Greve geral, Ouro Preto e muito mais

„Identität definiert sich eher über Konflikte und Dilemmata als über Übereinstimmungen“. Dieses Zitat von Harari aus seinem Buch 21 Lektionen für das 21. Jahrhundert passt meiner Meinung nach sehr gut zu den Erlebnissen der letzten Tage.

Anlässlich der geplanten Privatisierung öffentlicher Bildungseinrichtungen, sowie der Kürzung von Geldern im Sozialbereich, hat am 3. und 4. Oktober ein „greve geral“, ein Gerneralstreik an der UFMG stattgefunden.

Aufruf zum Streik

Bevor ich mir ein Bild von den Ergeignissen rund um den Streik machen konnte, war es mir wichtig, mich mit den Argumenten der Gegenseite, der Bolsonaro-Befürworter auseinanderzusetzten. In einer vernetzten Welt, in der globale Probleme globale Antworten verlangen (nach Harari, S.156), erachte ich es als sinnvoll, sich mit den Sorgen, Meinungen und Zukunftsvorstellungen anderer politischer Lager zu befassen, selbst wenn die eigene Meinung zu bestimmten Sachverhalten klar umrissen ist. Gerade dann ist es nötig, den anderen Meinungen zunächst mit Toleranz und Respekt zu begegnen, um einen Diskurs überhaupt erst zu ermöglichen.

Für mich war es eine interessante Erfahrung, mir die Position der Befürworter der Privatisierungen anzuhören, vor allem auch da ich diese Haltung nicht automatisch mit den betreffenden Personen in Verbindung gebracht hätte. Aufschlussreich war besonders, dass sich meine Gesprächspartner grundsätzlich für das Vorhandensein kostenloser Bildung ausgesprochen haben. Der Grund für ihre Unterstützung der Privatisierungsvorschläge liege lediglich darin, dass ihrer Meinung nach die Steuergelder, ihre Steuergelder, falsch angelegt wären. Viele Fakultäten seien chaotisch und sie hätten Sorgen bezüglich der Sicherheit der eigenen Kinder, sollten diese Universitäten wie die UFMG besuchen.

Für mein Dafürhalten war deutlich eine sehr persönliche Komponente herauszuhören. Die Zukunftssorgen auch im Hinblick auf die Korruption, derer sie müde seien, veranlasse sie dazu, auf Reformen, Änderungen und Umbrüche im System zu hoffen. In meinen Augen sind sie klassische Protestwähler. Dieser Eindruck wurde durch die Antwort „Gute Frage…“, auf mein Nachhaken, wie Bolsonaro gedenke, die tiefgreifenden Probleme wie das der Korruption zu lösen, bestätigt, wenn nicht noch verstärkt.

Sicher gibt es unter den Befürwortern Bolsonaros auch ganz andere Kaliber, Hardliner, doch diese sind im Allgemeinen die Ausnahme, denn um so erfolgreich sein zu können, muss die Politik des Präsidenten auch in der breiten Masse der Bevölkerung fußen.

Nun aber zu meinen Eindrücken vom Streik an der UFMG. Nachdem die Lehrerin des Sprachkurses es mit Verweis auf Demonstrationen und eine andere Atmosphäre an der Uni freigestellt hatte, den Kurs zu besuchen, war ich überrascht als ich mich auf einem vollständig ausgestorbenen Campus wiederfand. Mein Sprachkurs konnte unterdessen nur aus dem Grund stattfinden, dass er von einem bereits privaten Unternehmen (cenex) durchgeführt wird.

In der Ferne waren Geräusche hörbar, die auf eine Demonstration oder Kundgebung hinwiesen, von diesen habe ich aber auf dem Campus nichts mitbekommen. Stattdessen waren die anderen Kursteilnehmer und ich nahezu die einzigen Menschen in der Universität. Zu sehen waren allerdings eine Vielzahl an Plakaten und großen Werbepostern überall auf dem Gelände, die von den Zielen und Forderungen der Streikenden berichteten.

Forderungen der Bewegung

Eingebettet in eine landesweite Protestaktion gegen die Privatisierungsbestrebungen, möchten die Streikenden die Kürzung der Gelder der UFMG von 215 Millionen Real auf 150,5 Millionen Real, welche im jährlichen Haushaltsplan (Lei Orcamentária Anual = LOA) verankert ist, rückgängig machen. Des Weiteren setzten sie sich für soziale Ziele wie beispielsweise den Fortbestand von Arbeiterrechten und eine solidarische Behandlung von Arbeitslosen ein. Die genaue Ausgestaltung der Forderungen, ebenso wie die exakten Meinungen der Gegenseite sind aber zu komplex, als dass ich hier darüber berichten könnte. Ich bin allerdings sehr gespannt, was in Zukunft im politischen Diskurs passieren wird. Gleichzeitig werden mir auch an dieser Stelle meine Privilegien bewusst, denn ich kann hier als außenstehende Beobachterin meine Eindrücke reflektieren, ohne dass ich um meinen Studienplatz fürchten muss…

Apropos lernen. Sowohl in der Küche, als auch im Fitnessstudio erfahre ich ständig Neues, lerne dazu. Neulich wollte ich eines meiner Lieblingsrezepte- Couscous-Bällchen gefüllt mit Brokkoli und Käse- für meine Gastfamilie kochen. Ich hätte nicht gedacht, dass das Endergebnis so stark von dem mir bekannten abweichen könnte. Zunächst musste ich feststellen, dass es wohl verschiedene Arten von Couscous gibt, sodass ich es nun mit einer gelblichen Masse, die für mein Dafürhalten eher nach Polenta aussieht, zu tun hatte. Ebenso lernte ich, dass man diesen Couscous auch ganz anders zubereitet. In einem eigens dafür angefertigten Topf wird die Masse in ein Stofftuch eingewickelt und gart mit Hilfe von Wasserdampf. Am Ende hatte ich einen gelblichen Couscous-Kuchen vor mir, aber der war mindestens genauso lecker wie die Bällchen.

Die Kurse im Fitnessstudio sind nicht nur wegen der neuen Bewegungen interessant, sondern auch deshalb, da es eine bereichernde Erfahrung ist, einem Kurs auf einer Sprache zu folgen, die man noch nicht vollständig beherrscht. In Zeiten der weltweiten Migration und des unterbewussten Unterscheidens in fremd und eigen, erachte ich es als sehr wichtig, selbst einmal die Erfahrung zu machen, der oder die vermeintlich Fremde zu sein, um die Schwierigkeiten, mit denen sich Migranten konfrontiert sehen, auch nur ansatzweise nachempfinden zu können.

Egal ob beim Yoga, Pilates oder Tanzen hat, nachdem ich mich einfach auf die Erfahrungen eingelassen habe, der Kopfstand oder das sehr Hintern-betonte Tanzen Seite an Seite (oder besser Popo an Pop :D) mit der Lehrerin gut geklappt und hat zudem wirklich Spaß gemacht.

In der Schule verbringe ich gerade den Großteil der Zeit damit, Schüler auf den mündlichen Teil ihrer A2-Prüfung vorzubereiten. Dafür üben wir Dialoge, Fragen und Ausdrücke zu verschiedenen Themen des Alltags. Die Schüler, die dich auf diese Weise näher kennengelernt habe, sind ausgesprochen nett und ich bin jedes Mal aufs Neue erstaunt, wie motiviert und lebensfroh sie trotz all der harten Arbeit sind.

Einzeltraining im Klassenzimmer

Auf dem Pausenhof werde ich des Öfteren zu umherstehenden Grüppchen dazu gerufen, bekomme verschiedene Dinge zu probieren und soll mich an Zungenbrechern auf Portugiesisch versuchen. Inzwischen habe ich mich sehr gut eingelebt und der tägliche Handschlag mit dem Pförtner des CSA wird zum Alltag.

Weiterhin wurde ich gebeten, ein Interview zum Thema Plastikvermeidung für die Schülerzeitung zu geben. Zum Glück auf Englisch, denn über so komplexe Sachverhalte kann ich auf Portugiesisch leider noch nicht sprechen. Aber es hat mich sehr gefreut, dass das Interesse für den Klimaschutz auch hier zu wachsen scheint. Da ich in nächster Zeit mit einigen Schülern eigene Produkte herstellen werde, die gute Alternativen zu Plastik enthaltenden Produkten darstellen, war das Interview ein toller Einstieg in die Thematik.

Hier einige der Produkte, die ich verwende, um Plastik zu vermeiden

Rund um den Praca da Liberdade bin ich gerade dabei, gemütliche Cafés und andere interessante Orte zu erkunden. Bei Abendsonnenschein lässt es sich sehr gut in einem der Cafés mit stilvoller Einrichtung bei Cappuccino, Pao de queijo und einem guten Buch aushalten. Dabei komme ich aber auch häufig ins Grübeln darüber, wie gut es mir eigentlich geht, wie glücklich ich mich schätzen kann und dass das absolut nicht selbstverständlich ist. Denn letztlich ist es purer Zufall, wo man geboren wird. Umso wichtiger, dass Bewohner des globalen Nordens mit heutigen Privilegien verantwortungsvoll umgehen und darauf hinarbeiten, dass diese nach und nach weniger wahrnehmbar, weniger existent werden.

Neulich haben mich auch zwei kleine Äffchen im Baum daran erinnert, dass ich mich trotz meines Alltags hier, doch am anderen Ende der Welt befinde.

Auf der Fahrt nach Ouro Preto, einst größte Stadt Amerikas und ehemalige Hauptstadt des Bundesstaates Minas Gerais, wurde dieses Gefühl, weit weg von Europa, von Zuhause zu sein, wiederholt.

Sobald wir die Ausläufer Belo Horizontes hinter uns gelassen hatten, veränderte sich das Landschaftsbild. Ambitionierte Radfahrer begleiteten uns auf der gesamten Strecke von rund 80 Kilometern. Auch sie fühlten sich wohl, abgesehen vom Sportsgeist, von dem Blick auf eine erhabene Hügel- und Bergwelt angetrieben. Mich haben vor allem diese Weite, das schier endlose Grün, die spektakulären Felsen und die Vielfalt der Flora beeindruckt. Je weiter wir uns von Belo Horizonte entfernten, desto mehr „fazendas“ mit Kühen, die wie im Allgäu auf saftigen Wiesen grasen, tauchten auf. Im Gegensatz zum Trubel der Stadt, hat die Landschaft mit all den „florestas“, Hügeln, Tälern und Wasserquellen unheimlich beruhigend gewirkt. Innerhalb der 80 Kilometern auf der sehr kurvigen Straße, hat sich auch das Klima verändert. In Belo Horizonte sind wir bei annähernd 30 Grad und Sonnenschein losgefahren, in Ouro Preto sind wir dagegen bei Regen, dampfenden Wäldern und 19 Grad angekommen.

Blick auf Belo Horizonte

Kontrastprogramm zum Blick auf BH

Ouro Preto selbst liegt in den Bergen. Kleine, wirklich steile Gassen mit wunderbar bunten Häusern im Barockstil prägen das Stadtbild. Außerdem verfügt die Stadt über eine Vielzahl an Kirchen, Museen und Schmuck-und Edelsteinläden, die unter anderem Papageien aus mühevoller Handarbeit verkaufen. Das ist bestimmt nicht jedermanns Geschmack, aber die Vielfalt an funkelnden Steinen aus den Mienen der Umgebung sind auf jeden Fall einen Blick wert.

Neben einem gemütlichen Künstlermarkt haben wir das „Museu da Inconfidência“ besucht. Die Ausstellungsstücke reichen von religiösen Reliquien, über indigene Urnen, Möbel aus verschiedenen Jahrhunderten und Erinnerungsstücken an die Sklaverei, bis zur Geschichte der Auflehnung gegen die portugiesischen Besatzer.

Flagge des Bundesstaates Minas Gerais

Als wir das Museum verließen, erwartete uns strahlender Sonnenschein; das Wetter in bergigen Gegenden ist bekanntlich wechselhaft. In einem idyllischen Restaurant habe ich erfolgreich einen Ananassaft ohne Strohhalm bestellt. Ich glaube das war der beste Saft meines Lebens! Es wird mir auf jeden Fall enorm schwerfallen, auf die leckeren frischen Früchte verzichten zu müssen, wenn ich wieder in Europa bin.

Vor ein paar Tagen habe ich mit meinen Gasteltern einen Film von National Geographic über die Tier- und Pflanzenwelt Brasiliens geschaut, als es geklingelt hat und wir zur Taufe der Cousine meiner Gastschwester eingeladen wurden. In Buenópolis kann ich mich also nicht nur auf die Vielfalt an prachtvollen Pflanzen und Tieren freuen, sondern auch auf ein brasilianisches Familienfest.

Des Weiteren möchte ich in den nächsten Tagen die „brechós“, also die Secondhand-Läden Belo Horizontes, durchstöbern und im Café com Letras Kulturbeiträgen lauschen.

Liebe Grüße und bis bald!

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