Peja, Prishtina, Prizren – ein Wochenende im Kosovo

 

Auf der Rückfahrt vom Zwischenseminar, bin ich bereits durch den Kosovo gereist und ich wusste, dass ich nochmal zurück kommen möchte.

Nicht nur, weil es das einzige Land neben Albanien ist, in dem ich meine Albanischkenntnisse testen kann – was sich als ziemlich große Enttäuschung herausstellte, den Dialekt der Kosovo-Albaner verstehe ich nämlich kaum und die Kosovaren lachen mich wiederum aus, wenn ich Albanisch spreche –  sondern auch weil dieses kleine Land mich faszinierte. Erst seit 2008 unabhängig, ist es irgendwie ähnlich wie Albanien und doch ganz anders.

Seit etwa 100 Jahren sind der Kosovo und Albanien jetzt getrennt. 100 Jahre in denen Albanien eine extreme Form des Kommunismus durchmachte und Religion verboten wurde und der Kosovo teil von Jugoslawien war und natürlich verändert das und der erst 20 Jahre vergangene Krieg im Kosovo, ein Land.

Ich hatte die Woche vorher in Tirana einen deutschen Kosvo-Albaner (er ist seitdem er 3 ist Deutschland) kennengelernt. Er meinte, dass wenn ich in den Kosovo kommen würde, er mir seine Stadt, Peja, zeigen würde. Ich sagte zu. Er fragte vorher noch ob ich mehr Lust auf Stadt oder Berge hätte, ich meinte Berge und so saß ich am Donnerstag in einem Bus Richtung Peja oder zumindest dachte ich das. Kurz vor Prishtina stellte sich dann heraus, dass ich vorher an einer Tankstelle hätte aussteigen und in einen Furgon nach Peja hätte umsteigen müssen. Also dann doch in Prishtina in einen neuen Bus nach Peja einsteigen. Ich machte mir nur Sorgen, wegen dem deutschen Albaner, der mich abholen wollte und wegen diesem ganzen Drama war ich jetzt eine Stunde zu spät.

Ich fragte also die Mutter vor mir im Bus nach Peja, ob sie Englisch sprechen würde. Sie verneinte, doch der Mann vor ihr, bot mir von sich aus seine Hilfe an. Ich durfte dann sein Handy benutzten um den deutschen Albaner anzurufen und wie sich rausstellte, war alles nur halb so schlimm, denn er war typisch Albaner sowieso noch nicht losgefahren.

 

Donnerstag, Peja

Also eine Stunde später als geplant kam ich in Peja an und der Deutsche wartete schon auf mich. Gemeinsam fuhren wir (mit einem fast leeren Tank) in die Berge, aßen zu Mittag und spazierten durch ein Winterwunderland. In die Bergregion um Peja kommt man wegen erstaunlich guter Straßen auch im Winter. Momentan wird dort ein Skigebiet aufgebaut.

Insgesamt beeindruckte mich der Kosovo total mit seiner Moderne. Gute, geräumte Straßen, Busstationen mit Plattformen, Ticketschaltern und Busfahrpläne – alles Sachen, die ich von Albanien nicht kenne und nicht in dem noch ärmeren Kosovo erwartet hätte.

Wir fuhren also durch die Berge und die Dörfer und der deutsche Albaner erzählte mir viel über die Kultur, die Unterschiede zu Albanien, sein Leben und seine doch sehr albanische Sicht auf den Kosovokrieg.

Eigentlich wollte ich am Abend noch weiter nach Prishtina fahren und dort im Center Hostel <3 schlafen, doch er bot an, dass ich auch im Hotel von seinen Onkeln schlafen könnte. Er musste, dann noch sein Auto reparieren lassen und ich durfte in der Zeit mit seinem jüngeren Cousin in der Tankstelle einen Tee trinken. Einziges Problem: Er konnte kein Englisch oder Deutsch und ich konnte sein Albanisch absolut nicht verstehen. Nach 20 Minuten, die mit gefühlt drei Stunden peinlichem Schweigen gefüllt wurden, kamen wir auf die wunderbare Idee doch Google Translate zu benutzen.

Also Albanisch – Deutsch und auch das stellte sich als ein riesiger Reinfall oder um den Cousin zu zitieren „katastrofë“ heraus. Doch Google Translate Englisch – Albanisch ging zusammen mit den drei Wörter Albanisch, die ich kann, einigermaßen. Er erzählte, dass er in den Bergen oben in einem Stall (ich habe die Hütte später gesehen, es ist wirklich ein Stall) aufgewachsen ist und sie fast nichts zu essen hatten. Er hatte sich entschuldigt, dass er kein Englisch könne, weil er die Schule nicht fertig gemacht hatte – er musste arbeiten. Jetzt macht er mal hier und da arbeiten und hat sich für ein Visum in Deutschland beworben. Und nach nur unglaublich schnellen 20 Monaten hatte er dann auch seinen ersten Termin bei der deutschen Botschaft bekommen. Er meinte, dass in etwa 60% seiner Freunde nach Deutschland gehen wollten. Für ihn meint er geht es nicht darum mehr Geld zu verdienen – er sei auch in dem Stall glücklich gewesen, sondern darum eine gute Krankenversicherung und generell soziale Sicherheit zu haben.

Wir verstanden uns trotz der Sprachbarriere also ganz gut. Es hatte ein bisschen etwas von live-texting. Er schrieb, ich wartete. Schauen, ob die andere Person, verstanden hat, was man sagen wollte und dann das selbe Spiel zurück. Es war anstrengend und mühselig. Umso größer war die Erleichterung als der deutsche Kosovo-Albaner wieder da war und er übersetzen konnte. Er erzählte, dass die Rezeption in dem Hotel von seinen Onkeln schon geschlossen sei, aber ich in der Berghütte (nicht dem Stall) von der Familie von seinem Cousin schlafen könne. Ich meinte, dass das auch okay sei.

Der Cousin fing dann gleich in Albanisch an, mich vorzuwarnen, damit die verzogenene Deutsche jetzt bloß keinen Luxus erwartet.

Noch schnell bezahlen und dann ging es hoch auf den Berg. So weit wie das Auto kam und dann zu Fuß weiter.

Der Weg am nächsten Morgen mit Sonnenschein

Durch Schnee, der mir fast bis zum Knie ging. Es war super anstrengend und weder, dass ich meine Füße wegen der Kälte immer weniger spüren konnte, noch die Bärenspuren im Schnee, halfen mir dabei anständig hoch zu kommen. Trotzdem hatten wir es dann irgendwann hoch geschafft. Oben angekommen musste dann erstmal der Strom angeschaltet werden. Dieser war etwas schwächer als erwartet und so saßen wir bei dimmerigen Licht in einer kalten Berghütte, die so hoch war, dass es keine Lichter mehr von Hotels gab, mitten im Schnee. Nachdem der Holzofen angeschmissen wurde, wurde es langsam auch wärmer.

Einer Freundin schrieb ich:

[21:21, 9.1.2020] Jana: Also Zwischenfazit: ich sitze in einer (noch) kalten Hütte, umegeben von einem halben Meter Schnee (hier führt keine Straße hin) und in dem Bärenspuren sind. Aber hey immerhin habe ich wlan
[21:37, 9.1.2020] Jana: auf dem höchsten Berg des kosovos
[21:38, 9.1.2020] Jana: so hoch dass außer unserer hütte fast gar nichts mehr da ist

Und dieses Gefühl als wir oben saßen und albanische Musik hörten, kann man glaube ich kaum beschreiben. Der Deutsche und ich wussten, dass wir gerade beide ein Highlight unserer Balkanbesuche erleben, während der Cousin sich über uns (vor allem mich) lustig machte, weil ich den Holzofen so cool fand.

Freitag und Samstag, Prishtina

Am nächsten Tag ging es dann wieder durch den kalten Schnee Richtung Auto und danach zurück nach Prishtina, wo ich mit meiner Familie telefonierte und mit dem Rezeptionisten einen Kaffee trinken und etwas essen gang.

Für 1,50 Euro gab es einen Salat, einen halben Laib Brot, Wasser und eine große Schüssel Reis mit Bohnen. Später am Abend kam dann noch eine Freiwillige aus Skopje in Prishtina an, noch schnell im Liburna lecker albanisch essen gehen, kurz noch aus Versehen über kosovarisches Regierungsgebiet laufen und fast seine Personalien abgeben müssen, noch ein Drink bei Rockuzinë mit Liveband und das war es dann auch mit Freitag.

Samstagmorgen nahmen wir an einer Free Walking Tour teil – die normalerweise im Winter so wenige Besucher hatte, dass der Rezeptionist im Hostel extra noch den Guide anrufte, damit dieser auch wirklich kommen würde. Die Free Walking Tour führte vorbei an Moscheen, dem Basar, dem ethnologische Museum, dem Newbornsign, der Kathedrale und dem „hässlichsten Gebäude der Welt“.

 

Nach der Tour gingen wir noch als Gruppe mit dem Guide etwas essen. Außerdem redete ich noch kurz mit dem Guide auf Albanisch. Er musste sofort anfangen zu lachen, wie schon alle Leute vorher im Kosvo als ich albanisch sprach. Er meinte, dass ich so einen hochalbanischen / tiranerischen Akzent hatte. Aaaah deswegen fanden mich die Leute lustig.

Danach kam auch noch eine weitere Freiwillige aus Serbien an. Wir beschlossen sie von der Busstation abzuholen (nachdem die Skopje-Freiwillige horende Summen für ihr Taxi bezahlen musste und der Taxifahrer mich sehr lustig anschaute, als ich ihm auf Albanisch gesagt habe, dass das doch etwas teuer sei). Wir fragten also nach an der Busstation, ob denn der Bus aus Belgrade schon angekommen sei.

„Excuse me, did the bus from Belgrade already arrive?“
[unverständliches Gemurmel]
[zu der anderen Freiwilligen] „Hast du verstanden, was er gesagt hat?“
[Sie] „Ja ich glaube, er hat gesagt…“
[Typ] „Liebes Fräulein, denken Sie etwa, dass ich kein Deutsch sprechen kann“

Anschließend erklärte er den Weg zum Bus eben in perfektem Deutsch.

Praktisch gleichzeitig kamen wir mit dem Bus an, doch bevor wir die Serbien-Freiwillige finden konnte, wurden wir angesprochen, wieder in perfektem Deutsch „Seid ihr Freunde von Louisa?“ „Ja, wieso?“ „Sie hatte von euch erzählt. Ich wollte sie in die Stadt fahren, wollt ihr mitfahren?“ „Ja, gerne“. Und so saßen wir 5 Minuten später zu dritt – dann auch mit Louisa – in einem Auto, von einem Albaner, der in Deutschland lebte.

Am Abend gingen wir dann noch zu dritt bei Baba Ganoush sehr lecker vegan was essen und die anderen beiden in den Club.

Sonntag, Prizren

Am Sonntag frühstückten wir bei einer leckeren kosovarischen Bäckerei und fuhren vorbei an 2Meter großen Strudelwerbepackungen und Tankstellen, die statt einen Preis anzuzeigen einfach „Mirësevini“ (Herzlich Willkommen) sagen, nach Prizren. Die Stadt überraschte mich total. Ähnlich wie in Sarajevo liegt sie mitten in den Bergen und hat sowohl viele Moscheen, als auch viele Kirchen. Wir gingen hoch zur Burg und aßen noch etwas bei Gatsby. Und dann wollten wir uns auch auf den Rückweg machen.

Angekommen beim Busterminal dann erstmal ein Bummer. Der einzige Bus direkt von Prizren aus fuhr um 5:00 morgens. Wir hätten nochmal zurück nach Prishtina und dann von dort aus nach Tirana fahren können, doch ein Taxifahrer sprach uns an. Er könnte uns auch zu einer Autobahnraststelle fahren von wo aus, dann angeblich ein Bus nach Tirana fahren würde. Da wir zu zweit waren und die Fahrt nur 5 Euro kosten sollte, probierten wir es aus und tatsächlich stand da ein Bus Richtung Tirana. Nach einigem hin und her diskutieren zwischen unserem Taxifahrer und dem Busfahrer durften wir dann auch mitfahren. Wir bekamen die letzten Plätze im Bus, wegen uns wurde dann sogar extra ein kleines Mädchen auf den Schoß genommen.

Auch die Grenze verlief unkompliziert. Der Grenzbeamte war nur etwas enttäuscht, dass weder ich noch die Freiwillige aus Skopje Albanerinnen sind. Das hatte er uns dann auch gleich auf richtig Deutsch mitgeteilt und so endete dann auch der kleine, aber doch sehr feine Auflug in den Kosovo.

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