A day in the life: Tätigkeiten als Freiwillige und Erdbeben

Meine Oma hatte mich letztens gefragt, was ich genau hier machen würde und das kann man eigentlich ziemlich schwer beschreiben, weil jeder Tag eigentlich anders aussieht. Trotzdem hier mal der Versuch:

8:00 Mein Wecker klingelt. Da es allerdings in meiner Wohnung (grundsätzlich ist Außen- gleich Innentemperatur) kalt ist, brauche ich noch 30 Minuten am Handy, bevor meine Motivation ausreicht um aufzustehen.

8:30 Aufstehen. Danach mache ich mir Porridge mit einer Banane und einem halbem Apfel. Und ja das kann man als hilfslosen Versuch sehen mich gesünder zu ernähren. Sonst hatte ich früher als Frühstück Byrek, der mit 25¢ auch billiger als der Porridge ist oder einfach gar nichts.

Um 9:20 verlasse ich dann, wie immer etwas zu spät, das Haus und mache mich auf den Weg zu den ersten Unterrichtsstunden um 9:35. Die ersten zwei Stunden habe ich heute an der Grundschule Fan S. Noli. Insgesamt arbeite ich jeweils einmal die Woche für zwei Stunden an drei DSD-I Grundschulen in der neunten Klasse. Die Schüler legen im März ihr DSD-I ab, sind momentan also auf dem Niveaustand A2/B1. Bei zwei Grundschulen werden die Klassen geteilt und ich habe dann jeweils mit einer Hälfte der Klasse Unterricht. Naja wobei „Unterricht“. Absprache ist mit den Lehrern, dass ich die Schüler nur irgendwie dazu bekomme Deutsch zu sprechen, ich spiele also viel mit ihnen. Das macht mir auch am meisten Spaß.

Bei Fan S. Noli wird die Klasse nicht geteilt, dort habe ich sie zusammen mit der Lehrerin. Für heute habe ich „Nur in meinem Kopf“ von Andreas Bourani vorbereitet – eigentlich für eine Stunde. Doch die Lehrerin musste noch Sachen wegen einem Hospitationsstipendium in Deutschland klären, also dann spontan doch zwei Stunden machen. Aber alles halb so schlimm, denn die Schule hatte einen Beamer und so kann man eben noch schnell das Musikvideo behandeln. Gemeinsam reden wir über Fantasie, ob das Musikvideo zum Lied und zum Thema passt, wie man Musik beschreiben kann und ob ihnen dieses Lied gefällt und natürlich darf in Albanien auch eine kleine Singsession fehlen.

11:20 jetzt geht es nochmal kurz nach Hause. Ich bereite noch kurz die nächsten vier Unterrichtsstunden vor, packe mir mein Essen ein (Nudeln mit Linsenbolognese) und gehe dann zum Gymnasium. Wegen dem Erdbeben haben wir momentan verkürzte Stunden nachmittags in einer anderen Schule am Arsch der Welt für mich, allerdings nur noch heute, ab morgen sind wir dann endlich wieder in unserer Schule – mit Laptops, Internet, Drucker, Bibliothek, Beamern, Boxen und Postern an den Wänden. Rundum mit mehr Infrastruktur als Tischen, Stühlen und Whiteboards, die mit permament marker beschrieben wurden.

13:00 Erstaunlicherweise bin ich sogar 10 Minuten vor Unterrichtsbeginn an der Schule. Gemeinsam mit der Lehrerin mit der ich im Tandem am Gymnsaium unterrichte, spreche ich noch den Ablaufplan durch.
Zusammen mit den 12. Klassen erstelle ich seit ihren DSD-II Prüfungen im Januar einen Kulturreiseführer über Albanien. Sie schreiben Texte über die Cafékultur (Albanien ist das Land weltweit mit der höchsten Cafédichte), die albanische Sprache, Migration (93% aller Albaner spielen mit dem Gedanken Albanien zu verlassen) oder wie sie Albanien nach einer Kindheit in Deutschland wahrgenommen haben. Es geht darum Ausländern, die länger in Albanien bleiben wollen, einen tieferen Einblick in die albanische Kultur zu geben – einen ohne Blutrache, Cannabis und die albanische Mafia, was sonst die ersten Suchergebnisse für Albanien sind.

Zwischen den zwei Doppelstunden helfe ich meiner Leherin dann noch bei der Korrektur von Klassenarbeiten. Ich lese einmal die Texte durch und makiere mit einem Bleistift die grammatikalischen Fehler, die mir auffallen. Danach liest meine Lehrerin nochmal drüber und korrigiert den Inhalt.

Außerdem versuche ich noch Schüler der 11. Klasse, mit denen ich früher Unterricht hatte, zu motivieren auch bei dem Kulturreiseführer mit zu machen und gebe Mitteilungen raus, wann sich morgen die Videoworkshop-AG trifft.

17:20 Endlich Feierabend – jetzt nichts wie nach Hause. Noch schnell aufs Handy schauen und oh fuck: Anscheinend sind wir doch nicht ab morgen, sondern erst ab übermorgen wieder in unserem eigentlichem Gebäude. Also noch schnell mit dem (Co-)Leiter der Video-AG eine Lösung finden, wie wir trotzdem an eine Liste kommen, von Leuten, die gerne am Freitag und Samstag an einem Workshop von der Deutschen Welle teilnehmen möchten und dann nichts wie nach Hause.

17:50 zu Hause angekommen zerschelle ich auf der Couch und schaue Youtube. Irgendwie setze ich noch Wasser auf und koche Kartoffeln – ich habe noch so viel Linsenbolognese über, dass es die wohl in verschiedenen Varianten in den nächsten Tagen geben wird. Dann gibt es zum Abendessen Kartoffeln mit Linsen und dann setze ich mich noch daran diesen Artikel zu schreiben und alles hätte doch so schön sein können.

21:15 5,1. Das ist die Stärke dieses Erdbebens. Ich kriege fast eine Panikattacke und atme laut durch, damit ich nicht schreien muss. An sich ist es nicht schlimmer, als die Nachbeben im November. Ich habe nur Angst, dass noch ein schlimmeres Beben kommt, außerdem dachte ich, dass es endlich mal vorbei sei. Ich packe schnell meine Sachen und mache meine Lichter aus und gehe raus. Ich rufe meine Mutter an und telefoniere, dann fast für eine dreiviertelstunde mit meinen Eltern und meinem Bruder. Danach schreibe ich noch Freunden in Tirana, ob es ihnen gut geht und mit Freunden in Deutschland. Nach über einer Stunde traue ich mich wieder nach Hause. Esse (weil ich es mir als Soulfood jetzt erlaube) eine Packung Lebkuchen und schreibe bei guter albanischer Musik diesen Beitrag, der dann doch einen ziemlichen plötzliche Wendung nimmt, zu Ende.

Wie fühlt sich ein Erdbeben an?

Immer unterschiedlich. Kleinere Beben fühlen sich fast an, als ob man Auto fährt. Es bebt halt so ein bisschen, aber man merkt es kaum und bevor ich das größere Beben im November miterlebt hatte, fand ich das eigentlich auch ganz lustig. Jetzt habe ich Angst, dass auf diese kleineren Beben etwas größeres folgt.

Manche fühlen sich an, als ob einem einfach nur schwindelig wird. Manche sind leicht und sanft, andere fühlen sich nur wie ein kleiner Schluckauf und ein kleines Rucken an. Doch was alle größere Beben (>4,5) gemein haben ist, dass sie alle an meine tiefsten Ängsten rütteln. Man sitzt in einem Haus, was einen durch seine Größe und Stabilität beschützt vor Kälte, anderen Lebenwesen, Gefahren, doch wie soll man sich fühlen, wenn diese Stabilität nicht mehr gegeben ist? Stattdessen bewegen sich diese großen Strukturen um einen rum und das was einen beschützte wird selbst zur Gefahr und spricht in mir zumindest eine Urangst an. Dann geht es nicht mehr darum ob man vom einem 10-Meter Turm springen kann oder nicht und auch nicht um berufliche Stabilität, sondern um einfach Todesangst und den Willen zu Überleben und zu wissen, dass man diesen Kräften einfach machtlos ausgeliefert ist. Was will man als kleiner Mensch schon gegen Mächte entgegen bringen, die Häuser zum einstürzen und 10 Meter Wellen hervor bringen können?

Wenn man alleine oder in einem Haus ist, werden die Ängste natürlich noch schlimmer.

Außer den oben beschrieben Tätigkeiten gehe ich noch zweimal in der Woche zum Sprachkurs für jeweils zwei Stunden, betreue AGs (wie die genannte Videoworkshop-AG), gebe Studienberatung und Berufsorientierung für die 12. und bin ein bisschen Mädchen für alles, zB. helfe ich beim Aufräumen von Erdbebenschäden in meinem Gymnasium, etc.

Ich hoffe, dass das einen kleinen Einblick in mein Leben hier in Tirana geben konnte. (Normalerweise haben die Tagen natürlich weniger Erdbeben, wobei ich inzwischen soviele erlebt habe und darüber so oft geschrieben habe, dass ich überlege extra eine Erdbebenkategorie einzuführen)

Nichts desto trotz

Mirupafshim und bis bald,

Jana

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