El Paísito

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Busca Vida, Mayra, Gamma, Gaby, die Allmänner und das Zwischenseminar

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Etwas erschöpft von der langen Busfahrt nahmen wir morgens vom Busterminal Sao Paulo Tiete (schi eteee) ein Taxi zum Flughafen Guarulhos-International. Dort sollten wir die anderen Freiwilligen aus Brasilien und Bolivien treffen. Das Terminal war noch sehr ruhig, denn die internationalen Flüge gehen ja erst abends los. Wir setzten uns in eine Ecke und warteten.

Nach und nach trafen die anderen Freiwilligen ein, es war sehr schön die bekannten Gesichter vom Vorbereitungsseminar wieder zu sehen. Am Flughafen wurden wir von einem unserer Trainer, Jero abgeholt und mit einem gemieteten Bus in Richtung Bragança Paulista, in die Peripherie von Sao Paulo, gefahren. Nach gut 90 Minuten Fahrt erreichten wir unseren Seminarort, Busca Vida, ein Ort, der sehr schwer zu beschreiben ist ohne ein schönes Detail zu vergessen. Auf den Bildern bekommt ihr einen Eindruck davon.

Wir 7 Jungs hatten gemeinsam eine kleine Hütte oben, wo auch eine kleine sehr detailverliebt dekorierte Halle war, in der es Konzerte gibt und andere kulturelle Veranstaltungen. Wir hatten in der Halle aber erstmal das Willkommensritual vor uns. Gaby, der sich mit seiner Familie um uns gekümmert hat, gab uns zunächst gelbe Blüten, die wir an Lippen und Zahnfleisch reiben sollten, es entstand ein angenehmes Kribbeln im Mund, danach löschten wir dieses Kribbeln mit dem Busca Vida – Cachaza, der Anfang des Seminars war auf jeden Fall gut gelungen. Busca Vida heißt so viel wie Leben suchen und spiegelt die Philosophie wieder, die an diesem Ort gelebt wird, im Moment lebe, im Einklang und Harmonie mit der Natur und seiner Umgebung.

Nachdem wir unsere Sachen abgestellt hatten, trafen wir uns unten und lernten auch unsere zweite Trainerin kennen, Eva und ihr kleines Kind Mayra, die das Seminar noch viel auflockern würde.

Ihr seht, langsam erklärt sich die Überschrift. Zunächst gab es eine äußerst leckere Stärkung bestehend aus Bananenbrot und anderen Kuchen, ein kleiner Vorgeschmack auf das exzellente Essen, welches wir die Woche über bekommen würden. Nach dem kleinen Snack begannen wir mit verschiedenen Übungen, die Jero unser Trainer, unter anderem aus dem Theater der Unterdrückung kannte.

Eine Übung, die wir machten war, dass wir uns minutenlang gegenseitig gegenüberstanden und in die Augen sahen und versuchten dabei nicht zu lachen oder wegzugucken. Ich fand die Übung sehr stark, besonders nach Jeros Erklärung danach. Er sagte, dass das in die Augenschauen, das tiefe in die Augenschauen etwas eigentlich natürliches ist, aber wir unterdrücken es tagtäglich durch Lachen, wegschauen und vieles mehr. In diesem Stil ging das Seminar auch weiter, wir reflektierten viel, tauschten uns aus, tankten positive Energie, aber diskutierten auch sehr angeregt untereinander und mit einem Referenten der Schwarzen Bewegung in Sao Paulo, Joao.

Mit Joao (links) und Jero (rechts)

Es ging viel um Privilegien, die wir als Weiße haben, so sagte Joao dass wir, wenn wir schwarz gewesen wären nicht die Schotterstraße einfach so hätten entlanglaufen können, ohne von der Polizei angehalten zu werden, als Weiße jedoch, kein Problem bekämen. Die Diskussion, die sich Joao’s Vortrag über Kolonialismus, Rassismus, Diskriminierung und Post-Kolonialismus besonders in Brasilien, anschloss wurde sehr angeregt und emotional geführt. Ich habe viel zugehört, mir war bereits vorher klar auf welcher Seite ich stand bzw. welche Positionen es geben würde. Es war jedoch sehr interessant zu sehen wie angegriffen sich einige fühlten, als sie hörten, dass auch sie als Weiße automatisch Privilegien haben. Andererseits diskutierten andere und versuchten sehr verbissen die ablehnende Haltung der anderen zu ädern, was in so einer Diskussion direkt meiner Meinung nach eh nicht wirklich möglich ist, höchstens einen Denkprozess kann man dort anstoßen. Insgesamt war der Nachmittag mit Joao sehr lehrreich und interessant.

Nach den Seminarinhalten am Vormittag genossen wir immer das typisch brasilianische Mittagessen, sei es Feijao, Tapioca und vielen mehr, oft sind wir nach dem Mittagessen in den nahe gelegenen See gesprungen, der eigentlich ein Wasserreservoir Sao Paulos ist.

Insgesamt waren die Seminarinhalte oft sehr entspannt und orientierten sich sehr viel an unseren aktuellen Bedürfnissen, es kam aber trotzdem nichts zu kurz, wir tauschten uns sehr viel aus, was wirklich gut tat und mir auch zeigte, wie gut ich es in meiner Einsatzstelle habe: Ich kann nicht wirklich über etwas klagen, die Arbeit ist gut, die Menschen sind super lieb und herzlich, meine Unterkunft ist bis jetzt eigentlich purer Luxus.

Ich denke es war aber gut anderen Freiwilligen, die es vielleicht nicht so leicht hatten oder haben, ein Ohr zu schenken, ihnen zuzuhören und sie zu stärken. Ich denke das war mit eines der wertvollsten Dinge des Seminars die Gemeinschaft und der gute Geist der zwischen uns allen herrschte.

Einen Tag des Seminars verbrachten wir in dem nahe gelegenem Ort Bragança Paulista, wo wir anlässlich des Dia de la Consciencia Negra ein kleines Fest auf dem Hauptplatz der Stadt besuchten. Dort trafen wir viele Leute beispielsweise die Pfadfinder des Ortes, mit denen ich mich lange unterhielt und austauschte, das war wirklich sehr schön. Ich habe direkt eine Verbundenheit gespürt, die uns Pfadfinder auf der ganzen Welt vereint.

Aber nicht nur mit den Pfadfindern haben wir uns unterhalten, auch mit den Menschen, die Capoeira auf dem Fest machten, ein Sport, den die Sklaven ursprünglich getarnt als Tanz nutzten um sich auf den Kampf vorzubereiten.Mehr dazu hier: https://www.smithsonianmag.com/smithsonian-institution/capoeira-occult-martial-art-international-dance-180964924/ , https://www.theguardian.com/lifeandstyle/2007/mar/17/healthandwellbeing.features4

Auch Sambamusik und viele andere kulturelle Angebote genossen wir gemeinsam mit den Leuten von vor Ort, die sich sehr freuten, dass wir da waren und uns vieles zeigten.

Einigen von uns wurde es unangenehm, als der Moderator des Festes uns extra begrüßte, ich bin immer noch unentschlossen wie ich das finden sollte. Auf der einen Seite denke ich, dass es in Deutschland auf einem ähnlichen Fest wahrscheinlich ähnlich laufen würde und es schlichtweg ein Ausdruck der Freude darüber ist, dass wir da waren. Auf der anderen Seite denke ich, dass das ganze schon einen schalen Beigeschmack hat, wenn die weißen Deutschen auf einem Fest für das schwarze Bewusstsein extra begrüßt werden, denn eigentlich sind ja gerade wir diejenigen, die an einem solchen Tag nicht im Mittelpunkt stehen sollten.

Einen sehr schönen Tag hatten wir trotzdem in Bragança Paulista, einer Stadt, die relativ gut die brasilianischen Kleinstädte repräsentiert

Wir waren auch auf einem großen sehr schönem Markt, was wirklich schön war, probierten Zuckerrohrsaft und weitere typisch brasilianische Leckereien.

Am frühen Abend liefen wir noch auf den nahe gelegenen Hügel um von dort den Sonnenuntergang zu genießen und einen schönen Blick auf die Landschaft zu haben. Auch Gamma Gabys kleiner Sohn war dabei, den wir Jungs, oder die Allmänner auch little Boss nannten, weil er immer so einen süßen, bosshaften Blick drauf hatte und sich auch so verhielt. Jetzt erklären sich auch die weiteren Namen in der Überschrift, den Gaby’s Frau bekochte uns immer wirklich gut und mit viel Mühe und Gaby war oft bei unserem Seminar mit dabei und hat sich sehr gefreut, dass wir da waren, denn wir waren seine erste Gruppe.

Am letzten Tag machten wir uns Gedanken zu unseren Freiwilligenprojekten und schlossen den Tag abends erst mit einer Performance einer Ärztin, die von ihren Erfahrungen spielte, dabei ging es viel um Indigene Völker und Unterdrückung, schwere Themen also, die aber sehr wichtig sind und auch auf unserem Seminar immer wieder Thema waren. Danach war eine Trommlergruppe bei uns, die auch schon in Bragança Paulista gespielt hatte und die unser Trainer Jero spontan eingeladen hatte. Zum Abschluss des Abends legte Gaby auf.

Insgesamt ein sehr gelungener, schöner letzter Abend, bis auf eine angeknackste Nase ist auch niemand zu Schaden gekommen. Am Freitag frühstückten wir ein letztes mal an diesem wunderschönen Ort und mussten uns dann von den meisten auch schon wieder verabschieden, die wir frühestens beim Nachbereitungsseminar wiedersehen werden.

Nach einer rührenden Verabschiedung auch von Gaby, Jero, Mayra, Gamma und allen anderen machten wir uns auf den Weg nach Sao Paulo, wovon ich im nächsten Eintrag berichten werde. Es war gut direkt wieder etwas zu haben und noch ein paar Leute um sich zu haben um nicht komplett in das post-Seminar Loch zu fallen, was oft nach so einer intensiven Zeit bei mir entsteht. Es war ein echt gutes Seminar, die meisten von uns hätten gerne noch mehr Zeit an diesem schönen Ort verbracht und die Gemeinschaft, das gute Essen und die Natur genossen, danke Jero, Gaby, Eva und allen anderen für dieses wunderbare Seminar!

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