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Die Geschichte einer Nacht

Ich habe lange überlegt, ob ich über das folgende Erlebniss überhaupt in einem Blog  schreiben soll, oder ob es  Themen gibt, die zu sensibel für das Internet sind. Doch es sollte keine Tabuthemen geben, gerade wenn sie einen noch so lange beschäftigen. Manchmal beginnen Abenteuer klein, die uns am meisten herausfordern.

Es hat alles angefangen mit einem Päckchen aus Deutschland. Meine Mutter hat mir Ohrentropfen hinterhergeschickt, die es irgendwie nicht in meinen Ghana-Rucksack geschafft haben. Und da das Porto nach Ghana nicht maßgeblich vom Gewicht abhängt, wurde es noch es aufgefüllt mit Materialien für einen Kunstwettbewerb der Partnerschulen im Biosphärenreservat. Gemästet mit Buntstiften und Wachsmalkreiden und mit einem stattlichen Gewicht von 9,7 kg hat es sich dann auf den Weg zu mir nach Ghana gemacht.
Aber die Welt ist groß und die Wege von DHL sind unergründlich. Nach vier Wochen mache ich mich eigenständig auf die Suche und schaffe es mit Hilfe des Online-Trackings und vielen Telefonaten das Paket zu lokalisieren. Es hat es nach Ghana geschafft, liegt aber höchstwahrscheinlich noch im Postoffice in Tema (kurz vor Accra) wegen ausstehender Rechnungen. Aha. Dann mache ich wohl einen Kurztrip nach Tema, um mein Päckchen freizukaufen.

Als ich nach einer gefühlten Ewigkeit im Trotro das Postoffice erreiche, ist es voll, ich muss mal und habe kein Geld. Also werden Prioritäten gesetzt. Toilette, Supermarkt und Geldautomat. Eine Stunde, vier Geldautomaten und neun Versuche, Geld abzuheben, später, gebe ich auf. Irgendwie funktioniert das mit dem Abheben mal wieder nicht. Ich gehe also wieder zur Post und hole mein großes, zermatschtes Päckchen ab. Ja es ist wirklich da! Damit habe ich schon gar nicht mehr gerechnet. Der Grund, warum das Päckchen nicht ausgeliefert werden konnte, ist eine Nachzahlung von umgerechnet etwa 1,50 €. Netterweise öffnet der Postmitarbeiter das Päckchen dann auch gleich für mich (so eine Art nachträglicher Zoll). Das macht den Transport des ohnehin schon malträtierten Päckchens aber leider nicht einfacher.

Jetzt brauche ich also nur noch Geld, um nach Hause zu kommen. Zum Glück klappt es nach dem zehnten Versuch endlich (darauf, dass ich den falschen PIN eingegeben habe, bin ich gar nicht gekommen). Auch die Bankmitarbeiter kennen mich jetzt ganz gut. Sie haben schon vorhin gemerkt, wie unglaublich planlos ich unterwegs bin. Ungefragt rufen sie mir ein Trotro in die richtige Richtung, halten die Tür auf und tragen mein Packet, bis ich sitze. Das ist echt toll hier in Ghana. Siehst man auch nur so aus, als könnte man Hilfe gebrauchen, kommt sofort jemand und kümmert sich.

Das Trotro, in dem ich sitze, soll eigentlich zur Mainstation fahren, wo ich von dort aus in das Trotro nach Ada umsteigen kann. Es geht immer weiter in kleineren Straßen und Gassen, Gängen mit Häusern aus Lehm, die eng zusammen stehen. Immer mehr Leute steigen aus und dann hält der Kleinbus in einer Sackgasse. Okay, wie die Mainstation sieht das hier nicht gerade aus. Diesmal kommt meine Rettung in Gestalt eines gleichaltrigen Jungen. Er ist der Mate im Trotro (Fahrkartenverkäufer) und setzt sich kurzerhand mein Päckchen auf den Kopf. Immer wieder schaut er sich nach mir um, obwohl er ganz offensichtlich selbst den Weg zur Station nicht kennt. Etwa zwanzig Minuten quatschen wir über Ghana und Deutschland, Uni und Reisen, Natur und den Klimawandel. Währenddessen fragen wir uns durch. „Wo ist hier die Mainstation?“ „Geradeaus, rechts am Haus vorbei, zwischen der Mauer und dem Gebäude durch, einmal bitte umdrehen….“

Gerade als wir in eine weitere Nebenstraße eingebogen sind, entdecken wir eine Frau Mitte zwanzig. Mein neuer Freund spricht sie sofort an und erkundigt sich erneut nach dem Weg, doch die Frau dreht sich weg. Das ist ihm definitiv zu unfreundlich und er berührt sie am Arm. „Wo ist die Mainstation?“ wiederholt er. Widererwartend schreckt sie mit weit aufgerissenen Augen zurück und presst sich gegen die Wand. „Ich bin doch auch nicht von hier.“ Als der Junge sie fragt, ob wir ihr helfen können, bricht sie in Tränen aus.

Und obwohl sie sich sichtlich schämt, erzählt sie uns ihre Geschichte: Sie komme ursprünglich aus einem Nachbarland und wohne hier bei einer Tante. So oft es gehe, arbeite sie in einem Restaurant, um die Verwandten bezahlen zu können. Eigenes Geld habe sie nicht. Vor 3 Tagen habe ihr Boss sie abends angerufen und kurzfristig für eine Nachtschicht eingeteilt. Als sie im dunkeln ankam sei sie von ihm in das geschlossene Lokal gezerrt und brutal vergewaltigt worden. Auch einige der Mitarbeiter seien beteiligt gewesen.
Dann sei sie ins Krankenhaus gefahren, ohne Krankenversicherung oder Geld für die Behandlung. Der Arzt habe in dieser speziellen Situation weitestgehend auf die Behandlungskosten verzichtet. Trotzdem gebe es noch offene Rechnungen von 100 Cedi für das ärztliche Gutachten, welches dem Richter für eine Anklage gegen sexuelle Gewalt vorgelegt werden müsse. Sonst habe sie nichts gegen den Arbeitgeber in der Hand, der ein einflussreicher Mann mit fünf Frauen sei. In nur einer Nacht hätten sie ihr alles genommen. Sie schäme sich so und könne deshalb nicht zur Tante zurück. Sie wisse nicht was sie nun tun solle.

Immer wieder schüttelt sich die junge Frau und ich merke, dass es sie richtig Anstrengung kostet, nicht wegzulaufen. Und doch kommen immer mehr Details ans Licht: Anhaltende Blutungen, ein Schwangerschaftstest und sie zeigt uns ihre Patientenmappe mit all den Untersuchungsergebnissen. Sie habe seit drei Tagen weder geschlafen, noch gegessen und so sieht sie auch aus.

Mein Begleiter zieht einige Scheine aus dem kleinen Bündel der Trotro Tageseinnahmen, die er wahrscheinlich aus seinem eigenen Einkommen für heute abzweigt. Sie soll sich etwas zu essen kaufen und bloß nicht zum Restaurant zurückgehen. Mehr kann er nicht tun, aber ich. Und die fehlenden 100 Cedi wandern in die Hand der Frau. Ich weiß nicht, ob das richtig ist, und fühle mich so schlecht, weil ich ihr nur Geld gebe und keine echte Hilfe. Aber gleichzeitig frage ich mich, ob die Geschichte wahr ist. Und was ist das für eine Welt in, der man sich sowas fragen muss?

Bisher habe ich in Ghana niemandem ohne weiteres Geld geschenkt, wenn jemand gebettelt hat. Selbst Kindern habe ich je nach Situation nur mal Orangen oder Süßigkeiten gegeben. Viele von ihnen sind sicherlich in einer schwierigen finanziellen Situation, besonders im Vergleich zu mir. Aber ich möchte nicht, dass durch mein Handeln eine Abhängigkeit und Ungleichheit entsteht und sich schon Kinder auf das Mitleid anderer verlassen. So fies das klingt, aber es ist nicht das Bild dass ich in Ghana vermitteln möchte. Und trotzdem bin ich in jeder dieser Situation aufs Neue überfordert.

Heute ist es etwas anderes. Die Frau hat nicht nach Geld fragt, nicht einmal um Hilfe gebeten. Und ich stehe hier vor ihr, ein Päckchen aus Europa in den Arm und ein Rucksack mit gefüllter Brieftasche auf dem Rücken. Mir war selten so klar, wie viel Macht ich in meiner Position auf das Leben anderer Menschen habe; was für Auswirkungen mein Handeln haben kann, obwohl ich es gar nicht will. Und das alles mit gerade mal umgerechnet 20 €, die hier so viel mehr Wert haben. Wir sind zu zweit, stehen vor ihr auf der Straße und fühlen uns ganz machtlos gegenüber so viel Leid und Ungerechtigkeit. Die Frau liegt mir in den Armen und weint, „ Gott bless you.“ Aber ich fühle mich keineswegs, wie der barmherzige Samariter. Ich bin einfach nur zufällig, ohne mein Zutun in ein sehr behütetes sicheres zu Hause hineingeboren worden.

Der Junge rät ihr noch, das Geld gut zu verstecken, dann müssen wir sie alleine lassen. Nach etwas hin und her finden wir dann noch das richtige Trotro. Es ist voll und fährt vor unserer Nase ab, doch der Junge wartet mit mir auf das nächste. Ich sage ihm, dass das nicht nötig ist und er schon so viel für mich getan hat, aber er besteht darauf. Nach einem kurzen Schweigen in dem Trubel der Station frage ich ihn, was er von der Geschichte eben hält und er zuckt die Achseln. Wir sehen uns an und ich merke, dass wir beide die Wahrheit schon zu wissen glauben. So schrecklich und detailliert, verzwickt und hoffnungslos ist nur das wahre Leben.

Meiner Meinung nach gibt es in Ghana eigentlich ziemlich gute Gesetze, wenn es um Frauenrechte geht. Seit 1992 sind sie den Männern gesetzlich gleichgestellt und Frauen sind im Arbeitsleben ein wichtiger Wirtschaftsfaktor. 80% der erwachsenen Frauen arbeiten, und haben eine traditionell autonome Position. In meinem Reiseführer steht, Ghana sei das Land der starken Frauen. Aber langsam glaube ich, das müssen sie auch sein, um ihre vollständige Gleichbehandlung erlangen zu können.

Ich habe für mich festgestellt, dass in der Realität die Geschlechterrollen und die Geschlechterungleichheit noch tief in der Gesellschaft verwurzelt sind. Ungleiche Ausbidungschancen, niedrigere Löhne und die Vielehe sind nur einige Schwierigkeiten auf dem Wege der Gleichstellung. Immer wieder begegne ich Menschen, die eine sehr antiquierte Vorstellung davon haben, wie man mit Frauen umgehen sollte und besonders unverheiratete Mädchen haben es nicht immer leicht. Diesen Sexismus habe auch ich schon in einigen Situationen zu spüren bekommen. Wenn es um die Vorstellung in einer neuen Runde oder das Weiterleiten von Informationen geht, wird immer Lukas angesprochen. Anfangs wurde mir bei einem Gespräch kaum in die Augen geschaut, ich durfte weder die Schubkarre noch den Sparten alleine benutzen und auch jetzt noch werde ich öfters mal am Arm gepackt oder hinterher gezerrt.Trotzdem ging es mir hier nie schlecht und auch das Verhalten der Mitmenschen und Mitarbeiter mir gegenüber hat sich mit der Zeit gewandelt. Ich weiß leider oft ich nicht in wie weit das eine Sonderstellung durch die Hautfarbe ist. Ist das weiße Mädchen anders als das dunkelhäutige?

Ich stoße hier immer wieder auf Widersprüche. Wir gehen mit der Wildlife Division einmal die Woche zur Education an Grundschulen und haben im letzten Vortrag neben Umweltthemen auch über Rechte aufgeklärt. Ein Thema war unter anderem auch die Gleichberechtigung der Frauen. Aber beim Aufräumen wurde ich dann wieder von einem der Mitarbeiter zur Seite geschubst, weil ich als Frau nicht in der Lage sei, den Generator zu tragen. Weitere angesprochen Themen, wie die sexuelle Verstümmelung bei Mädchen und Kindesmissbrauch zeigen, mit welchen Problemen einige der Grundschülerinnen schon früh konfrontiert werden. Auch Homosexualität ist in Ghana nicht geduldet und führt von Verachtung in der Gesellschaft bis hin zur Freiheitsstrafe.

Letztendlich ist Ghana aber ein sehr sicheres Land, in dem gerade Meinungen, Länder, Kulturen und Religionen verschiedenster Art toleriert werden. Trotzdem ist das Leben, wie überall auf der Welt, nicht für alle gerecht . Manchmal ist da dann doch eine junge Frau ganz allein in einer Gasse und weiß nicht wohin sie als nächstes gehen soll.

Und dann kommt auch schon das Trotro. Der Junge von dem ich nicht einmal den Namen kenne, sucht mir ein Sitzplatz ganz hinten, damit ich nicht so oft aussteigen muss. Er wartet bis ich sitze und lädt mir das Paket auf dem Schoß. Sichere Reise! Er winkt und als ihn der Fahrer fragt, ob ich „boy or girl“ bin (ohne mich persönlich anzusprechen natürlich), sagt er: „She is the woman.“ So bin ich hier in Ghana tatsächlich nur selten wahrgenommen worden. Meist bin ich ein Mädchen, oder ohne Ohrringe und mit Hosen auch gerne mal ein Junge. Jetzt schaut der Junge sich noch einmal um, lächelt und verschwindet im Gedränge der Mainstation. Dann ist er weg und ich konnte mich nicht einmal ordentlich bedanken. So wie er war, hätte er es auch nicht gewollt und trotzdem war er so hilfsbereit, empathisch, freundlich, unaufdringlich und ein guter Zuhörer, dass ich es ihm einfach gerne gesagt hätte. Ich werde wohl noch eine Weile an diese kurze, innige Bekanntschaft denken.

Im Trotro gibt es leider keine Zeit, um in Ruhe nachzudenken. Auf der Rückfahrt feiern wir Gottesdienst, weil ein Pastor an Bord ist. Wir singen, beten und klatschen zwei Stunden lang. Auf der waghalsigen Motorrad-Taxifahrt nach Hause habe ich dann noch vier Beinahe-Unfälle und ich klammere mich fest an mein Päckchen.

Als ich endlich ankomme, ist es schon dunkel. Stockdunkel. Stromausfalldunkel.
Aber ich habe ein sicheres Dach über dem Kopf, zwei nette Mitbewohner, die schon in der Küche Abendessen kochen und eine so verdammt abgesicherte Zukunft.

Live is life

Eine Kurze Geschichte über die Herausforderungen des Alltags.

(Geschrieben in einem Trotro nach Togo mit 16 Reisenden und einer Ziege im Fußraum.)


Alle guten Dinge sind mindestens drei! (War ja auch schon mein Motto bei der Führerscheinprüfung) Annika ist letzte Woche aus dem Regenwald des Biosphärenreservates in Bia zu uns an die Küste gezogen und wohnt jetzt in dem letzten freien Zimmer unser lustigen 3er Wg.

Eigentlich hatten Lukas und ich uns geschworen, dass verwahrloste, hintere Zimmer mit all seinen mehrbeinigen Bewohnern für die nächsten 6 Monate zu meiden, aber jetzt nach einer 4 Stunden langen Putzaktion, ist das Zimmer wieder im Normalzustand. Eigentlich warte ich auch immer noch auf Tapferkeitsmedaille für die Reinigung des Choleraklos. Da hat sich unter der Wärme des Toilettendeckels doch glatt ein isoliertes Biotop gebildet.


Die neue Dreisamkeit ist sehr schön, oft lustig und das WG leben mit all den Alltagstätigkeiten, wie waschen, kochen, einkaufen und spülen, auf den ersten Blick das selbe wie in Deutschland. Und trotzdem ist alles anders: Wir waschen mit der Hand in einem Eimer und das Wasser dafür wird auf der Gaskatusche erhitzt. Trinkwasser kochen wir zweimal täglich ab und den Biomüll rausbringen = Ziegen füttern. Da wir nur eine Flamme auf unserem Gaskocher haben, ist das Essen zubereiten meistens eine Abendbeschäftigung von mindestens zwei Stunden. Zudem ist unser Kühlschrank kürzlich ermordet worden (oder zumindest kaputt) ,weshalb wir jetzt jeden Tag neu einkaufen gehen müssen.

Auch das Einkaufen auf dem Markt oder an den vielen Straßenständen dauert seine Zeit, aber wir haben Fortschritte gemacht. Auf den ersten Blick sieht es zwar nicht so aus, aber in den zahlreichen Läden gibt es von Zahnbürsten bis Edelstahltrinkflaschen fast alles. Ein Chaos mit System. Überall wird gekauft, gefeilscht und verkauft. Der Handel ist spürbar und das Einkaufen so viel persönlicher, als im deutschen Supermarkt.

Manchmal ist für mich das reine Existieren schon anstrengend und vor allem zeitaufwendig.Aber auch wenn ich von Zeit zu Zeit wehmütig an die Mikrowelle und den Ofen von zu Hause denke, ist das Kochen hier in Ghana definitiv ein lohnenswertes Abenteuer.

Neben diversen lokalen Früchten wie Ananas, Kokosnuss, Orangen, Papaya oder Bananen, gibt es zudem eine Vielzahl an Lebensmitteln von deren Existenz ich bis vor zwei Monaten nicht mal wusste. Wir kochen viel mit Okra, Garden eggs, Yam Wurzel, Cassava Wurzel oder Cocoyam Knollen und verschiedensten Bohnen. Mein Lieblingsessen sind gegrillte Kochbananen, die ist zum Glück fast überall für 1 Cedi zu kaufen gibt. Aber auch durch die Ghanaischen Gerichten haben wir uns schon etwas durchprobiert. Neben unserem selbst zubereiteten Fufu (Plantains-Casava-Brei mit Quallenkonsistenz)hatten wir auch schon Banku und Kenke (fermentierter Maisbrei) und dazu die Palmnutsoup mit Fisch.

Trotzdem bin ich neuerdings beim probieren etwas zurückhaltender geworden, als mir nach einer Soße aus Tellergroßen Blättern dicke, rote Blasen im Mund angeschwollen sind. Die Blätter der Cocoyam-Pflanze enthalten viel Calciumoxalat und haben Nesseln, die erst beim zweiten Mal kochen genießbar werden. Sonst schmeckt es eher wie eine unangenehme Mischung aus Spinat und Brennesseln und kann nur mit ordentlich Cortison und Halsschmerztabletten runtergespült werden.

Auch der Blick in den Spiegel nach dem Besuch bei „Herbs Haircut“ war zunächst eine Überraschung. Meinen Wunsch auf kürzerer Haare wurde auf jeden Fall erfüllt und ich habe die ghanaische Durchschnittsfrisur von wenigen Millimetern bekommen. Unglaublich praktisch bei dem Wetter, aber ein bisschen froh bin ich doch, dass sie jetzt nach drei Wochen etwas gewachsen sind.

Auf der Arbeit gibt es jetzt auch immer mehr zu tun. Wir haben gemeinsam mit den Bewohnern der Kommune in Wakatsi all unsere Mangroven in der Lagune gepflanzt und ich habe gelernt die Setzlinge auf afrikanische Weise in großen Metallschalen auf dem Kopf zu transportieren.

Jetzt ist November und statt Kastanien sammeln wir Mangrovensamen. Fast die ganze letzte Woche waren wir mit einsammeln, schälen und pflanzen beschäftigt. Die Samen werden Senkrecht in die Erde gesteckt und dann brauchen die Mangroven etwa 3 Jahre bis sie bereit zum Pflanzen sind. Ab nächste Woche sind vielleicht schon die 1. Blätter zu sehen.

Auch hat die Trockenzeit jetzt begonnen und die Temperaturen steigen merklich. Eigentlich wurde mir gesagt, dass es jetzt wo es immer heißer wird auch die Moskitos verschwinden. Leider wissen die das anscheinend nicht. Volunteers vs Moskitos.

Und dann haben Anita, Lucas und Onya auch noch dreimal die Woche 2 Stunden Sprachunterricht mit unserem Dagme Lehrer Michael. Er ist super nett, aber wir haben jede Woche andere Namen. Ich meistens ohne R, denn diesen Buchstaben gibt es in Dangme nicht. Es ist zudem eine tonale Sprache. Das heißt, dass es sehr auch Aussprache und Betonung ankommt und beispielsweise das Wort pa drei verschiedene Bedeutung hat (Fluss, ausleihen und schlürfen), je nachdem in welcher Tonhöhe geredet wird. Dazu kommt noch, dass ich außer Agometaku kaum Wörter mit mehr als 3 Buchstaben kenne.

Aber auch wenn wir für das Sprachen lernen im Allgemeinen und Dangme im Besonderen das Talent fehlt und es manchmal echt verwirrend ist mit 2 Fremdsprachen unterwegs zu sein, macht es viel Spaß immer wieder aufs Neue zu versuchen auf Dangme Obst einzukaufen oder Smalltalk zu führen. Auch der Zugang zu den Mitmenschen ist leichter mit ein bisschen Dangme. Viele freuen sich wenn wir ihnen auf Dangme antworten und fast jeder versucht uns neue Sätze beizubringen.

Aber Dangme ist nur eine von 50- 100 Sprachen mit genauso vielen Dialekten und wird wirklich nur sehr lokal an der Küste östlich von Accra gesprochen. Als wir am Wochenende im 50 km entfernten Angola beim Hogbbetsots-Fest waren, wurde Ewe gesprochen und in Accra ist es eben Twi. Ghana das Land der 1000 Sprachen. Aber so etwas wie zwischenmenschliche Sprachbarrieren gibt es in Ghana kaum. Warum auch? Mir wurde erklärt, dass die Kinder hier meist schon mehrsprachig aufwachsen, eigentlich überall Englisch gesprochen wird und geheiratet wird unabhängig von Volksgruppe, Sprache oder Religion. „Wir sind doch ein Land, eine Familie. Wir gehören alle zusammen.“

Lustig ist es jedoch, wenn man in eins der Nachbarländer fährt. Burkina Faso, Cote d’Ivoire und Togo sind alle französischsprachig. Letztes Wochenende waren wir auf einem 3tägigen Kurztrip nach Lomé, der Grenz- und Hauptstadt Togos, um unser auf 60 Tage begrenztes Visum durch Aus- und Einreise verlängern zu lassen. Neues Land, neue Sprache, neue Währung. Mit Englisch kommt man da kaum weiter und der meist genutzte Satz aus dem letzten Französisch Urlaub: Je voudrais six pain au chocolat si vous plaît.“ Hat da leider auch nicht ausgereicht. Zum Glück hatten wir ja Hände und Füße, um zu kommunizieren und Lukas französisch war nicht ganz so eingestaubt. Trotzdem hat uns das mit der Währung noch mal komplett aus dem Konzept gebracht. Sind 870 CFA für 5 Liter Wasser zu viel? Und 300 für Bananen? Auf der ersten Taxifahrt haben wir erstmal fünfmal zu viel bezahlt, aber wir lernen ja dazu.

Und Togo ist auf jeden Fall eine Reise wert. Nochmal ganz anders als Accra und direkt am Meer. Der „Stadtpark“ ist ein kilometerlanger Sandstrand mit Palmen gesäumten Bänken und am Horizont zähle ich 42 Frachtschiffe. Der Hafen ist ein wichtiger Handelsstützpunkt , auch für die angrenzenden Binnenländer.

Geschlafen haben wir in einer kurzfristig gebuchten Ferienwohnung mitten in der Stadt, die sich als riesiges Appartement mit eigenem Zimmer und Bad für jeden von uns entpuppt hat. Und auch wenn das mehr ist als wir brauchten, haben wir den Luxus von Kühlschrank, WLAN und Klimaanlage für zwei Nächte sehr genossen.

Am Sonntag haben wir zu Fuß in der Mittagshitze die Stadt unsicher gemacht und anschließend haben wir uns nachmittags mit Annikas Internetbekanntschaft getroffen, einem Couchsurfer und Mitglied des Lomé Orchesters, der uns kurzerhand auf ein Konzert an einen Strand etwas außerhalb der Stadt eingeladen hat. Und so tanzten wir abends unter freiem Himmel vollkommen unerwartet mit jede Menge Togoern, Ghanaern und Touristen zu südamerikanischer Samba Musik.

C’est la vie.

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Leben in der Biosphäre

Nach über einem Monat fühle ich mich bei meiner Arbeit im Songor Ramsar Site und UNESCO biosphere Reserve sehr wohl und habe mir überlegt, in meinem Freiwilligendienst auch mal über den Dienst an sich zu berichten.

Das Reservat besteht bereits seit 2011 und ist wegen der einzigartigen Kombination aus Brackwasserlagune und Flussdelta zum UNESCO Biosphärenreservat ernannt worden. Es gibt eine Mischung aus Süßwasser und Salzwasser Ökosystemen mit Inseln, Mangroven, Strand, Küsten Savanne und kleinen geschützten Waldgebieten.
http://gh.chm-cbd.net/biodiversity/faunal-diversity-ghana/-situ-conservation-2/ramsar-sites/sanghor-ramsar-site

Declaration Date: 2011
Location: Latitudes 06°00’ 25’’ N, 00°19’E and 05° 45’ 30 ’’ N, 00°41’ 40’’E
Surface Area: 51,113.3 ha
Core area(s): 1699.08 ha
Buffer zone(s): 7822.03
Transition area(s): 28075.041ha
Administrative authorities: WILDLIFE DIVISION

Die Nutzung natürlicher Ressourcen und der Umweltschutz, sollen von den lokalen Leitungen in den Kommunen weitestgehend selbst organisiert werden. Hierzu treffen sich die jeweiligen Vertreter mit der Wildlife Division und Forestry Commission, um gemeinsam Themen, wie Salzgewinnung, Mangrovenpflanzungen und Wassernutzung abzusprechen. Wichtig ist hier die Zusammenarbeit und gemeinsame Planung, da Probleme nicht vor den Distriktgrenzen halt machen. So wird beispielsweise Dienstag nicht gefischt und Donnerstag keine Landwirtschaft betreiben, sodass sich die Natur erholen kann.

Bei dem Office in Big Ada arbeiten die Wildlife Division und Forestry Commission zusammen und teilen sich das Gelände mit anderen Einrichtungen. Wenn wir morgens um acht mit den Rädern zur Arbeit fahren, drehen wir als erstes die obligatorische Begüßungsrunde auf dem Gelände, um allen einen guten Morgen zu wünschen. Auch in den Pausen trifft man sich oft zusammen im Schatten, quatscht und teilt das Mittagessen.

Über meine Tätigkeiten und die Herausforderungen im Biosphärenreservat habe ich letzte Woche für die Ghanaische UNESCO Nationalkommission einen Report geschrieben..

Report on the Voluntary service in Sogor Ramsar Site No.1
by Ronja Trübger (16/9/19-16/10/19)

Arrival and Orientation
I arrived in Accra on the 16th of September and stayed there for two nights with the other volunteers. During our stay we went to the National commission for the UNESCO in Ghana and learned much about the structure and responsibilities of a Biosphere Reserve. Furthermore, we were invited by the German embassy for lunch and we had a meeting with the ambassador in which we got much information about the Ghanaian and German relationship. On 18th of September the UNESCO send me to Ada Foah, where a house is provide for the UNESCO Volunteers. My neighbours are also my colleagues and work for the forestry commission and Wildlife division. During the first days they introduced me to the other staff members and helped me a lot with the orientation in Ada and surrounding.

Talks and activities at work
• Raising mangrove seedlings: We sliced water sachets and filled them with soil for planting seedlings inside (Acacia mangium). Moreover we took care of the one year old Mangroves by watering them, cleaning the area from litter and removing old leaves, sticks and weed.

• Turtle monitoring: I took part in the weekly beach patrol on a beach quad, in which we counted and documented the turtle tracks and death individuals of three different marine turtles (olive ridley sea turtle, leatherback sea turtle, pacific green sea turtle)

• River cleaning: Every Thursday the river bank next to the office is cleaned by the forestry commission together with a community downstream. All Trees and reeds at the riverside are cutted down, so that the river can flow faster into the Songor lagoon, which is too dry and salty because of the salt extraction.

• Restauration of signs: I helped to build up two new painted signs next to the main road, which inform passing cars about the UNESCO biosphere reserve and the Nature protected area.

• Meetings:
Election: I took part in a meeting about the future plans of the Biosphere Reserve and the election of a board which will represent all communities. Therefor the biosphere Reserve, the Foa (Food and Agriculture organization for United nations) and two members of each community in the districts west and east Ada met and discussed about issues and challenges of landscape use and Nature protection.

Radio: Together with the Biosphere Reserve, the local radio (Radio Ada) planed a radio show series about the particularities and challenges in each community. Therefore we went to the community in Totope next to the songor lagoon and interviewed the fishermen and woman in which way changes and problems (like overfishing, erosion, climate change, and environmental pollution) in the past and present impact their daily lives and what could be solutions or benefits in the future. Afterwards we analysed the meeting, created a first concept for the radio show and collected ideas for a general advertisement slogan about nature protection in the biosphere Reserve.

Private
After one month, previous challenges have become part of my everyday life now. I learned a lot about the habitats and traditions of the residents and our neighbour showed me how to prepare the local food. Furthermore I have Dangme lessons three times a week and try to interact in Dangme as much as possible. At the weekends I was discovered the area around the Volta delta and I travelled already to the Xavi Bird Sanctuary, to Kumasi and to the lake Bosomtwe Biosphere Reserve.

Challenges
During my first two weeks, our contact person Mr. Dickson was on a journey. In this time there were no staff meetings and Lukas and I didn’t get a general introduction in our working tasks. Our colleges showed us some workspaces, but there were a few intern communication problems. Because of this, we didn’t know exactly what we were expected to do.
But finally we are included in nearly every part of the work inside the Biosphere Reserve. Moreover, we talked to Mr. Dickson about his expectations and tasks in Future.
I also had a disagreement about the Mangrove planting, because the seedlings are planted together with a plastic sachet. I suppose planting the seedlings in a plastic bag may be easier for the communities and the Mangroves may have better growing conditions. I also know that there are many different environmental challenges, the biosphere reserve is dealing with and that plastic pollution is only one of many problems. But in my personal point of view it shouldn’t be an option for a Biosphere Reserve to insert plastic in the nature in any situation. We could not find a solution together but we will continue to discuss other possibilities of planting.

 

Nach einem Monat werden mir immer noch neue Zusammenhänge und Probleme klar, mit denen sich die Kommunen und die Mitarbeiter des Reservats auseinander setzen müssen. Besonders ein Treffen mit der Kommune in Totope an der Songor Lagune hat mich sehr beeindruckt.
Für eine Radiosendung haben wir mit „Radio Ada“ die Einwohner in Totope über die lokalen Probleme und Veränderungen der letzten Jahre interviewt.
Es ging um geringe Fangquoten auf Grund der Meeresverschmutzung und der großen Fischtrawler, die auch illegal immer näher an der Küste fischen und verletzte Schildkröten als Beifang einfach wieder über Bord werfen. Die Fischer sind gezwungen engmaschigere Netze zu verwenden und den damit verbundenen Rückgang der Artenvielfalt von Fischen und Vögeln zu fördern. Seit einiger Zeit fangen sie in der Lagune nur noch Qualle und Müll. Zudem ist die Lagune durch die Salzgewinnung und geringe Regenfälle zu salzig, um Mangroven anzupflanzen. Dadurch wird die Erosion der Küste verstärkt und die Existenz des Dorfes ist auf lange Sicht in Gefahr.

Und auch wenn es immer weniger Arbeit gibt haben alle in der Vorstellungsrunde gesagt: lch bin ein Fischer oder ich bin eine Fisch-Räucherin. Sie sind stolz auf diesen traditionellen Beruf und am Ende singen sie ein altes Dorflied über Freundschaft und Gemeinschaft. Männer, Frauen und Kinder, fast alle haben sich an dem Interview beteiligt und hatten viel zu erzählen. Sie möchten Veränderung und haben auch konkrete Vorstellungen. Es fehlt an Kontrollen und einem Notfalldienst wegen der illegalen Fischerei, sanitären Anlagen und Möglichkeiten einer Abfallentsorgung.

Manchmal kommt mir das ganze Reservat und das Zusammenleben von Mensch und Natur wie ein großes Ökosystem vor, in dem biotische und abiotische Faktoren verändert werden und eine Kettenreaktion an Folgen nach sich ziehen.
Und ich habe in meinem kleinen beschränkten Horizont gedacht, dass der Meeresmüll das größte Problem darstellt. Trotzdem halte ich das einpflanzen von Plastiktüten in die Lagune als ein Biosphärenreservat für indiskutabel, so klein der Prozentsatz am globalen Müll auch sein mag. Vielleicht lässt sich in Zukunft eine bessere Lösung finden.

Ps.:Am Freitag war ich zum 1. Mal mit auf einem Turtle Night Walk. In dem Ökotourismus-Angebot können Urlauber gemeinsam mit Mitarbeitern der Wildlife Division auf nächtliche Schildkrötensuche gehen. Leider haben wir keine gesehen. Dafür aber Schildkrötenspuren,  die Nester und auch durch Hunde geplünderte Nester. Aber bis Februar hab ich ja auch noch ein bisschen Zeit. Die Spannung steigt …

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Baobab, Trotro, Casava und co.

Ich bin am Strand. Die Sonne scheint senkrecht von oben, aber ich sitze im Schatten eines bunt bemalten Fischerbootes und schreibe ein bisschen Tagebuch. Um mich herum scheint die Welt stillzustehen. Es gibt keinen kein Plan für den Tag, zum 1. Mal seit ich in Ghana bin. Muss aber auch mal sein, gerade nach dem Abenteuer gestern…

Ich habe mir in den Kopf gesetzt in das Xavi Bird Sanctuary auf die andere Seite des Voltas zu fahren. Laut Reiseführer ein lohnenswertes Ziel und auf der Karte keine große Entfernung.
Um 10 Uhr (nach dem Wäsche waschen, ausschlafen und der Frühstücksdiskussion über Überbevölkerung und deren Auswirkung auf den Klimawandel) machen Lukas und ich uns mit gepackten Rucksäcken, Vogelbestimmungsbuch, Fernglas, Trinken, Sonnencreme, Autan, Messer, Kopfbedeckung, Wanderschuhen und Essen auf den Weg . Alles notwendige zum überleben, glauben wir zumindest.

Aus dem Haus, rauf aufs Motorradtaxi, ins Trotro*, zum nächsten Taxi, dann noch ein Trotro, ein weiteres Trotro,… Nach vier Mal umsteigen und zweieinhalb Stunden später sind wir in dem Ort Akatsi. Nicht zuletzt durch sehr viel Hilfe der Einheimischen, die uns stets die richtigen Verkehrsmittel und deren Abfahrtsorte gezeigt haben. Wer in Ghana reisen will braucht Zeit und Geduld, aber die haben wir ja. Es macht Spaß und es gibt durch die staubigen Scheiben viel zu sehen. Wir fahren über den Volter-Fluss, die Landschaft wird immer grüner und traditionelle Tontöpfereien und Küsten Savanne fliegen vorbei.
Und trotzdem ist, als wir endlich ankommen, viel Zeit und durch das viele umsteigen auch mehr Geld als erwartet aufgebraucht. Doch erst als der Geldautomat in Akatzi nicht funktioniert, es anfängt zu regnen und selbst die lokalen Taxifahrer sich unsicher sind, wo das 10 km entfernte Reservat liegt, kommen uns Zweifel an dem Masterplan. Aber „Vorwärts immer, rückwärts nimmer“ und außerdem sind wir und das Fernglas schon so weit gekommen. Schließlich finden wir auch jemanden namens Michael, der sich unser erbarmt und uns sowohl zum Reservat bringt, als auch wieder abholen wird. Auf der Fahrt mit dem Motorrad Taxi fängt es an zu schütten. Dementsprechend sind wir eine halbe Stunde später tropfnass, aber stehen vor einem kleinen Haus mit einem rostigen Schild: Xavi birdwatching. Die Tür ist zu, aber nach kurzer Zeit kommt ein junger Mann angelaufen, um uns zu begrüßen. Er erklärt uns, dass es ist hier nicht möglich ist Vögel auf eigene Faust zu suchen(Stand glaube ich auch so ähnlich im Reiseführer), aber er bietet eine Kanutour zur Vogelbeobachtung oder eine Führung zu den Baobab trees an. Beides für mich total interessant und beides kostet Geld, das wir ausgerechnet heute vergessen haben.

 

Während wir essen und uns beraten, werden wir beobachtet. Einige Kinder zwischen fünf und zehn Jahren stehen in wenigen Metern Entfernung und folgen jeder unserer Bewegungen gespannt mit weit aufgerissenen Augen. Ich kann es ihnen nicht verdenken. Hellhäutig, hungrig, nass, in Trekking Outfit, verschwitzt und ohne Geld oder einen Plan, dafür aber mit Fernglas, erfüllen für so ziemlich jedes Klischee: Touristen in freier Wildbahn Staffel 1 Folge 4. Nicht mal mit Dangme können wir heute Punkten, da auf der anderen Seite des Voltas Eve gesprochen wird. Schließlich machen wir uns dann doch auf dem Weg zu den Baobab trees. Das ist günstiger und anschließend haben wir noch genug Geld, um zum nächsten Geldautomaten zu kommen( hust, hust )

Wenn uns vorhin Zweifel gekommen sind, dann verfliegen sie jetzt schon nach wenigen Metern. Die Küsten Savanne ähnelt meiner Vorstellung von tropischem Regenwald. Es ist feuchtwarm voller fremdartiger Pflanzen und Insekten . Auf dem Weg zu den Bäumen stellt sich jedoch heraus, dass uns die Pflanzen gar nicht so unbekannt sind wie zuerst gedacht. Unser Führer zeigt uns Cassava Pflanzen, Blackberry Stäucher, Mangobäume, Cashew Bäume, Okraschoten, die Palmen für Kochbananen, Süßkartoffelpflanzen , Papaya-Bäume, Reisfelder und so ziemlich alles, was wir in Ghana bis jetzt nur als Frucht kennengelernt haben. Wir sind begeistert, schauen, probieren und ja jetzt wo wir uns schon als Touris geoutet haben, machen wir auch von jedem Grashalm Fotos.
Das was ich zunächst für Wald gehalten habe sind in Wirklichkeit Felder. Die Bauern der Region sind oftmals subsistenz-Bauern, die Landwirtschaft in Mischkulturen betreiben. Ihre Feldgrenzen makieren sie mit hohen, palmähnlichen Gewächsen. Der Boden ist fruchtbar, ganz ohne Dünger oder Pestizide und es gibt viel Niederschlag. Eine Familie zeigt uns die letzte Ernte aus riesigen Säcken voller Reis.

Und dann kommen wir endlich zu den Baobab trees. Laut Wikipedia sind „die Affenbrotbäume (Adansonia) eine Gattung großer, markanter und häufig bizarr wachsender Laubbäume aus der Unterfamilie der Wollbaumgewächse“. Und die Beschreibung passt. Sie sind riesig, haben dicke Stämme und pelzige Früchte, die wie Lampen aus dem Geäst hängen. Einige der Bäume werden sogar bis zu 2000 Jahre alt.   

Zudem kann fast alles von dem Baum verwendet werden. Die Frucht und Wurzel zum essen, die Rinde als Medizin, Holzspäne zum Verpacken und die Blätter als Suppe. Ich glaube ich habe einen neuen Lieblingsbaum gefunden und wir packen eine der Früchte ein. Vielleicht gefällt es unserem Freund ja auch in Deutschland.

     

Auf dem Rückweg laufen wir noch an einem Fluss entlang und Lukas und ich sind uns einig: wir werden wieder kommen. Nächstes Mal für den Kanu Trip. Ich hoffe nur unser Fremdenführer freut sich auch über eine erneute Zusammenkunft. Er hat den die matschigen, schmalen Pfade, die wir in Wanderschuhen zurück gelegt haben in Flip Flops gemeistert und sehr viel Geduld bei nervigen Fragen bewiesen. Ich wüsste zu gerne, was er über diese komischen Vögel aus Deutschland heute Abend in sein Tagebuch schreibt…

Nun beginnt der zweite Teil unseres Abenteuers: der Rückweg. Unser Motorrad Taxifahrer fährt uns netterweise zum nächsten Geldautomaten in einen anderen Ort. Aber schon nach wenigen Metern ist der Weg zu einer Schlammwüste mit Schlaglöchern geworden und um 17 Uhr rückt die Dämmung auch immer näher. Doch wir kommen mit Michaels vorsichtiger Fahrweise sicher und im hellen ans Ziel. Als ich ihm unser letztes Geld überreichen will zieht er eine Augenbraue hoch und nickt zu dem Automaten. Und natürlich hat er recht. Der Geldautomat funktioniert schon wieder nicht. Stochastik war zwar nie mein Ding, aber drei defekte Geldautomaten in zwei Tagen? Die Gesetze der Wahrscheit scheinen in Ghana nicht so ganz zu funktionieren . Doch da zeigt sich wieder unser verdammtes Glück, immer die nettesten Menschen zu treffen. Michael drückt mir das Geld in die wieder in die Hand. Wir sollen es ihm einfach überweisen und jetzt erstmal zurück nach hause finden. Das schaffen wir dann auch beinahe. Nur kurz vor Ada vergisst das Trotro zu halten und wir wären fast bis nach Accra gefahren….So sind es nur 10 Minuten extra laufen.

Abends bin ich total am Ende und begeistert von dem Tag. Für heute hatten wir mehr Glück als Verstand, aber wir haben auch viel dazu gelernt. Ja auch über Bäume und Tausendfüßler aber vor allem über das Reisen in Ghana und darüber was in deinem Rucksack wirklich wichtig ist. Fürs nächste mal brauche ich definitiv ausrechnen Geld, eine Regenjacke und ein Löffel.
Und auch wenn er schlammig, für Europäer chaotisch und voller Hindernisse ist: in Ghana gibt es für jedes Ziel auch ein Weg.

 

*Trotros sind umgebaute Kleinbusse in allen Größen und Farben. Sie sind günstig, unbequem, fahren meißtens die selben Routen und sind unglaublich effizient.  Leider konnte ich bis jetzt noch keine Regelmäßigkeit in Abfahrtsort oder Zeit ausmachen, aber das heißt nicht, dass kein System dahinter steckt. Trotros fahren erst im vollen Zustand ab und in jedem Wagen sitzt ein Kassierer, der lautstark für den nötigen Nachschub sorgt. Oft hocken 5 Leute in den Dreier-Sitzbänken. Der überquellende Kofferraum wird mit Seilen zusammengehalten und wenn das Gepäck bei besten Willen nicht mehr rein passt, wird es einfach aufs Dach geschnallt. Auf den Fahrten wird viel gehupt, gekurbelt und jedes Mal wenn jemand einsteigen, aussteigen, etwas kaufen, aufs Klo, einen Bekannten begrüßen oder tanken will oder eine Bremsschwelle in Sicht kommt (zufälligerweise meistens vor einem Verkaufsstand) angehalten und gequatscht.

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Multikultimüll

Ich liebe es am Meer zu sein. Ich brauche das um in Ruhe nachzudenken, zu schwimmen, zu laufen … So bin ich auch hier in Ghana fast jeden Tag am Strand und immer aufs Neue fasziniert und geschockt wie die Realität aussieht.
Ein Meer aus Müll. Hügelweise stapelt sich Abfall am Strand. Die ersten fünf Meeresschildkröten, die ich gesehen habe: alle tot. Das meiste sind Plastiktüten und Flaschen, in denen hier das Trinkwasser ist. Aber sonst habe ich von Zahnbürsten bis Autoreifen auch schon so ziemlich alles andere an Meeresmüll gefunden. Als größter Lebensraum der Erde und mit komplexen, sensiblen Ökosystemen, ist es der Zustand der Ozeane der die Zukunft unseres Planeten bestimmt. Das war mir noch nie so bewusst wie hier.


Am ersten Wochenende waren wir am Volta Delta und haben ein Paradoxon gefunden. Ein Paradies aus Sand, Palmen, warmem Wasser, Hundewelpen, bunt bemalten Holzbooten, ein Fischerdorf aus Lehm und Palmwedeln mit Buchten und Brücken. Und doch omnipräsent: Der Müll. Plastiktüten umspülen meine Beine und das Mikroplastik im Spülsaum knirscht unter meinen Füßen.


Kunststoffe sind langlebig, günstig, universell einsetzbar und gehört hier, wie fast überall auf der Welt, zum alltäglichen leben. So auch der Müll. Leere Flaschen werden aus Gewohnheit fallen gelassen, Batterien mit dem Restmüll verbrannt und auch der Zustand am Strand ist Normalität. Ich merke schon bei mir selbst, wie schnell ich mich an das Straßenbild gewöhne und auch mit Stoffbeuteln im Rucksack habe ich beim Einkauf plötzlich wieder Plastiktüten in der Hand. Aber in Ghana mangelt es an Recyclingmöglichkeiten. Es gibt kein einheitliches Abfallsystem und der Müll wird hier meistens in der Natur entsorgt oder in Hintergärten verbrannt. Gelangt er erstmal ins Meer, dauert es mehrere hundert Jahre bis Sonne und Wellen den Kunststoff in Mikroplastikpartikel zerbrechen. Ein Geschenk für die Ewigkeit.

Aber der Müll hier am Strand ist weder nur von den Bewohnern aus Ada, noch ausschließlich durch die Wellen aus Accra und Tema hergetragen worden. Meeresmüll ist kein ghanaisches Problem, sondern ein globales. Fischdosen aus Japan, Spielzeug aus den USA und eine deutsche Cremedose liegen nur wenige Meter auseinander. Am Maratana Beach, direkt im Mündungsbereich, stehen Flaggen verschiedenster Länder für die aus aller Welt angereisten Touristen. Für mich sind die Mitglieder unserer Wegwerfgesellschaft am Ort der Folgen versammelt.


Klimawandel, Umweltverschmutzung und Überfischung: Die Einwohner hier sind mit die ersten, die es zu spüren bekommen werden und es jetzt schon tun. Eigentlich zählen die warmen Gewässer der westafrikanischen Küste zu den Fischreichsten der Welt und ist die Heimat der Barrakudas, Heringe, Makrelen, Thunfische, Haie, Schildkröten und vieler weiterer Arten. Doch die winzigen Fische, die von den einheimischen Fischern zum trocknen an den Strand gelegt werden zeugen davon, dass kaum noch ausgewachsene Exemplare vorhanden sind. Spanische, koreanische, chinesische und japanische Trawler haben mit hochmodernen Fangmethoden längst die maritime Artenvielfalt entdeckt und ausgebeutet.
Aber auch Klimaerwärmung und der Meeresspiegelanstieg könnten zu einem Problem an der ghanaischen Küste werden. Schon jetzt beginnt die Trockenzeit viel früher als noch vor einigen Jahren und durch eine stetige Erosion wurden in der Vergangenheit bereits große Teile von Ada Foahs Straßen und Häusern von den starken Atlantikwellen überspült. Auch der Mündungsbereich des Voltas muss künstlich befestigt werden, um ihn vor Abtragung zu schützen. Auf dem Rückweg vom Strand nach Hause müssen wir durchs Wasser waten. Es ist Flut und das Wasser steht jetzt schon bis kurz vor die Hauseingänge.
Ich möchte kein negatives Bild von Ghana vermitteln. Ghana, wie ich es bis jetzt die kennengelernt durfte ist vielfältig, aufregend, feuchtwarm anpassungsfähig, lustig, abwechslungsreich, bunt. Wenn ich jetzt gehen müsste, würde ich die Zeit hier schon vermissen. Und trotzdem ist auch Plastikmüll ein Teil davon und längst integriert in Umwelt und Gesellschaft. Aber vielleicht gerade deshalb braucht dieser Ort besondere Aufmerksamkeit und einen intensiveren Schutz.

 

6706 km

Akwaaba- Willkommen in Ghana!

Über 2 Wochen ist es her, dass uns die feuchtwarme, stickige Luft vor dem Flughafengebäude in Accra in Empfang genommen hat. Und jetzt bin ich hier. 6706 km entfernt von zu Hause und nichts in den Wochen der Aufregung und freudiger Erwartung konnte mich auf das vorbereiten, was mich jetzt umgibt: bunte Plakate, rote Erde, Hühner, Hitze, Kokosnüsse, Menschen in Flip Flops, Palmen, Motorradtaxis… Derzeit kommen mir die Tage noch vor wie Wochen und die Wochen wie Monate, weil ich die ganzen Eindrücke nicht sofort verarbeiten kann. Alles ist neu und ungewohnt (außer vielleicht deutsche Haferflocken, die ist tatsächlich auch hier in Ghana zu kaufen gibt)

Aber „ ong3 saminia lo?“ Mir geht es gut. Die ersten 2 Tage habe ich noch mit den anderen Ghana-Freiwilligen in der Hauptstadt und Metropole Accra verbracht, in der wir sowohl die deutsche Botschaft als auch die Natkom kennenlernen durften. Accra ist eine bunte pulsierende Stadt voller Leben, die auch in der Nacht nicht zur Ruhe kommt. Hier nur einige meiner Eindrücke aus den ersten Tagen:

• Telefonnummern für das erste Date kann man auch schon vor der Immigration bekommen
• Autos hupen anstatt zu blinken
• Nicht nur Ameisen können große Lasten auf dem Kopf transportieren
• Kochbananen gibt’s fast überall zu kaufen
• „there’s no beer in heaven“
• Moskitonetze kann man gut mit Kleiderbügeln abspannen
• Pünktlichkeit ist eindeutig deutsch
• und in Ghana passt man aufeinander auf, wie in einer großen Familie

Ich bin schon sehr gespannt darauf, meine ghanaische Familie kennenzulernen und so wir machen uns am 18.9. auf den Weg zu unserer Einsatzstelle nach Ada Foah zum Songor Ramsar Site und UNESCO Biosphärenreservat.

Und jetzt bin ich in meinem neuen zu Hause angekommen. Lukas und ich wohnen in einem gelben Haus in Sichtweite vom Atlantik. Wir haben fließend Wasser, einen Gaskocher und jede Menge Geckos als Haustiere. Einer davon heißt Kermit und lebt in meinem Kleiderschrank. Fenster gibt es nicht wirklich aber dafür Mückengitter, 2 Fahrräder, die wir leihen können und auch die lokalen Früchte finden sich in unserem Garten wieder. So haben wir einen Mangobaum und eine Kokospalme hinterm Haus stehen.

Zwei unserer direkten Nachbarn sind von der Forestry Commission und somit unsere Arbeitskollegen. Anfangs habe ich die offene, bestimmende Art vieler Mitmenschen noch als zu aufdringlich empfunden, aber hier in Ghana lebt fast niemand für sich. Man passt aufeinander auf, ist interessiert an dem Wohlbefinden anderer, hilft wo man kann und es immer für ein Gespräch zu haben. So stand unsere Nachbarin gleich am ersten Abend in der Küche und hat mit uns (für uns) ghanaisch Yamwurzel gekocht, ein Mann aus dem Bus hat uns bei einem Ausflug nach Accra 15 Minuten lang durch das Gedränge des Makola Market geführt, nur um uns die richtige Trotrostation zu zeigen und letztes Wochenende waren wir bei dem Freund unseres Sprachlehrers nicht nur am Vormittag, sondern auch zum Abendbrot, Frühstück und Kirchgang am nächsten Morgen eingeladen. Geschwister habe ich auch schon bekommen. Tick, Trick und Track von gegenüber waren schon mehrmals zu Mühle spielen, Wörter raten und Kohle zeichnen bei uns 😉

Bei der Arbeit im Office waren unsere Aufgaben hauptsächlich Plastiktüten für Mangrovensetzlinge mit Erde zu füllen. Sonst haben wir auch gefegt, gelesen, Müll gesammelt, geschrieben, Dangme gelernt (lokale Sprache) und uns sehr viel mit den interessierten Mitarbeitern unterhalten. Besonders über essen im Allgemeinen und die ghanaische Küche im besonderen. Wenn es Arbeit gibt, wird gearbeitet und wenn, nicht dann eben auch mal nicht. Die Schildkröten (und Touristen) Saison kommt wohl noch und auch Projekte mit Schulen und Mangrovenpflanzungen sind im Gespräch.

Aber für den Moment reicht es vollkommen, denn bis es alltäglich wird Kokosnüsse zu essen unter Moskitonetzen zu schlafen und von Ziegen geweckt zu werden, dauert es noch ein bisschen.