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Elefantastische Weihnachten

Am 22. Dezember sitze ich mit hunderten anderer Reisender in der aufgeheizten, vollgestopften Wartehalle der STC Bus Station während aus den Lautsprechern in Dauerschleife Weihnachtslieder plärren. Um uns herum stapeln sich Koffer, Kisten, Ziegen, Matratzen, Kinder und alles was man sonst noch so über die Feiertage brauchen kann. Gemeinsam drängen wir auf den Bänken und warten auf die Busse, die uns in die entlegensten Winkel des Landes bringen werden. Zu Freunden, Familie, oder in unserem Fall nach Tamale in den Mole Nationalpark. Und während die Luft kocht, wippen meine Zehen im Takt zu Rudolph the red-nosed reindeer.

Annika, Lukas, Felix und ich haben beschlossen Weihnachten in dem mit 4840 Quadratkilometer größten Nationalpark des Landes zu verbringen. Dort in der Baumsavanne soll es eine immense Biodiversität geben und neben verschiedensten Vögeln, Affen, Krokodilen und Antilopen auch die Möglichkeit Elefanten in freier Wildbahn zu sehen. Tatsache ist, dass der Park in der Northern Region im Nordwesten des Landes liegt und damit 788 Kilometer entfernt von unserem zu Hause in Ada. Aber was tut man nicht alles um Elefanten zu sehen und mit allen Bus-, Trotro- und Taxifahrten zusammen benötigen wir dann auch nur etwa 24 Stunden von unserer Haustür zum Parkeingang.

Schon auf der Fahrt ist die Distanz durch die Veränderung in der Landschaft spürbar. Bei jeder Toilettenpause wird die Luft staubiger und trockener und als morgens die Sonne aufgeht, ziehen weite gelbe Steppengraswiesen vorbei, durchsetzt mit Sträuchern und knorrigen Bäumen. Die Luftfeuchtigkeit ist aufgrund der Nähe zum Sahel viel niedriger und zudem sind wir inmitten der langen Trockenperiode von November bis Juni angereist. Nun weht der kühl, trockene Harmattan Wind, der das Klima in fast ganz Ghana beherrscht.

Während unseres Aufenthaltes schlafen wir im Mole Motel, einem Hotel mitten im Park. Von einem Plateau aus hat man einen großartigen Blick über die Savanne und das naheliegende Wasserloch. Als wir nach der halb durchwachten Nacht im Bus erschöpft am Hotel ankommen, ist aber keine Zeit für eine Pause oder ein Sprung in den kleinen Pool. Gerade als wir uns auf der Dachterrasse niederlassen, um das Wasserloch ins Visier zu nehmen, hasten ein Wildhüter und drei Tourist/innen vorbei. Sie haben vor einigen Minuten ein Elefant gesichtet und natürlich schließen wir uns dem Suchtrupp an.

Auf einem schmalen Pfad geht es runter in die Ebene und wir hasten durch trockenes Gestrüpp und Grasflächen, während der Staub unter unseren Füßen aufgewirbelt wird. Immer wieder hält der Wildhüter inne, lauscht, dreht abgebrochene Zweige in der Hand und sucht im roten Sand nach Spuren. Er sagt, dass wir den Elefanten trotz seiner Größe nicht hören könnten. Sie seien leise, man müsse sie schon suchen. Obwohl es in dem Park eine ca. 600 Tier starke Population gibt seien sie oft über eine weites Gebiet verteilt.

Und dann finden wir ihn doch: Ein riesiger Elefantenbulle ist keine 30 m von uns entfernt. Er hat ein eingerissenes Ohr, einen abgebrochenen Stoßzahn und wird von dem Wildhüter auf etwa 60 Jahre geschätzt. Damit ist er ist schon etwas älter, da Elefanten bis zu 70 Jahre alt werden können. Der Elefant ist alleine unterwegs, denn anders als die Weibchen sind die Männchen Einzelgänger.

           

Nun hebt sechs tonnenschwere Riese seinen gewaltigen Kopf und rüttelt an einem der umstehenden Bäume, bis Äste mit frischen Blättern auf ihn hinunter rieseln. Frühstück für den Elefanten. Oder etwa Brunch, Mittagessen, Nachmittagssnack,..? Elefanten sind etwa 18 Stunden des Tages mit Essen beschäftigt und benötigen täglich 200 kg frische Blätter, Gräser und Zweige.
Nach einigen Minuten dreht er sich um und zieht er weiter, aber der Wildhüter versichert uns, dass wir gute Chancen haben weitere Elefanten zu sehen. Elefanten wie dieser trinken täglich bis zu 150 Liter und das Wasserloch ist direkt in Sichtweite.

Auf dem Rückweg zum Hotel haben wir noch mehr Glück und entdecken eine Kobantilope, Warzenschweine, diverse Vögel und eine große Gruppe Paviane, die sich auf den warmen Felsen tummeln. „Schließt immer ab und wenn jemand an eure Tür klopft, fragt erst nach bevor ihr öffnet!“, ermahnt uns der Wildhüter. Auch die Paviane haben sich an das Leben mit Menschen angepasst.

            

Die nächsten drei Tage in Mole genieße ich in vollen Zügen. Neben dem tollen Ausblick und dem kleinen Pool, gibt es die Möglichkeit viele verschiedene Ausflüge oder Safaris zu unternehmen.
Besonders die Morgensafari um 6:30 Uhr ist ein unvergessliches Erlebnis. Über Nacht ist es scheinbar Herbst geworden hier in Mole und als wir aufstehen ist es so kalt, dass ich mir einen Pulli überziehen muss. Heute ist es so trocken, dass meine Lippen aufspringen und Augen und Nase vor Trockenheit brennen. Nachdem wir uns in Gruppen aufgeteilt haben, machen wir uns gemeinsam mit zehn anderen Besuchern auf den Weg durch die morgendliche Stille der afrikanischen Savanne.

Mir kommt alles so unwirklich vor während wir durch die herbstlich gefärbten Büsche, Bäume und ausgetrockneten Flussbetten wandern. Staub wirbelt auf und die bunten Blätter knirschen unter unseren Füßen. Jedes Geräusch scheint in der Stille doppelt so laut.
Zudem liegen die verschiedensten Gerüche in der Luft. Ich rieche etwas wie Minze, Zitronenmelisse, Rosmarin und viele Kräuter, die ich gar nicht kenne. Als hätte jemand unsere Packung Kräuter der Provence ausgekippt. Auch sind überall Tierspuren. Einige frisch im Staub, andere noch aus der Regenzeit. Die Spuren der Büffel sind im Lehm versteinert bis zum nächsten Regenfall. Auf dem Boden finde ich Federn von Perlhühnern und den Zahn eines Warzenschweins, aber außer einigen Kobantilopen und Vögeln ist die morgendliche Savanne leer. Obwohl wir heute nicht so viele Tiere sehen, ist es trotzdem ein großartiges Gefühl durch diese Mondlandschaft zu wandern, während Adler und Geier am Himmel ihre Kreise ziehen.

An einem anderen Nachmittag machen wir eine Safari auf dem Dach eines Jeeps. Aus 3 Meter Höhe sehen wir Warzenschweine, Herden von Kobantilopen, einen Wasserbock, Paviane, Geier, Adler, Perlhühner, Warzenschweine, Krokodile und zu unserer Freude sogar einen (Ameisen) Löwen (räuberische Larve der Ameisenjungfer, die in einem Sandtrichter auf Beute wartet).

             

Tief im inneren des Parks gibt es auch richtige Löwen, Hyänen und Leoparden, aber die Raubkatzen sind scheu und es ist sehr unwahrscheinlich sie zu entdecken. Dafür sehen wir aber einen weiteren Elefanten. Er stößt einen der kleineren Bäume um und pustet sich mit dem Rüssel trockene Erde über den Rücken. So kann er seine Haut vor den Parasiten und der Sonne schützen.

           

Leider sehen wir auf der Safari auch die Tsetsefliegen, eine davon auf meinem Rücken. Dank Felix und Wikipedia sind Lucas und ich nach etwa 30 Minuten sicher, dass wir in zwei Jahren beide an der tödlichen, durch Tsetsefliegen übertragenen, Schlafkrankheit elendig zu Grunde gehen werden. Aber um es mit Annikas Worten auszudrücken: „Wir haben jetzt Elefanten in freier Wildbahn gesehen. Jetzt können wir glücklich sterben.“ Und glücklich bin ich! Während die afrikanische Sonne untergeht, färbt sie alle Bäume und das Grasland in einen kitschigen rosa-gold Ton. Die Savanne brennt!

Dann ist auch schon bald Weihnachten. Am Nachmittag des 24. Dezembers machen wir einen Ausflug ins nahe gelegene Dorf Mognori, um dort eine kleine Kanutour zu unternehmen. Es ist eine kurze Fahrt, aber sehr schön. Ruhig gleitet das Kanu auf dem braunen Wasser dahin, über uns das Blätterdach. Mohammed, ein Vogelbeobachter der uns heute begleitet hat, ist hektisch am fotografieren. Um diese Tageszeit ist es zwar unwahrscheinlich Wildtieren zu begegnen, aber dafür sehen wir jede Menge Vögel. In Mole gibt es etwa 300 registrierte Vogelarten, 160 davon heimisch. Aber auch eine Vielzahl europäischer Vögel gesellen sich über den Winter dazu, wie der Blue Breasted Kingfisher, der nun über unseren Köpfen flattert.

 

Im Anschluss bekommen wir noch eine Führung durch das Dorf und einen Einblick in das „ganz andere Ghana“. Dieser Teil des Landes unterscheidet sich nochmal sehr stark von allem was ich bisher von Ghana gesehen habe. Der Norden ist am wenigsten von europäischer Kultur beeinflusst und weitestgehend von Kolonisation bewahrt worden, was in einigen Bereichen zu einer sehr anderen Lebensweise führt.
Im Dorf gibt es kaum rechtwinklige Häuser sondern getrennt stehende, runde, strohgedeckte Lehmhütten, die gemeinsam ein Hauskomplex bilden. Der Lehm als Bausubstanz kühlt am Tag und wärmt in der Nacht, aber die Bauweisen der Gebäude sind von Volksgruppe zu Volksgruppe sehr verschieden, genauso wie von Dorf zu Dorf häufig ein anderer Dialekt oder gar eine andere Sprache gesprochen wird. Unser Guide, der im nahegelegenen Larabanga wohnt, erklärt mir, dass es sich bei den Dörfern fast schon um eine Familiengemeinschaft handle, die gemeinsam Landwirtschaft betreibe.
Weihnachtlich ist es hier aber nirgends, denn in Mognori wohnen 100% Moslems. Auf unserer Tour durchs Dorf sehen wir die Medikamente des Medizinmannes, wie Lehmziegel geformt werden und wie die kostbare Sheabutter gewonnen wird. Hierbei werden getrocknete Nüsse geknackt, geröstet und später gekocht, bis ich das Pflanzenfett absetzt. Auf dem Rückweg im vollgequetschen Taxi setze ich meine Weihnachtsmann Mütze auf, denn jetzt ist Weihnachtszeit!

Es ist ein anderes, neues Weihnachten, weit weg von zu Hause und ohne Familie, Schnee und Plätzchen. Aber dennoch ist es schön. Während wir drei Stunden lang auf unser vorbestelltes Essen warten („there is no hurry in life“) haben wir jede menge Zeit Weihnachts-Galgenmännchen zu spielen, das Weihnachtsmärchen von Rudolf dem Elefanten auf dem Weg zum Äquator zu lesen und mit Annikas Weihnachtsmann Kerze die Tischdecke anzuzünden.
Als wir das mit dem Essen dann doch noch irgendwie geschafft haben ohne wegen Brandstiftung rausgeschmissen zu werden, kommt zur Bescherung die Weihnachtsananas auf den Tisch. Wir haben zu viert Schrottwichteln geplant, aber es kommt ganz auf den Betrachter an ob Flip Flop Socken, eine gefälschte Gucci Boxershorts, oder selbst erstellte Heiratsurkunden Schrott sind. Auf jeden Fall haben wir viel gelacht.

Viel zu schnell ist die Zeit in Mole zu Ende und auf dem Rückweg schlafen wir noch eine Nacht in Tamale bei einem Couchsurfer. Als wir mit einem Motorrikscha noch mal in die Stadt reinfahren, um für das Abendessen einzukaufen, sehe ich ein ganz neues Stadtbild als in beispielsweise in Accra. Durch eingewanderte, teils arabische Gruppen, gab es im Norden Jahrhundertelang muslimische Einflüsse, die Architektur und Lebensstil prägen und geprägt haben. Es gibt Stände mit Tee und Teppichen, viele der Frauen tragen Seidenschals und Kopftücher und viele der Männer kleiden sich in bunte, bodenlange Gewänder. Trotz der verschieden Glaubensrichtungen lebe jeder mit seinen Nachbarn im friedlichen Miteinander, erklärt uns der Couchsurfer. Wie im ganzen Land sei der Glauben eher Privatsache und Religionszugehörigkeit könne selbst innerhalb der Familie variieren.

Nicht nur Weihnachten ist in Ghana ein religiöses Fest. Gerade an Silvester gehen fast alle Ghanaer in die Kirche und feiern die ganze Nacht Gottesdienst bis ins neue Jahr hinein. So auch bei uns in Ada. Als wir gegen 10 Uhr feststellen, dass wir wohlmöglich die einzigen außerhalb einer Kirche sind, beschließen wir am Strand zu feiern. Der Kirchgang ist dann wohl der Vorsatz für das neue Jahr.

Und während um uns herum die Gebete und Musik erklingt, sitzen wir im Sand und schauen aufs Meer, jeder mit einer Wunderkerze in der Hand. Willkommen 2020, frohes neues Jahr!

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