A vida louca

Bereits im vergangenen September haben mir diverse Freunde aufgeregt vom Karneval im Februar erzählt. Ihrer Meinung nach sei das die beste Zeit des Jahres und die Inkarnation des brasilianischen Lebensgefühls.

In der Woche nach Finns Rückflug nach Deutschland war es endlich soweit. Am Freitagabend habe ich mich mit ein paar Freunden aus der Schule im Stadtviertel Savassi getroffen. Dieser Abend war ein geeigneter Einstieg und eine Vorbereitung auf die kommenden wilden Karnevalstage. Dort war eine Bühne auf einem umgebauten LKW installiert. Nachdem wir uns bei einem der Straßenverkäufer mit Getränken ausgestattet hatten, tanzten wir wild zu Funk-Musik. Da ich mich bisher nur im Fitnessstudio beim Tanzkurs so ausgelassen bewegt hatte war das Tanzen in den Straßen ein ganz neuer Level des Freiheitsgefühls. An diesem Abend habe ich außerdem viele Schüler von mir getroffen, was im ersten Moment ein wenig unangenehm war, aber letztendlich hat an Karneval jeder Spaß und tanzt selbstvergessen und gibt sich dem Gemeinschaftsgefühl der Masse hin. Mit Ana Rachel habe ich im Laufe des Abends ausgemacht, dass wir, sobald sie zum Studieren nach Deutschland kommt, den Deutschen zeigen, wie man in Brasilien tanzt. Darauf freue ich mich jetzt schon, denn leider mangelt es hierzulande an Gelegenheiten für so freies, wildes und körperbetontes Tanzen.

Am nächsten Morgen habe ich mich auf den Weg zu Maria Luiza gemacht, bei der ich während des Karnevals-Wochenendes geschlafen habe. Nach einem zweiten Frühstück machten wir uns gemeinsam mit ihrer Mutter fertig. Die Wohnung und Lebensweise der beiden gefiel mir sehr, denn sie waren nicht nur die erste Familie in Brasilien, die ich kennengelernt habe, die keine Hausangestellte eingestellt haben , sondern sie führen einen starken Frauenhaushalt und überall kleben Sticker linker Protestbewegungen.

Nachdem wir uns in unsere knappen goldenen Sonnen-Outfits geschmissen hatten, kam der spaßigste Teil der Vorbereitung: das Schminken mit viel Glitzer, welchen ich im Übrigen noch heute an Kleidungsstücken oder Taschen wiederfinde- ein Stück Erinnerung an eine einmalige Zeit. Zum Schluss kam noch Kopfschmuck, um das Outfit abzurunden. Nachdem wir ein paar Bilder gemacht hatten, fuhren wir mit einem Uber zum ersten „bloco“.

Bei leckeren Getränken und gutem Wetter tanzten wir hinter der  Musikergruppe, der sogenannten „bateria“ her, die sich in einer Art Straßenzug langsam vorwärts bewegte. Nach und nach stießen weitere Freunde von Malu dazu. Dank ihnen lernte ich ganz neue Getränke kennen. Eine selbst erfundene Mischung aus „Corote“ und einem Milchpulver für Babys wurde zum Hit-Getränk der folgenden Tage. In unseren bikiniähnlichen Outfits genossen wir die allgemein ausgelassene Stimmung, tanzen und lachten.

Als der „bloco“ an seinem Ende angelangt war, machten wir uns auf den Weg zum Mittagessen. Ich bekam einige nette Komplimente für mein Kostüm und eine freundliche Passantin meinte, dank mir würde sie Sonne an Karneval nicht untergehen. Es war wirklich ein tolles Gefühl in solch einem Aufzug herumlaufen zu können und sich nicht unwohl fühlen zu müssen, weil um uns herum alle genauso aussahen oder sogar nur mit beklebten Nippeln unterwegs waren.

In einer kleinen Bar in einem Wohnviertel aßen wir lecker und ruhten uns im Anschluss bei Pedro, einem Freund von Malu, im Garten aus, bevor wir zum zweiten „bloco“ aufbrachen, auch um einen anderen Freund von Malu davon abzuhalten, sich weiter peinlicherweise bei Pedro hemmungslos am Kühlschrank zu bedienen.

Der „bloquinho“ am Nachmittag war stark politisch geprägt. Ständig wurden Anti-Bolsonaro-Parolen gerufen, Fora-Bolsonaro-Flaggen geschwenkt oder Lieder der „restistência“ gesungen. Dazwischen wurde natürlich auch bekannte Musik zum Tanzen gespielt. Nette Anwohner bespritzten uns mit ihren Gartenschläuchen, was angesichts der Wärme eine willkommene Erfrischung war. Außerdem genossen wir zu diesem Zweck Acaí-Getränke.

Bei Malu zuhause angekommen versuchten wir uns vergebungslos von dem vielen Glitzer zu befreien, bevor wir erschöpft aufs Sofa fielen und über die politische Lage und linken Aktivismus in Brasilien diskutierten. Zum Abendessen gab es einen leckeren Salat und vegetarischen „quibe“. Mit Malus Mutter unterhielten wir uns angeregt weiter über Weltpolitik und Frauenrechte. Später im Bett hatte ich Gelegenheit die Erlebnisse des Tages Revue passieren zu lassen und kam nicht umhin, mit einem Lächeln auf den Lippen einzuschlafen, auch ein wenig stolz auf meine innere Entwicklung der letzten Monate, die nun deutlich sichtbar wurde und sich im ungehemmten Tanzen ausdrückte.

Am nächsten Morgen wiederholten wir den Vorbereitungsprozess des Vortags, diesmal verkleidete sich Malu als Kommunistin und ich wollte eigentlich nur einen silbernen Badeanzug mit einem Glitzer-Shirt darüber tragen, allerdings kamen Malu und ihre Mutter auf die Idee, ich solle doch ihren schwedischen Lieblingsfilm „Midsommar“ darstellen. Zu diesem Zweck gaben sie mir einen Blumenkranz, sodass ich ihrer Meinung nach wie eine stereotypische Schwedin aussah. Das störte mich wenig, im Gegenteil, ich freue mich immer wenn mich jemand für eine Schwedin hält, da ich dieses Land von Herzen liebe.

Zunächst fuhren wir zu Freunden von Malus Mutter. Die Wohnung dieses schwulen Pärchens hat mir unglaublich gut gefallen und zu Einrichtungsideen meiner ersten eigenen Wohnung inspiriert. Vor allem waren es aber die liebevolle Atmosphäre und der einfühlsame Umgang, die mich berührt haben. Nach und nach trafen weitere homosexuelle Freunde ein und Malus Mutter stellte mich ihnen stets als zweite Tochter vor, was einmal mehr für die Offenheit und Gastfreundschaft der brasilianischen Kultur spricht. Nachdem uns noch Chia-Pudding und Caipirinha angeboten wurden, fuhren wir zum „bloco“ in einer peripheren Gegend der Stadt. Um in den Park zu gelangen, der den Versammlungspunkt darstellte, mussten wir über Zäune klettern und durch Matsch stapfen. Nach und nach bewegte sich die Menschenmenge den Steilhang des Parks hinauf in Richtung Straße, sodass die erste halbe Stunde eher einer Kletterpartie zwischen Spinnen als einem Karnevalsumzug glich. Oben angekommen trafen wir wieder Malus Freunde und genossen die gute Stimmung. Zur Abkühlung tranken wir eisgekühlte Ananassäfte und wurden netterweise wieder von Anwohnern mit Wasser bespritzt. Besonders schön war zu sehen, wie die Bewohner von ihren Fenstern aus den Anblick der tanzenden Menge sichtlich genossen, wenn sie sich noch nicht unter uns gemischt hatten. Im Laufe des Vormittags traf ich einen Cousin eines Schülers, Leute aus der Türkei und dem Iran und gab mich bei leckeren Getränken und angenehmer Wärme der Lebendigkeit und Wildheit hin.

Zu Mittag aßen wir in einem rustikalen Café in der Nachbarschaft, das sogar vegetarisches „Tropeiro“ anbot. Mit dem Bus fuhren wir im Anschluss ins Stadtzentrum zurück, wo wir einen „Afro-bloco“ besuchten. Die Stimmung dort war einzigartig. Am Karneval haben mir besonders diese Empowerment-Bewegungen für LGBTQs, Frauen und Afro-Brasilianer gefallen. In der Menge wurde ich immer wieder von dunkelhäutigen Frauen zum gemeinsamen Tanzen und Twerken aufgefordert. Am Schluss klatschten wir uns angesichts der vereinten Frauenpower ab oder fielen uns in die Armen. Das war für mich ein herzerwärmendes Gefühl und ich genoss die Verbundenheit und ehrliche Anteilnahme an den Schicksalen und mangelnden Rechten dieser Bevölkerungsgruppen, ebenso wie die Verarbeitung derer in Form von lebendiger Musik und ausdrucksstarken Tänzen. An diesem Abend schlief ich wieder bei  einer Gastfamilie und fiel nach dem Abendessen erschöpft angesichts des ereignisreichen Tages ins Bett.

Der Montag war rückblickend der intensivste Tag. Nach dem Frühstück holte mich Malu ab und wir fuhren nach St. Tereza, wo wir auf die anderen Leute und den Beginn des „blocos“ warteten. Leider begann es heftig zu regnen, aber selbst das konnte unsere Hochstimmung und gute Laune nicht trüben.

Dank der angenehm warmen Temperaturen und des ekstatischen Tanzens mit Wildfremden wurde es uns bestimmt nicht kalt. Wenn ich jetzt zurückblicke, kommt mir dieser Morgen mit der sich küssenden Menge, dem erotisch angehauchten Tanzen und dem daraus resultierenden unbeschreiblichen Freiheitsgefühl wirklich surreal vor. Wir schossen zum Glück viele Bilder zur Erinnerung, aber diese Erfahrung wird ohnehin auf ewig Teil von mir sein.

Zum Mittagessen klarte der Himmel auf. Von einem Straßenverkäufer mit einem umgebauten VW-Bus kauften wir leckeres Essen, welches wir auf dem warmen Boden verzehrten. Besonders lustig war, dass zwei freund versuchten Deutsch zu sprechen, was aber kläglich scheiterte. Auf dem Weg zum nächsten Straßenzug wurden wir von einem netten Mann mit Glitzer und Komplimenten hinsichtlich meiner Portugiesisch-Kenntnisse überschüttet. Malu sagte irgendwann zu mir: „Das ist Karneval, wenn du mit Wildfremden Freundschaften schließt(wenn auch nur zeitlich begrenzt), jeden umarmst oder küsst!“ und genauso habe ich das auch wahrgenommen.

Im Anschluss besuchten wir einen „bloco“ in einer Favela, der ganz im Zeichen des Empowerments dunkelhäutiger (lesbischer oder transsexueller) Frauen aus benachteiligten Gegenden stand. Einige Freunde von Malu hatten mir den Spitzname „Willa“ gegeben- ich weiß selber nicht mehr wie es dazu gekommen ist- und meinten zu mir „Willa você é perfeita!“. Ich tanzte oft ausgelassener und wilder als die Brasilianer selbst, was sie lachend zu dem Schluss brachte, ich könne eigentlich keine Deutsche sein. Ich hatte eben einiges nachzuholen, deshalb genoss ich die kollektive Verrücktheit mehr als ich es in Worte fassen kann.

Am letzten Tag sind wir noch auf einen „bloco“ der LGBTQ-Bewegung gegangen. Neben toller Musik, die ich zu meiner großen Freunde bereits kannte und die Texte mitsingen konnte, war das Wassertank-Fahrzeug, das für ständigen Sprühregen sorgte, das Highlight. Am Schluss mussten wir zwar unsere Socken auswringen, aber diese Momente des „vida louca“ waren das absolut wert und haben sich unauslöschlich in mein Innerstes eingebrannt. In schwierigen Zeiten werde ich von den Erinnerungen an diese unbeschwerten und glücklichen Tage zehren können.

Am Mittwoch war ich trotz allem dankbar mich nach den vergangene fünf Tagen ausruhen zu können und nutze die Zeit für das Schreiben eines Blogeintrags über die Zeit mit Finn.

In den kommenden Tagen hatte ich in der Schule besonders viel zu tun. Ich arbeitete zwei Deutschlehrwerke durch und überlegte mir zu jeder Lektion kreative und interaktive Übungen. Des Weiteren bereitete ich nützliche Redemittel für die B1-Prüfung vor und machte Werbung für meine AG „Deutsch-Extra“. Zu meiner großen Freude meldeten sich aus jeder Klassenstufe mindestens zehn Schüler, die freiwillig außerhalb ihres ohnehin schon eng getakteten Stundenplans ihr Deutsch intensivieren und sich dabei mit (klima-)politischen und gesellschaftlich relevanten Themen beschäftigen wollen.

Nebenbei machte ich weiter viel Sport, entwarf und schrieb die Briefe, die ich als Dank und Zeichen der Menschlichkeit den Menschen aus benachteiligten Lebensrealitäten, mit denen ich ein Interview plante, schenken wollte. Leider kam ich nicht dazu mehr als ein Interview durchzuführen oder die AG anzufangen, trotzdem werde ich hier zumindest die Geschichte der Hausangestellten meiner zweiten Gastfamilie veröffentlichen.

Vozes brasileiras

STIMMEN . STIMMEN VON MENSCHEN.

MENSCHEN WIE DU UND ICH.

MENSCHEN MIT DEN SELBEN TRÄUMEN UND ÄNGSTEN.

STIMMEN. STIMMEN VON MENSCHEN.

MENSCHEN, DIE GERNE ÜBERHÖRT WERDEN.

MENSCHEN, DIE TAGTÄGLICH MIT REALITÄTEN ZU KÄMPFEN HABEN, DIE MEIN VORSTELLUNGSVERMÖGEN ÜBERSTEIGEN.

STIMMEN VON STARKEN MENSCHEN, VON BEWUNDERNSWERTEN MENSCHEN.

STIMMEN, DIE FÜR SICH SELBST SPRECHEN KÖNNEN, DIE GEHÖRT WERDEN WOLLEN.

Joselita Florencia Rolea, geb. 27/10/1963, Hausangestellte

Über mein Leben sprechen…

Mein Leben war immer schwer. Als ich ein Kind war, war mein Gesundheitszustand sehr schlecht. Bis ich zwölf war, musste ich immer wieder in Krankenhaus. Ich war viel zu klein für mein Alter. Mein Vater war krank. Meine Mutter musste sechs Monate mit ihm im Krankenhaus verbringen. Als mein Vater dann entlassen wurde, hatte er noch immer sehr wenig Kraft, es ging ihm noch nicht wirklich gut. In dieser Zeit ist meine Mutter gestorben. Das war, als ich zwölf war. Das bedeutete, dass ich mich um meine jüngeren Geschwister kümmern musste und fast jeden Tag bin ich zu meinem Vater ins Krankenhaus gegangen.

Als ich geheiratet hatte, bekam ich zwei Kinder. Zu dieser Zeit wohnte ich auf dem Land. Meine Kinder kamen ebenfalls krank zur Welt. Damals sagte ein Arzt zu mir, dass ich mit ihnen nach Belo Horizonte gehen müsse, denn in meiner Heimat im Landesinneren von Minas Gerais gäbe es keine Behandlungsmöglichkeiten für sie. Er sagte mir auch, dass mein Sohn, der damals zwei Jahre alt war, später geistig eingeschränkt sein werde, er mir mehr Arbeit machen werde und dass er wohl verrückt werden würde, sollte ich ihn nicht entsprechend behandeln. Der Arzt befürchtet auch, dass meine Tochter, die erst acht Monate alt war, aufhören würde zu wachsen, den überdimensionalen Kinderkopf behalten werde und vielleicht nie laufen werde.  Also bin ich gegangen…Ich musste meine Kinder auf dem Land zurücklassen, um in der Stadt Arbeit zu suchen. Mir selbst ging es zu dieser Zeit gesundheitlich sehr schlecht.

Heute wohne ich in einem sehr benachteiligten Viertel, in „Riberocampo“. Jeden Morgen stehe ich um vier Uhr auf und komme erst gegen neun Uhr abends wieder zurück von meiner Arbeit als Hausangestellte. Mein Leben ist ein einziger Kampf, ein Kampf für Gesundheit. Meine Tochter wurde bis sie 15 war klinisch überwacht, mein Sohn, bis er 12 war. Da ich keine Mittel und Möglichkeiten hatte, um für die Behandlungskosten meiner Tochter aufzukommen, hat ein Arzt vorgeschlagen, ihre Akte nach Japan zu schicken. Von dort bekommen wir nun Medikamente, die es zum Teil hier in Brasilien nicht gibt.

Meiner Meinung nach müsste sich viel in diesem Land ändern, eigentlich alles, damit sich meine Situation verbessern kann und meine Kindern einmal eine bessere Zukunft haben.

Während des Erzählens hatte Joselita Tränen in den Augen. Je mehr sie mir von ihrer Geschichte anvertraute, desto sprachloser wurde ich. Was sind die richtigen Worte in Anbetracht eines solchen Schicksals? Ich wusste mir nicht anders zu helfen, als ihre Hand zu nehmen und ihr mittels Körpersprache meine Anteilnahme, meine Betroffenheit, aber auch meine Dankbarkeit für ihr Vertrauen zu vermitteln. Das Schlimmste war für mich in diesem Moment zu wissen, dass ich nichts tun kann, das ihr in ihrer Lebenssituation hilft. Nach dem Gespräch würde sie weiter kochen, abspülen, putzen und Wäsche waschen müssen, um sich und ihre Kinder ernähren zu können. Dieses Ohnmachtsgefühl hat mich überwältigt. Das Einzige was mir zu tun bleibt, ist ihr weiterhin zuzuhören, mit ihr über die Vorteile einer fleischlosen Ernährung zu sprechen und ihre Gerichte zu loben. Wenn ich neben ihr in der Küche mein Essen mache, abspüle oder meine Wäsche wasche, erkläre ich ihr auch, dass ich es aus Sicht meiner Sozialisation unmöglich finde, mich von ihr bedienen zu lassen und damit postkoloniale Strukturen zu verfestigen.

 

Die Ereignisse rund um Corona haben nach und nach auch Brasilien erreicht. Zunächst wurde es jedem einzelnen Freiwilligen überlassen, ob er oder sie nach Deutschland zurückkehren oder bleiben möchte. Für mich war klar, dass ich bleibe, jedoch erreichten mich immer mehr besorgte Nachrichten von Familie und Freunden in Deutschland und auch andere Freiwillige in Brasilien entschieden sich zu gehen. Als wir von Kulturweit aufgefordert wurden, uns zur Sicherheit nach einem Rückflug umzuschauen ging alles ganz schnell, weil im Reisebüro Hektik herrschte und es offenbar nur noch wenige Möglichkeiten zur Heimkehr gab. Also buchte ich meinen Flug um. Nach dieser Entscheidung ging es mir aber unglaublich schlecht, ich fühlte mich ausgelaugt und innerlich leer. Da es noch keinen Aufruf zur verpflichtenden Rückkehr gegeben hatte, entschied ich mich dazu, den umgebuchten Flug wieder abzusagen. Ich konnte noch nicht gehen, nicht jetzt, nicht freiwillig. Meine Heimat, mein Leben waren doch gerade in Brasilien. Außerdem wusste ich, dass ich bei meiner neuen Gastfamilie, zu der ich am nächsten Tag ziehen würde und die weit außerhalb der Stadt wohnt, sicher sein würde und, dass sowohl das Goethe-Institut, als auch die Schule und alle Brasilianer in meinem Umfeld zum Bleiben rieten.

Am Abend ging es mir angesichts der Aussicht bleiben zu können viel besser. Meine Freunde und Familie in Deutschland sagten mir, sie hätten sowieso gewusst, dass ich bleiben würde. Also sagte ich auch allen brasilianischen Freunden, den ich zuvor von meiner Heimkehr berichtet hatte, ich müsse nicht gehen. Das führte dazu, dass ich noch am selben Abend bei meiner Freundin Ana Rachel übernachtete, um über die Entwicklungen zu sprechen. Wir aßen des Weiteren leckere Avocado und verglichen das deutsche Abitur mit dem brasilianischen ENEM. Dass die Systeme sich stark unterscheiden war mir bereits bekannt, aber, dass auch die Themen und die Schwerpunkte der Oberstufe so stark differierten, hätte ich nicht erwartet. Nach schier endlosen Gesprächen schlief ich glücklich ein. Am nächsten Morgen frühstückten wir gemeinsam mit ihren Eltern in einem leckeren veganen Café an der Ecke. Die Früchtebowl mit „granola“ und anderen leckeren Toppings ist meiner Meinung nach einmalig.

Nachmittags zog ich dann zu meiner neuen Gastfamilie. Bereits auf der vierzigminütigen Autofahrt zu ihrem Haus führten wir ein wunderbares Gespräch über den Umgang verschiedener Länder mit dem Coronavirus. Meine neue Gastschwester Alice war genauso glücklich wie ich, dass doch zu ihnen ziehen würde. Während der Fahrt wurde die Landschaft immer bergiger und spektakulärer. Ich muss an dieser Stelle zugeben, dass ich bezüglich der Wohnform der „Condomínios“ starke Vorbehalte pflege und, dass ich mit eher konservativen Einstellungen in solch einem Luxus-Viertel gerechnet habe. Das Haus meiner Gastfamilie war aber überhaupt nicht protzig. Schwanzwedelnd begrüßte mich ihr süßer Hund Lara. Von meinem Fenster aus hatte ich einen atemberaubenden Ausblick auf einen See, im Hintergrund die Berge und in den Büschen Kolibris und bunte Kanarienvögel oder Papageienarten.

Meine Gastmutter Paula kam zu mir ins Zimmer und wir unterhielten uns lange über die politische Situation. Als ich bemerkte, wie klimabewusst, linksliberal und naturliebhabend diese Familie ist, fühlte ich mich von Anfang an unglaublich wohl bei ihnen. Sogar veganes Essen gab es, sodass ich ein wenig beschämt meine Vorurteile revidieren musste-man lernt nie aus. In der Abendsonne las ich in einer Hängematte in einem Buch über die Präsidenten Brasiliens, kuschelte mit dem Hund und genoss die Natur.

Am nächsten Morgen musste ich um 5:30 aufstehen, um rechtzeitig mit Alice in der Schule anzukommen. Nach einem leckeren Frühstück mit „tapioca“ nahmen wir den Bus in Richtung Stadtzentrum. Zunächst ging ich wie immer zum Sport und plante dann die Gruppenaufteilung für die AGs. Zu Mittag aß ich mit der Freundesgruppe aus der Schule in einem typisch brasilianischen Kilo-Restaurant. Wir redeten noch ganz ungezwungen über Corona, ohne zu wissen, dass das mein vorletzter Tag mit ihnen sein würde. Nach dem Essen besuchte ich mit Rachel ihren Unterricht, da ich ohnehin auf meine Gastschwester warten musste. Die Literaturstunde zu sechst war wirklich toll, die Lehrerin hat mir sogar Grammatikaufgaben gegeben, während sie die Aufsätze ihrer Schüler korrigierte. Auch der Matheunterricht mit Rachel und ihren Freunden, die ich bereits vom Karneval kannte, war äußerst lustig. Der Lehrer, der offenbar gerne Witze machte, involvierte mich ständig in seinen Unterricht, indem ich Aufgaben vorlesen, den Namen seiner Frau auf Französisch buchstabieren oder Dinge erklären sollte. Für mich war es generell spannend zu sehen, wie sich die Unterrichtsstile in verschiedenen Ländern unterscheiden und nebenbei bot das Schnuppern im Unterricht einen willkommene Gelegenheit, Zeit mit meinen Freunden zu verbringen.

In der Pause am Nachmittag erreichte mich die Nachricht von Kulturweit, die alle Freiwillige zur sofortigen Rückkehr anwies. Diese Entwicklung kam sicher alles andere als unerwartet, aber ich wollte es nicht wahrhaben, hatte in den vergangenen Tagen wirklich gehofft, ich könne bleiben. Fast zeitgleich wurde die Schulschließung bekannt gegeben, was mir das Gehen immerhin ein wenig erleichterte, zumal nach überstandener Krise die Ferien gestrichen und das Unterrichtspensum erhöht werden soll, sodass ich weder meine geplanten Reisen, noch meine AGs oder Aktivitäten hätte realisieren können. Nichtsdestotrotz fühlte ich mich wie von einem Zug überrollt und weinte unaufhörlich, musste aber stark sein und meine Heimreise organisieren und meinen Vertrag im Fitnessstudio kündigen. Am Abend, als wir von meinem Gastvater abgeholt werden sollten, brach ich erneut in Tränen aus. Meine Gastschwestern nahmen mich trösten in ihre Arme, Schüler schenkten mir herzzerreißende Abschiedsbriefe und der Schulleiter brachte mir ein T-Shirt des CSA zur Erinnerung. Auf dem Heimweg ging es mir glücklicherweise besser, ich hatte vorerst genug geweint und wechselte in eine Art Roboter-Modus. Den Abend mit meiner Gastfamilie wollte ich mir nicht von den Umständen zerstören lassen.

Am nächsten Tag fuhr ich trotz allem nochmal zur Schule, kaufte im Supermarkt „tapioca“, „farofa“, meine Lieblingskekse und Mitbringsel ein. In der Schule verabschiedete ich mich von allen Lehrern und den meisten Schülern, bekam tolle Geschenke, ging mit den Schulleitern vegan essen und verbrachte die letzten Stunden in der Stadt mit Freunden. Ich glaube ich habe bis zu diesem Zeitpunkt nicht wirklich realisiert, dass ich wirklich gehen muss. Einen Flug nach Sao Paulo hatte ich bereits gekauft, dort würde ich dann die verbleibenden Freiwilligen treffen. Den letzten Nachmittag und Abend in Minas Gerais kostete ich voll aus, führte mit meinem Gastvater Flávio interessante Gespräche über Universitäten, Austauschprogramme, Praktika, meine Familie und Politik. Nach einer leckeren Suppe machten wir es uns alle gemeinsam auf dem Sofa gemütlich, erzählten uns gegenseitig lustige Geschichten aus der Familie, ich zeigte ihnen die Merkel-Imitationen und genialen Videos meines Bruders, wir sprachen über Literatur und Filme, Bolsonaros Unfähigkeit zu regieren und tolle Erinnerungen. In dieser Nacht habe ich fast kein Auge zugemacht, es tat so unbeschreiblich weh, allein daran zu denken, dass ich gehen muss.

Abschiedsbild mit dem Geographielehrer Everton.

Am nächsten Morgen berührten mich all die liebevollen und herzlichen Nachrichten meines Umfeldes tief. Ich musste mich zwingen, meinen Koffer zu packen, der voll bis oben hin mit Geschenken, tollen Büchern und Unmengen von Erinnerungen war. Bevor wir losfahren mussten, spazierten Alice, Paula und ich mit Lara noch durch die Natur und ich genoss ein letztes Mal die Zeit und Gespräche mit ihnen. Viel zu schnell fand ich mich im Bus zum Flughafen wieder, war wie gelähmt, unfähig etwas zu fühlen. In Sao Paulo angekommen aß ich eine Kleinigkeit, schaute Nachrichten und redete mit meinen Freunden, bis Thea, eine andere Freiwillige aus Florianópolis gelandet war. Gemeinsam fuhren wir ins Hotel und sprachen auf dem Weg dorthin über unsere Gefühle. Es tat gut mit jemanden zu reden, der genau die selbe Situation durchmachen muss.

Wir waren wie am Anfang des Abenteuers in Brasilien zusammen in selben Hotel-der Kreis schloss sich irgendwie. Auf dem Weg zum Abendessen zusammen mit einer weiteren Freiwilligen und deren Freund, welches wir in einem schönen veganen Restaurant verbachten, hörten wir das „Pfannenklopfen“ gegen Bolsonaro angesichts des eingeleiteten Impeachment-Verfahrens und dessen verantwortungslosen Umgangs mit der Corona-Krise. Gegen später lernten wir außerdem drei neuen Kulturweit-Freiwilligen in einer Bar bei Caipirinha kennen. Sie hatten das unglaubliche Pech, nur eine Woche in ihrem Einsatzland verbringen zu können. Angesichts dessen war ich direkt dankbar für meine sieben Monate in Brasilien. Des Weiteren half mir der Austausch über die bescheidene Lage sehr. Wir saßen alle im selben Boot, unsere Situation war vergleichbar mit einem Navigationsgerät, das immerzu den Satz:“Ihre Route wird neu berechnet.“ wiederholt.

Am letzten Morgen in Brasilien genossen wir das Frühstück mit dem uns liebgewonnenen Essen in Überlänge, besuchten das Goethe-Institut, bummelten durch ein paar Läden und machten uns auf den Weg zum Flughafen. Nachdem wir unser Gepäck aufgegeben hatten, kauften wir uns alle von den letzten brasilianischen Reais Havaianas und trösteten uns gegenseitig.

Auf dem Rückflug habe ich nicht geschlafen, nur brasilianische Musik gehört, geweint und den anderen Freiwilligen neben mir getröstet. Wir haben auch konsequent weiter Portugiesisch gesprochen, einfach aus Prinzip. Dass dann im Frankfurt plötzlich meine Eltern und Finn standen, wollte nicht in meinen Kopf hinein. Ich freute mich natürlich alle zu sehen, aber ich fühlte mich fremd in diesem Land, das mein Zuhause sein sollte. Meine Heimat war doch noch bis vor wenigen Stunden in Brasilien gewesen. Wie konnte mir das so schnell genommen werden? Innerlich leer packte ich meine Koffer aus und versuchte anzukommen. Tröstlich ist wenigstens der Gedanke, dass restlos alle Freiwillige, Austauschschüler und Studenten heimgeholt wurden und, dass Corona alle belastet, zum Teil unvergleichlich größere Opfer fordert. In den nächsten Wochen werde ich die Zeit nutzen, um viel zu lesen-vor allem auf Portugiesisch-zu malen, Podcasts und Hörbücher zu hören und natürlich mit meinen brasilianischen Freunden zu reden, beziehungsweise den Tanzkurs des Fitnessstudios online weiterzuführen.

Vorgestern hatte ich das Glück Schnee auf der Alb zu sehen, das hat mir ein Lächeln auf das Gesicht gezaubert, aber es wird noch dauern, bis ich hier ankomme und das Loch in mir gefüllt wird. Das Leben muss ja weitergehen und ich werde, sobald sich die Gelegenheit bietet, zurück nach Brasilien gehen, sei es für ein Auslandssemester, ein Praktikum oder nur eine Reise. Manaus, Belém, den „Nordeste“ und Rio werde ich ,wie ich es mir vorgenommen habe, auf jeden Fall besuchen und glücklicherweise kommen ja einige Freunde in absehbarer Zeit zum Studieren nach Deutschland. Aus Umweltschutzgründen werde ich nicht nur für zwei oder drei Wochen nach Brasilien fliegen, sondern dann sicherlich länger bleiben, aber das ist ja ohnehin mein Wunsch, denn ich liebe dieses Land, durch das ich so unbeschreiblich viel über mich und die Welt gelernt habe und das auf ewig ein Teil von mir sein wird.

Já tô com muitas saudades! Mas vou voltar logo, com certeza, porque o Brasil significa muito pra mim! Nunca vou esquecer essa aventura 🙂

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