Já dois meses…

Nun bin ich schon zwei Monate hier, ganz weit weg von zuhause, die Zeit ist wie im Fluge vergangen. Inzwischen habe ich so etwas wie einen Alltag entwickelt. Und trotzdem, es gibt keinen Tag, an dem nichts Neues passiert, an dem ich nicht völlig neue Erfahrungen mache, sodass ich das Land jedes Mal aus einem anderen Blickwinkel betrachten kann und immer neue Aspekte, neue Mosaikstücke dazukommen, die sich langsam zusammenfügen.

Vorletzten Montag habe ich beispielsweise eine Ausstellung von Paul Klee im Centro Cultural Banco do Brasil  besucht, die allein schon durch die deutschen Bildtitel und Videos im Kontrast zu den Museen stand, die ich bisher angeschaut habe. Auch in dieser Ausstellung war der Eintritt frei und ich habe den ganzen Nachmittag in Texten vertieft und Bilder bewundernd dort verbracht. Vielleicht haben auch die deutschen Worte, die ein Gefühl von Heimat in der Ferne hervorgerufen haben, dazu beigetragen, dass ich so begeistert von der Ausstellung war. Vor allem aber die philosophischen Interpretationsansätze zu den Werken ganz verschiedener Stilrichtungen haben mich fasziniert. Eines, das einen Seiltänzer darstellt und diesen mit der Fragilität des Lebens assoziiert, hat mich in seinen Bann gezogen. Aber auch die Bilder, in denen Klee die Nazi-Diktatur zu verarbeiten versuchte, ebenso wie ein toll gestaltetes Video, welches die verschiedenen Mal-und Zeichentechniken erklärte, haben mir sehr gefallen. Nachdem ich noch die Zitate Klees auf wellenförmigen Skulpturen im prachtvollen Innenhof auf mich wirken gelassen hatte, verließ ich das Museum inspiriert und beflügelt.

Das A2-Training, das ich in der vorletzten Woche nicht nur als Prüfungsvorbereitung für die älteren Schüler, sondern auch als Übung für die mündlichen Klausuren der Klassen 8 und 9 angeboten habe, ist inzwischen zur Routine geworden. Mit den älteren Schülern habe ich in Zweiter-Teams die Prüfung simuliert und Ausdrücke geübt, die bei Prüfern beliebt sind. Die jüngeren Schüler sollten entweder Fragen zu ihrer Person beantworten beziehungsweise einem Mitschüler stellen oder etwas über ihr Leben erzählen. Einige Schüler hatten große Probleme damit, frei zu sprechen, denn mit nur zwei Wochenstunden haben Sprachen im brasilianischen Lehrplan leider keine Priorität. Ich habe mir deshalb die Zeit genommen, zu jeder möglichen Frage, die in der Prüfung oder Klassenarbeit vorkommen könnte, einfache Sätze zu formulieren und den Schülern auf diese Weise hilfreiche Phrasen an die Hand zu geben.

Mit einer Freundin war ich neulich im Kino. Wir haben den Film „Joker“ angeschaut, der grob zusammengefasst von einem psychisch Kranken und der Kritik an der Klassengesellschaft handelt. Während ich so im Kinosessel saß musste ich unweigerlich daran denken, wie ausgeprägt die gesellschaftlichen Unterschiede in Brasilien sind und, dass auch ich Teil derer bin, diese weiter verstärke wenn ich in der Shoppingmall im noblen Kino bin, während draußen so viele Menschen kein Dach über dem Kopf haben.

Mit meiner Portugiesisch-Lehrerin habe ich mich vorletzte Woche das erste Mal zum Englischunterricht getroffen. Bei Sonnenschein saßen wir gemütlich in einem Café am Praca da Liberdade und haben zunächst über uns und unser Leben geredet, bevor wir uns den Texten zur „ambiguity of belonging“ zuwandten. Es war eine lustige Erfahrung die Sprache zu wechseln und das Gespräch auf Englisch zu führen, verstärkte aber das tolle Gefühl von gelebter Mehrsprachigkeit, das ich hier schon öfter erleben durfte.

Das Thema der Identität und der Ambiguität ist vor allem im 21. Jahrhundert hochaktuell, betrifft jeden von uns. Deshalb war es besonders spannend vom Uni-Leben, oberflächlichen Freundschaften und Familienzusammenhalt in der brasilianischen Leistungsgesellschaft zu hören. Das Jahr in Belo Horizonte wird jedenfalls ein weiteres Puzzlestück meiner Identität bilden und mir neue „coping strategies“, neues Selbstvertrauen und Gelassenheit schenken. Zum Glück treffen wir uns auch in Zukunft wöchentlich zum Lernen, denn der Sprachkurs an der UFMG endete letzte Woche. Mit einem persönlichen Abschiedstext verabschiedete die Lehrerin die anderen Teilnehmer und mich. Auch wenn der Kurs meiner Meinung nach ein wenig zu leicht war, werde ich besonders die multikulturelle und lustige Gruppe vermissen.

Für meine Weihnachtsprojekte habe ich vor kurzem Plätzchen gebacken. Die Zutaten dafür zu bekommen gestaltete sich schwieriger als erwartet. So bin ich zwischen den Supermarktregalen umhergestreift und fand letztendlich Puderzucker, der ganz anders als der mir bekannte aussah und leider keine gemahlenen Haselnüsse. Laut meiner Gastmutter gibt es einen Laden, der allerlei Nüsse gemahlen verkauft. Beim nächsten Backen werde ich dort auf jeden Fall vorbeischauen, denn das Zerkleinern der Nüsse hat meinen Gastvater und mich ganz schön eingespannt. Beim Backen kam aber trotz aller Schwierigkeiten Weihnachtsstimmung auf und das Endergebnis war nicht schlechter als in Deutschland.

Ebenfalls für die Projekte habe ich Weihnachtskarten in verschiedensten Ausführungen und kleine Geschenkboxen als Demonstrationsobjekte vorbereitet. Des Weiteren habe ich ein Winter-und Weihnachtsquiz beziehungsweise Activity-Spiel erstellt. Beim Basteln der Spielkarten, des Spielfeldes und des Würfels kam ich wie immer beim Selbermachen total zur Ruhe, die Arbeiten erinnerten mich sehr ans Geschenke basteln in der Vorweihnachtszeit. Obwohl ich erst am Freitag vor Beginn der Projekte erfuhr, dass ich diese nun machen sollte, empfand ich keinerlei Stress, sondern genoss nicht zuletzt dank der hier gewonnenen Gelassenheit die Vorbereitungen.

Spielfeld, Karten und Winter-und Weihnachtsvokabeln

In der folgenden Woche führte ich dann zwei der Projekte mit den Klassen 6 und 7 beziehungsweise 9 und 10 durch. Das Activity-Spiel war nicht nur für die Schüler eine willkommene Abwechslung, auch ich hatte viel Spaß und konnte weitere wertvolle Erfahrungen sammeln. Ich war den Großteil der Zeit alleine mit den Klassen, habe sie zunächst in Gruppen eingeteilt, das Spiel erklärt und dann mit ihnen über die lustigen Pantomime-Darstellungen, Zeichnungen und rudimentären Erklärungen der Winter-und Weihnachtsvokabeln gelacht. Das Team, das die meisten Worte der Vokabelliste richtig erkannt hat, bekam Plätzchen. Zu meiner Freude haben viele Schüler nach dem Rezept gefragt und sich in die Workshop-Listen fürs Plätzchenbacken und Weihnachtsgeschenke basteln in Dezember, also in ihrer Ferienzeit, eingetragen.

Aber auch das Basteln mit den jüngeren Schülern war wirklich toll. Zunächst erklärte ich auf Portugiesisch- da ihre Deutschkenntnisse dafür noch nicht ausreichen- was sie machen sollen, wies darauf hin Papier zu sparen und verteilte die Materialien, von denen ich selbst auch viele mitgebracht hatte. Bei Weihnachtsmusik im Hintergrund half ich beim Geschenkboxen- und Kartenbasteln, in deren Herstellung auch die Jungs ganz vertieft waren. Die Kleinen sind wirklich sehr süß, kamen nicht selten zu mir und umarmten mich, lobten mein Portugiesisch und sagten Dinge wie: „Du bist toll!“ oder: „Können das alle in Deutschland so gut?“. Die Kunstwerke der Schüler sind klasse geworden, ich denke die Familien können sich in diesem Jahr auf besondere Geschenke freuen. Auf das geplante wöchentliche Kreativprojekt im nächsten Jahr blicke ich schon mit Vorfreude.

Auch außerhalb des Deutschunterrichts habe ich an der Schule zu tun. Mehrere Lehrer anderer Fächer haben mich zu sich in den Unterricht eingeladen und mit einem Geographielehrer, der auch an der Uni arbeitet, traf ich mich bereits zweimal, um ihm bei einem Projekt über den Geographieunterricht in Deutschland und den Einfluss deutscher Geographen zu unterstützen. Bei diesen Gesprächen merkte ich, wie toll es ist, über komplexe Themen und Unterrichtsinhalte in einer neuen Sprache sprechen zu können. In den kommenden Wochen werden wir des Weiteren mit meiner Geographielehrerin aus Heidelberg per Videoanruf tiefer in die Materie einsteigen und Einheiten über Geographie in Deutschland für den Deutschunterricht hier planen. Im kommenden Jahr werde ich diesen Lehrer auch auf Ausflüge in periphere Gegenden im Sinne der Begegnung verschiedener Lebensrealitäten begleiten.

Im Fitnessstudio hier, das ich nur besuche, weil es dort ein Schwimmbad und tolle Kurse gibt, fallen mir nicht selten minimale kulturelle Feinheiten auf. Beispielsweise wenn ich mit rotem Kopf aus dem 30°C warmen Wasser des Sportbeckens herauskomme. Weiterhin arbeite ich an meinen Kopfstandfertigkeiten und Tanzschritten oder jogge die nicht zu enden scheinenden bergigen Straßen hinauf. Die Aussicht von oben gleicht die Anstrengungen aber mehr als aus.

Was mich sehr überrascht hat ist, dass, abgesehen von einem kleinen Feuerwerk, von der Freilassung des Ex-Präsidenten Lula aus dem Gefängnis im Alltag so gar nichts zu spüren ist. Das Thema Politik, das die Gesellschaft, sogar Familien in Lager spaltet, wird meiner Erfahrung nach leider selten erwähnt, lieber ignoriert. Viel präsenter sind stattdessen weitere Feste in der Nachbarschaft. Sonntags mehrere Stunden Samba-Musik in voller Lautstärke zu hören, ist für mich keine Seltenheit mehr.

Ansonsten war ich erneut mit einigen Jungs des CSA zu Mittag essen und weiterer Treffen sind bereits geplant. Bei leckerem Essen quatschen wir meist über Musik, Universitäten, Sprichwörter und kulturelle Unterschiede. Wenn einer der Jungs Texte von Materia oder anderen deutschen Sängern fehlerfrei vorsingt, haben wir alle etwas zu Staunen und Lachen. Da sie alle ein Studium in Deutschland anstreben hoffe ich, dass der Kontakt zwischen uns auch nach dem Jahr aufrecht erhalten werden kann.

Die vegane kulinarische Szene Belo Horizontes habe ich dank einer Alumna, die Biologie studiert und am CSA beim Unterricht hilft, kennengelernt. Nachdem wir noch zwei andere Mädels abgeholt hatten, bot sich uns bei der Fahrt ein spektakulärer Blick auf die Stadt bei Nacht und einen rotschimmernden Vollmond. Die wirklich enorm steilen Straßen der Stadt stellen für Fahranfänger eine richtige Herausforderung dar und wären meiner Meinung nach besser zum Schlitten-; als zum Autofahren geeignet. Bei netten Gesprächen über die Uni, meine Arbeit, Sprachen, Schulfreundschaften und Partys probierten wir uns durch die köstlichen veganen Pizzasorten, die uns wie am Fließband von einem sehr lustigen Kellner serviert wurden. Es war ein wahrer Kampf mit dem Essen aufhören zu dürfen und die süßen Pizzasorten abzulehnen.

Nach meiner letzten Sprachkursstunde, die eine Prüfung beinhaltete, traf ich mich am Folgetag erneut an der UFMG mit dem Mädchen. Ich hatte ein stereotypisch schlechtes Gewissen als ich bemerkte, dass die Prüfung 20 Minuten später endete, als geplant. Am Treffpunkt angekommen merkte ich aber nicht zum ersten Mal, dass ich mir diesbezüglich wenig Gedanken zu machen brauche, eine weitere Lektion in Sachen Gelassenheit.

Die Mädels zeigten mir ihre Biologie-Fakultät, deren Anblick mich innerlich zum Schmunzeln brachte. Ein Hippiemarkt im Innenhof, Farbtöpfe für Wandgemälde von Tieren, Vegan-Sticker und allerlei Pflanzensorten zierten die Szene von kartenspielenden und rauchenden Studenten, die mich allesamt freundlich empfingen. Wir blieben aber nur kurz, da die Arbeit in der Schule wartete. Die Rückfahrt zum CSA in einer Fahrgemeinschaft war eine unglaublich bereichernde Erfahrung. Wie sich herausstellte lernten außer der Alumna noch zwei der anderen drei Mitfahrenden Deutsch. Als ich ihnen nach einigen Worten, die sie auf Deutsch austauschten mitteilte, dass ich aus Deutschland komme, war das Erstaunen groß. Danach hatten wir allerdings viel Spaß daran, über die Uni, die Freiwilligenarbeit, deutsches Bier und brasilianische Getränke sowie verschiedene Sprachen zu plaudern. Als wir ausstiegen meinte das Mädchen zu mir, dass sie diese Fahrgemeinschaften liebt weil man immer mit netten Leuten ins Gespräch komme. Ich für meinen Teil konnte ihr nur grinsend beipflichten. Für mich war es nicht zuletzt schön zu sehen, wie in so einem Mikrokosmos gesellschaftliches Zusammenleben in großem Stil möglich ist.

Vergangenes Wochenende bin ich mit meiner Gastfamilie erneut nach Buenópolis gefahren. Der zweite Besuch war nicht weniger beeindruckend und ereignisreich als beim ersten Mal. Nach unserer Ankunft besuchten wir zunächst das Anwesen von Luís. Begrüßt wurde ich dieses Mal vom Schwein Presidente, das mir schnüffelnd hinterherlief und schließlich eingesperrt werden musste, weil es zu anhänglich war.

Die frei herumlaufenden Gänse, Hühner, Schildkröten und anderen Tiere, ebenso wie die prachtvollen Pflanzen genoss ich wie beim letzten Besuch. Den Nachmittag verbrachten wir schwimmend und Mango futternd. Die Enkelin von Luís war auch da. Mit ihr spielte ich ein wenig, bevor wir durch die Straßen spazierten und schließlich im bereits bekannten Restaurant zu Abend aßen.

Am nächsten Morgen folgten meine Gasteltern und ich zunächst den Eisenbahnschienen und wurden von zwei wild lebenden Pferden auf unserem Weg begleitet.

Im Anschluss fuhren wir auf die Fazenda. Dank des Regens am Vortag war der Weg durch die Serra  glücklicherweise wenig staubig. Dort angekommen bewunderten wir erst die Kürbisplantagen und aßen erneut einige Mangos, bevor wir die Pferde sattelten und uns auf den Weg zum Wasserfall machten. Der Ritt dauerte gut zwei Stunden und führte uns durch die weitläufige Serra mit ihren riesigen Weiden voller grasender Kühe und Pferde, die Berge im Hintergrund. Während ich meinen Blick nur ungern von der Landschaft losreißen konnte quatschte ich mit der Freundin von Luís Carlos, dem Sohn von Luís, über ihr Modegeschäft und verschiedene Reisen. Je länger wir so im Westernstil dahinritten, desto fester saß ich wortwörtlich aber auch sprichwörtlich im Sattel. In der Sprache und der brasilianischen Kultur fühle ich mich immer sicherer und gewinne tagtäglich Selbstvertrauen.

In Curimataí angekommen fühlte ich mich wie in einer Wild West Szene. Laut meinem Gastvater sei das dort „o fim do mundo quente“. Über 400 Pferde und Reiter versammelten sich in dem kleinen Ort zum alljährlichen Pferdetreffen und während wir in einem rustikalen Restaurant ein für die Region typisches Mittagessen bestehend aus feijao, arroz, ovo, batata rústica und chuchu aßen, stolzierte die Pferdeparade draußen vorbei.

Im Anschluss liefen meine Gasteltern und ich zu dem nahegelegene Wasserfall. Wir badeten in dem erfrischend kalten Wasser und genossen das gleichwohl warme Wasser direkt auf den Steinen und den spektakulären Ausblick.

Nachdem wir geduscht hatten sind wir auf eine Art Dorffest zu Ehren der neuen Kapelle gegangen. Dabei wurden wir ziemlich eingeräuchert, denn nebenan wurden gerade die Reste des Zuckerrohrs der Cachaca-Herstellung verbrannt. Zu Abend aßen wir natürlich erneut in dem einen guten Restaurant der Stadt. Maniok und ein Gespräch über den Winter in Deutschland und den Unterschied zwischen Studenten in Deutschland, die im Gegensatz zu den brasilianischen nur in seltenen Fällen noch zu Hause wohnen, rundeten den Tag ab.

Am nächsten Morgen statteten wir uns noch mit ausreichend Mangos, Gemüse und Eiern aus, bevor wir uns auf den Rückweg machten, auf dem meine Gasteltern mir noch wertvolle Tipps und Ideen für weitere Reiseziele in der Nähe gaben.

Zuhause hatte ich nur Zeit meine Sachen umzupacken und zu duschen, bevor ich mich auch schon auf den Weg nach Sao Paulo zum Zwischenseminar machte. Gegen halb elf abends fuhr ich mit dem Taxi zum Busbahnhof, wo ich nach einem kurzen Zeigen des Tickets in Form eines Kassenzettels zum Abfahrtssteig durfte. Dort realisierte ich, dass um diese Uhrzeit Busse im Viertelstunden-Takt nach Sao Paulo fahren. Nachdem ich meinen Bus gefunden und mein Gepäck verladen hatte stieg ich nach den Grußworten: „Pass gut auf dich auf!“ des Fahrers in den Bus ein. Die Sitze, die der portugiesischen Bezeichnung „poltrona“, also Sessel, absolut gerecht werden, haben für eine angenehme Fahrt gesorgt. Flixbus und co. sollten sich von diesem Comfort meiner Meinung nach eine Scheibe abschneiden. Der Bus legte zwei Stopps an eigens dafür gebauten Halteplätzen für unzählige Fernbusse ein. Dort gab es leckeres Essen, Snacks, Souvenirs und saubere Toiletten. Während der Fahrt hat sich die Vegetation des Weiteren sehr verändert. Der eisenhaltige Boden aus Minas hat einem feuchteren Klima und zum Teil alpenähnlichen Wiesen- und Waldlandschaften Platz gemacht.

Während der Fahrt von Belo Horizonte nach Sao Paulo

In Sao Paulo angekommen hatte ich wenig Zeit mich am großen Busbahnhof Tietê zurechtzufinden. Gerade noch rechtzeitig gelang es mir beim richtigen Anbieter ein Ticket zu kaufen und den Flughafenshuttle zu finden. Am Flughafen traf ich dann alle anderen Freiwilligen aus Brasilien, Uruguay und Bolivien. Nach weiteren 1 1/2 Stunden Fahrt, während der wir erste Erfahrungswerte austauschten, kamen wir in unserer Unterkunft „busca vida“ an, einem absoluten Naturparadies mit einem alternativen, scheinbar wild zusammengewürfelten aber unglaublich liebevoll ausgewählten Mobiliar. Die ganze Zeit über hatte ich das Gefühl in einem großen Kunstwerk zu wohnen und entdeckte ständig neue Details und gemütliche Ecken.

Die Besitzer, ein junges Pärchen mit ihrem Sohn Gamma und weiteren Familienmitgliedern, haben allesamt eine unglaublich liebevolle und energiegeladene Ausstrahlung. Wir waren ihre erste richtige Gruppe. Sie sprachen davon, wie wichtig es ihnen sei diesen Ort, in den sie sich so verliebt hätten, mit anderen Menschen zu teilen, die Naturverbundenheit und Ruhe zu verbreiten. Nachdem wir unsere Zimmer bezogen hatten, die vollständig aus Naturmaterialien gebaut sind und das Gefühl vermitteln in und mit der Natur zu leben, trafen wir uns zum Begrüßungskreis. Vom Vorbereitungsseminar kannten wir Freiwilligen aus Brasilien bereits die Methoden unseres Trainers. Die Energizer aus dem Theater der Unterdrückten, ebenso wie das minutenlange in-die-Augen-Schauen mit noch fremden Personen trugen aber wie schon beim letzten Mal zu einer schöner Begegnung zwischen Menschen auf Augenhöhe bei und ließ mich erneut realisieren, dass eben dieses sich Zeit nehmen und intentionslose Anschauen und Sehen eines Menschen im Alltagstrott verloren geht.

Das Essen dort war ein wahrer Luxus. Alle Gerichte waren vegan oder vegetarisch, mit Liebe zubereitet und wirklich lecker, sodass wir alle nicht umhin kamen uns ständig auf die nächste Mahlzeit zu freuen. Das Bananenbrot, vegane Aufstriche, verschiedene Kuchen, veganes Brot, traditionelle Gerichte wie Tapioca mit Guacamole und Kichererbsenmus, feijao oder leckere Gemüsequiche- und Bratlinge werden wir sehr vermissen.

Wie auch schon auf dem Vorbereitungsseminar schätze ich die harmonische Atmosphäre, die Zeit zum Reflektieren und den wirklich erstaunlichen Effekt der Abgeschiedenheit, der zu einem Mikrokosmos der Offenheit und Vertrautheit beitrug. Dieses Gefühl ermöglichte beispielsweise ein dreistündiges, sehr intensives Gespräch mit einem mir vorher unbekannten Mädchen, eingekuschelt in einer Hängematte. Auch das amigo/a-secreto/a-Spiel sorgte für ein liebevolles Miteinander mit kleinen Zetteln, netten Botschaften und Gesten. Gleichzeitig bildete das Mörder-Spiel, bei dem man der entsprechenden Person einen Gegenstand in die Hand geben muss wenn man alleine, beziehungsweise nur von bereits Toten umgeben ist, einen lustigen Kontrast.

Im wunderbar kreativ eingerichteten Theater hatten wir Raum für tolle Gespräche, kritische Diskussionen über Kulturweit und unsere Privilegien, ebenso wie die Möglichkeit zum Austausch mit Leuten, die sich in einer vergleichbaren Situation befinden.

Die Natur um uns lud zum Joggen, Yoga zwischen Papageien und tropischen Pflanzen oder Schwimmen im See ein. Der Respekt und achtsame Umgang mit unserer Umgebung war auch im Hinblick auf giftige Spinnen, Schlangen im Bad oder auf dem Weg oder Skorpione im Feuerholz wichtig. Das anfänglich mulmige Gefühl legte sich allerdings schnell und wich einem stets bewussten Blick für unser Umfeld.

Am Mittwoch machten wir einen Ausflug anlässlich des „dia da consciência negra“ in die nahegelegene Kleinstadt Braganca Paulista. Dort erwartete uns ein lebendiger Festplatz, der neben Capoeira-Vorstellungen und leckerem Essen auch Zumba und musikalische Beiträge zu bieten hatte. Nachdem ich mit ein paar Mädels über den lokalen Wochenmarkt geschlendert bin und wir riesige Maracujas oder Zuckerrohrsaft probiert hatten, unterhielten wir uns mit Einheimischen. Erneut zum Nachdenken und kritischen Hinterfragen angeregt hat uns die Begrüßung und Ankündigung unseres Besuches im großen Stil auf diesem Fest, das doch eigentlich Raum zum Publikmachen der Probleme Schwarzer in der brasilianischen Gesellschaft bieten sollte. Einerseits sind Begegnungen und Allianzbildungen zwischen Schwarzen und Weißen im Hinblick auf eine Änderung des Staus quo unerlässlich, andererseits fühlten wir Freiwillige uns nicht wohl damit, im Mittelpunkt des Bewusstseinstages zu stehen.

Der Vortrag über Rassismus in Brasilien, der beispielsweise aufzeigte, dass unter 4705 Universitätslehrern an der Universidade de Sao Paulo gerade mal vier schwarze Lehrer sind, gefolgt von einem Musik-und Tanzworkshop afro-brasilianischer Kultur waren ganz besondere Erfahrungen. Nach anfänglicher Schüchternheit gaben wir uns mit der Zeit immer mehr den neuen Klängen und Bewegungen hin und ich für meinen Teil hatte unglaublich viel Spaß beim Ausprobieren der Schritte, die unter anderem der Jagd mit Pfeil und Bogen nachempfunden waren.

Verschwitzt aber aufgelockert vom Tanzen wanderten wir im Anschluss in Flipflops einen Hügel hinauf. Die atemberaubende Aussicht über die Seenplatte und die Berge im Hintergrund lohnte sich aber absolut. Ein alter Käfer im Baum und ein spektakulärer Fels von dem wir im Chor Anti-Bolsonaro-Parolen riefen, werde ich so schnell nicht vergessen.

Am Lagerfeuer abends wichtelten wir und tauschten Zuneigung aus, die wir alle deutlich spürbar vermissen. Sich liebevoll zu knuddeln und in den Arm zu nehmen tat unglaublich gut und ist auch wieder auf diese Atmosphäre des sicheren und harmonischen Mikrokosmos zurückzuführen.

Am nächsten Tag hatten wir zunächst Zeit Projektideen auszutauschen und auszuarbeiten, bevor wir einem Referenten der Schwarzen-Bewegung Sao Paulos bei seinem Vortrag über die Entstehung und Geschichte des Rassismus in Brasilien lauschten. Die anschließende Diskussion über die derzeitige politische Situation, über Privilegien und Diskriminierung war ebenso aufschlussreich. Laut Referent sei es enorm wichtig, dass sich Menschen zunächst ihres Schwarzseins bewusst werden, dieses akzeptieren, um zusammenzuarbeiten und auch mit Weißen Allianzen zu bilden, die an der Macht sind. Der Grund für die unzulängliche gegenseitige Hilfe unter Schwarzen liege vor allem darin, dass sie sich untereinander nicht in die Augen sehen weil sie im Gegenüber ihr Spiegelbild sähen, dass sie aus Selbsthass nicht als Schwarz akzeptieren wollen. An dieser Stelle sind die Begegnung auf Augenhöhe und der gegenseitige Respekt von höchster Wichtigkeit.

Nach einem leckeren Abendessen wurden wir von einer Theatersequenz über indigene Leiden in der brasilianischen Gesellschaft überrascht. Die Schauspielerin stellte Fragmente aus ihren 30 Jahren Erfahrung im Gesundheitswesen dar. Die Fragmente thematisierten das Zerstören und Niederbrennen indigener Dörfer, das Wegnehmen ihrer Kinder, Kämpfe um Land, das von großen Firmen im Namen des Profits weggenommen wird, AIDS, Flucht und Tod auf dem Arbeitsweg. Im metaphorischen Fluss wusch sie das Blut des Genozids, der verseuchten Kleider, die nach wie vor Realität seien, aus. Ihre Verkleidung, ebenso wie ihr mitgebrachtes Wägelchen erinnerten an ein Leben auf der Straße, an Prostitution aber auch an die Kraft der Elemente. Die anschließende Musik einer einheimischen Band, ebenso wie die neuen Tanzschritte, die wir von ihnen lernten, sorgten dafür, dass das schwer im Magen liegende Thema vom Theaterstück auf lebendige Weise verarbeitet werden konnte. Wir gaben uns an diesem Abend voll der Musik hin und bestaunten die elefengleichen Bewegungen der Besitzerin des Seminarorts mit einem Hula-Hoop-Reifen.

Auf diesem Seminar realisierte ich wie dankbar ich für meine Situation sein sollte. Ich kann mich über keinerlei ernsthafte Probleme beklagen, was die Einsatzstelle, die Wohnsituation, die Sprache oder die politische Lage angeht. Wie gut ich die Sprach inzwischen beherrsche merkte ich zuletzt beim Übersetzten des Theaterstücks für die anderen. Während sich einige Freiwillige schwertun einheimische Gleichaltrige kennenzulernen oder wenn die Einsatzstelle ihnen entweder zu viel abverlangt oder sie sich wenig sinnvoll vorkommen, bin ich umso glücklicher über die Menschen in meinem Umfeld in Belo Horizonte.

Am letzten Tag pflanzten wir jeweils zu zweit Araukarien in Erinnerung an unserer Zeit am Seminarort. Die Trennung von den anderen Freiwilligen nach dieser intensiven Zeit war surreal und hart. Nachdem wir den Mädels aus Bolivien und Uruguay noch Acaí gezeigt hatten verabschiedete ich mich von den liebgewonnen Menschen, die meine Lage nachvollziehen können wie es keine Freunde oder Familienmitglieder in Deutschland vermögen. Das Zwischenseminar bot Raum für Erholung und Reflexion und sorgte dank der Atmosphäre von Vertrautheit für neue Inspiration und Motivation.

Liebe Grüße!

 

 

 

 

 

 

 

 

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