Das was bleibt

Es ist ein Uhr nachts. Ich sitze in meinem Bett. Laptop auf dem Schoß, höre albanisch-deutschen Rap und lese meine alten Blogbeiträge aus Albanien.
Ich kann mich kaum konzentrieren, sobald der albanische Lyrics anfängt muss ich mit meinen Bruchstücken Albanisch mitsingen. Doch verstehen tu ich kaum etwas.
Ich will zurück. Ich will nochmal durch Tirana laufen, nochmal Albanisch sprechen, nochmal mit dem Furgon wegfahren.
Ich will Veränderung und gleichzeitig merken, dass ich mich seit Albanien nicht wirklich verändert habe.
Vermutlich betrifft diese Ankommensdepression fast jeden Freiwilligen. Die Zweifel, ob man sich verändert hat und was wirklich bleibt.
Das Feststellen, dass Erinnerungen eben nicht mehr sind als Erinnerungen an eine Zeit, die nie mehr sein wird. Ich habe schon fast vergessen, wie die Freiwillige aus Skopje und ich in Ohrid in einem Restaurant angefangen haben zu tanzen oder wie sich das Erdbeben im November anfühlte.
Doch ich glaube, dass die Septemberausreise 2019 ganz besonders darunter leidet. Wie sollten wir auch nicht?
Erst werden wir ins absolute Abenteuer geschmissen und erleben jeden Tag etwas Neues, fahren über Wochenenden weg, nur um dann (in meinem Fall durch Polizeicheckpoints) das Land spontan zu verlassen und zurück in unsere alte Umgebung in unsere Familien geschmissen zu werden und auch noch dazu kaum Freunde zu treffen?
Und die Familie prägt einen, ob sie das will oder nicht. Gefühlt bin ich jetzt eher dort wo ich am Ende der Schule war, als dort wo ich am Ende von Albanien war und das belastet mich.
Denn was bringt ein Freiwilligendienst, wenn er nicht langfristig prägt. Und was bedeutet langfristig prägen überhaupt?
Ich werde nicht, so wie es ein paar andere Freiwillige in Tirana, es mir vorgemacht haben, nach Tirana umziehen oder dort studieren.
Aber ich werde wiederkommen, doch wann das ist ungewiss.
Seit über zwei Monaten bin ich jetzt wieder zu Hause. Unglaublich… Was ist in den ersten zwei Monaten Albanien passiert? Eine Unmenge. Und was in den letzten zwei?…. Kaum etwas. Naja, wobei ich mache einen Coding Retreat und programmiere also relativ viel und lerne immerhin virtuell neue Leute kennen, aber es ist einfach weniger spannend als es in Tirana war. Die Chancen, dass ich mich spontan auf dem Weg zu meinem Schreibtisch verfahre und plötzlich in Prishtina ende und nicht in Peja sind gering. Oder das ich in meiner Küche random neue Leute kennen lerne, die mir ihre Kultur zeigen oder für mein Essen bezahlen, also ausgenommen meine Eltern.
Doch das ist, wie die Situation jetzt nunmal ist. ich kann das nicht ändern. Ich kann aber versuchen etwas gegen meine unguten Gefühle zu tun.
Ich habe gegoogelt, es gibt wohl keine albanischen Verein in der Stadt, wo ich studieren möchte, aber ich möchte weiter albanisch lernen und besser darin sein, mit albanischen Freunden Kontakt zu halten.
Das Lied ist schon sei einer Weile vorbei. Es war schon bevor ich in Albanien war populär, doch da habe ich es gehasst. Jetzt hat es mich zum weinen und in Ekstase gebracht, allein weil Albanisch gesungen wurde. Etwas ist also doch geblieben – ein sehr fragwürdiger Musikgeschmack – immerhin.

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