Silvestr

Man sagt ja immer so wie du das Jahr beginnst, so wirst du es auch verbringen. Ich will nicht lügen: genaugenommen bin ich kein Fan davon, Silvester und dem Neujahrsbeginn zu viel Bedeutung zuzumessen. Oft habe ich das Gefühl es löst einen ungeheuerlichen Druck bei den Leuten aus und zudem ist es ja auch völlig unrealistisch zu denken man würde zusammen mit der Ziffer in der Datumsspalte am oberen Heftrand NEU. Wann genau soll dieser Transformation stattfinden? Während dem zweiten und dritten Glas Prosecco am Silvesterabend? Mit dem lauten Geböller, das um 11:53 irgendwo einsetzt? Der Funke, der unseren Freund vor zwei Jahren traf, löste jedenfalls keine solche Erleuchtung oder totale Neuorientierung im kommenden Jahr aus. Alles was sie hinterließ war eine kleine kahle Stelle in seinem Haar- ein gutes Jahr hatte er denke ich trotzdem.
Gut, mir ist bewusst, dass es hier um Bräuche und unseren Hang zur Romantisierung geht, von dem ich ja nun auch nicht ganz frei bin. Ich finde diese Vorstellung zunächst sogar schön, vorausgesetzt man erhält ein wenig Interpretationsspielraum was den „Anfang“ betrifft. Schließlich würde ich mein Jahr 2019 nicht unbedingt mit einer verkaterten Zugfahrt ins Oberjoch verbinden, dafür aber gerne mit den sehr wohltuenden Tagen die ich zusammen mit Lorenz dort verbracht habe. Gefüllt mit neuen Erfahrungen wie dem Gefühl sich auf zunächst wackeligen Beinen mit Skiern durch den Schnee zu bewegen: nennen wir es mal belebend gefährlich- und natürlich ganz viel Gemütlichkeit zurück am Kamin im Hotel. Gleichzeitig spreche ich sicher nicht für mich allein, wenn ich sage dass dieses Jahr sich keineswegs in einem genauSO fortzog, wie die Bahn, eines Schwimmers, der zielstrebig und innerlich „gesettled“ ohne einen Blick nach links oder rechts das Becken durchquert, straightforwards sozusagen. Es gab Hochs, Tiefs, aber auch das in völliger Unregelmäßigkeit. So würde ich mein Jahr vielleicht eher wie eine Art Kreis beschreiben, dessen Außenkanten nicht von jedem Punkt aus absehbar sind, was auch gut so ist. Ich finde den Gedanken schön, sich das Ende eines Jahres als kleinen Reminder zu nehmen, als Anlass die letzten Zeiten Revue passieren zu lassen und sich möglicherweise mal wieder ein bisschen mit sich selbst und seiner Umwelt zu befassen. Mal achtsam in sich zu horchen, wo man steht und abzuchecken, was stimmt und was nicht. Es ist ein Ding der Unmöglichkeit sich eine To Do Liste mit – daran habe ich keinen Zweifel- guten Intentionen zu machen und diesen allen nachzukommen. Ein so durchmischtes Jahr, das so vielseitig und abwechlungsreich ist -und das ist es am Ende für jeden, der 365 Tage davon mitbekommt- ist einfach viel zu schade, um es am Ende mit hochgesteckten Zielen für das kommende Jahr so abzuwerten. Wozu muss man so einen harten Schlussstrich ziehen? Wenn ich jetzt so an Anfang Januar 2019 zurückdenke werde ich vielleicht sagen meine aktuelle Bahn verläuft in schöner Parallele zum letzten Jahr, in etwa so wie bei einem Schnirkelschneckenhäusschen. Auch ein Jahr später, nach vielen weiteren Eindrücken, Begebenheiten und neuen Bekanntschaften, einem Neustart hier in Tschechien, welches sich ähnlich wie die Skipiste im Oberjoch zunächst wie ein völlig neues Terrain anfühlte und sich schnell als sehr zugänglich entpuppte, habe ich ähnlich stolz wie zuvor meine Liebsten um mich und kann meine ersten Fortschritte hier mit ihnen teilen, auf sicheren Füßen und ganz ohne zu wackeln. Dieser Prozess stagniert nie, nicht erreichte Ziele sind mit dem Ende eines Kalenderjahres nicht vertan, geschweigedenn das Jahr selbst, ich möchte diesen Moment einfach mal nutzen, um zu sagen wie gut es mir geht, wie dankbar ich bin für alles was ich habe und wie sehr ich mich darüber freue, jeden Tag so viel Neues zu lernen oder auch nicht.

Unser Start ins neue Jahr begann tiefenentspannt würde ich sagen.
Zusammen mit Julia und Lorenz machten wir ein Raclette ertser Güte, hörten Boogie Wonderland, tranken einen edlen Tropfen Crémant zu unseren albert-Muffins und hatten einfach eine gute Zeit. Ehe wir uns versahen ging das Feuerwerk draußen los und wir beschauten den bunten Himmel von den Dachfenstern meiner Wohnung aus. (Mittlerweile mit Tee) stießen wir auf ein erfolgreiches 2019 und 2020 an: „Všechno nejlepší do nového roku!

Ahoj a šťastný nový rok!

Nach einigen Wochen der online-Stille im Austausch gegen ein sehr belebendes Dasein, Arbeiten, Spazierengehen,Feiern, Reisen und Quatschen wird es mal wieder Zeit ein paar Erinnerungen einzusammeln und festzuhalten. Seit meinem letzten Eintrag hatte sich Brünn in eine sehr winterlich romantische Stadt (und so langsam wieder zurück-)verwandelt, eingehüllt in den weihnachtlichen Glanz von ein bisschen Raureif (und zwei Mal auch ein minibisschen Schnee), den Duft von süßem Svařák von den gemütlichen Weihnachtsmärkten kommend und das Lichterzusammenspiel von Weihnachtsbäumen auf jedem Platz, der ein bisschen was auf sich hält und der vanocni Šalina, die mit Lichterketten und Sternen geschmückt, Passanten in die Innenstadt fuhr. Nicht, dass es sich für die Strecke gelohnt hätte, aber der weihnachtliche Flair schien einfach viele der Weihnachtstouristen zu locken und ich habe gehört, wenn man Glück hätte, könne man sogar in der Bahn einen Glühwein bekommen.

Natürlich haben auch Juls und ich viel von dem Geschehen aufgenommen. Gemeinsam besuchten wir die offizielle Eröffnung des Weihnachtsmarktes, bei der nach einigen Sekunden der Dunkelheit auf dem náměstí Svobody in einem feierlichen Akt alle Lichter, begonnen mit dem riesigen Weihnachtsbaum , nacheinander angingen, untermalt von Lichtinstallationen an den Hauswänden und Musik. Das schöne Städtchen war nicht wiederzuerkennen, kein Millimeter Fußboden zu sehen zwischen den zahllosen Zuschauern, die in die Stadt kamen. Wir standen einfach staunend und ein bisschen verdutzt da und Julia beugte sich zu mir und sagte: Wow Emma… Brünn IST eine Großstadt.

 

 

 

 

 

 

Von da an gingen sie dann los die etlichen Treffen auf dem Vánoční trh, zum Glühwein trinken, Schlittschuhlaufen oder einfach ein bisschen Livemusik hören. Meiner Familie, die mich zu einem sehr „studentischen“ Weihnachtsfest in meiner Wohnung hier besuchte war auch völlig begeistert. Und so verbrachten wir, wie so einige andere der entspannten Brünner auch den 24. Dezember noch bis in die frühen Abendstunden auf dem Weihnachtsmarkt und verließen ihn mit den letzten Standbesitzern zu einem kleinen aber feinen Heiligabend, welcher ruhig und unvermutet unter dem Dach des Gymnasiums Křenová stattfand. Eine außerdem typische Tradition zu dieser Zeit ist die Besichtigung der Weihnachtskrippen in den Kirchen, bei einem Spaziergang durch die Stadt, obgleich ein Großteil der Bevölkerung nicht religiös ist. Da ich meine Familie nicht für den traditionell tschechischen Karpfen zu Heiligabend begeistern konnte, machten wir also halt an der Jakobskirche im Brünner Stadtkern und besuchten zudem das Weihnachtskonzert in einer kleinen Passage, welches eine von vielen Brünnern sehr geschätzte Veranstaltung ist, um ein bisschen Brünner „Weihnachtskultur“ mitzuerleben.

Am ersten Weihnachtsfeiertag machten wir einen Kurztrip nach Prag, dessen Tourismus uns nach ruhigen Stunden im feiertags friedvoll verschlafenen Brünn fast erschlug. Dennoch war die Stadt natürlich schön wie eh und je und es war spannend sie mit meiner Mutter zu besuchen, deren letzte Eindrücke noch bis vor die Wende zurücklagen. Wir besuchten ein Theaterstück namens „The Garden“ in der Laterna Magika, mit vielen Lichtinstallationen und sehr impressiven Elementen, die jedweden Sprechpart charmant ersetzten und so auch ein internationales Publikum ansprechen könnten. Als ich mich zu meinem 9-jährigen Burder drehte, sah ich nur große Augen, die fasziniert das Schauspiel von Licht und Schatten, Papierfliegern, die in den Zuschauerraum flogen und den Tanz der Akteure beobachteten. Auch für mich war das Stück sehr inspirierend und von ästhetischem, für meine Mutter sicherlich von hohem nostalgischen Wert, denn die alten grünen Ledersitze waren bis auf wenige Flicken noch die Selben wie zu ihrer Jugendzeit. Abends gingen wir in einer typisch tschechischen, kann ich Spelunke sagen?, essen, die sich laut meiner Mama bis auf die exorbitant gestiegenen Besucherzahlen kaum verändert hatte. Sie heißt U Fleků und ich empfehle sie jedem der bei seinem Besuch in Prag wirklich ein bisschen in die tschechische Esskultur einsteigen will, laute Ziehharmonikamusik mag, oder sich vorstellen kann sie für ein Essen zu tolerieren, und nicht Vegetarier ist! Ansonsten war es nach meiner Zeit mit Lotta natürlich ein großer Spaß für mich unsere Tour ein bisschen zu guiden und meinen Liebsten meine liebsten Plätze zu zeigen:) Die Tage vergingen unheimlich schnell und ich muss sagen ich hatte meine Familie wirklich vermisst, wie sie so in meine Wohnung einfiel, im Gepäck gute Laune, Raclettekäse, Glitzer-Eyeliner und Crémant, den wir aus McDonalds Gläsern tranken (zum großen Bedauern meiner Tante, die es schließlich noch am 24. Dezember managte einem Glühweinhändler drei Weingläser abzukaufen- der Festlichkeit halber. Nochmal danke Gauki!!)

Krtek a malý kůrovec

Dobry den und einen fröhlichen Karnevalsbeginn ;P

In Köln geht heute vermutlich die Sause und in Křenova rödeln die Schüler wie die Wilden für die DSD-Prüfungen in gut zwei Wochen. Wieso ich an Köln und den Karneval denke?? Ich glaube das kam, als ich heute mit einigen Schülern über ihre Präsentationen für die Mündliche Kommunikationsprüfung des DSDs sprach und die Frage, ob auch in Deutschland die Altersgrenze für Alkohol bei 18 liegen sollte. Da lag die Mainzer „Fasenacht“ für mich als erfahrbares Kontra-Argument natürlich auf der Hand, wobei man hier mit dem Begriff weniger anfangen kann, weshalb ich auf den Karneval ausweichen musste- ich hoffe man verzeiht mir diesen Hochverrat an unserer Mainzer Kultur.. Insgesamt empfinde ich diese Phase aber als überaus spannend, wird man täglich mit neuen Fragen konfrontiert, die man sich möglicherweise noch nie gestellt hat. Letzte Woche erst hatte ich das Vergnügen mich vorbereitend auf eine Pilotprüfung (sprich eine Simulation der Mündlichen Kommunikationsprüfung mit insgesamt 60 zuschauenden und zwei freiwilligen Schülern, die sich als Prüflinge zur Verfügung stellten) intensiv mit dem Thema Desinfektionsmittel zu beschäftigen.- Es ist genauso steril wie es sich anhört, aber okay, das ist nicht der Punkt..
Die Veranstaltung war auf jeden Fall etwas Besonderes, und auch eine ziemlich spannende Situation für mich, wenn ich ehrlich bin. Zwar bin ich nach vielen DSD-Stunden mittlerweile einigermaßen vertraut mit dem Verlauf des schriftlichen Prüfungsteils, jedoch waren mir die Kriterien der Kommunikationsprüfung bisher völlig unbekannt. Als ich dann letzten Mittwoch vor der versammelten Schülerschaft stand und versuchte die Bewertungskriterien der Prüfung mittels eines Leitfadens, den ich mir am Vorabend zusammen mit einem Schokopudding reingepaukt hatte räsonabel zu erklären, fühlte ich mich doch ein wenig herausgefordert. Zum Glück habe ich aber mittlerweile einige sehr liebenswerte Schüler in meinem Umfeld, auf die auch in dieser Situation Verlass war.
Zusammen beobachteten wir die Prüfungssituation und machten uns Gedanken darüber, welche Stärken die Präsentationen aus unserer Sicht hatten, welche Tipps wir geben würden, und inwiefern die Schüler sich in Bezug auf ihre eigenen Prüfungen noch etwas Input holen konnten. Meine kommenden Abende werden sich nun mit der Recherche zu allerlei interessanten Themen füllen, sodass ich dann- ganz der Prüfer- die Schüler vorbereitend aufs DSD mit vielen gemeinen Fragen löchern kann… Aktuell steht der Borkenkäfer auf dem Programm

Die Arbeit mit den jüngeren Schülern wird auch zunehemnd spannender. Mangels der tschechischen Übersetzungen werde ich hier langsam zu einem Jongleur der Synonyme, Wortabstammungen und Definitionen von Wörtern, mit denen ich mich nie so recht außereinandergesetzt habe. Ja, es scheint, als ob ich beginne ein ganz neues Bewusstsein für meine Sprache zu entwickeln, wenn ich nach Verben, die die alltäglichsten Geräusche beschreiben, gefragt werde und mir NICHTS einfällt. Also sitze ich dann mitunter auch mal still-schweigend und hochkonzentriert im Unterricht, reibe zwei Blatt Papier aneinander und hege die Hoffnung ihre Onomatopoesie möge sich mir auf diese Weise offenbaren. (Es war by the way „rascheln“ glaube ich.. Falls euch ein Wort für das Geräusch von Nägelfeilen, oder dem Abstellen einer Tasse auf einem Tisch – Moment mal, irgendwie fühle ich mich in meiner Rolle als Muttersprachler im Unterricht hier gerade garnicht mehr so ernst genommen, ;P- einfällt, schreibt mir!) Neulich erfuhr ich, dass ich- stets von meinem Hochdeutsch überzeugt so manche österreichische Mundart spreche und die indirekte Rede nicht fehlerfrei beherrsche… Aber auch in die andere Richtung kann ich natürlich etwas lernen; Zwar ist das tschechische Alphabet etwas komplizierter als unseres, aber dennoch funktioniert es für mich in einer eigenen Lautschrift diktierte Vokabeltests mit den Schülern mitzuschreiben (Ř= rsch,Č= tsch, usw..). Wenn ich die Tests dann später mit Vorlage auf Rechtschreibung korrigiere, komme ich mir wie ein Schummler vor, weil ich selbst den Durchschnitt senke…
Die Idee einer lieben „Kollegin“ (meine Rolle hier muss ich selbst noch ein bisschen für mich definieren, denn ich sage es mal so: die Hälfte der Schüler die ich begleite ist so alt wie ich und geht auch gerne feiern..:) außerdem ist das mit der Autorität auch nicht so mein Ding- wobei ich wiederum das Privileg sehr genieße, in der Mensa an den Schlangen vorbeizuschlendern und mich ganz vorne einzureihen 🙂 ) mir ab jetzt einfach die „Quizlet“- Aufgaben, die sie ihren Schülern stellt, zuzuschicken, hat mich echt zum Schmunzeln gebracht. Ich sehe mich bald mit in der letzten Reihe hocken und im Unterricht Vokabelquizzes daddeln. Die Idee gefällt mir! Vermutlich werde ich mich neben František setzen, weil er definitv immer die besten Spielernamen hat (EmmasNachbar, sladký (=süßer), und oldsitznachbar, als ich dann einmal als Vertretung vorne am Pult saß) Die Arbeit mit den Schülern macht auf jeden Fall Spaß, nur bemerke ich, dass es manchmal eine große Herausforderung ist die notwendige Bestimmtheit an den Tag zu legen, die es braucht. Kürzlich erzählte ich einer Lehrerin von einer Stunde beginnend mit den Worten: „Also fragte ich die Schüler: Hättet ihr Lust..-“ und sie unterbrach mich mit dem Ausruf: „Den Satz musst du dir abgewöhnen Emma!“ und im nächsten Moment mussten wir beide lachen. Vielleicht sollte ich an dieser Stelle sagen, dass ich den Deutschunterricht hier an der Schule wirklich als sehr schülerorientiert wahrnehme. Die Lehrer bemühen sich sehr um ein aktives und abwechslungsreiches Programm und bieten den Schülern viele Möglichkeiten zu sprechen. Aber sind wir mal ehrlich- in einem bestimmten Alter spielt das einfach keine Rolle. To cool for school und so.. Oder vielleicht einfach so:

„Entweder du willst, oder du willst nicht. Alles andere ist nur Schwachsinn.“

Zu guter Letzt möchte ich noch von einem Highlight der letzten Woche berichten: Dem JDI- Training, an welchem wir teilnehmen durften, um das Programm anschließend an der eigenen Schule mit interessierten Schülern zu beginnen. Jeder von uns notierte zwei „Soll-Fragen“ (Fragen die kontroverse Themen aufgreifen und die Intention irgendeiner Veränderung in Bezug auf die Gesellschaft oder Politik (oder aber auch humorvolle Vorschläge) implizieren, und die Möglichkeit einer multiperspektivischen Auseinandersetzung mit dem Thema eröffnen, um anschließend eine Debatte über das Für und Wieder führen zu können. Ob man Pro oder Kontra ist spielt zunächst keine Rolle, es geht vielmehr darum sich umfassend mit einem Thema zu beschäftigen). Anschließend verbrachten wir die beiden Seminartage damit Kurzdebatten und Übungen am Beispiel unserer Fragen durchzuspielen. Das Programm begeistert mich nach wie vor. Es ist aus meiner Sicht die beste Art eine Sprache zu lernen, indem man beginnt sich so intensiv mit einem Thema zu befassen, dass man irgendwann garnicht mehr anders kann, als sich darüber zu ereifern. In so einem Moment ist dann auch die Sprachbarriere schneller überwunden, als man glaubt. Zumindest war das mein erster Eindruck. Ich für meinen Teil hätte niemals geglaubt, dass ich mir jemals eine ansatzweise „dominante“ Meinung zum Thema Elfmeterschießen beim DFB-Pokal bilden könnte… Und das schöne ist auch, dass die Teilnehmer die Themengebiete der Debatten auch ein ganzes Stück weit selbst beeinflussen können. Ich bin gespannt und voller Vorfreude:)

Eine gute Nacht a sladké sny!

Krtek ve městě – Teil 1

Dobrý den, ihr Lieben!

Heute soll es mal ein bisschen Sightseeing geben. Křenová ist zwar nicht unbedingt in der schönsten area der Stadt, aber unheimlich nahe am Zentrum gelegen, was es mir ermöglicht viel spazieren zu gehen und schöne Spots ausfindig zu machen- no šalina* needed 🙂

Ich freue mich euch einige meiner ersten Impressionen der Stadt und auch einige meiner letzten Fotos zu zeigen. Weil es aber so viele feine Orte gibt, werde ich die Sightseeingtour wohl in zwei Teile splitten.

(*Der Ausdruck „šalina“ für Straßenbahn ist Teil des Dialektes „Hantec“, welcher als Überbleibsel der ehemaligen deutschen Bevölkerung hier in Mähren noch manchmal in den Wortschatz miteinfließt. Die „šalina“, die von der deutschen elektrischen „Linie“ abstammt, gibt es in ganz Tschechien also nur einmal, wie mir ein paar Schüler stolz erklärt haben. )

 

Der Pražák Palace, ein Standort der Moravská (sprich mährischen) Gallerie: Die Austellungen zu moderner Kunst dort heben Julia und ich uns für regnerische Tage auf..

 

Der Špilberk Park: ein wirklich schöner Park, der zur Špilberk Festung hinaufführt und dementsprechend eine ordentliche Steigung hat. An unserem ersten gemeinsamen Tag in Brünn  bot er Julia und mir eine Topaussicht. Seither habe ich ihn aber eher seltener erklommen.. Špilberk selbst wartet aber noch auf uns:)

 

Diese Aufnahme nahe des  Šilingrovo náměstí (Platz) komprimiert mein aktuelles Bild von Brünn vielleicht ganz gut. Das hübsche Haus im Hintergrund mit dem Namen měšťanský dům Modrá hvězda (laut Google Übersetzer: das Stadthaus „Blauer Stern“, heute also eine Folge Krtek a modrá hvězda:) erscheint mir recht typisch für die Bauweise vieler Gebäude hier. Kürzlich unterhielt ich mich mit meiner Freundin Clara, die selbst gerne Architektur studieren würde, „Wenn du hier in Brünn aufgewachsen bist“, erklärte sie mir, „ist das kein Wunder!“ Außerdem steht hier immer das Ausstellungsstück einer Kunstgalerie, lediglich die Tiere variieren von Zeit zu Zeit, glaube ich. Das ist, wie ich nun schon von Bewohnern jedes Alters gehört und auch selbst erlebt habe, ein wirklich schönes Attribut dieser Stadt: Ihr vielfältiges kulturelles Angebot. Bei meinen Spaziergängen durch die Stadt entdecke ich fast immer ein neues Event. Es scheint mir, als müsse man, um davon in Brünn nichts mitzubekommen, wirklich die Augen schließen. Meine Freundin Julia, eine sehr gute Fotografin wie ich finde, stellte zwar mit Recht fest, dass dieses Bild aus ästhetischer Sicht ein bisschen überladen ist, aber der kleine Kaffee-Truck im Hintergrund musste auch noch mit drauf, ist er doch an so gut wie jedem Platz zu finden. Er ist nicht nur putzig, sondern bildet darüber hinaus auch meinen überhöhten Kaffeekonsum, verbunden mit vielen neuen Bekanntschaften und netten Gesprächen der letzten Wochen ab.

 

Der Namestí Svobodý – Freiheitsplatz bildet als größter Platz und Location vieler Festchen, oder Märkte vielleicht das Herzstück der Stadt. Hier ist immer etwas los: Getummel, Straßenmusiker und immer wieder Mal ein neuer spannender Aufbau. In meiner ersten Woche hier fand ich mich auf einmal zwischen den Zelten einer Eishockey- Fantour wieder, einige Tage war man von allerlei guten Düften einer Art traditionellen (Food)markets umgeben, wo Händler ihre Baumstrizel, Palatcinky, oder Käse anboten und andere riesige Pfannen mit Kartoffeln und Fleisch schwenkten. Die traditionelle tschechische Küche ist eher deftig.. Es wurde aber auch laute fröhliche Musik gespielt, für die Menschen, die dicht an dicht auf Bierbänken in der Mitte des Platzes saßen, gemeinsam aßen und die Kinder zu der Musik tanzen ließen. „Wenn man sie hier alle sieht“, sagte Julia, „denkt man der Sommer würde niemals enden..“ Und irgendwie scheint sich das jemand zu Herzen genommen zu haben, denn seit einer Woche scheint die Sonne wieder als gäbe es kein Morgen und erwärmt Brünn nach winterlichen zwei Wochen nochmal auf mollige 20°C.

Ende September noch wurde hier an den warmen Tagen eine Bar aufgebaut mit Liegesesseln, wie man sie vom Strand kennt. Angesichts der urbanen Umgebung sehr chillig..

 

 

 

 

 

 

Was es mit dieser astronomischen Uhr auf sich hat ist für die meisten Brünner selbst ein Rätsel. Zwar gibt es eine winzige Infotafel, aber die Uhrzeit ablesen kann von ihr dann irgendwie doch keiner. Wird man danach gefragt, so erklärte mir mein Kumpel Igor, soll man nur leicht den Blickwinkel ändern und die Augen zusammenkneifen, um Auskunft geben zu können… (zweites Bild) Inspiriert ist der Brněnský (Brünner) Orloj wohl von dem Prager „Orloj“. Er hat aber auch seine eigene Bedeutung für Brünn: In Gedenken an den 30-jährigen Krieg und einen taktvollen Schachzug der Brünner Bevölkerung, um die schwedischen Gegner abzuwehren*, lässt die Maschine jeden Tag um 11:00 Uhr eine kleine Glaskugel im Inneren fallen, die man mit etwas Glück auffangen kann.

*Ein bisschen Geschiwissen to go: Im Wissen über die Pläne der Schweden um 12:00 Uhr mittags die Belagerung der Stadt aufzugeben ließ man damals die Mittagsglocken eine Stunde früher läuten und konnte die Gegner so täuschen.

Außerdem witzig war auf jeden Fall die Miniausstellung zu „Visual Reality“, die hier kürzlich stattfand. Das ist eher nicht mein Thema, aber ich beobachtete amüsiert ein kleines Mädchen dabei , wie es seiner Mutter eine Vorstellung erster Güte bot, als es sich mit der viel zu großen VR- Brille dramatisch schreiend auf den Boden warf. Richtig abgespaced wurde es aber, als letzte Woche auf einmal diese riesige schwarze Kugel auf dem Platz stand. Tatsächlich handelte es sich bei dieser dominant auftretenden Erscheinung dann um eine geschichtliche Informationsveranstaltung zum Thema Totalitarismus, inklusive zwei „Türvorstehern“ in Militäruniform..

no words needed…

 

Nimmt man eine kleine Treppe, die in Richtung dieses einladenden Gebäudes führt, so landet man im „Garten des Stadthalters“ (Místodržitelská zahrada) einem schönen Park mit Obelisk in der Mitte. Hier sitzt man an sonnigen Tagen sehr schön und hat eine gute Aussicht auf Staré Brno, den alten Teil Brünns.

Spaziert man ein wenig weiter durch den Denisovy sady (Dennisgarten), an der großen Backsteinmauer dort entlang, gelangt man zu dem kleinen „Musik Pavillon“ – hier steht ein Klavier und wartet darauf von einem bereitwilligen Virtuosen in aller Öffentlichkeit gespielt zu werden. Ich muss sagen in Begleitung würde mich das schon reizen…

Okay, ich beende dieses Eintrag mal mit der Botschaft jenes weisen Grafittikünstlers hier und grüße euch lieb, Emma

Krtek a zelená hvězda (und ein kleiner Flashback zum Werbellinsee)

Dobrý večer (nagut, dobrou noc),

Obwohl ich etwas später mit meinem Blog beginne, möchte ich versuchen ohne zu lange in Erinnerungen zu schwelgen ein wenig Berichterstattung nachzuholen, die mir am Herzen liegt. Und da das Vorbereitungsseminar ja offiziell die erste Woche unseres Freiwilligendienstes, und für mich eine sehr fruchtbare Zeit war, lohnt es sich vielleicht hier anzufangen. Ich wusste überhaupt nicht was mich erwartet und war wirklich baff, was diese vergleichsweise kurze (oder auch zeitweise lange, je nachdem:) aber bereits sehr intenisve Zeit mit mir gemacht hat. Ich lernte so viele neue interessierte und offene Menschen kennen (und erweiterte meinen Bekanntenkreis schon zu diesem Zeitpunkt um mal mindestens fünf neue Bundesländer -yeah, taking baby steps… ).
Was mir in Erinnerung bleiben wird ist dieser ganz eigene Vibe, scheinbar nie einkehrender Müdigkeit: Rund dreihundert Jugendliche in einer Jugendbegegnungsstätte, die am Werbellinsee schon eher idyllisch gelegen ist, und rund um die Uhr „Programm“. Und wenn es nur hieß sich mit einer Flasche Bier und einer Ukulele zusammenzusetzen und zu jammen, oder sich in irgendeine Gesprächsrunde mitreinzusetzen.
Wir hatten VIEL Zeit uns zu unterhalten, erhielten aber auch durch verschiedene Seminare und Workshops zum Teil neuen, zum Teil vielleicht bereits bekannten Input. Es gab Themen, die mich mal wieder in einem Maße zum Nachdenken anregten, dass ich so lange nicht hatte. Dabei geht es um Themen, die so wichtig sind, Themen, die mich und mein Gerechtigkeitsempfinden, würden sie mir täglich begegnen, regelmäßig an unsere Grenzen bringen würden. Das Seminar bot einen sehr vorurteilsfreien Raum, um sich über allgegenwärtige Themen wie Rassismus oder noch immer vorherrschende und höchst-problematische Geschlechterrolen seine eigenen Gedanken zu machen, aber auch auszutauschen. Es gab auf jeden Fall lockere Ansätze wie beispielsweise den Jungs doch einfach mal die Fingernägel zu lackieren, oder als Untergrundorganisation die Demontage unserer Demokratie in drei Schritten zu planen, aber nichtsdestotrotz gingen wir glaube ich alle nicht ganz unachtsam aus solchen Seminaren raus. Ich spüre, dass mich viele Gedanken, die mich anschließend plagten auch jetzt noch nicht so richtig loslassen, könnte aber nicht erleichterter darüber sein. Denn so lange sie immer mal ein bisschen an mir zehren, so hoffe ich doch, nehme ich sie auch bewusst in meine Handlungen mit auf und versuche mich zu bessern und nicht in möglichen Automatismen oder Gewohnheiten zu verharren. Kulturweit ist auf jeden Fall mehr als nur ein „Appetizer“ , das machen mir neu angestoßene Gedankengänge und auch meine zunehmende Lust Neues auszuprobieren, ja mich auf Unbekanntes einzulassen, bewusst:)

 

 

 

 

 

 

(Es wurde außerdem gebastelt, getüftelt- letztere Salvadore Dali anmutende Kreatur ist wohlbemerkt ein Pferd – und natürlich auch gefeiert)

Wir sprachen auch über persönliche Gefühle und Vorstellungen, wenn uns danach war. Gerade in meinem Umfeld merkte ich, dass wir viel über Nachhaltigkeit sprachen. Dass vieles noch nicht perfekt ist, weiß ich, aber statt darüber zu resignieren, wie ich das oft getan habe, bemerke ich zurzeit eine Tendenz bei mir auch die kleinen Schritte wertzuschätzen auf meinem Weg zu einem umweltfreundlicheren Dasein. (Ich besitze jetzt keine Gemüsesäckchen oder so, aber ich führe das Plastiktütenwiederverwendungserbe meines Vorgängers stolz weiter und habe stets ein paar knisternde Tütchen in meinem Rucksack) Und es freut mich mitzuerleben, dass das Thema hier auch sehr present und ernstgenommen ist. Es vergeht kaum ein Tag, an dem nicht eine meiner „Kolleginnen“ in unserem Kabinett* mit den Worten: „Wir müssen doch Papier sparen“ mahnt doch bitte zunächst die bereits einseitig bedruckten Blätter zu nutzen – denn es gäbe regelmäßige Beschwerden aus der Klasse über verschwenderische Kopien – und das scherzhalber mit erhobenem Zeigefinger. (Es kommt also vor, dass ich beim Durchblättern meiner Unterlagen auch mal ein altes Zugticket finde, welches sich beim Wenden als Arbeitsblatt zum Thema Wetter entpuppt.)

Wenn ich schon davon spreche: Übermorgen ist es soweit: Ich erlebe meine erste Fridays for Future Demo hier in Brünn (Ich habe da eine Freistunde…). Ich habe mich echt gefreut, als ein Schüler auf mich zukam und mir davon erzählte. Und so werden wir da am Freitag von Křenka aus zusammen hingehen. Ich bin sehr gespannt auf die Demonstration, und auch darauf meine Schüler dort in Action zu sehen!

Liebe Grüße von einer Emma, die nicht schlafen kann:)
PS: Im nächsten Eintrag gibts Brünn-Bilder, versprochen!!

*Hier gibt es kein großes Lehrerzimmer, sondern Kabinette, die sich jeweils eine Gruppe von ungefähr vier Lehrern teilt- meines Achtens eine echt gute Idee, um irgendwie in Ruhe arbeiten zu können- was aber nicht heißt, dass hier nicht die Gaudi abgehen würde. Gerade mein Kabinett ist wirklich eine fröhliche Runde von Lehrern: Regelmäßig wird (mit Tee) angestoßen und alles wird geteilt – von Büroklammern, über Kaffee und Kuchen und kleine Anekdoten aus dem Unterricht bis hin zu den Korrekturarbeiten…

Einmonatiges Jubiläum!

Hallihallo und herzlich willkommen zu meinem ersten Blogeintrag hier!

Pünktlich zum einmonatigen Jubiläum meines Dienstes hier in Brünn habe ich mich nun also doch noch entschieden einen Blog zu starten. Denn ich habe bemerkt wie sich die schönen Momente sammeln, und die ersten Erinnerungen schon wieder zu verflüchtigen beginnen, wenn ich sie nicht festhalte! Und das wäre wirklich ein Jammer, denn es passiert so viel Erzählenswertes, was ich mit euch teilen möchte und auch selber nicht vergessen will!

Jetzt sind es doch tatsächlich schon vier Wochen, die ich hier in Brünn lebe. Und damit vier Wochen neuer Lebenserfahrung deluxe, angefangen mit der ersten eigenen Wohnung, dem ersten eigenen Waschmitteleinkauf, der ersten alleinigen Nacht hier (nicht mal mein Kätzchen schnurrte mir abends noch um die Beine, das war schon etwas anderes) und dem ersten Ikea- Einkauf, der auf einmal aus Messern, Schneidebrettchen und Bettlaken bestand- Größen um die ich mich bis jetzt nicht zu sorgen brauchte, wenn ich mich in der Kerzen- und Kunstpflanzenabteilung verdullte. Aber erstmal nur soviel zu diesem Teil des Geschehens. Denn was, wie man meinen sollte, doch eigentlich den größten Brocken darstellt, ist das alleinige Dasein in einer völlig neuen Umgebung. Mit kaum einem Wort Tschechisch im Gepäck fühlte es sich schon komisch an hier anzukommen. Ich empfand eine unerklärliche Scham bei dem Gedanken bald hier zu leben und kaum ein Wort der Landessprache zu verstehen. (okay außer einem Satz der mir aus meiner Lernapp in Erinnerung geblieben ist: Rada jsem te pomohla“, was so viel bedeutet wie „es freut mich, dass ich dir helfen konnte“ und angesichts der Tatsache, dass ich sonst weder etwas erklären noch irgendeine Wegbeschreibung hätte geben können ein denkbar blöder Starter ist.) Gleichzeitig wurde ich mit so viel Herzlichkeit und Beau Geste hier empfangen, dass sich dieses Gefühl schnell verflüchtigte. Dennoch habe ich natürlich vor, dass es nicht nur bei einem vernichtenden „Nemluvim Cesky“ zu beginn jeder Unterhaltung bleibt.

Brünn…

Wenn ich ehrlich bin, ging es mir seit November letzten Jahres vor allem um eins bei meiner Bewerbung – RAUS kommen, etwas anderes sehen und mal die eigenen Komfortzone verlassen. Die Stadt selbst stand bei den Gedanken an meine Zeit hier nie so richtig im Mittelpunkt. Sie würde größer sein als meine Heimatstadt und damit war erstmal alles schick. Dass ich eine Stadt aber so schnell lieb gewinnen würde wie Brünn, hätte ich nicht gedacht. (Nicht einmal Berlin hat mir so schnell seine Schönheit offenbart, und meine Liebe zu der Stadt steht außer Frage.) Wie habe ich es in so vielen Memos bescheiden versucht festzuhalten? So hell, so groß, scheinbar so weitläufig, so gefüllt von Altbauten in den schönsten Pastelltönen, so mit Leben gefüllt, und so großstädtisch der Flair (hier könnte ich sogar echt zum Öko werden- das Angebot an Bioläden und auch Unverpacktläden ist wirklich super). Und dennoch so überschaubar und gemütlich, dass ich bereits in den ersten Tagen eine gute Orientierung finde konnte.
Das sind aber natürlich nur Worte, die genau wie Fotos flach, geräuschlos, und „Vibe-los“ auf den Handybildschirmen der Liebsten erscheinen können. Was es aber heißt die Luft hier zu schnuppern, über Plätze gefüllt mit Menschen, fröhlicher Musik (lauten Männertenören) zu schlendern und dabei die spätsommerlichen Sonnenstrahlen zu tanken, dieses Gefühl könnt ihr nur erahnen. Und so an dieser Stelle noch einmal der Apell an euch, meine herzlichste Einladung anzunehmen und mich in meiner riiiiiiiiiesigen Wohnung mit eurem Besuch zu beehren, damit ich auch meine Gastgeberqualitäten ein erstes Mal auf die Probe stellen kann..

Ich grüße euch lieb, Emma