Pura Vida

Es war irgendwie ein komisches Gefühl zu wissen, dass ich nach den sehr intensiven vergangenen Monaten in Brasilien das Land mitsamt seiner Sprache, in der ich gerade so richtig angekommen war, für dreieinhalb Wochen verlassen werde. Nichtsdestotrotz freute ich mich unglaublich auf das Abenteuer, das mir bevorstand.

Mitten während eines Familienfests im Haus der Großmutter meiner Gastschwester wurde ich von einem Taxi abgeholt, das mich zu später Stunde zum Flughafen brachte. Dort wurde es zunächst spannend, ob ich denn tatsächlich fliegen können würde, da das Standby-Fliegen immer ein gewisses Risiko mit sich bringt. Glücklicherweise hat aber alles reibungslos geklappt und nach einem gesprächsintensiven Flug mit meiner brasilianischen Sitznachbarin, fand ich mich bereits in Panama wieder und von dort war es nur noch ein Katzensprung nach San José.

Dort angekommen musste ich zunächst feststellen, dass sich das bestellte Flughafenshuttle in der Uhrzeit geirrt hatte. Das war aber nicht weiter schlimm, denn diverse Taxifahrer boten mir netterweise ihr Handy an, um dem Fahrer bescheid zu sagen, sodass ich mich einige Zeit später wohlbehalten im Hostel wiederfand und noch gut zehn Stunden bis zur Ankunft von Marle totzuschlagen hatte. Die Freude beim Wiedersehen war unheimlich groß, obgleich die Situation auch etwas Surreales an sich hatte. Denn sich nach so langer Zeit ausgerechnet am anderen Ende der Welt in einem x-beliebigen Hostel wieder zu vereinen, passiert wirklich nicht alle Tage.

Am nächsten Morgen wachten wir viel zu früh auf und waren dementsprechend müde, aber das gehört wohl dazu. Mit dem Taxi machten wir uns dann auf in Richtung Busbahnhof, von welchem wir nach Manuel Antonio abfuhren. Ich glaube wir beide waren mehr als dankbar, als wir endlich in der Unterkunft ankamen, denn die Fahrt war von Hitze und Erschöpfung geprägt. Der Blick, der sich uns von den gemütlichen Hängematten aus bot, machte die Anstrengungen allerdings mehr als wett. Besonders das erfrischende Meerwasser hob unsere Stimmung ungemein und verlieh uns neue Energie. Nachdem wir noch einige lustige Strandverkäufer abwimmeln mussten, machten wir uns ausgehungert auf die Suche nach Essbarem, denn wir hatten den ganzen Tag noch nichts gegessen. Dementsprechend gut schmeckten uns die Nudeln, vor allem ich hatte sie nach drei Monaten Reis-Vorherrschaft wirklich vermisst. Nach dem Essen fielen wir erschöpft in die Betten, holten etwas Schlaf nach, um fit für den Nationalpark am nächsten Morgen zu sein.

Der Park bot uns eine Vielfalt an Flora und Fauna, ebenso wie traumhafte Strände. Beispielsweise begegneten wir einer Schlange, einem Alligator, Affen und verschiedenen Echsen, bevor wir uns im Meer abkühlten und uns mit unserem seit Kindertagen bestehenden Kürzel „LEMA“ auf einem Aussichtspunkt verewigten.

Des Weiteren wanderten wir während unserer Zeit in Manuel Antonio zu einer kleineren, abgelegenen Bucht und genossen einen sonnigen Strandtag inklusive erster Versuche meinerseits Gespräche auf Spanisch zu führen, was jedoch in einer kläglichen Mischung aus Portugiesisch und Spanisch in meinen Antworten endete. Beim Zurücklaufen im Bikini merkten wir einmal mehr, dass dieser Aufzug nicht unbedingt geeignet ist, um an Bauarbeitergruppen vorbeizulaufen, was dazu führte, dass wir in unsere Handtücher gewickelt und deshalb in unserer Bewegungsfreiheit eingeschränkt langsam den Berg hinaufwatschelten. Am Abend gingen wir noch mit zwei anderen deutschen Backpackern aus dem Hostel einen leckeren Fruchtsmoothie trinken, bevor ich den Sternenhimmel von der Hängematte aus bewunderte und darauf wartete, dass die Mitbewohner aus dem Zimmer einschliefen, da ich sie nicht mit meinem Husten stören wollte, der mich unglücklicherweise die ganze Reise über begleitete.

Am nächsten Morgen ging die Reise weiter nach Monteverde. Während der Umsteigezeit in Puntarenas probierte wir zum ersten Mal ein typisches Gericht in einem der Sodas und kamen dabei mit zwei Österreicherinnen ins Gespräch, die wir im Verlauf unserer Tour noch öfter wiedersehen werden.

Der zweite Teil der Fahrt schien sich ins Endlose zu ziehen, während sich der Bus die abenteuerlichen Bergsträßchen hinaufquälte. Je höher wir kamen, desto stärker wurde der Eindruck, wir seien im Allgäu, denn Kühe weideten auf saftigen Hügeln und das Hostel erinnerte an eine Berghütte. Durch ständigen feinen Nieselregen, der auf den ersten Blick Schnee nicht unähnlich war und nicht zuletzt durch die erstaunlich niedrigen Temperaturen stellte sich ein Gefühl der Heimeligkeit ein, wie ich es in der Vorweihnachtszeit vermisst hatte. Dementsprechend dankbar war ich für diese gemütliche Atmosphäre zu Weihnachten. Den Temperaturen angemessen aßen wir eine Nudelsuppe, die wir in einem überraschend großen Supermarkt in Anbetracht der Größenverhältnisse des Orts fanden, wo wir angesichts des reichhaltigen Angebots ganz im Glück waren.

Die Wanderung durch den Nebelwald von Santa Elena am Folgetag war ein Erlebnis der besonderen Art. Die tropfenden überdimensionalen Blätter und mächtigen Baumstämme sorgten für eine Urzeitstimmung, wie ich sie bisher an keinem Ort der Erde erlebt habe. Nur selten begegneten wir anderen Menschen auf unserem Weg durch die schlammigen Waldtiefen, der uns einmalige Blicke auf große Affen und andere kleinere Tiere erlaubte.

Wiederrum eine ganz andere Welt stellte dann das Bummeln durch die kleinen Geschäfte des Orts mit Skihütten-Charme, sobald die Sonne herauskam, dar. Anschließend machten wir es uns in einem schönen Café gemütlich und genossen den Fakt, einfach Zeit zu haben und stundenlang reden zu können. Abends besuchten wir noch die einzige Bar der Umgebung, in der aber im Gegensatz zum folgenden Weihnachtsabend ernüchtern wenig los war.

Nach einem ausgiebigen Weihnachtsfrühstück mit Ei, Toast, viel Obst und Milchshakes sprachen wir mit Familie und Freunden zuhause, schaukelten in den Hängematten und aßen Nachos in einem nahegelegenen Restaurant, wobei wir intensive Gespräche über die Zukunft und das Verständnis von Werten in der modernen Welt führten. Richtig gemütlich wurde es am Abend, als alle im Hostel kochten und wir mit zwei Kanadiern Karten spielten. Einer der beiden, der Künstler ist, legte uns des Weiteren Tarot-Karten, bevor wir mit allen Hostelgästen und auch mit einigen Einheimischen den Weihnachtsabend ausgelassen tanzend verbrachten.

Am nächsten Morgen fuhren wir mit Boot und Kleinbus weiter nach La Fortuna. Noch etwas müde vom Vorabend würdigten wir die Sicht auf den Vulkan leider zu wenig, denn wie sich herausstellte, kommt es selten vor, dass dieser nicht zur Hälfte im Nebel verschwindet. Außerdem hatten wir das Glück zwei Faultiere am Straßenrand zu sehen, bevor wir mit einem Schweizer und einem Kanadier zu den famosen Hot springs gingen und dort über vier Stunden im angenehmen Thermalwasser dümpelten und von Einheimischen in lustige Gespräche verwickelt wurden.

Nach nur einer Nacht dort brachen wir am nächsten Morgen auf zu einer langen Reise nach Tortuguero. Wie lange diese tatsächlich werden würde wussten wir zu diesem Zeitpunkt glücklicherweise noch nicht. Da wir widererwartend über San José fahren mussten, war es uns nicht mehr möglich das letzte Boot in den Nationalparkt zu erreichen, welches bereits um vier Uhr nachmittags gefahren wäre. Ein wenig planlos „strandeten“ wir somit in irgendeiner Kleinstadt ohne Hostels. Am Busbahnhof fragten wir deshalb etwas naiv nach einer Übernachtungsmöglichkeit. Zu unserer großen Freude fand sich ein Hotel, das ohne unseren finanziellen „Backpacker-Ruin“ zu verursachen, den Luxus eines Einzelzimmers bot, den wir auch redlich genossen.

Im Morgengrauen ging es dann weiter nach Tortuguero. Während der Fahrt mit dem Boot sahen wir Krokodile, Faultiere und Echsen und wurden von einem Kuh-Transport überrascht. In dem sehr überschaubaren Dorf angekommen, gönnten wir uns zunächst einen vegetarischen Burrito und stöberten durch die Läden, bevor der Regen einsetzte und wir den Nachmittag Podcast hörend, lesend und Platanos futternd verbrachten.

Besonders lecker war am Folgetag das Frühstück bestehend aus Müsli mit saftiger Ananas und Melone. Trotz des Regens unternahmen wir einen Strandspaziergang im Bikini auf der Suche nach schlüpfenden Schildkröten, die wir allerdings leider nicht zu Gesicht bekamen. Zum Ausgleich machten wir Yoga am Strand und tranken später einen leckeren Kaffee in einem Buddha-Café mit Flussblick. Dort hatten wir Gelegenheit genug den Wert von Freundschaft im Allgemeinen und unserer im Besonderen zu reflektieren und über die ausufernde Mediennutzung heutiger Generationen zu sprechen. Bei guter Musik und dem beruhigenden Geräusch des Regens kochten wir abends eine leckere Gemüsepfanne und kamen nicht umhin zu realisieren, dass all die Dinge, die vor uns liegen, eine enorme Vorfreude in uns hervorrufen und wie dankbar wir für unsere weitreichenden Möglichkeiten sind.

Am nächsten tag fuhren wir weiter nach Cahuita. Während der Fahrt hörte ich einen Podcast über Hannah Arendt, der mich sehr inspiriert und mich ein weiteres Mal in meinen Studienplänen bestärkt hat. Da ein Sturm das Meer sehr aufgewühlt hatte, verweilten wir nicht allzu lange am Strand und genossen stattdessen Bananenmilch und Wraps im stilvoll eingerichteten Hostel. Je weiter die Reise fortgeschritten war, desto ruhiger und entspannter ließen wir es angehen. Wir verbrachten unsere Nachmittage lesend in einem sehr schönen Café, dessen leckeres Brot mein plötzlich einsetzendes und völlig unbegründetes Verlangen nach Brezeln am ehesten befriedigen konnte. Das gemütliche Nichtstun war sehr erholsam-, außer lecker zu kochen, Säfte zu trinken, stundenlang zu quatschen und zu lesen taten wir wenig.

Unser vorletzter Stopp -Puerto Viejo- mit seinen süßen Lädchen, veganen Bars und Surfshops bot Gelegenheit zum Schlendern und Stöbern, bevor wir den Silvesterabend mit den anderen Leuten aus der Unterkunft einstimmten und schließlich auf einer Strandparty wild tanzten, dem Feuerwerk zusahen und jede Menge lustige Bekanntschaften machten. Die folgenden Tage in Puerto Viejo verbrachten wir überwiegend am Strand des türkisblauen Karibikmeers, wo wir wahlweise Surfer beobachteten oder uns im Wasser treiben ließen. Außerdem lernten wir diverse Leute mit den verschiedensten Nationalitäten kennen und probierten Varianten der populären Empanadas und eine Pizza in Gestalt eines Eises.

Unseren letzten Halt legten wir in Uvita ein. Auf der Fahrt dorthin machten wir auf der einen Seite die Erfahrung von einem hinterlistigen Taxifahrer, auf der anderen Seite aber wurden wir inspiriert von der Hilfsbereitschaft und Selbstlosigkeit in Form eines Mannes, der sich unserer annahm, als wir leicht desorientiert und aufgewühlt aus dem Taxi stiegen, dessen Fahrer wir so dringend loswerden wollten. In Uvita überkam uns dann erst recht ein Camping-Flair. Der Strand war nur bei Betreten vor sieben und nach vier Uhr kostenlos, sodass wir nach Joggingrunden oder Yoga-und Fitnesseinheiten am Morgen, den Tag lesend und Musik hörend verbrachten, bevor wird den spektakulären Sonnenuntergang in Pastelltönen auf dem walflossenförmigen Teil des Strandes genossen und zu Abend aufwendigere Gerichte kochten.

Der Abschied in San José nach einer letzten gemeinsamen Übernachtung fiel uns unglaublich schwer. Nachdem ich im Hinblick auf meine Gelassenheit kurz vor Abflug nochmal auf die Probe gestellt wurde, da ich zum falschen Flughafen gebracht wurde und daraufhin im Eiltempo durch die Stadt zum richtigen Abflugort gelangen musste, hatte ich endlich Zeit, die Gedanken und Gefühle sacken zu lassen. Mir ist wirklich klar geworden, wie glücklich ich mich schätzen kann, so eine Freundschaft haben zu dürfen und wie zuversichtlich ich nicht zuletzt dank toller Menschen in meinem Umfeld auf die Zukunft blicke.

Im Flugzeug hörte ich mir dann portugiesische Musik an und diskutierte mit meiner Sitznachbarin über Weltpolitik, sodass in Bezug auf Brasilien so etwas wie Heimatgefühle entstanden sind, vor allem als ich abends bei meiner Gastfamilie erschöpft ins Bett gefallen bin.

Liebe Grüße und bis bald 🙂

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