10 Dinge, die ich durch kulturweit gelernt habe

 

 

1. Gelassenheit

Nicht mehr immer einen Plan, haben ist okay für mich geworden. Einfach ein paar Sachen einpacken, kein Hostel gebucht haben und nichtmal 100% wissen wo es hingeht, klappt inzwischen.
Mehr noch ich bin inzwischen ein riesiger Freund der Spontanität auf Reisen geworden. Bustickets buche ich nicht vorher, auch wenn das in Albanien gehen würde, würde ich das nicht machen. Hostels reserviere ich nicht. Es ist billiger und einfacher hinzulaufen und gerade jetzt in der absoluten Nebensaison, ist das auch kein Problem.
So kann ich schauen was mich auf dem Weg noch alles erwartet. Denn wirklich Pläne unsetzen, auch wenn man sie machen würde, geht hier sowieso nicht.

 

2. Wie deutsch ich bin

Und auch wenn ich Gelassenheit gewonnen habe, bleibe ich verkrampfter als Albaner. Ich mache mir immer noch viele Gedanken über Sachen, wo Locals nur den Kopf schütteln würden. Mir ist bewusst, dass ich die Einzige auf dem Balkan, die die vorgeschlagenen 20 Minuten vor der Busfahrt nicht nur ernst nimmst, sondern noch weitere 10 Minuten vorher, also 30 Minuten zu früh, da steht. Man möchte ja auf keinen Fall zu spät sein.
Und sollte ich doch einmal vollkommen abgehetzt im Unterricht 4 Minuten zu spät kommen und möchte mich schon überschwinglich entschuldigen, sagen meine Lehrerinnen nur, dass ich mich erstmal hinsetzen, durchatmen und was trinken soll.

 

3. No more Stranger-Danger

Dafür habe ich schon zu viele positive Erlebnisse gehabt. Von geschenkten Magneten, Byreks und Rakia zu Leuten, die mir einfach ihre Stadt oder eine Kapelle gezeigt haben und Menschen, die mir nicht nur den Weg erklärt haben, sondern mich gleich dorthin gebracht haben, wo ich hinwollte. Ich weiß nicht, ob ich diese Sachen auch in Deutschland erlebt hätte – vermutlich nicht.

 

4. lernen zu teilen

Teilen auf ganz vielen Arten. Ich habe es gelernt zu ignorieren, wenn meine Nachbarn abends um 11 unbedingt mit Heimwerken anfangen wollen. Wir teilen uns eben Haus, den Flur und eine Geräuschkulisse, aber was solls.
Mir ist klar geworden, dass es oft einfacher ist, wenn Geld nicht so wichtig ist. Man lädt mal ein und mal wird man eingeladen. Am Ende passt das schon bestimmt.
Ich habe auch gelernt, dass man nicht neben jemandem im Bus sitzt und isst und diesem jemanden, sollte es das Essen zu lassen, kein Stück anbietet. So habe ich schon Croissants und Chips angeboten bekommen.

 

5. Chancen sind wichtiger als Geld

Viele Leute verlassen Albanien. Aber nicht etwa weil sie zu wenig Geld verdienen. Sie sehen keine Aufstiegschancen hier und verlassen deswegen ihr Land.
Die Auswegslosigkeit in der sie sich sehen ist eher auf eine Chancenlosigkeit zurück zu führen als auf die Armut an sich. Meiner Meinung nach.

 

6. Sprache, Geschichte und Geographie

Klar, obviously habe ich auch etwas Albanisch gelernt. Außerdem weiß ich jetzt, dass Skopje die Hauptstadt von Mazedonien ist und das das Land eigentlich Nordmazedonien heißt, aber wenn man es so nennt, alle beleidigt sind. Ich weiß jetzt, dass Bosnien 3 Präsidenten hat und auch drei Amtsprachen, die eigentlich eine Sprache sind. Ich weiß, dass Albanien kein Teil Jugoslawiens war und dass Albaner keinen Slawen sind. Ich weiß, dass tausende Leute unter dem Kommunismus gelitten haben und hunderte gestorben sind und dass trotzdem manche Leute gerne wieder den Kommunismus zurückhaben würden.

 

7. Europa ist mehr als die EU

In Deutschland und in Westeuropa generell setzen wir oft EU gleich mit Europa. Was so aber einfach nicht stimmt. Es gibt immer noch viele Länder in Europa, die nicht in der EU sind und einfach nur, weil diese Länder nicht so oft in unseren Medien vorkommen, sie einfach bei der Europa gleich EU Gleichung auszulassen ist an sich eigentlich eine Frechheit.
Genauso zu sagen, dass ganz Europa reich ist. Ja, Westeuropa ist eine reiche Region, aber es gibt mehr in Europa als Frankreich und Deutschland. Das Durchschnittseinkommen in Albanien liegt bei 350€ im Monat und ist damit niedriger als das in Südafrika. Offiziell sind 18% ohne Beschäftigung, die Dunkelziffer soll fast doppelt so hoch sein. So viel zu „alle Europäer sind reich“.
Gleichzeitig ist mir bewusst geworden, wie sinnvoll der Schengenraum ist. An alle die gerne einen Dexit wollen, reist doch mal über den Balkan, mit 10 verschiedenen Währungen und das langziehen jeder Fahrt von bis zu zwei Stunden extra wegen Grenzübergangen, wird euch sicher gefallen. Ah und natürlich ohne mobiles Internet, denn Roaming ist schon teuer.

 

8. Vorurteile abbauen

Griechland? Wein, alte Kultur und schöne Strände.
Montenegro? Wunderschöne Berge.
Und Albanien dazwischen? Drogen, Blutrache und Bösewichte in Filmen.
So zumindest wirkte auf mich immer die Darstellung dieser Länder in den deutschen Medien. Das dies natürlich nicht stimmt und auch die Natur in Albanien wunderschön ist kann man sich glaube ich denken.
Insgesamt sind die Leute hier einer der nettesten, gastfreundlichsten, die ich jemals getroffen habe und ohne kulturweit und dieses zufällige zusortieren von Orten, wäre mir das nie auf diese Weise bewusst geworden, wie jetzt.
Dafür bin ich dankbar. Ich finde es im Nachhinein super, dass ich mir nicht aussuchen konnte wo es hingeht, sondern einfach zugestimmt habe zu einer (zufälligen) Auswahl.

 

9. Freiwillige sind eine Familie

Wir Freiwillige si

nd eine Familie und auch, wenn man mit einem vielleicht menschlich nicht so gut kann, ist man füreinander da! Wie eben in einer Familie! Man hilft sich wo man kann, nicht wo man Lust drauf hat.

10. Selbstvertrauen

Am Ende wird alles gut werden, sicher. Sagte sie und machte sich bei der Grenze, auch wenn es eigentlich keine Probleme geben kann, in die Hose.
Aber es ist alles gut gegangen. So wie eigentlich immer. Semesteranfang in Tirana und alle furgons sind bis zum nächsten Tag ausgebucht? Hat trotzdem geklappt – ich bin angekommen.
Zweimal das stärkste Erdbeben Albaniens seit 30 Jahren? Ich habe überlebt.
Keinen Strom für relativ lange Zeit, so dass mein Kühlschrank komplett abgetaut ist? Passiert halt, irgendwie wird das schon.
Und so groß oder klein die Krisen auch waren, irgendwie habe ich sie alle bewältigt bekommen. Und wenn ich nicht mehr weiter wusste, habe ich mir Hilfe gesucht. Denn dass habe ich auch gelernt: Zu jemandem der wirklich selbstständig sein möchte gehört es dazu, dass man weiß, wenn man Hilfe braucht und sich diese dann auch sucht. Ich muss nicht alles alleine schaffen. Nur irgendwie mit möglichst wenig Panik alles zu schaffen, das wäre schön.

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