Live is life

Eine Kurze Geschichte über die Herausforderungen des Alltags.

(Geschrieben in einem Trotro nach Togo mit 16 Reisenden und einer Ziege im Fußraum.)


Alle guten Dinge sind mindestens drei! (War ja auch schon mein Motto bei der Führerscheinprüfung) Annika ist letzte Woche aus dem Regenwald des Biosphärenreservates in Bia zu uns an die Küste gezogen und wohnt jetzt in dem letzten freien Zimmer unser lustigen 3er Wg.

Eigentlich hatten Lukas und ich uns geschworen, dass verwahrloste, hintere Zimmer mit all seinen mehrbeinigen Bewohnern für die nächsten 6 Monate zu meiden, aber jetzt nach einer 4 Stunden langen Putzaktion, ist das Zimmer wieder im Normalzustand. Eigentlich warte ich auch immer noch auf Tapferkeitsmedaille für die Reinigung des Choleraklos. Da hat sich unter der Wärme des Toilettendeckels doch glatt ein isoliertes Biotop gebildet.


Die neue Dreisamkeit ist sehr schön, oft lustig und das WG leben mit all den Alltagstätigkeiten, wie waschen, kochen, einkaufen und spülen, auf den ersten Blick das selbe wie in Deutschland. Und trotzdem ist alles anders: Wir waschen mit der Hand in einem Eimer und das Wasser dafür wird auf der Gaskatusche erhitzt. Trinkwasser kochen wir zweimal täglich ab und den Biomüll rausbringen = Ziegen füttern. Da wir nur eine Flamme auf unserem Gaskocher haben, ist das Essen zubereiten meistens eine Abendbeschäftigung von mindestens zwei Stunden. Zudem ist unser Kühlschrank kürzlich ermordet worden (oder zumindest kaputt) ,weshalb wir jetzt jeden Tag neu einkaufen gehen müssen.

Auch das Einkaufen auf dem Markt oder an den vielen Straßenständen dauert seine Zeit, aber wir haben Fortschritte gemacht. Auf den ersten Blick sieht es zwar nicht so aus, aber in den zahlreichen Läden gibt es von Zahnbürsten bis Edelstahltrinkflaschen fast alles. Ein Chaos mit System. Überall wird gekauft, gefeilscht und verkauft. Der Handel ist spürbar und das Einkaufen so viel persönlicher, als im deutschen Supermarkt.

Manchmal ist für mich das reine Existieren schon anstrengend und vor allem zeitaufwendig.Aber auch wenn ich von Zeit zu Zeit wehmütig an die Mikrowelle und den Ofen von zu Hause denke, ist das Kochen hier in Ghana definitiv ein lohnenswertes Abenteuer.

Neben diversen lokalen Früchten wie Ananas, Kokosnuss, Orangen, Papaya oder Bananen, gibt es zudem eine Vielzahl an Lebensmitteln von deren Existenz ich bis vor zwei Monaten nicht mal wusste. Wir kochen viel mit Okra, Garden eggs, Yam Wurzel, Cassava Wurzel oder Cocoyam Knollen und verschiedensten Bohnen. Mein Lieblingsessen sind gegrillte Kochbananen, die ist zum Glück fast überall für 1 Cedi zu kaufen gibt. Aber auch durch die Ghanaischen Gerichten haben wir uns schon etwas durchprobiert. Neben unserem selbst zubereiteten Fufu (Plantains-Casava-Brei mit Quallenkonsistenz)hatten wir auch schon Banku und Kenke (fermentierter Maisbrei) und dazu die Palmnutsoup mit Fisch.

Trotzdem bin ich neuerdings beim probieren etwas zurückhaltender geworden, als mir nach einer Soße aus Tellergroßen Blättern dicke, rote Blasen im Mund angeschwollen sind. Die Blätter der Cocoyam-Pflanze enthalten viel Calciumoxalat und haben Nesseln, die erst beim zweiten Mal kochen genießbar werden. Sonst schmeckt es eher wie eine unangenehme Mischung aus Spinat und Brennesseln und kann nur mit ordentlich Cortison und Halsschmerztabletten runtergespült werden.

Auch der Blick in den Spiegel nach dem Besuch bei „Herbs Haircut“ war zunächst eine Überraschung. Meinen Wunsch auf kürzerer Haare wurde auf jeden Fall erfüllt und ich habe die ghanaische Durchschnittsfrisur von wenigen Millimetern bekommen. Unglaublich praktisch bei dem Wetter, aber ein bisschen froh bin ich doch, dass sie jetzt nach drei Wochen etwas gewachsen sind.

Auf der Arbeit gibt es jetzt auch immer mehr zu tun. Wir haben gemeinsam mit den Bewohnern der Kommune in Wakatsi all unsere Mangroven in der Lagune gepflanzt und ich habe gelernt die Setzlinge auf afrikanische Weise in großen Metallschalen auf dem Kopf zu transportieren.

Jetzt ist November und statt Kastanien sammeln wir Mangrovensamen. Fast die ganze letzte Woche waren wir mit einsammeln, schälen und pflanzen beschäftigt. Die Samen werden Senkrecht in die Erde gesteckt und dann brauchen die Mangroven etwa 3 Jahre bis sie bereit zum Pflanzen sind. Ab nächste Woche sind vielleicht schon die 1. Blätter zu sehen.

Auch hat die Trockenzeit jetzt begonnen und die Temperaturen steigen merklich. Eigentlich wurde mir gesagt, dass es jetzt wo es immer heißer wird auch die Moskitos verschwinden. Leider wissen die das anscheinend nicht. Volunteers vs Moskitos.

Und dann haben Anita, Lucas und Onya auch noch dreimal die Woche 2 Stunden Sprachunterricht mit unserem Dagme Lehrer Michael. Er ist super nett, aber wir haben jede Woche andere Namen. Ich meistens ohne R, denn diesen Buchstaben gibt es in Dangme nicht. Es ist zudem eine tonale Sprache. Das heißt, dass es sehr auch Aussprache und Betonung ankommt und beispielsweise das Wort pa drei verschiedene Bedeutung hat (Fluss, ausleihen und schlürfen), je nachdem in welcher Tonhöhe geredet wird. Dazu kommt noch, dass ich außer Agometaku kaum Wörter mit mehr als 3 Buchstaben kenne.

Aber auch wenn wir für das Sprachen lernen im Allgemeinen und Dangme im Besonderen das Talent fehlt und es manchmal echt verwirrend ist mit 2 Fremdsprachen unterwegs zu sein, macht es viel Spaß immer wieder aufs Neue zu versuchen auf Dangme Obst einzukaufen oder Smalltalk zu führen. Auch der Zugang zu den Mitmenschen ist leichter mit ein bisschen Dangme. Viele freuen sich wenn wir ihnen auf Dangme antworten und fast jeder versucht uns neue Sätze beizubringen.

Aber Dangme ist nur eine von 50- 100 Sprachen mit genauso vielen Dialekten und wird wirklich nur sehr lokal an der Küste östlich von Accra gesprochen. Als wir am Wochenende im 50 km entfernten Angola beim Hogbbetsots-Fest waren, wurde Ewe gesprochen und in Accra ist es eben Twi. Ghana das Land der 1000 Sprachen. Aber so etwas wie zwischenmenschliche Sprachbarrieren gibt es in Ghana kaum. Warum auch? Mir wurde erklärt, dass die Kinder hier meist schon mehrsprachig aufwachsen, eigentlich überall Englisch gesprochen wird und geheiratet wird unabhängig von Volksgruppe, Sprache oder Religion. „Wir sind doch ein Land, eine Familie. Wir gehören alle zusammen.“

Lustig ist es jedoch, wenn man in eins der Nachbarländer fährt. Burkina Faso, Cote d’Ivoire und Togo sind alle französischsprachig. Letztes Wochenende waren wir auf einem 3tägigen Kurztrip nach Lomé, der Grenz- und Hauptstadt Togos, um unser auf 60 Tage begrenztes Visum durch Aus- und Einreise verlängern zu lassen. Neues Land, neue Sprache, neue Währung. Mit Englisch kommt man da kaum weiter und der meist genutzte Satz aus dem letzten Französisch Urlaub: Je voudrais six pain au chocolat si vous plaît.“ Hat da leider auch nicht ausgereicht. Zum Glück hatten wir ja Hände und Füße, um zu kommunizieren und Lukas französisch war nicht ganz so eingestaubt. Trotzdem hat uns das mit der Währung noch mal komplett aus dem Konzept gebracht. Sind 870 CFA für 5 Liter Wasser zu viel? Und 300 für Bananen? Auf der ersten Taxifahrt haben wir erstmal fünfmal zu viel bezahlt, aber wir lernen ja dazu.

Und Togo ist auf jeden Fall eine Reise wert. Nochmal ganz anders als Accra und direkt am Meer. Der „Stadtpark“ ist ein kilometerlanger Sandstrand mit Palmen gesäumten Bänken und am Horizont zähle ich 42 Frachtschiffe. Der Hafen ist ein wichtiger Handelsstützpunkt , auch für die angrenzenden Binnenländer.

Geschlafen haben wir in einer kurzfristig gebuchten Ferienwohnung mitten in der Stadt, die sich als riesiges Appartement mit eigenem Zimmer und Bad für jeden von uns entpuppt hat. Und auch wenn das mehr ist als wir brauchten, haben wir den Luxus von Kühlschrank, WLAN und Klimaanlage für zwei Nächte sehr genossen.

Am Sonntag haben wir zu Fuß in der Mittagshitze die Stadt unsicher gemacht und anschließend haben wir uns nachmittags mit Annikas Internetbekanntschaft getroffen, einem Couchsurfer und Mitglied des Lomé Orchesters, der uns kurzerhand auf ein Konzert an einen Strand etwas außerhalb der Stadt eingeladen hat. Und so tanzten wir abends unter freiem Himmel vollkommen unerwartet mit jede Menge Togoern, Ghanaern und Touristen zu südamerikanischer Samba Musik.

C’est la vie.

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