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Wahltag in Uruguay – Ein Fest der Demokratie

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Update: Ich habe ein kleines Interview mit meinem Sprachlehrer geführt, es geht um die Wahl und seine Sicht auf die Dinge. Für alle, die sich für Politik und Gesellschaft interessieren, ist das ein sehr guter Einblick, leider noch auf Spanisch, aber ich werde es demnächst auf Deutsch nochmal vertonen. Hier schonmal in Schriftform, wie es in einer Zeitung publiziert werden könnte:Interview mit meinem Sprachlehrer = Ergebnis meines Sprachkurses

Viel Spaß beim anhören:

Gestern wurde in Uruguay und Argentinien gewählt. Hier in Uruguay standen 11 Kandidaten zur Wahl. Die aussichtsreichsten waren: Daniel Martinez (Frente Amplio, Mitte-Links), Luis Lacalle Pou (Partido Nacional, Rechts), Ernesto Talvi (Partido Colorado, Konservativ, eine der ältesten Parteien) und Guido Manini Rios (Cabildo Abierto, extrem rechts). Natürlich gibt es noch mehr Kandidaten, aber die teilen sich so wenig Prozent, dass es müßig wäre, sie alle zu erläutern.

Es wurden aber auch noch über andere Sachen abgestimmt, so beispielsweise die Senatoren und Abgeordneten, die in den zwei Kammern des Parlaments sitzen werden und eine Verfassungsänderung (la Reforma), die eine Polizei- und Militärreform nach sich ziehen würde. Wir besuchten ein Wahllokal und begleiteten die Uruguayos und Uruguayas an diesem wichtigen Tag für ihre Demokratie.

Am Abend um 20:30 Uhr, eine halbe Stunde nach dem die Wahllokale geschlossen waren, kam die erste Hochrechnung. Jubel brach aus, als die Frenteamplistas (Anhänger von Frente Amplio) hörten, dass ihr Kandidat Daniel Martinez 37,6% in den Projektionen erhielt, genau so viel Jubel gab es, als bekannt wurde, dass die Reforma (Verfassungsreform) mit nur 46% Unterstützung abgelehnt wurde, für eine Annahme der Reform hätten es 50% der Stimmen plus 1 gebraucht. Wie wir in anderen Ländern Lateinamerikas sehen können (Brasilien, Chile, Venezuela) tendiert die Sicherheit nicht dazu zu steigen, wenn Militär auf den Strasse patrouliert (wie in der Reform vorgeschlagen), sondern sie wird eher schlechter.

Die offiziellen Endergebnisse gab es dann heute morgen um 5 Uhr, aber bereits gestern Abend haben wir bereits ähnliche Zahlen gesehen, die Auszählung ging relativ schnell, was auch daran liegt, dass nur 2.699.978 Menschen wählen müssen. In Uruguay herrscht, wie in Argentinien, Wahlpflicht, das bedeutet aber nicht, dass alle Menschen auch zwingend zur Wahl gehen, wer nicht zur Wahl geht muss aber mit erheblichen Nachteilen rechnen. Es gibt anders als in Argentinien, wo man, wie meine Oma, ab einem bestimmten Alter nicht mehr wählen muss, in Uruguay keine Ausnahmen. Die Wahlbeteiligung lag, nach Angaben der Wahlbehörde, jedoch auf einem historischen Höchststand mit 88,9% Wahlbeteiligung, wie man auch in der dritten Grafik von El Observador, eine Zeitung, die ich mir auch gekauft habe, sieht.

Hier der Link, auf dem man die Entwicklung auch sehr gut sehen kann: https://ladiaria.com.uy/area/elecciones/  und die Quelle der dritten Grafik: https://www.elobservador.com.uy/nota/todos-los-resultados-en-vivo-votos-por-partido-las-internas-y-el-nuevo-parlamento-20191027172438 ; Quelle für einige der Grafiken. https://www.elpais.com.uy/informacion/politica/mira-todos-resultados-elecciones-octubre.html

Was zieht man nun für Lehren aus dieser Wahl ?

Für mich ist klar: Uruguay bleibt mit diesem Wahlergebnis eine stabile und weltoffene Demokratie in Lateinamerika, gleichwohl gibt es auch hier aufstrebende extremrechte Parteien, wie Cabildo Abierto die massiv Zulauf hatten (10% der Stimmen gingen an ihren Kandidaten Manini Rios) und das obwohl es diese Partei, die von einem Ex-General geführt wird, erst seit einem Jahr gibt. Außerdem wird es mit dieser Parlamentszusammensetzung schwierig neue Gestze auf den Weg zu bringen, zwar hat Frente Amplio mit gut 40% der Sitze die meisten, aber keine Mehrheit zum regieren.

Die wirklich spannende Phase der Wahl beginnt jetzt aber erst, denn nach uruguayischen Wahlrecht braucht einer der Kandidaten für das Präsidentenamt 50% der Stimmen plus 1 um im ertsen Anlauf zu gewinnen, da keiner der Kandidaten dies geschafft hat gibt es am 24. November das Balotaje oder Duell zwischen den zwei Kandidaten mit den meisten Stimmen, also Daniel Martinez und Luis Lacalle Pou. Man könnte nun denken, dass Martinez das schaffen solllte, er hatte ja jetzt schon mehr als 10 Prozentpunkte Vorsprung vor seinem Kontrahenten. Das Problem liegt darin, dass sich die Kandidaten Ernesto Talvi (Partido Colorado, 12,3%) und Manini Rios (Cabildo Abierto, 10.9%) bereits hinter Luis Lacalle Pou (28,6%)  gestellt haben und ihre Anhänger dazu aufgerufen haben für ihn zu stimmen. Somit wird das Rennen extrem eng und einzelne Frenteamplistas, wie mein Sprachlehrer Santiago, sehen schon ihren Kandidaten Martinez verlieren.

Das zu den Zahlen, ich war aber gestern Abend auch auf der Wahlparty  von Frente Amplio auf der Avenida 18 de Julio. Dort wurde gefühlt 20 mal das Kampagnenlied la Ola Esperanza gespielt.

Es war echt klasse Stimmung mit vielen Fahnen und ausgelassenen Menschen, die sich einfach nur freuten, es war – ein Fest der Demokratie –

Auf den Fotos sieht man leider nur einen Ausschnitt des Spektakels, welches sich abspielte als Martinez und seine Vizepräsidentschaftskandidatin Villar dann die Bühne betraten, aber die Menge tobte und wir – mitten drin.

Während der Veranstaltung checkte ich immer wieder die Hochrechnungen von Medien aus Uruguay, die deutschen Medien und auch einige weitere. Was mir auffiel ist, dass die Wahlen hier, nicht in einer großen europäischen Tageszeitung zur Sprache kamen. Lediglich AFP, eine Nachrichtenagentur aus Frankreich veröffentlichte einige Zahlen und Artikel. Die Wahlen in Argentinien, die ja nun entschieden sind (Macri ist abgewählt, da Alberto Frenandez mit 48,1% die meisten Stimmen hat), wurden zwar erwähnt, aber dafür, dass Argentinien eines der wichtigsten Länder des Kontinents ist, war es trotzdem wenig. Interessant was für eine neue Perspektive man auch auf die Medien seines Heimatlandes bekommt, wenn man woanders bei der Wahl dabei ist und dann auch noch bei so einem Fest der Demokratie. Ich habe auch festgestellt wie stark die Nachrichten eigentlich doch schon gefiltert sind, die uns jeden Tag erreichen.

Das soll es für heute erstmal gewesen sein, in den nächsten Tagen werden wieder mehr Beiträge folgen, weil ich jetzt in der Sprachschule einen Rechner habe, an dem ich vor meinem Unterricht arbeiten kann.

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