alle kommenden Ereignisse mit ihnen.

Mit Mateus, Pedro und Santi

Die Bilder vom Mercado Novo sind nicht von mir, sondern aus dem Internet. Aber da mich dieser Ort total begeistert hat, werde ich bestimmt noch oft dorthin gehen und eigene Bilder machen:)

Dank all dieser netten Leute fühle ich mich inzwischen wirklich wohl und angekommen in Brasilien. Gleichzeitig lerne ich aber durch die Distanz den Wert langjähriger Freundschaften besonders zu schätzen, sodass ich mich schon unglaublich auf das Wiedersehen mit Marle in Costa Rica und natürlich unsere Reise durch das Land freue, die mit Sicherheit abenteuerlich und unvergesslich wird.

Liebe Grüße und eine schöne Weihnachtszeit!

 

 

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