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Baobab, Trotro, Casava und co.

Ich bin am Strand. Die Sonne scheint senkrecht von oben, aber ich sitze im Schatten eines bunt bemalten Fischerbootes und schreibe ein bisschen Tagebuch. Um mich herum scheint die Welt stillzustehen. Es gibt keinen kein Plan für den Tag, zum 1. Mal seit ich in Ghana bin. Muss aber auch mal sein, gerade nach dem Abenteuer gestern…

Ich habe mir in den Kopf gesetzt in das Xavi Bird Sanctuary auf die andere Seite des Voltas zu fahren. Laut Reiseführer ein lohnenswertes Ziel und auf der Karte keine große Entfernung.
Um 10 Uhr (nach dem Wäsche waschen, ausschlafen und der Frühstücksdiskussion über Überbevölkerung und deren Auswirkung auf den Klimawandel) machen Lukas und ich uns mit gepackten Rucksäcken, Vogelbestimmungsbuch, Fernglas, Trinken, Sonnencreme, Autan, Messer, Kopfbedeckung, Wanderschuhen und Essen auf den Weg . Alles notwendige zum überleben, glauben wir zumindest.

Aus dem Haus, rauf aufs Motorradtaxi, ins Trotro*, zum nächsten Taxi, dann noch ein Trotro, ein weiteres Trotro,… Nach vier Mal umsteigen und zweieinhalb Stunden später sind wir in dem Ort Akatsi. Nicht zuletzt durch sehr viel Hilfe der Einheimischen, die uns stets die richtigen Verkehrsmittel und deren Abfahrtsorte gezeigt haben. Wer in Ghana reisen will braucht Zeit und Geduld, aber die haben wir ja. Es macht Spaß und es gibt durch die staubigen Scheiben viel zu sehen. Wir fahren über den Volter-Fluss, die Landschaft wird immer grüner und traditionelle Tontöpfereien und Küsten Savanne fliegen vorbei.
Und trotzdem ist, als wir endlich ankommen, viel Zeit und durch das viele umsteigen auch mehr Geld als erwartet aufgebraucht. Doch erst als der Geldautomat in Akatzi nicht funktioniert, es anfängt zu regnen und selbst die lokalen Taxifahrer sich unsicher sind, wo das 10 km entfernte Reservat liegt, kommen uns Zweifel an dem Masterplan. Aber „Vorwärts immer, rückwärts nimmer“ und außerdem sind wir und das Fernglas schon so weit gekommen. Schließlich finden wir auch jemanden namens Michael, der sich unser erbarmt und uns sowohl zum Reservat bringt, als auch wieder abholen wird. Auf der Fahrt mit dem Motorrad Taxi fängt es an zu schütten. Dementsprechend sind wir eine halbe Stunde später tropfnass, aber stehen vor einem kleinen Haus mit einem rostigen Schild: Xavi birdwatching. Die Tür ist zu, aber nach kurzer Zeit kommt ein junger Mann angelaufen, um uns zu begrüßen. Er erklärt uns, dass es ist hier nicht möglich ist Vögel auf eigene Faust zu suchen(Stand glaube ich auch so ähnlich im Reiseführer), aber er bietet eine Kanutour zur Vogelbeobachtung oder eine Führung zu den Baobab trees an. Beides für mich total interessant und beides kostet Geld, das wir ausgerechnet heute vergessen haben.

 

Während wir essen und uns beraten, werden wir beobachtet. Einige Kinder zwischen fünf und zehn Jahren stehen in wenigen Metern Entfernung und folgen jeder unserer Bewegungen gespannt mit weit aufgerissenen Augen. Ich kann es ihnen nicht verdenken. Hellhäutig, hungrig, nass, in Trekking Outfit, verschwitzt und ohne Geld oder einen Plan, dafür aber mit Fernglas, erfüllen für so ziemlich jedes Klischee: Touristen in freier Wildbahn Staffel 1 Folge 4. Nicht mal mit Dangme können wir heute Punkten, da auf der anderen Seite des Voltas Eve gesprochen wird. Schließlich machen wir uns dann doch auf dem Weg zu den Baobab trees. Das ist günstiger und anschließend haben wir noch genug Geld, um zum nächsten Geldautomaten zu kommen( hust, hust )

Wenn uns vorhin Zweifel gekommen sind, dann verfliegen sie jetzt schon nach wenigen Metern. Die Küsten Savanne ähnelt meiner Vorstellung von tropischem Regenwald. Es ist feuchtwarm voller fremdartiger Pflanzen und Insekten . Auf dem Weg zu den Bäumen stellt sich jedoch heraus, dass uns die Pflanzen gar nicht so unbekannt sind wie zuerst gedacht. Unser Führer zeigt uns Cassava Pflanzen, Blackberry Stäucher, Mangobäume, Cashew Bäume, Okraschoten, die Palmen für Kochbananen, Süßkartoffelpflanzen , Papaya-Bäume, Reisfelder und so ziemlich alles, was wir in Ghana bis jetzt nur als Frucht kennengelernt haben. Wir sind begeistert, schauen, probieren und ja jetzt wo wir uns schon als Touris geoutet haben, machen wir auch von jedem Grashalm Fotos.
Das was ich zunächst für Wald gehalten habe sind in Wirklichkeit Felder. Die Bauern der Region sind oftmals subsistenz-Bauern, die Landwirtschaft in Mischkulturen betreiben. Ihre Feldgrenzen makieren sie mit hohen, palmähnlichen Gewächsen. Der Boden ist fruchtbar, ganz ohne Dünger oder Pestizide und es gibt viel Niederschlag. Eine Familie zeigt uns die letzte Ernte aus riesigen Säcken voller Reis.

Und dann kommen wir endlich zu den Baobab trees. Laut Wikipedia sind „die Affenbrotbäume (Adansonia) eine Gattung großer, markanter und häufig bizarr wachsender Laubbäume aus der Unterfamilie der Wollbaumgewächse“. Und die Beschreibung passt. Sie sind riesig, haben dicke Stämme und pelzige Früchte, die wie Lampen aus dem Geäst hängen. Einige der Bäume werden sogar bis zu 2000 Jahre alt.   

Zudem kann fast alles von dem Baum verwendet werden. Die Frucht und Wurzel zum essen, die Rinde als Medizin, Holzspäne zum Verpacken und die Blätter als Suppe. Ich glaube ich habe einen neuen Lieblingsbaum gefunden und wir packen eine der Früchte ein. Vielleicht gefällt es unserem Freund ja auch in Deutschland.

     

Auf dem Rückweg laufen wir noch an einem Fluss entlang und Lukas und ich sind uns einig: wir werden wieder kommen. Nächstes Mal für den Kanu Trip. Ich hoffe nur unser Fremdenführer freut sich auch über eine erneute Zusammenkunft. Er hat den die matschigen, schmalen Pfade, die wir in Wanderschuhen zurück gelegt haben in Flip Flops gemeistert und sehr viel Geduld bei nervigen Fragen bewiesen. Ich wüsste zu gerne, was er über diese komischen Vögel aus Deutschland heute Abend in sein Tagebuch schreibt…

Nun beginnt der zweite Teil unseres Abenteuers: der Rückweg. Unser Motorrad Taxifahrer fährt uns netterweise zum nächsten Geldautomaten in einen anderen Ort. Aber schon nach wenigen Metern ist der Weg zu einer Schlammwüste mit Schlaglöchern geworden und um 17 Uhr rückt die Dämmung auch immer näher. Doch wir kommen mit Michaels vorsichtiger Fahrweise sicher und im hellen ans Ziel. Als ich ihm unser letztes Geld überreichen will zieht er eine Augenbraue hoch und nickt zu dem Automaten. Und natürlich hat er recht. Der Geldautomat funktioniert schon wieder nicht. Stochastik war zwar nie mein Ding, aber drei defekte Geldautomaten in zwei Tagen? Die Gesetze der Wahrscheit scheinen in Ghana nicht so ganz zu funktionieren . Doch da zeigt sich wieder unser verdammtes Glück, immer die nettesten Menschen zu treffen. Michael drückt mir das Geld in die wieder in die Hand. Wir sollen es ihm einfach überweisen und jetzt erstmal zurück nach hause finden. Das schaffen wir dann auch beinahe. Nur kurz vor Ada vergisst das Trotro zu halten und wir wären fast bis nach Accra gefahren….So sind es nur 10 Minuten extra laufen.

Abends bin ich total am Ende und begeistert von dem Tag. Für heute hatten wir mehr Glück als Verstand, aber wir haben auch viel dazu gelernt. Ja auch über Bäume und Tausendfüßler aber vor allem über das Reisen in Ghana und darüber was in deinem Rucksack wirklich wichtig ist. Fürs nächste mal brauche ich definitiv ausrechnen Geld, eine Regenjacke und ein Löffel.
Und auch wenn er schlammig, für Europäer chaotisch und voller Hindernisse ist: in Ghana gibt es für jedes Ziel auch ein Weg.

 

*Trotros sind umgebaute Kleinbusse in allen Größen und Farben. Sie sind günstig, unbequem, fahren meißtens die selben Routen und sind unglaublich effizient.  Leider konnte ich bis jetzt noch keine Regelmäßigkeit in Abfahrtsort oder Zeit ausmachen, aber das heißt nicht, dass kein System dahinter steckt. Trotros fahren erst im vollen Zustand ab und in jedem Wagen sitzt ein Kassierer, der lautstark für den nötigen Nachschub sorgt. Oft hocken 5 Leute in den Dreier-Sitzbänken. Der überquellende Kofferraum wird mit Seilen zusammengehalten und wenn das Gepäck bei besten Willen nicht mehr rein passt, wird es einfach aufs Dach geschnallt. Auf den Fahrten wird viel gehupt, gekurbelt und jedes Mal wenn jemand einsteigen, aussteigen, etwas kaufen, aufs Klo, einen Bekannten begrüßen oder tanken will oder eine Bremsschwelle in Sicht kommt (zufälligerweise meistens vor einem Verkaufsstand) angehalten und gequatscht.

3 thoughts on “Baobab, Trotro, Casava und co.

  1. Liebe Ronja,
    herzlichen Dank für Deinen tollen Bericht. Gleichzeitig wissenschaftlicher Beitrag und Erlebnisbericht. Du gibst Deine Eindrücke so interessant und gut formuliert wieder, dass es eine Freude ist, sie zu lesen. Meine bisherige Sichtweise auf diesen Teil Afrikas hat sich völlig verändert. Ich freue mich schon auf Deine Rückkehr und Deine Schilderung der Erlebnisse. Bis dahin wünsche ich Dir eine weiterhin spannenden Zeit. Und: Pass auf Dich auf!
    Herzliche Grüße von Opa Münster

  2. Liebe Ronja,
    ich freue mich sehr, über deinen Blog von dir und deinen Abenteuern in Ghana zu lesen! Du schreibst so schön lebendig, dass ich das Gefühl habe, mir nach dem Lesen den ghanaischen Staub von den Füßen waschen zu müssen. 🙂
    Viele liebe Grüße von Deiner Tante Ellen-Rose

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