O Brasil dentro de mim

Dass Brasilien inzwischen zu einer zweiten Heimat für mich geworden ist, wurde mir nach meiner Rückkehr aus Costa Rica in vielerlei Hinsicht bewusst. Besonders bezeichnend war in diesem Sinne die Tatsache, dass sich alle Leute, die mir hier wichtig geworden sind, bei mir meldeten, nach einem Treffen fragten. Bei mir stellte sich buchstäblich ein Gefühl des Angekommen-Seins und der Zufriedenheit ein, als so viele nette Nachrichten am Morgen nach meiner Ankunft auf mich warteten und ich realisierte, dass ich mir im Laufe der letzten Monate einen stabilen brasilianischen Freundeskreis aufgebaut habe, was mich natürlich unweigerlich an das Land und seine Gesellschaft bindet und es mir ermöglicht, meinem Umfeld auf Augenhöhe zu begegnen.

So traf ich mich beispielsweise mit Santi, Pedro und einem weiteren Bekannten zum Abendessen in einem leckeren Restaurant im Pátio Savassi. Viel zu erzählen hatten wir uns allemal, nachdem wir uns gut einen Monat nicht gesehen hatten. Während wir leckere panierte Zwiebeln aßen, berichteten wir uns von unseren jeweiligen Reisen, schmiedeten Pläne für meinen Geburtstag und sprachen über die bevorstehende Studienzeit.

Ein anderes Mal besuchte ich meine Freundin Ana Rachel. Wir hatten uns vorgenommen pao de queijo zu backen. Da ich von einigen Zutaten zum ersten Mal hörte, war ich dementsprechend neugierig sie kennenzulernen. Dass Maniok in Brasilien den Stellenwert der Kartoffel in Deutschland einnimmt und somit allgegenwärtig in der kulinarischen Szene ist, war mir bereits bekannt. Aber die Vielzahl an Verwendungsmöglichkeiten, beziehungsweise Produkten überrascht mich jedes Mal aufs Neue. Aus zwei verschiedenen Typen Maniokmehl (polvilho), Eiern, Milch, Butter und einheimischen Käsesorten bereiteten wir den Teig vor. Während dieser kalt gestellt wurde, sind wir in einem nahegelegenen Kilo-Restaurant zu Mittag essen gegangen und haben uns dabei ausführlich über unsere Ferien ausgetauscht. Da auch sie ein Studium in Deutschland anstrebt, unterhielten wir uns ebenfalls über Lebenshaltungskosten, Ernährung, Wohnmöglichkeiten, Freizeit und nicht zuletzt über den Vorbereitungskurs des Goethe-Instituts, bei dem ich meine Freunde unterstützen werde. Gegen später besuchten wir Ana Rachels Großmutter und halfen ihr beim Herstellen von „brigadeiros“, kleinen, pralinenähnlichen Süßigkeiten. Während des Einrollens und Dekorierens hörten wir ihren Reisegeschichten und Ausführungen über Politik zu, sodass sich bei mir ein gemütliches Oma-Gefühl einstellte, vor allem da sie uns immerzu Essen und Trinken anbot.

Wieder bei Ana Rachel zuhause, zeigte sie mir ihr Schwimmbad, das ich jederzeit besuchen könne und ihre Oma half uns beim Rollen der pao de queijo. Währenddessen unterhielten wir uns über die bevorstehende Reise der Oma nach Deutschland und Polen. Am Abend genossen wir das duftende Gebäck und Süßkartoffel-Pfannkuchen. Diesen Tag in einem heimelig-familiären Umfeld habe ich sehr genossen. Es erstaunt mich bis heute noch, wie einfach es in der brasilianischen Gesellschaft für mich ist, aus Fremden Freunde oder gute Bekannte werden zu lassen und mich wirklich wohlzufühlen.

Aber auch in meiner derzeitigen Gastfamilie fühle ich mich geborgen. Abends sitzen wir oft lange zusammen, sprechen über tagespolitische oder gesellschaftliche Themen und hören Musik. Auf diese Weise habe ich schon viele tolle brasilianische Lieder kennengelernt. Meine persönliche Playlist bei Spotify wird derzeit von portugiesischer Musik dominiert, wobei trotzdem Lieder in allen sechs Sprachen, die ich mehr oder weniger spreche, vertreten sind.   Mit meiner Gastschwester Carol war ich außerdem zu Besuch bei ihrer Großmutter. In deren Schwimmbad kühlten wir uns ein wenig ab, genossen aber gleichzeitig die Sonne und sprachen über Partys, die Schulzeit und Reisen, bevor wir lecker zu Mittag aßen und brasilianisches Fernsehen, inklusive Nachrichten schauten. Die Unterschiede der Nachrichtenformate in verschiedenen Ländern interessieren mich besonders, wobei ich auch hier in Brasilien überwiegend Podcasts höre, einfach weil die aktuellen Themen tiefgehender und ausführlicher besprochen und analysiert werden.

Eine besondere Erfahrung war des Weiteren das Meeting mit der Einladungskarten-Designerin zusammen mit Carols Familie. Anlässlich des 15. Geburtstags feiern die Mädchen der bessergestellten brasilianischen Familien große Feste, sinnbildlich für das Frau-Werden, oder aber sie unternehmen eine lange Reise. Was allein für ein Aufwand hinter den Einladungen steckt, hätte ich allerdings nicht erwartet. Professionelle Karten oder sogar ganze Bücher, personalisierte Deko, inklusive Bechern, Flip-Flops zum Tanzen, Lichtern und Gästebuch sind nur ein kleiner Ausschnitt des Vorbereitungsprozesses. Die Feste selbst beginnen meist erst gegen zehn Uhr, gehen bis spät in die Nacht und bieten Anlass genug zum Herausputzen und Stylen, wie es manche Frauen in Deutschland nicht einmal zu ihrer eigenen Hochzeit tun würden.

Nach dieser Begegnung mit einer neuen Welt, bildete die Ankunft von Finn am nächsten Tag einen umso größeren Kontrast. Es war an sich schon ein komisches Gefühl nach so kurzer Zeit wieder am Flughafen zu sein und dann nicht selber wegzufliegen, sondern jemanden aus Deutschland, meinem „Leben vor Brasilien“ zu empfangen. Trotz allem war das Wiedersehen wunderschön. Nach all den Monaten, die wir getrennt voneinander gelebt hatten, war es wirklich surreal im Bus nebeneinander zu sitzen und Brezel zu essen, die Finn mitgebracht hatte.

Netterweise hatte meine alte Gastfamilie angeboten, dass Finn bei ihnen wohnen kann. Besonders der erneute enge Kontakt mit ihnen war für mich sehr schön, nach all den Erinnerungen an die gemeinsamen drei Monate. Während Finn auspackte, hatte ich Gelegenheit mich gemütlich mit ihnen zusammenzusetzen und über die Ereignisse der vergangenen Wochen zu sprechen. Dabei merkte ich nicht nur, dass sich mein Portugiesisch seit dem letzten Kontakt mit ihnen wesentlich verbessert hat, sondern auch, wie wohl ich mich bei ihnen fühle. Haroldo, mein letzter Gastvater half uns außerdem noch bei einem Problem mit Bustickets, bevor ich Finn den „Praca da Liberdade“ zeigte. Dort setzten wir uns in die Nachmittagssonne und sprachen über unsere Studienpläne, beziehungsweise deren Vereinbarkeit. In meinem Lieblingscafé genossen wir einen leckeren Saft und tauschten uns weiter aus, schließlich hatten wir trotz etlicher Telefonate einiges aufzuholen, denn die virtuellen Gespräche sind wirklich nicht mit dem direkten Austausch und echtem Augenkontakt zu vergleichen.

In den folgenden Tagen zeigte ich Finn alle sehenswerten Orte der Stadt und führte ihn in die kulinarischen Besonderheiten der brasilianischen Küche ein. Acaí und die berühmten Kilo-Restaurants durften dabei nicht fehlen. Dass Acaí nicht wie ein chemisch-violetter Bananen-Muffin schmeckt und, dass es unzählige Gemüse- und Obstsorten gibt, die man in Europa nicht kennt, davon war er schnell überzeugt. Abends kochten wir trotz aller brasilianischen Leckereien eher europäisch, vor allem da ich Brot, Suppe und einfache Nudeln wirklich vermisste. Wir besuchten den „Mercado Central“, genossen dort die Vielzahl an frischem Obst und Gemüse, die Nüsse, Gewürze, den Käse und leckeres Brot.

Dieses Bild aus einem schönen Kilo-Restaurant kann ich leider nicht drehen.

Ausgestattet mit ungesüßtem Kakao, Käse, Walnussbrot und Melone machten wir uns am Tag darauf auf zu einer kleinen Wanderung zu und im „Parque das Mangabeiras“. Auf dem Weg nach oben wurde es zunehmend frischer, aber als wir angekommen waren, klarte der Himmel glücklicherweise auf. Den Großteil der Anlage, inklusive Sportplätzen, Picknick-Plätzen und Spielecken kannte ich bereits von meinen letzten Besuchen, die Aussichtsplattform, auf der wir picknickten war aber auch für mich neu. Wie sich herausstellte, sind sogar große Teile des Geländes derzeit gesperrt. Die Ausmaße dieses Naturparks, der nur wenige Minuten vom Stadtkern entfernt liegt, begeistern mich jedes Mal aufs Neue. Bei schönstem Wetter machten wir es uns auf der Holzplattform bequem, die Serra auf der einen Seite und auf der anderen Seite die Stadt. Ein Geier gesellte sich zu uns während wir uns das Vesper schmecken ließen.

Auf dem Rückweg machten wir noch einen Abstecher zu einem anderen Aussichtspunkt, der einen einmaligen Blick über ganz Belo Horizonte bietet.

An einem der Abende waren wir des Weiteren zu der Geburtstagsfeier einer Freundin eingeladen. Nachdem wir feststellen mussten, dass Uber die Adresse meiner Gastfamilie nicht zuordnen kann, kamen wir etwas verspätet mit dem Taxi zur Bar. Wir hatten einen schöne Zeit bei spannenden politischen Gesprächen, Billard und Karaoke, wobei wir Caipirinha tranken und Finn Maniok und Pastel zu probieren gaben.                                                                                  Ebenso wie bei einem Treffen mit einer anderen Freundin zum Acaí- Essen fühlte ich mich an diesem Abend trotz des Spaßes, den ich mit Finn zusammen hatte, tief in mir unzufrieden und in meiner Freiheit eingeschränkt. Als wir dann beim Schlendern über die „Feira Hippie“ am Sonntag wiederholt auf Englisch angesprochen wurden, ist bei mir ein Prozess der Selbstreflexion angestoßen worden, der seit Finns Ankunft im Unterbewussten gearbeitet hatte und erst nach unserer Reise nach Búzios einen Abschluss fand. Im „Parque Municipal“, der mich immer auch an den New Yorker Central Park erinnert, setzten wir uns nach einem Spaziergang mit großer Distanz trotz physischer Nähe an einen See, um uns mit unseren Gefühlen auseinanderzusetzten. Einerseits bereitete es mir große Freude, mein neues Umfeld, die Stadt zeigen zu können und ich wusste, wie wichtig es war, dass Finn meine Freunde kennenlernt, um sich eine Vorstellung von meinem Leben hier machen zu können. Denn das kann helfen die Distanz beim Telefonieren zu reduzieren. Im Hinblick auf die weiteren sechs Monate war es also von höchster Wichtigkeit, dass er mich hier besucht. Auf der anderen Seite fühlte ich mich durch die Präsenz von Deutschland in Form von Finn gehemmt und irgendwie gefangen in mir selbst. Auch die Tatsache, dass ich plötzlich als Touristin wahrgenommen wurde und mit meinen Freunden Englisch sprechen musste, störte mich mehr als ich es erwartet hätte. Bereits auf dem Vorbereitungsseminar im Beziehungs-Workshop wurde uns von solchen Situationen berichtet und geraten, sich gegenseitig Zeit zu lassen und am besten gemeinsam neue Orte zu entdecken, damit sich der eine Partner nicht wie ein außenstehender Beobachter des neuen Lebens des anderen fühlt.

Das taten wir dann auch, als wir zusammen nach Búzios im Bundesstaat Rio de Janeiro aufbrachen und uns gegenseitig Raum gaben, um uns wieder aneinander zu gewöhnen und Brücken zwischen verschiedenen Lebenssituationen und Entwicklungsstufen zu bauen. Das Gefühl in einer Art Transitzustand zu sein legte sich während der Zeit am Meer, kam aber bei unserer Rückkehr wieder auf und führte zu einer sehr intensiven Auseinandersetzung mit diesem Thema. Unsere Reise nach Búzios begann mit der Busfahrt zur „rodoviária“, dem Busterminal. Zunächst verpassten wir den Ausstieg und mussten noch etwas verschlafen durch ein weniger gut gestelltes Viertel laufen. Am Busbahnhof angekommen unterhielt ich mich mit einem älteren Herrn, wobei ich innerlich wieder einmal darüber schmunzeln musste, wie schnell und einfach solch schöne Gespräche dank der Offenheit und Wärme der meisten Brasilianer entstehen können. Während der kommenden 10 1/2 Busfahrt dösten wir vor uns hin, hörten Podcasts oder Musik, redeten und aßen unser mitgebrachtes Vesper.

In Cabo Frio angekommen fragten wir uns zunächst durch, bis wir den richtigen Bus nach Búzios fanden. Den Ausstieg dort erkannten wir auch nur durch die Hilfe von Einheimischen, aber nach einer kurzen Taxifahrt kamen wir ein wenig erschöpft endlich im Ferienhaus der Gastfamilie an. Die vielen Häuser der Anlage gehören allesamt einem Verwandten meiner Gasteltern, der uns genauso wie die anderen Anwesenden freundlich empfing. Nach einem kleinen Snack fielen wir erschöpft in die Betten, waren aber schon gespannt, was uns bei Sonnenaufgang erwarten würde.

Am nächsten Vormittag hatten wir Gelegenheit genug uns umzuschauen und kamen angesichts des uns umgebenden Luxus zu dem Schluss, wie in einem 5-Sterne-Hotel zu hausen. Wieder einmal war ich überaus dankbar dafür, was ich in Brasilien dank der Gastfamilien erleben darf. Gleichzeitig bot dieses Luxus-Leben wie schon so oft Anlass zur Reflexion über die ungleiche Verteilung von Vermögen, das nebeneinander von bitterer Armut und protzendem Reichtum. Im Rahmen meines Alltaglebens bin ich weiterhin in der Blase des Wohlstands scheinbar abgeschirmt von anderen Lebensrealitäten. Es liegt an mir, Raum für Begegnung und Auseinandersetzung mit Menschen aus prekären Realitäten zu schaffen. In dieser Hinsicht plane ich ein Treffen mit einer Aktivistin aus peripheren Gegenden, möchte im Rahmen meines Freiwilligenprojekts eine Art Reportage über das gesamte Gesellschaftsbild Brasiliens schreiben und dabei jene Menschen zu Wort kommen lassen, die mir tagtäglich begegnen, die durchaus Sichtbar im Stadtbild sind, wenn man nicht bewusst wegsieht.

Gegen Mittag fuhren wir mit dem Boot des Gastgebers Andre hinaus aufs Meer. Wie sich herausstellte, hat dieser weitgereiste Mann schon viel von Deutschland gesehen, ist sogar gut mit zwei Deutschen befreundet, die mit Fahrrad und Segelschiff die Erde umrundet haben, weil er zeitweise Teil deren Crew war. Wehmütig erzählte er uns von den Zeiten, als die Landschaft noch unbebaut war. Die mit luxuriösen Häuser und Villen zugepflasterten Hängen und von Sonnenschirmen bedeckten Strandabschnitte stellten einen starken Kontrast zu den naturbelassenen Felsen weiter außerhalb dar. Diese Landschaft, geprägt von mit mit Gräsern, hellgrünen Bromelien und dunkelgrünen Kakteen bewachsenen Hängen vor türkisblauem Wasser und von nistenden Vögeln bewohnt, war etwas ganz und gar Neues für mich und zog mich dementsprechend in ihren Bann. Nach der sonnenreichen Fahrt entlang der Küstenlinie und durch hohe Wellen, genossen wir das vergleichsweise kühle Wasser, bevor wir gegen drei Uhr zu Mittag aßen. In den kommenden Tagen lernte ich zu schätzen, wie problemlos die vegetarische Ernährung bisher funktioniert hatte. Das typische Mittagessen bestehend aus Reis, Bohnen, Farofa, verschiedensten Gemüsesorten und Obst zum Nachtisch bietet alle Nährstoffe einer ausgewogenen Ernährung. In dieser Woche gab es mehr als einmal Gerichte ohne vegetarische Beilagen, sodass ich trockenen Reis und Soya-Proteine aß, was aber nicht weiter schlimm war, denn aus meiner Schulzeit war ich ganz anderes gewöhnt. Drei Jahre lang jeden Dienstag den gleichen Kartoffelauflauf zu essen; selbst daran hat man sich gewöhnt.

An diesem Tag hat es geregnet, deshalb sah das Wasser weniger türkisfarben und glitzernd aus…

Wir verbrachten die folgenden Tage am Wasser oder gemütlich in Hängematten gekuschelt. Finn ist ein paar Mal mit dem Kayak herausgefahren, während ich die Bucht durchschwamm. Das stellte sich aber als weniger gute Idee heraus, da ich immer noch ein wenig angeschlagen war, sodass im Laufe der nächsten Tage nochmal alles rauskam. Infolgedessen habe ich viel gelesen oder Podcasts gehört, wahlweise auf Deutsch oder Portugiesisch und zu Themen aus Politik und Philosophie, oder ich schaute mit Finn die Serie „o mecanismo“, die auf wahren Begebenheiten rund um den Lava-Jato-Korruptionsskandal in Brasilien beruht. Auch das Buch „Ana Terra“ von E. Veríssimo, das ebenfalls auf einer realen Geschichte basierend die Widrigkeiten des Fazenda-Lebens vor allem aus Sicht der Frauen in Zeiten der ständigen Annexionskriege gesellschaftskritisch unter die Lupe nimmt, hat mir gut gefallen. Besonders weil ich der Geschichte Brasiliens beim Lesen anhand von einheimischen Werken näherkommen konnte, was aber angesichts der schwerverdaulichen Lektüre nicht immer leicht gewesen ist. Yoga, Billard, Frisbee mit Finns Hut und Flip-Flops über den Pool oder das Planen unserer Studienzeit füllten ebenfalls unserer Zeit. An einem Regentag brachte mir Finn des Weiteren Canasta bei und wir begannen eine Liste mit allen nötigen Möbelstücken und Gegenständen, die wir für unsere Wohnung brauchen werden. Das löste bei mir eine unglaubliche Vorfreude auf das Studium, Wollsocken, gemeinsames Kochen, gutes Brot, Freunde und Familie aus. Aber gleichzeitig will ich noch gar nicht richtig daran denken, denn jetzt bin ich hier und genieße die Zeit in Brasilien in vollen Zügen.

Einmal haben wir auch eine kleine Wanderung auf einen der umliegenden Hügel unternommen, von dem sich eine spektakuläre Aussicht auf benachbarter Felsen, das Meer und unzählige Kakteen bot. Auf einem schmalen Pfad durchquerten wir den tropischen Wald, der sich aber durch die Kakteen und vielen Bromelien deutlich von klassischen Regenwäldern abhob. Wir gelangten zu einer kleinen Bucht, wo wir uns alle abkühlten, bevor wir uns auf den Rückweg machten.

 

Ein lustiges Erlebnis war die improvisierte Untersuchung, die Carols Opa angesichts meiner Grippe in der Küche mithilfe eines Löffels unternahm. Dank dessen Medikamenten und durch den vielen heißen Kakao, den ich fortan getrunken habe, ging es mir zum Glück schon bald besser. Besonders süß finde ich, dass mich dieser Opa wie seine Enkelinnen zur Begrüßung auf die Stirn küsst. Anknüpfend daran konnten wir während unserer Zeit in Búzios auf besonderer Weise feststellen, dass die Auffassung von Familie in Brasilien im Allgemeinen einen sehr viel größeren Personenkreis umfasst, als ich das aus Deutschland gewohnt bin. Am Geburtstag der Gastgeberin war eine schier unüberblickbare Menschenmenge zu Besuch, wobei allein schon der Teil der Familie, der mit uns in den Ferienhäusern Urlaub machte, nicht an drei Händen abzuzählen war. Toll war an dieser Anzahl von Menschen allerdings das Gesprächspotential, das aus ganz verschiedene Wohnorten, Arbeitsplätzen und Erfahrungen resultierte. Generell stellte sich bei diversen Gesprächen heraus, dass der Großteil der Anwesenden irgendwelche wichtigen Posten besetzt.

Besonders viel über Brasilien habe ich im Austausch mit meinem Gastvater Gustavo gelernt. Dass Brasilien über 70% seiner Energie aus erneuerbaren Quellen, vor allem Wasserkraft bezieht, hat mich doch ein wenig überrascht. Wenn Deutschland oft als Vorreiter in diesem Bereich genannt wird, sollten wir uns als Europäer wirklich fragen, ob die Berichterstattung über weite Teile der Welt nicht dazu neigt, einseitig den Fokus auf die leider ebenso vorhandenen negativen Ereignisse und Strukturen zu richten, möglicherweise auch, um selbst in einem möglichst guten Licht zu erscheinen. Außerdem sprachen wir über das fehlende Bahnnetz und das Scheitern einiger Projekte des Wiederaufbaus, beispielsweise aufgrund von Vandalismus oder Korruption. Nicht weniger interessant waren seine Ausführungen über die Notwendigkeit von Guarani-Stunden im Ingenieurwesen. Wo heute ganze Straßen in Sao Paulo oder BH jedes Jahr aufs Neue überschwemmt werden, sogar in Rohre verlegte Flüsse den Teer aufsprengen oder wo der Flughafen von SP mit heftigen Stürmen und Starkregenereignissen zu kämpfen hat, wussten die indigenen Völker schon lange von den natürlichen Phänomenen, benannten die Orte gar nach diesen, was aber im Zuge des Überlegenheitsdenkens des modernen Menschen gerne überhört wurde. Jüngst machte sich die Kraft der Natur im Rahmen der starken Regenfälle in Minas Gerais bemerkbar. Zum Glück waren wir zu dieser Zeit in einem anderen Bundesstaat, den so viel hatte es in den letzten 110 Jahren nicht geregnet.

Abends waren Finn und ich ein paar Mal mit meiner Gastfamilie oder auch nur mit meiner Gastschwester und deren Cousine in der Innenstadt, die sehr touristisch geprägt ist. In der „rua das pedras“ grenzt ein Restaurant an das nächste oder wechselt Klamotten- oder Souvenirläden ab. Die geschützte Lage des alten Fischerdorfs in einer schönen Bucht, konnte dem Tourismusboom nicht standhalten und wird nun vor allem von Mineiros besucht, die in ihrem Bundesstaat über kein Meer verfügen. Bei leckerem Essen und einmal im Rock n Roll- Haus auch bei Live-Musik, führten wir nette Gespräche über das Schulsystem, Politik und Reisen.

Am letzten vollen Tag bin ich nochmal mit den Mädels auf dem Boot hinausgefahren. In einer benachbarten Bucht erkundeten wir eine von Meerwasser durchspülte Grotte und begegneten einer großen Meeresschildkröte vor einer malerischen Kulisse. Wieder einmal musste ich mir ins Gedächtnis rufen, dass das alles andere als selbstverständlich ist, dass ich am anderen Ende der Welt bin, auch wenn sich das Leben in Brasilien inzwischen ganz normal anfühlt.

Die Zeit in Búzios ist im Rückblick wie im Fluge vergangen.

Viel zu bald saßen wir wieder im Bus zurück nach BH, hörten Musik und Podcasts und genossen die vorbeiziehende Landschaft. Von den Unwettern war bei unserer Rückkehr, abgesehen von ein paar gesperrten Straßen nichts mehr zu sehen und am nächsten Morgen wachten wir bei strahlend blauen Himmel auf.

Am Vormittag bereitete ich einige Dinge für den Schulanfang vor und wir ergänzten unsere Wohnungsliste um weitere Details, bevor wir nach dem Mittagessen zwei Museen am „Praca da Liberdade“ besichtigten. An diesem Nachmittag ist mein Selbstreflexionsprozess erst richtig an die Oberfläche gekommen. Angefangen hat es mit der Tatsache, dass wir die Museen in zwei Stunden durchquert haben, in denen ich sonst jeweils mindestens acht Stunden verbracht hatte. Das war sicherlich vor allem der Sprachbarriere zu verschulden, aber trotzdem fühlte es sich in meinen Augen wie eine Abwertung meiner bisherigen Erlebnisse dort an, so als wären mir Teile meines neu gewonnenen Lebens in Brasilien entrissen worden. Natürlich wirkte dieser Museumsbesuch nur als Katalysator für tiefliegende Gefühle und Gedanken, die beim Acaí-Essen hinaufkatapultiert wurden und in unzähligen Worten Ausdruck fanden. Erst durch die Distanz zu Deutschland ist mir so einiges über mich selbst bewusst geworden und vor allem das „Einfallen“ von Deutschland in meine neue Welt, hat mich zurückversetzt fühlten lassen. Mir ist klar geworden, wie stark, unabhängig und frei ich mich durch die Erlebnisse der letzten Monate fühle, wie viel Selbstvertrauen ich dazugewonnen habe. Ich bin seit meinem ersten Tag in Brasilien mit der Einstellung „always be a beginner“, durch mein Leben gegangen, habe mir ganz neue Dinge zugetraut, ohne mir irgendwelche Gedanken zu machen, habe außerhalb der Leistungsgesellschaft, unterdrückte, extrovertierte Teile meiner vielschichtigen Selbst zugelassen, gerade weil ich die befreiende Erfahrung der Positionierung fern von jeglichen Zwängen, Erwartungen und Leistungsansprüchen erlebe. Hier in Brasilien fühle ich mich gesehen, wirklich wertgeschätzt für mein Tun und genieße die Tatsache, dass mich meine Freunde als „richtige, wilde Brasilianerin“ wahrnehmen, denn sie hatten kein einseitiges Bild einer guten Schülerin von mir, sondern haben mich als offene und erzählfreudige Person kennengelernt, die gerne mit ihnen weggeht, lacht, tanzt und die Eigenheiten des Landes erkundet. In einem Essay habe ich all das verarbeitet und mich danach wie schon so häufig durch den Schreibprozess erleichtert gefühlt. Ich werde alle neuen Teile von mir mit nach Deutschland bringen, mir nichts von meinen Gedanken und Einstellungen nehmen lassen, dafür bin ich hier viel zu glücklich und lebensfroh.

Mit Finn und meinem vorherigen Gastvater Haroldo war ich im Laufe der folgenden Tage bouldern, womit ich endlich das Versprechen eingelöst habe, Haroldo an seinen Lieblingsort der Stadt -die Kletterhalle- zu begleiten. Dort kamen wir mit einem jungen Brasilianer ins Gespräch, der mit uns über Umweltschutz und kulturelle Unterschiede sprach. Bezeichnend war wieder einmal seine Offenheit, die Selbstverständlichkeit mit der er anbot, wir könnten bei seinen Freunden in Rio wohnen, sollten wir jemals dorthin reisen – und das nach einer zehnminütigen Unterhaltung.

Am Abend sind wir mit Laura, Maria Luiza und einem weiteren Freund von ihnen zum „Mercado Novo“ gegangen. Wir schlenderten durch die alternativen Lädchen, zeigten Finn die leckersten Getränke und Snacks und sprachen viel über den bevorstehenden Karneval und politische Parteien.

Im Laufe des Abends sind wir in eine einfache Straßenbar mit Plastikstühlen und billigen Getränken weitergezogen. Dort tummelten sich unzählige Studenten, sodass auch wir einigen Freunden der Mädels begegneten. Bei Bier und Cachaca sprachen wir über die Notwendigkeit der Begegnungen auf Augenhöhe in einer globalisierten Welt, in der junge Leute aus aller Herren Ländern oft mehr gemeinsam haben, als mit der älteren Generation des Heimatlandes. Das Gespräch war ein lustiges dreisprachiges Experiment weil ich weiter Portugiesisch sprechen wollte, da ich tatsächlich mit dem Wechsel der Sprachen auch zwischen Einstellungen, beziehungsweise inneren Universen wechseln kann und ich mich zurzeit im Portugiesischen wohler fühle, zumindest solange, bis ich meine neuen Stärken ins „deutsche Denken“ übersetzten kann. Die Brasilianer sprachen deshalb unter sich und mit mir Portugiesisch, mit Finn Englisch und ich mit ihm Deutsch. Besonders freute mich an diesem Abend, dass meine Freunde zu dem Schluss kamen, ich sei eine Brasilianerin geworden und wir müssten Finn etwas davon mitgeben, was zu gegenseitigen Umarmungen und lieben Worten führte. Auf dem Weg zu dieser Bar führten wir noch zwei herzerwärmende Gespräche mit Obdachlosen, die unglaublich dankbar waren, gesehen zu werden. Da sie im Straßenbild leider keine Seltenheit sind, schenken ihnen die wenigsten Passanten Beachtung, behandeln sie wie Luft. Wir hörten uns ihre Geschichten an und erzählten ihnen von uns. Diese Begegnungen inspirierten mich dazu, Briefe mit netten Worten der Wertschätzung an die Menschen, die mir tagtäglich begegnen und die mit ganz anderen Lebensrealitäten zu kämpfen haben, zu verschenken. Gehört und als Mensch gesehen zu werden ist unglaublich wichtig, erst dann ist Kontakt in gegenseitigem Respekt möglich.

Ein anderes Mal haben Finn und ich das Stadtviertel Pampulha mit seinem großen See besucht. Nach einem langen Spaziergang in Flip-Flops und einem Picknick am Ufer stiegen wir unglücklicherweise in den Bus mit der falschen Fahrtrichtung und fanden uns eine halbe Stunde später in einem sehr benachteiligten Gebiet der Stadt wieder. Ermattet von der Sonne, ohne Essen und mit schmerzenden Füßen, fühlte ich mich wie erschlagen von dem Anblick, der sich uns bot. Man muss dazu sagen, dass das noch eine der besseren Favelas gewesen ist, denn die Busanbindung war ironischerweise regelmäßiger als in meinem Heimatdorf. Wie nichtig die eigenen Probleme plötzlich angesichts sich selbst verstärkender Armutskreisläufe und struktureller Benachteiligung erscheinen, die sich direkt neben uns offenbarten, ist vor allem im Hinblick auf einen kritisch-reflektierenden Umgang mit den eigenen Privilegien überaus wichtig und hat mir meine Augen weiter geöffnet, als das im Alltagsleben möglich ist.

In der darauffolgenden Woche hat der Unterricht wieder begonnen und zeitgleich habe ich erneut mit den Kursen im Fitnessstudio angefangen. Beim Tanzen konnte ich wieder voll aufgehen, aber auch das Yoga und Pilates haben viel Spaß gemacht. In der Schule habe ich zunächst einige Tage lang Alberts Unterricht begleitet. Ich habe den Schülern Texte vorgelesen, die Aussprache von neuen Vokabeln mit ihnen geübt, Hausaufgaben kontrolliert, beim Lösen von Aufgaben oder beim Erstellen von Plakaten unterstützt, Aufgaben mit ihnen an der Tafel korrigiert und Spiele mitgespielt.

Mittags habe ich dann Finn getroffen, habe mit ihm wahlweise Biscotti oder meinen Geburtstagskuchen gebacken, war mit ihm in Cafés, wo wir lange und tiefgründige Gespräche führten oder aber ich arbeitete an den Geschenken für Jannik und Finn.

Am Freitagabend waren wir anlässlich meines Geburtstags am Sonntag mit zwei Freundinnen in einer veganen Bar, haben viel gelacht und geredet und sind ein bisschen durch das Stadtviertel geschlendert, um andere beliebte Orte und Straßenzüge kennenzulernen. Am nächsten Tag feierten wir meinen Geburtstag mit einer anderen Freundesgruppe in der Spielebar „funtasy“. Der Abend war sehr lustig. Wir spielten verschiedene Gesellschaftsspiele, wobei wir über das Studium drei meiner Freunde in Deutschland sprachen und uns über kulturelle Feinheiten amüsierten. An meinem Geburtstag selber war ich morgens erst lange joggen, bevor Finn und ich mit meiner Gastfamilie gemütlich und ausgiebig frühstückten. Wirklich süß war, dass ich einen großen Käse als Kuchenersatz bekommen habe, da sie wussten, dass ich keinen Zucker vertrage. Außerdem gab es Vollkorntoast, Roggenbrot und pao de queijo und sie schenkten mir ein tolles Sport-Shirt. Auch von meinen Freunden habe ich wirklich besondere Geschenke bekommen, die bewiesen haben, dass sie mich schon sehr gut kennen. Von Ana Rachel habe ich beispielsweise ein selbstgemachtes Kochbuch mit brasilianischen Rezepten und einen lieben Brief bekommen. Den restlichen Tag verbrachten wir damit, Brezeln zu backen und es uns gemütlich zu machen.

Auch dieses Bild lässt sich nicht drehen, aber das macht nichts- der Käse war trotzdem lecker:)

Während Finn die nächsten vier Tage in Rio de Janeiro verbrachte, wo ich auch im April mit meiner Mutter hingehen werde, habe ich in der Schule Juliana vertreten, die zusammen mit Albert auf einer Fortbildung war. Im ersten Teil der Stunden führte ich eine Aktivität zum Thema Sprichwörter durch, wobei die Schüler die direkt übersetzten Ausdrücke verstehen und entweder interpretieren oder als Standbild, beziehungsweise in kurzen Szene darstellen sollten. Besonders mit den ersten beiden Klassen, die neu zur Oberstufe hinzugekommen waren und noch nie Deutschunterricht gehabt haben, war diese Aktivität lustig. Viele Lacher entstanden infolge ihrer Darbietungen von „Die Kuh vom Eis holen“, oder „Ich glaube mein Schwein pfeift !“. Im zweiten Teil führte wir eine Debatte über deutsche Kultur und ich beantworte ihre Fragen zu Deutschland. Des Weiteren erklärte ich den Schülern das politische System und unsere Parteienlandschaft, inklusive jüngster Ereignisse in Thüringen. Weiterhin unterstützte ich die Schüler beim Lösen von Revisionsaufgaben und nahm mir Zeit die vier Fälle ausführlich in Kleingruppen auf Portugiesisch zu erklären, was zu wirklichen Erfolgserlebnissen führte, sodass ein paar Mädels zu mir kamen und sagten: „So viel wie heute haben wir in den letzten fünf Jahren nicht begriffen!“. Diese Rückmeldung hat mich sehr berührt und es hat mir große Freude bereitet, solche Fortschritte mit anschauen zu können. In den verbleibenden Stunden sollte ich einen Film über Deutschland mit dem Titel „A Alemanha em nós“ zeigen. Nach dem fünften Mal hing mir die Darstellung deutscher Marken und das rein positive Bild meines Heimatlandes ein wenig zum Hals heraus, weshalb ich die Zeit während des Filmes mit Geschenke-Basteln überbrückte. Besonders der Unterricht in Klassen, in denen Freunde von mir sind, waren lustig weil ich mich einfach zu ihnen setzten und mit ihnen schwatzen konnte, wenn ich gerade nichts erklären musste. Schön war für mich auch zu sehen, dass einige Schüler großes Interesse am kulturellen Austausch, Politik und sogar an einem Auslandsaufenthalt in Deutschland zeigen, weshalb wir nicht selten auch noch nach der Stunde weitersprachen. Die Schüler sind meiner Meinung nach wirklich lieb und herzlich. Sie machen mir ständig Komplimente für meinen Style, mein Aussehen, mein Portugiesisch oder meinen Unterricht und umarmen mich, kreischen sogar auf dem Pausenhof, sobald sie mich sehen.

Nachmittags habe ich viele Podcasts gehört, mit Freunden telefoniert, mich mit einer Freundin zum Bullet Journaling oder zum Einkaufen von Karnevalskleidung verabredet. Außerdem war ich mit ein paar Freunden zu Mittag essen und habe einen Schülerin bei ihren Vorbereitungen auf die B1-Prüfung unterstützt.

In Zukunft werde ich in der Schule mit den 8.Klässlern eine Art Papiertheater zu verschiedenen Märchen basteln, einen Back-Workshop in den neunten Klassen anbieten, Spiele und Quizze mithilfe von Lern-Apps vorbereiten und durchführen, beim Korrigieren von Texten helfen und meine AG „Deutsch extra“ beginnen, in der ich je nach Interesse und Sprachniveau Spiele spielen, backen, kochen oder basteln werde. Außerdem werde ich Beiträge aus Zeitungen, Podcasts, Musik, Literatur und Film zu gesellschaftlich aktuellen Themen mit den Schülern behandeln oder offene Fragen aus dem Unterricht klären.

Am letzten Samstag wollten Finn und ich eigentlich in einem Naturpark mit Wasserfällen wandern gehen, aber leider hat er seinen Wecker verschlafen, sodass wir nochmal im „Parque das Mangabeiras“ spazieren gingen und die Sonne im weichen Gras genossen. Des Weiteren backten wir ein Bananenbrot für meine vorherige Gastfamilie als kleines Dankeschön für ihre Gastfreundschaft Finn gegenüber. Am Sonntag sind wir mit Maria Luiza auf eine Prä-Karneval-Veranstaltung einer linken Bewegung für niedrigere Preise im öffentlichen Nahverkehr gegangen. Zunächst sah es aus, als ob die traditionell konservative Polizei den „bloquinho“ verbieten wollte und es sammelten sich absurd viele Einsatzkräfte im Vergleich zu den vielleicht 30 Anwesenden, darunter viele Kinder. Letztlich konnte die Veranstaltung aber stattfinden und neben bekannten Liedern, deren Texte an die sozialen Forderungen der Bewegung angepasst und zum Teil von einem kleinen Mädchen gesungen wurden, spielte ein improvisiertes Trommel- und Rasselorchester verschiedene Rhythmen. Wir tanzten und sangen kräftig mit. Angesichts dieser Erlebnisse freue ich mich schon riesig auf den Karneval, der am kommenden Wochenende beginnt. Auch beim Tanzen im Fitnessstudio haben vorgestern die anderen Frauen gesagt, ich sei mehr als bereit für den Karneval und würde sehr schön tanzen.

Zuletzt habe ich vergangene Montag spontan eine kranke Lehrerin vertreten. In Windeseile habe ich ein Quiz mit Fakten über Deutschland erstellt, das ich mit den 6. und 7. Klassen gespielt habe. Weiterhin habe ich Unterricht gemäß des Lehrplans zum Thema Begrüßung und Zahlen bis 100, beziehungsweise Schulsachen gehalten. Das hat erstaunlich gut funktioniert und am Abend bekam ich sehr positive Rückmeldung von Albert, der meinte, ich sei einsame Spitze und im Sekretariat, im Kollegium und auch innerhalb der Schulleitung sei man sehr zufrieden mit meinem Engagement und stolz auf mich. Sie hätten sogar gefragt, ob ich nicht bleiben könne und in anderen Städten beneide man das CSA um mich. Diese Worte haben mich unglaublich gerührt und einmal mehr verdeutlicht, wie wichtig es ist, Portugiesisch zu sprechen, denn ohne die Landesprache hätte ich nur einen Bruchteil der Aktivitäten mit den Schülern durchführen können, vom Unterrichten mal ganz zu Schweigen.

Wie ihr vielleicht heraushören konntet, fühle ich mich wirklich sehr wohl in Brasilien, sehe mich in gewisser Hinsicht als Teil der Gesellschaft und blicke mit Vorfreude auf den Karneval, meine bevorstehenden Projekte und Workshops.

 

Liebe Grüße!

P.S.: Viele der hier benutzten Bilder sind von Finn 🙂

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.