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Schildkrötenalarm!

An einem Sonntagmorgen um 5 Uhr 20 Uhr weckt mich eine Stimme vor dem Fenster. Noch im Halbschlaf kann ich sie mit Mühe als die unseres Nachbars Joe identifizieren. Aber nur eins der Worte dringt tiefer in mein Bewusstsein. Turtle? Schildkrötenalarm!

Ich falle fast aus dem Bett, als ich das Moskitonetz vergesse, welches fest unter meiner Matratze gestopft ist. Schnell greife ich mir ein T-Shirt und stehe wenige Sekunden später zusammen mit Annika und Lukas vor der Haustür, wo wir gemeinsam auf den Pickup der Wildlife Division warten. Joe erklärt uns, dass eine Lederschildkröte in dieser Nacht nach der Eiablage die Orientierung verloren hat und nicht zurück ins Meer gekrabbelt ist. Die Fischer Kommune in Totope hat eben gerade angerufen, damit wir das riesige Tier wieder in den Ozean ziehen.

Als wir uns mit dem Pickup dem Dorf nähren, kann ich die Schildkröte schon von weitem sehen. Sie ist schwarz, riesig und sieht mit ihrem ledrigen Panzer aus wie ein Dinosaurier aus einem anderen Zeitalter. Doch als ich bei der Schildkröte ankomme, wird allerdings klar, dass sie definitiv ein Meereslebewesen ist. Die flügelartigen Brustflossen und der abgeflachte, stromlinienförmige Panzer sind super zum schwimmen im offenen Ozean, aber hier am Strand wirkt sie ehr schwerfällig und fehl am Platz. Die Schildkröte macht auf mich keinen versteckten Eindruck, sondern sie ist total erschöpft von einer Nacht in der ist sie ihren 500 kg schweren Körper in die falsche Richtung gehievt hat. Es sieht sogar so aus als würde sie durch ihre schweren Lieder weinen, aber das ist nur das überschüssige Salz, welches durch die Salzdrüsen an ihren Augen ausgeschieden wird. Auch ist der schuppige Kopf etwas verletzt und Blut klebt an ihrer Schnauze.

            
Einige der Fischer haben schon ohne uns angefangen und die Schildkröte ein gutes Stück den Strand hinauf geschoben, aber bis zum Spülsaum fehlen noch einige hundert Meter. Wir schlingen ihr ein dickes Seil um den Panzer und Vorderflossen und gemeinsam mit zehn Mann gelingt es uns das fast 2 m lange Tier Stück für Stück wieder zum Wasser zu ziehen. Kurz vorher befreienden die Schildkröte wieder, damit sie die letzten Meter zum Meer alleine zurücklegen kann. Zunächst ist sie einige Minuten etwas benommen, doch als wir sie mit Wasser bespritzen, sie anfeuern und schließlich die Wellen ihren Panzer umspülen, kommt wieder Leben in das Tier.

Mit kräftigen Flossenschlägen wuchtet sie sich ins Wasser und verschwindet in der Brandung. Einige Male erhasche ich noch einen Blick auf den immer kleiner werden den Panzer und den Kopf beim Atem holen. Dann ist sie verschwunden. Abgetaucht auf einer Reise durch die Weltmeere. Es wird vermutet, dass sie sich dabei an Geruchsstoffen, Magnetfeldern oder am Salzgehalt des Wassers orientieren. Frühestens in einem Jahr wird sie wieder an Land zurückkehren, um ihre Eier abzulegen. An diesem Strand, wo sie selbst einst geschlüpft ist.

            
Den Rest des Tages kann ich mit Strahlen gar nicht mehr aufhören. Das war meine erste Begegnung mit einer ausgewachsenen Meeresschildkröte! Da sind meine Begeisterung in Aufregung sehr wohl begründet. Hier an der westafrikanischen Küste legen gleich mehrere der 7 Meeresschildkröten Arten ihre Eier ab. Besonders die drei Spezies der Leatherback turtle (Lederschildkröte), Oliver Ridley turtle(Bastardschildkröte) und Green Pacific Turtle (Suppenschildkröte/ Grüne Meeresschildkröte) sind an den Stränden bei Ada Foah verbreitet und seit ich von dem Freiwilligendienst an der Küste Ghanas habe, habe ich auf meine erste Schildkröten Begegnung hin gefiebert.

Die Schildkröten Saison geht hier ungefähr von Oktober bis Februar und schon seit unserer Ankunft haben wir ein wöchentliches Schildkröten-Monitoring durchgeführt. Am Strand wird dabei nach Flossenabdrücken im Sand, den Nestern und auch den Toten Schildkröten Ausschau gehalten. Manchmal ist es aber auch sehr traurig nur leere Panzer im Müll zu finden. Zudem verirren sich nicht nur die ausgewachsenen Meeresschildkröten bei der Eiablage, sondern auch die Kleinen nach dem Schlüpfen. Das Ausschlüpfen und Eierlegen geschieht meist nachts, da es dann schwieriger für Fressfeinde ( Vögel, streunende Hunde und Raubfische) ist, die Jungen zu fangen oder die frischen Eier zu fressen. Meeresschildkröten orientieren sich nach der Helligkeit. Der Strand und das Wasser schimmern in der Nacht. Und obwohl die Nester 20 bis 30 m weit entfernt vom Meer liegen, krabbeln sie oft von anderen Lichtquellen (Taschenlampen, Häuser, Straßenbeleuchtung) gestört in die falsche Richtung. Dort werden die erst 20g schweren Jungtiere auf ihrem Weg ins Landesinnere von freilaufenden Hunden gefressen. Dann finden wir nur noch geplünderte Nester und Schildkrötenspuren überlagert von Pfotenabdrücken.

            
Die Schildkröten legen je nach Gattung zwischen 50 und 160 Eiern, da ist eine hohe Sterblichkeitsrate bei den Jungtieren gibt. Von rund 1000 Schildkröten kommt nur eine im Erwachsenenalter zurück, um ihre Eier abzulegen. Trotzdem sind stark beleuchtete Küsten, veränderte Jahreszeiten und freilaufende Hunde keine natürlichen Todesursachen und dezimieren die Anzahl der stark gefährdeten Tiere immer weiter. Zudem verfangen sich die Schildkröten vor der Küste in den Netzen der Fischtrawler und Fischerkanus, wo sie sich verletzen oder ertrinken können. Auch Meeresmüll ist ein großes Problem. Die Haupt-Nahrungsquelle sind Quallen und Algen. Werden diese mit Plastiktüten verwechselt, ersticken die Tiere oder sterben an überfüllten Müllmägen und einem verstopften Verdauungstrakt.

Auch wenn wir manchmal kaum Spuren oder nur tote Schildkröten finden, gehört dieses Turtle Monitoring mit Abstand zu meinen liebsten Aufgaben hier im Biosphärenreservat. Gemeinsam mit meinem Kollegen Turtle Joe jagen wir auf einem Quad die Küste entlang und halten bei jedem Anzeichen von Schildkröte inne, um es zu begutachten und zu dokumentieren. Allein die Fahrt ist ein Abenteuer für sich und entspricht meiner Vorstellung von Galopp im Zeitraffer. Zudem habe ich mit der Zeit einiges über die Schildkröten und ihre Gewohnheiten gelernt.

Leatherback Turtle
Bei der Lederschildkröte ist der ursprüngliche Knochen- und Hornpanzer zurückgebildet. Übrig- geblieben ist eine dicke, lederartige Haut, in die mosaikartig kleine Knochenplatten eingesetzt sind. Rein zoologisch gesehenen gehört sie gar nicht zu den Meeresschildkröten (Cheloniidae).

 

Schilde: Rückenpanzer lederartig und ohne Hornpanzer
• Länge: 120-210cm Panzerlänge (größte Meeresschildkröte)
• Gewicht: 500-700kg
• Farbe: Schwarz bis dunkelblau, manchmal weiße oder rosa Flecken
• Nahrung: vor allem Quallen, Tintenfische
• Die Lederschildkröte ist eine sehr gute Taucherin (bis 1500m)
• Sie kann die Körpertemperatur über derjenigen des Wassers halten. Sie toleriert dadurch verschiedene Temperaturen. Vor 50 Jahren wurde sogar eine in der Ostsee gefunden.
• Verbreitung: weltweit. Stark ausgeprägtes Wanderungsverhalten (bis zu 5000km)
• Lebensraum: Hochsee
• Eiablage:50-100 Eier; 55-56 Tage Brutdauer
• Spuren: parallele Flossenabdrücke im Sand

 

 

 

Olive Ridley Turtle

Die Spuren der Pazifischen Bastardschildkröte oder Olive ridley turtle habe ich hier am häufigsten gesehen. Sie ist die kleinste Meeresschildkröte.


• Schilde: Fast runder, herzförmiger Panzer

• Länge: 50-75cm Panzerlänge (kleinste Meeresschildkröte)

• Gewicht: Etwa 50 kg schwer

• Farbe: Grün, braun

• Nahrung: Krabben, Weichtiere, Quallen, Garnelen

• Verbreitung: tropische Regionen des Pazifiks, Atlantik und Indischen Ozeans

• Lebensraum: Oberflächenbereiche küstennahe Gewässer

• Eiablage: 80-160 Eier; 45-60 Tage Brutdauer

• Spuren: versetzte Flossenabdrücke im Sand

 

 

Green Pacific Turtle
Die Grüne Meeresschildkröte oder auch Suppenschildkröte ist nicht nur grün, sondern auch schwarzbraun bis gelblichgrün gefärbt. „grüne Schildkröte“ heißt sie nur wegen ihrem grünlichen Fett.

• Schilde: ovaler Schildpanzer

• Länge: 80-120cm Panzerlänge

• Gewicht: 130-200 kg schwer

• Farbe: Braun-grüner Panzer

• Nahrung: Seegras, Algen, Mangrovensprösslinge.

• Verbreitung: Mittelmeer, Atlantik, Golf von Mexico, Argentinische Küste, Indopazifik

• Lebensraum: Bevorzugt Küstengewässer.

• Eiablage: 100 Eier, 40-50 Tage Brutdauer

• Spuren: abwechselnde Flossenabdrücke mit Kielspur in der Mitte

 

 

 

Obwohl wir hier ein regelmäßiges Monitoring durchführen und wir auch schon zweimal mit Touristen auf einem Turtle Night Walk am Strand nach nistenden Schildkröten gesucht haben, habe ich bis zu unserem Zwischenseminar in Cape3points keine lebende Schildkröte gesehen. Auch dort am Kap legen die Schildkröten ihre Eier ab und die Öko-lodge in der wir übernachtet haben, hat ein Projekt gestartet, um die Schildkröten Eier in ihrer Buch zu retten und Überlebensrate der schlüpfen Schildkröten zu steigern. Da in dieser Region nicht nur Hunde, sondern auch Menschen Schildkröten und Schildkröten Eier essen, haben die Mitarbeiter begonnen die Nester auszugraben und den anliegenden Kommunen ab zu kaufen. Anschließend werden die Eier in einer Hatchery vergraben (ein übernetzter Käfig mit Sand) um sie geschützt ausbrüten und schlüpfen zu lassen.
So war ich auf unserem Seminar jeden Morgen bei Sonnenaufgang an der Hatchery, um zu sehen wie die frisch geschlüpften Olive Schildkröten in den Ozean entlassen wurden. Da Schildkröten aus einem Nest nicht alle auf einmal, sondern in einer Zeitspanne von bis zu 7 Tagen schlüpfen, sind fast jeden Morgen handtellergroße Schildkröten in den Ozean gekrabbelt. Frischgeschlüpfte Jungtiere schwimmen so weit wie möglich ins offene Meer. Bis zu 72 Stunden rudern sie pausenlos, um dann schwimmende Seegraswiesen zu erreichen. In diesem nährstoffreichem Wasser treiben sie je nach Art 5 bis 20 Jahre bis sie stark genug für längere Distanzen sind. Dann kehren sie in Küstennähe zurück wo sie mit 30 bis 50 Jahren ausgewachsen sind.

Auch bei uns in Ada Foah gibt es eine Hatchery, aber wir haben nicht die Kapazitäten alle Eier auf dem kilometerlangen Strandabschnitt zu suchen, aus zu buddeln oder sie sogar den Kommunen abzukaufen. Zudem haben mir die Mitarbeiter erklärt, dass die wohl gemeinten Versuche auf unserem Seminar keine nachhaltige Lösung des Problems sind. Sobald wir anfangen würden die Eier einzusammeln oder zu kaufen, wird es immer Menschen geben, die ihren eigenen Profit daraus ziehen. Auch wenn die Kommunen hier keine Schildkröten essen und sie sogar als Totemtier in einigen Dörfern gilt, würden einige Menschen die Eier in Eigeninitiative ausbuddeln, um sie zu verkaufen und dabei wohlmöglich die Eier zerstören. Nur wenige Stunden in der Sonne ohne warme, feuchte Erde oder zu viel Bewegung sorgen dafür, dass die Schildkröten Embryos absterben. In Cape3points wurden in der Vergangenheit sogar Schildkröten aufgeschnitten, um an die Eier zu gelangen.

            
Dies ist der Grund, warum die Wildlife Division soweit wie möglich vermeidet Nester zu entfernen und in die Hatchery umzusiedeln. Trotzdem ist es in einigen Fällen notwendig. Wenn Kommunen mit gefundenen Eiern zu uns kommen oder wir auf dem Monitoring ein Nest zu nah am Spülsaum entdecken, werden die Eier in die Hatchery umgesiedelt.

Do it yourself- how to bury turtle eggs:
Finden wir so ein Nest, welches bei Flut weggespült werden würde, müssen wir zunächst einmal die Eier suchen. Dabei wird mit einem langen Stock der Nistplatz auf nachgiebige stellen im Sand getestet. Da die Schildkröten das Nest und Umgebung mit lockerem Sand tarnen, kann es schon mal bis zu 20 Minuten dauern, bis das Nest gefunden ist. Dann wird der trockene Sand mit den Händen weg geschaufelt und ein gleichmäßiger Trichter ausgehoben. Anschließen müssen die Tischtennisball ähnlichen Eier vorsichtig in einen Eimer gesammelt werden (Nicht zu doll schütteln!!!) und mit etwas Sand bedeckt werden.

           
In der Hatchery wird dann Meeresschildkröte gespielt. Der trockene Sand muss wieder mit den Flossen… äh Händen entfernt werden, damit keine Steine oder scharfkantigen Muschelschalen mit den weichen Eierschalen in Berührung kommen. Anschließend wird eine birnenförmige Eikammer ausgehoben. Die Tiefe reicht von 40 cm der Olive turtle bis 1 m der Leatherback Schildkröte. Die Armen müssen das mit ihren ruderförmigen Hinterflossen machen und benötigen für den ganzen Prozess der Eiablage bis zu 8 Stunden. Anschließend werden die Eier hineingelegt und gezählt. Normalerweise legen Olive Ridley Schildkröten ca.120 Eier in einem Nest, Green Pacific Turtles bis zu 100, und Leatherback Schildkröten bis zu 65 Eier. Dann muss alles wieder schön mit nassem Sand bedeckt und sehr fest geklopft werden. Schildkröten benutzen hierzu ihr eigenes Gewicht und werfen sich von rechts nach links. Das letzte Nest durfte ich selber vergraben und habe dabei stilecht den Sand mit dem Bauch fest gepresst. Am Schluss wird über das Nest ein Korb ohne Boden gestülpt, damit die frisch geschlüpften Schildkröten nicht auf eigene Faust durch die Hatchery krabbeln. Bis zum Schlüpfen dauert es etwa 50 Tage. Die Sonne brütet die Eier aus und je nach Temperatur schlüpfen mehr Männchen oder Weibchen. Die Mädchen haben es lieber kuschelig warm. Bitte über 29,9 Grad Celsius!

Derzeit haben wir drei Nester in der Hatchery. Jeweils 102 Eier und 115 Eier einer Olive Turtle, und 65 der Leatherback Schildkröte.
Doch auch in der Hatchery läuft manchmal einiges falsch. Bei einem der Nester gab es ein Loch im Korb. An dem Tag wurde die Hatchery zu spät kontrolliert und 35 der Baby Schildkröten haben sich im Netz der Umzäunung verheddert und sind qualvoll gestorben. Auch Schlüpfen aus einem künstlichen Nest oft weniger als aus einem natürlichen. Eine Kollegin meint, dass es selten über 70% schaffen würden. Die Schildkrötenmütter können es dann eben doch besser als wir!

Letzte Woche war nach 51 Tagen Brutdauer eines der Nester am schlüpfen. Ich konnte dabei sein als sich die Kleinen mit geschlossenen Augen aus dem Sand gekämpft haben und anschließend in den Atlantischen Ozean gekrabbelt sind.

            

Und obwohl ich die Meeresschildkröten jetzt schon aus nächster Nähe habe kennenlernen dürfen, lässt meine Faszination nicht nach. Diese Tiere können fast 100 Jahre alt werden, sie können mehrere tausend Kilometer zurücklegen und durchschwimmen seit 100 Millionen Jahren nahezu unverändert unsere Ozeanen .

Sie haben weitere 100 Millionen Jahre verdient.

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