A vida cultural

„Parabéns! Glückwunsch, wenn dich ein Deutscher zu sich nach Hause einlädt!“, berichtete ein Schüler neulich während eines Gesprächs über kulturelle Unterschiede beim Mittagessen, über seine Erfahrungen in Deutschland. Er reagierte damit auf meine Verwunderung darüber, dass mich eine junge Frau aus dem Fitnessstudio, die ich gerade mal zehn Minuten kannte, in ihr Restaurant eingeladen hat. Sie hatte mich beim Tanzen angesprochen und nachdem wir in den kurzen Pausen zwischen den Liedern Gelegenheit hatten, uns ein wenig kennenzulernen, hat sie mich mit den Worten: „Depois, vamos marcar um dia !“ verabschiedet. Auf dem Nachhauseweg fuhr sie mit heruntergelassener Scheibe an mir vorbei und rief mir winkend „Oi, Leah!“ zu.

Diese Offenheit und Gastfreundschaft ist mir zu diesem Zeitpunkt nicht zum ersten Mal begegnet, gleichwohl dauerte es seine Zeit, bis ich mich an die Umarmungen, Einladungen und zwanglosen Gespräche gewöhnte.

Vor Kurzem kam ich auf der Rückfahrt von der Universität im Bus mit einer Frau ins Gespräch, als wir uns beide stöhnend über die Hitze und den Stau beklagten. Eine gute halbe Stunde später, als sie ausstieg, hatten wir ein tolles Gespräch über Bildungsungleichheit, Rassismus und Freiwilligenarbeit geführt.

Beim Stöbern in einem der vielen Läden mit nachhaltiger Mode sprach mich die Verkäuferin  auf meine Herkunft an. Wie sich herausstellte, arbeitet ihr Mann in einer deutschen Firma und würde gerne Deutsch lernen. Dies resultierte im gegenseitigen Austausch der Kontaktdaten und einer netten Unterhaltung.

Begegnungen wie diese, sei es in Cafés, Läden oder beim Sport, zaubern mir jedes Mal ein Lächeln aufs Gesicht und regen mich zum Nachdenken darüber an, dass diese Art des gegenseitigen Umgangs unglaublich wertvoll ist, dass diese Art der aufgeschlossenen und ehrlich interessierten Begegnung die Essenz des Zwischenmenschlichen Kontakts, gar gesellschaftlicher Werte im Allgemeinen ausmacht.

Sonnenuntergang – ein kurzes Vergnügen in Regionen mit Äquatornähe

Um nochmal auf die kulturellen Unterschiede zurückzukommen, möchte ich an dieser Stelle von einem interessanten Erlebnis am letzten Sonntagabend erzählen. Gegen 18 Uhr war wie aus dem Nichts enorm laute Musik zu hören, die wie sich herausstellte, von einer Überraschungsparty auf der Straße stammte. Aus dem Fenster konnten wir ein Auto mit Blinklichtern und Stereoanlage im Kofferraum, umgeben von einer Menschenmenge, die einem Mann mit Mikrofon lauschte, beobachten. Es ist nicht übertrieben wenn ich sage, dass man die Musik und die Rede noch drei Häuserblocks weiter gut hätte hören können. Meine Gasteltern meinten dazu nur kopfschüttelnd, dass viele Brasilianer wenig Rücksicht nähmen, wenn es um den eigene Spaß ginge und, dass diese Art der Geburtstagsüberraschung doch längst „fora da moda“ sei.

Ich konnte über diese Situation eigentlich nur lachen, vor allem wenn ich daran dachte, wie schnell in meinem Heimatdorf eine Beschwerde wegen Lärmschutz eingereicht geworden wäre. Nach einer halben Stunde waren wohl alle Anwohner erleichtert, endlich wieder ihre Ruhe zu haben, nicht zuletzt da die Musik alles andere als geschmackvoll war.

Mit einer Gruppe besonders interessierter Deutschschüler habe ich mich inzwischen mehrmals getroffen und würde sie nun eher als Freunde bezeichnen. Mit einem Mädchen war ich in einem Freizeitpark im Stadtviertel Pampulha, das neben viel Grün auch über einen großen See, umgeben von vielerlei Gebäuden mit kultureller Bedeutung verfügt.

Kirche, See und Fußballstadion im Stadtviertel Pampulha

Auch wenn die Boxautos, die Achterbahn oder Schiffschaukel eher für kleinere Kinder gedacht sind, besuchen viele ältere Jugendliche den Park und auch wir hatten unseren Spaß. Zwischendurch unterhielten wir uns über unsere Schulen, Klassenfahrten und Freunde und ich probierte das in Brasilien sehr bekannte Getränk „Guaraná“.

Vor ein paar Tagen war ich dann bei dieser Freundin zu Besuch. Während wir Tee tranken und Pao de queijo aßen, führten wir unser Gespräch über die Unterschiede der Schulsysteme, Bücher und kulturelle Gegebenheiten fort. Zu meiner großen Freude kann ich mich inzwischen mit meinen brasilianischen Freunden ganz normal auf Portugiesisch unterhalten. Zusammen haben wir auch einen Bananenkuchen gebacken, bei dessen Herstellung ich feststellen musste, dass brasilianische Rezepte für gewöhnlich keine Gramm- oder Milliliter-Angaben beinhalten, sondern stattdessen Mengenangaben in Tassen oder Löffeln angeben. Wir mussten deshalb ein wenig improvisieren, als wir das deutsche Rezept in Tassen-Einheiten umwandelten. Der Kuchen ist uns glücklicherweise trotzdem gelungen und beim gemeinsamen Pizzaessen mit der ganzen Familie kam ich erneut in den Genuss der Selbstverständlichkeit der Gastfreundschaft. Ein Verwandter der Familie ist Schwede. Da mir mein Ruf als Schweden-Liebhaberin vorauseilt, wurde ich sogleich für den Tag, an dem dieser zu Besuch kommt, eingeladen.

Auf dem Nachhauseweg – im Auto – lernte ich des Weiteren nicht zum ersten Mal die Sicherheitslage und die Freiheiten in Deutschland zu schätzen. Nach Einbruch der Dunkelheit, also gegen halb sieben, sollte ich laut Einheimischen, wenn es nicht unbedingt sein muss, nicht alleine durch die Straßen laufen, die tagsüber aber total sicher und unbedenklich sind.

Das Privileg auf der „richtigen Seite des Wechselkurses“ zu stehen bekomme ich vor allem in den Kilo-Restaurants zu spüren. Mit ein paar deutschlernenden Freunden und auch ein paar anderen Jungen des CSA war ich vorgestern zusammen essen. Wir hatten viel Spaß, probierten uns an Zungenbrechern in verschiedenen Sprachen, redeten über Politik und ich musste feststellen, dass einer der Jungs mehr deutsche Lieder kennt als ich. Trotz meines vollen Tellers kostete mich das Essen umgerechnet gerade einmal zwei Euro, was für mich natürlich toll ist. Wenn ich allerdings daran denke, dass mein Ansprechpartner am CSA mir erzählt hat, dass er aufgrund des schwachen Real nicht mit seiner Familie nach Deutschland fliegen kann und dass viele Produkte für alle Brasilianer spürbar teurer werden, dann wird mir die Ambivalenz meiner Situation und Position wieder einmal deutlich.

Mit einer anderen Freundin war ich letzte Woche auf einem großen Flohmarkt, der wöchentlichen „feira hippie“, der in einer der vielen am Sonntag für Autos gesperrten Straßen stattfindet. Wir schlenderten durch die nicht zu enden scheinenden Gässchen aus Ständen, die Schuhe, Schmuck, Kleidung, Essen und Kunstgegenstände anbieten.

Bummeln bei schönstem Wetter

Zwischendurch lauschten wir der Straßenmusik mit traditionellen Instrumenten und bestaunten tanzende Menschengruppen, die ihren Sonntag gutgelaunt genossen. Im angrenzenden Parque Municipal hörten wir noch einem Samba-Konzert zu und redeten über unsere Zukunftsträume.

Auf dem Weg zurück, bestückt mit einer Kette mit bunten Perlen, die für mich das lockere und unbeschwert scheinende Lebensgefühl Brasiliens symbolisiert, dachte ich schmunzelnd an die vielen Samba tanzenden Menschen in den Straßen zurück. Dieses Lebensgefühl spiegelt sich in meinen Augen auch in der Fähigkeit wider, trotz schwieriger Lebensrealitäten das Bunte ins Leben hereinzulassen. Der Weg zur Uni führt mich beispielsweise an ärmeren Vierteln mit schwerwiegenden sozio-politischen Problemen vorbei. Bäume, verziert mit Girlanden aus Plastikdeckeln oder Graffiti-Kunstwerke an den Wänden von Müllsammelstellen, die an den Umweltschutz appellieren, sind keine Seltenheit im Stadtbild.

Besonders gefallen haben mir die zahlreichen Parks Belo Horizontes. Neben dem Praca da Liberdade und dem Parque Municipal, die abgesehen von Spielgelegenheiten nicht selten kostenlose Kulturveranstaltungen zu bieten haben, hat es mir vor allem der Parque das Mangabeiras angetan.

Der an die Berge angrenzender Park bietet auf der einen Seite einen tollen Blick auf die Stadt, auf der anderen Seite erstreckt sich eine tolle Bergkulisse. Der Park ist vom Zentrum nur wenige Minuten entfernt, dank des Grüns, des Wassers, der Tiere, der Picknick-, Spiel- und Sportgelegenheiten kam ich mir aber ganz weit weg von der Stadt vor.

Als meine Gastmutter und ich den Park besucht haben, wurden wir von einem Sturm überrascht, sodass wir zwischen Böen aus rotem Sand zum Auto zurück sprinten mussten. Der Regen, der nun endlich eingesetzt hat und jeden Tag pünktlich um 16 Uhr beginnt, sorgt zum Glück dafür, dass das Stadtbild zunehmend grüner und der rote Sand durch Gras ersetzt wird.

Besonders interessant war auch der Besuch des Museums „Minas e Metal“. Die meisten Museen sind kostenlos, sodass diese stets gut besucht sind. Der Bundesstaat Minas Gerais ist bekannt für sein Reichtum an Bodenschätzen. Diese alle vereint in ihrer wortwörtlich funkelnden Pracht zu sehen, war wirklich beeindruckend. Die Ausstellung ist meiner Meinung nach außerdem sehr liebevoll gestaltet. Es gibt viel zum Anfassen und Ausprobieren und ein abwechslungsreicher Medieneinsatz sorgt für das Ansprechen aller Altersklassen.

Auch das Kultur-Kino, das vorrangig einheimische Dokumentarfilme oder Werke unbekannterer Regisseure und Produzenten zeigt, hat mir sehr gefallen. Ansonsten habe ich mein Herz an Acaí verloren. Mit „granola“ und Banane als Topping schmeckt die Smoothie-Creme einfach lecker 🙂

Aber auch viele andere einheimische Gerichte haben es mir angetan. In meinem Bullet Journal habe ich deshalb schon einige Seiten den brasilianischen Gerichten gewidmet. Trotzdem vermisse ich in der kommenden Vorweihnachtszeit ein wenig die Plätzchen-Kultur. Die gemütliche Weihnachtsstimmung in der Wärme hier will sich noch nicht so richtig einstellen. Aber ich bin gespannt darauf, wie hier Weihnachten gefeiert wird. Außerdem werde ich trotz der Hitze mit den Schülern backen und Weihnachtskarten basteln. Für mich ist das Wichtigste in der Weihnachtszeit das Zusammensein mit Menschen, die mir wichtig sind. Inzwischen habe ich hier auch einige solcher Menschen kennengelernt und ich freue mich schon besonders auf das Wiedersehen mit einer meiner besten Freundinnen aus Deutschland in Costa Rica, wo wir zusammen das Fest verbringen und natürlich das Land erkunden werden.

Eine Toleranzprobe der besonderen Art war für mich das Mitgliedertreffen des „Movimento dos Focolares“, zudem mich meine Gastmutter eingeladen hatte. Im Voraus habe ich mir die Zeitschrift der Bewegung durchgelesen. Viele spannende Artikel aus der ganzen Welt über Klimaschutzmaßnahmen und soziale Projekte hatten mein Interesse geweckt und ich war außerdem einfach neugierig darauf, so ein Treffen einmal mitzuerleben. Die Menschen dort waren unglaublich nett, haben viel mit mir gesprochen und sogar vorgeschlagen, dass ich ihre Kinder, die in meinem Alter seien, kennenlerne. Ich sollte mich dann auf Portugiesisch vor allen im Versammlungsraum vorstellen und wurde daraufhin von mehreren süßen alten Frauen umarmt. Danach hat ein junges Mädchen von einem sozialen Projekt erzählt, das Jugendliche auf der ganzen Welt involviert. Es wurde gesungen und die monatlichen Ziele vom Schutz der Menschenrechte und der Empathie hervorgehoben. Ich hatte während der gesamten Versammlung sehr ambivalente Gefühle. Einerseits haben mir die Projekte und Aktionen der Gruppe wirklich gefallen. Andererseits konnte ich mich mit der tiefreligiösen Motivation für ihr Handeln nicht identifizieren.

In Kleingruppen erörterten wir die Frage, wie die Mitglieder das „palavra da vida“ des Monats hinsichtlich der Weihnachtsbotschaft mittels Dekoration in die Praxis umsetzten können. Eine Frau berichtete dabei von einem Ereignis im Bus, als sie einem Studenten, der kein Geld mehr auf seiner Bus-Karte mehr hatte, half. Eine andere Frau erzählte von ihrer Freiwilligenarbeit mit Behinderten. Beide sprachen davon, dass der Heilige Geist ihnen in diesen Momenten nahe war und sie zum guten Handeln motivierte. Bei diesen Worten habe ich mich ein wenig unwohl gefühlt, habe mir aber auch in Erinnerung gerufen, dass Toleranz genau hier greift. Denn die Gruppe nutz ihren Glauben für Dinge, die einen Mehrwert für die Gesellschaft haben, genauso wie unzählige kirchliche Vereine und Organisationen einen wichtigen Beitrag zum gesellschaftlichen Zusammenleben leisten. Lediglich die Motivation für das Handeln unterscheidet mich als säkular orientierten Menschen von den Mitgliedern. Viele christliche Werte finden sich ja auch im weltlichen Moralkodex wieder, trotzdem werde ich nicht nochmal zu den Treffen mitgehen, denn das Gefühl irgendwie fehl am Platz zu sein, ließ mich nicht los.

Weiterhin möchte ich von einem tollen Ereignis am CSA berichten. Vorletzten Freitag fand das vom Goethe-Institut entwickelte Spiel mit dem Namen „Autobahn“ statt.

Am Donnerstag bekam das Helferteam aus älteren Deutsch-Schülern, Lehrern und mir das Spiel erklärt und wir bauten die verschiedene Stationen, die nach deutschen Städten benannt sind, auf. Ziel des Spiels ist neben Spaß vor allem der Kontakt mit der deutschen Sprache und Kultur. Abgesehen von den vierzehn Städte-Stationen gibt es die Polizei-Station, die die Reisepässe an die Spieler verteilt und die Punkte zusammenzählt, beziehungsweise die „abgefahrenen“ Distanzen ermittelt, um am Ende ein Gewinner-Team küren zu können.

Am Freitag haben wir das Spiel dann zwei Mal mit den Fünftklässlern, die jeweils am Morgen oder am Nachmittag Unterricht haben durchgeführt. Zunächst wurden auch ihnen die Spielregeln erklärt, bevor ich ihnen die Pässe und ein Schlüsselbund mit Hilfsmitteln ausgeteilte und ihnen ihre Anfangsstation mitgeteilt wurde.

An den verschiedene Stationen warteten interaktive Aufgaben auf die Schüler, die Teamgeist erfordern. In Stuttgart mussten die Gruppen beispielsweise mit verbundenen Augen ein ferngesteuertes Auto durch einen Parcours bewegen, in Hamburg mit Hilfe unzähliger Fanartikel ein Bild deutscher Fußballfans inszenieren und in Bremen sollten sie mit einem Walki Talki nach Deutschland telefonieren.

Ich für meinen Teil saß in der Polizei-Station und nahm die „Telefonate“ entgegen. Das hat für viele Lacher bei meinen Schülern und mir gesorgt. Eine der Fragen an mich war: „Wie heißt du?“. Die Schüler sollten die Fragen eigentlich auf Deutsch stellen, fragten aber meist trotzdem auf Portugiesisch und erwarteten wohl auch eine Antwort auf Portugiesisch. Ich antwortete allerdings auf Deutsch: „Ich heiße Sara.“, was bei ihnen für Verwirrung sorgte, sodass ich nicht selten zehnmal hintereinander den Satz wiederholen musste. Meine Freunde aus der Polizei-Station begrüßen mich jetzt immer mit den Worten „Na, wie geht’s Sara?“. Wenn die Schüler die fünf Stationen „abgefahren“ hatten, mussten sie den Pass gegen einen neuen austauschen und stets darauf achten, dass sie gemäß der Deutschlandkarte die größtmögliche Distanz zwischen den Städten wählen.

Die Schüler hatten große Freude am Spiel und bei der Siegerehrung, die auch das Öffnen eines Tresors beinhaltete, waren alle ganz gebannt. Das Spiel bietet meiner Meinung nach eine tolle Abwechslung zum normalen Schulalltag und ein – vielleicht zu – positives Deutschlandbild.

Dank eines Ausflugs mit einer Lehrerin zur Polícia Federal bin ich nun offiziell in Brasilien registriert und erhalte eine Art Personalausweis für Ausländer. Während wir auf meinen Termin warteten unterhielten wir uns über die Unterschiede zwischen dem Abitur und dem brasilianischen ENEM. Wie sich für mich herausstellte, kann ich mehr als froh sein in Deutschland meinen Abschluss gemacht zu haben, denn das brasilianische Pendant zum Abi besteht aus 180 Multiple-Choice-Fragen aus allen Fächern und lediglich einer Schreib-Aufgabe. Bei dieser Art der Prüfung hätte ich ganz bestimmt schlechter als in Deutschland abgeschnitten, für andere Schüler ist dieses Modell aber sicherlich gut. Ich freue mich jedenfalls, das Abitur in der Tasche zu haben, bald Philosophie und Politikwissenschaften zu studieren und in der Zwischenzeit Brasilien entspannt genießen zu können.

Liebe Grüße!

 

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