Silvestr

Man sagt ja immer so wie du das Jahr beginnst, so wirst du es auch verbringen. Ich will nicht lügen: genaugenommen bin ich kein Fan davon, Silvester und dem Neujahrsbeginn zu viel Bedeutung zuzumessen. Oft habe ich das Gefühl es löst einen ungeheuerlichen Druck bei den Leuten aus und zudem ist es ja auch völlig unrealistisch zu denken man würde zusammen mit der Ziffer in der Datumsspalte am oberen Heftrand NEU. Wann genau soll dieser Transformation stattfinden? Während dem zweiten und dritten Glas Prosecco am Silvesterabend? Mit dem lauten Geböller, das um 11:53 irgendwo einsetzt? Der Funke, der unseren Freund vor zwei Jahren traf, löste jedenfalls keine solche Erleuchtung oder totale Neuorientierung im kommenden Jahr aus. Alles was sie hinterließ war eine kleine kahle Stelle in seinem Haar- ein gutes Jahr hatte er denke ich trotzdem.
Gut, mir ist bewusst, dass es hier um Bräuche und unseren Hang zur Romantisierung geht, von dem ich ja nun auch nicht ganz frei bin. Ich finde diese Vorstellung zunächst sogar schön, vorausgesetzt man erhält ein wenig Interpretationsspielraum was den „Anfang“ betrifft. Schließlich würde ich mein Jahr 2019 nicht unbedingt mit einer verkaterten Zugfahrt ins Oberjoch verbinden, dafür aber gerne mit den sehr wohltuenden Tagen die ich zusammen mit Lorenz dort verbracht habe. Gefüllt mit neuen Erfahrungen wie dem Gefühl sich auf zunächst wackeligen Beinen mit Skiern durch den Schnee zu bewegen: nennen wir es mal belebend gefährlich- und natürlich ganz viel Gemütlichkeit zurück am Kamin im Hotel. Gleichzeitig spreche ich sicher nicht für mich allein, wenn ich sage dass dieses Jahr sich keineswegs in einem genauSO fortzog, wie die Bahn, eines Schwimmers, der zielstrebig und innerlich „gesettled“ ohne einen Blick nach links oder rechts das Becken durchquert, straightforwards sozusagen. Es gab Hochs, Tiefs, aber auch das in völliger Unregelmäßigkeit. So würde ich mein Jahr vielleicht eher wie eine Art Kreis beschreiben, dessen Außenkanten nicht von jedem Punkt aus absehbar sind, was auch gut so ist. Ich finde den Gedanken schön, sich das Ende eines Jahres als kleinen Reminder zu nehmen, als Anlass die letzten Zeiten Revue passieren zu lassen und sich möglicherweise mal wieder ein bisschen mit sich selbst und seiner Umwelt zu befassen. Mal achtsam in sich zu horchen, wo man steht und abzuchecken, was stimmt und was nicht. Es ist ein Ding der Unmöglichkeit sich eine To Do Liste mit – daran habe ich keinen Zweifel- guten Intentionen zu machen und diesen allen nachzukommen. Ein so durchmischtes Jahr, das so vielseitig und abwechlungsreich ist -und das ist es am Ende für jeden, der 365 Tage davon mitbekommt- ist einfach viel zu schade, um es am Ende mit hochgesteckten Zielen für das kommende Jahr so abzuwerten. Wozu muss man so einen harten Schlussstrich ziehen? Wenn ich jetzt so an Anfang Januar 2019 zurückdenke werde ich vielleicht sagen meine aktuelle Bahn verläuft in schöner Parallele zum letzten Jahr, in etwa so wie bei einem Schnirkelschneckenhäusschen. Auch ein Jahr später, nach vielen weiteren Eindrücken, Begebenheiten und neuen Bekanntschaften, einem Neustart hier in Tschechien, welches sich ähnlich wie die Skipiste im Oberjoch zunächst wie ein völlig neues Terrain anfühlte und sich schnell als sehr zugänglich entpuppte, habe ich ähnlich stolz wie zuvor meine Liebsten um mich und kann meine ersten Fortschritte hier mit ihnen teilen, auf sicheren Füßen und ganz ohne zu wackeln. Dieser Prozess stagniert nie, nicht erreichte Ziele sind mit dem Ende eines Kalenderjahres nicht vertan, geschweigedenn das Jahr selbst, ich möchte diesen Moment einfach mal nutzen, um zu sagen wie gut es mir geht, wie dankbar ich bin für alles was ich habe und wie sehr ich mich darüber freue, jeden Tag so viel Neues zu lernen oder auch nicht.

Unser Start ins neue Jahr begann tiefenentspannt würde ich sagen.
Zusammen mit Julia und Lorenz machten wir ein Raclette ertser Güte, hörten Boogie Wonderland, tranken einen edlen Tropfen Crémant zu unseren albert-Muffins und hatten einfach eine gute Zeit. Ehe wir uns versahen ging das Feuerwerk draußen los und wir beschauten den bunten Himmel von den Dachfenstern meiner Wohnung aus. (Mittlerweile mit Tee) stießen wir auf ein erfolgreiches 2019 und 2020 an: „Všechno nejlepší do nového roku!

Ahoj a šťastný nový rok!

Nach einigen Wochen der online-Stille im Austausch gegen ein sehr belebendes Dasein, Arbeiten, Spazierengehen,Feiern, Reisen und Quatschen wird es mal wieder Zeit ein paar Erinnerungen einzusammeln und festzuhalten. Seit meinem letzten Eintrag hatte sich Brünn in eine sehr winterlich romantische Stadt (und so langsam wieder zurück-)verwandelt, eingehüllt in den weihnachtlichen Glanz von ein bisschen Raureif (und zwei Mal auch ein minibisschen Schnee), den Duft von süßem Svařák von den gemütlichen Weihnachtsmärkten kommend und das Lichterzusammenspiel von Weihnachtsbäumen auf jedem Platz, der ein bisschen was auf sich hält und der vanocni Šalina, die mit Lichterketten und Sternen geschmückt, Passanten in die Innenstadt fuhr. Nicht, dass es sich für die Strecke gelohnt hätte, aber der weihnachtliche Flair schien einfach viele der Weihnachtstouristen zu locken und ich habe gehört, wenn man Glück hätte, könne man sogar in der Bahn einen Glühwein bekommen.

Natürlich haben auch Juls und ich viel von dem Geschehen aufgenommen. Gemeinsam besuchten wir die offizielle Eröffnung des Weihnachtsmarktes, bei der nach einigen Sekunden der Dunkelheit auf dem náměstí Svobody in einem feierlichen Akt alle Lichter, begonnen mit dem riesigen Weihnachtsbaum , nacheinander angingen, untermalt von Lichtinstallationen an den Hauswänden und Musik. Das schöne Städtchen war nicht wiederzuerkennen, kein Millimeter Fußboden zu sehen zwischen den zahllosen Zuschauern, die in die Stadt kamen. Wir standen einfach staunend und ein bisschen verdutzt da und Julia beugte sich zu mir und sagte: Wow Emma… Brünn IST eine Großstadt.

 

 

 

 

 

 

Von da an gingen sie dann los die etlichen Treffen auf dem Vánoční trh, zum Glühwein trinken, Schlittschuhlaufen oder einfach ein bisschen Livemusik hören. Meiner Familie, die mich zu einem sehr „studentischen“ Weihnachtsfest in meiner Wohnung hier besuchte war auch völlig begeistert. Und so verbrachten wir, wie so einige andere der entspannten Brünner auch den 24. Dezember noch bis in die frühen Abendstunden auf dem Weihnachtsmarkt und verließen ihn mit den letzten Standbesitzern zu einem kleinen aber feinen Heiligabend, welcher ruhig und unvermutet unter dem Dach des Gymnasiums Křenová stattfand. Eine außerdem typische Tradition zu dieser Zeit ist die Besichtigung der Weihnachtskrippen in den Kirchen, bei einem Spaziergang durch die Stadt, obgleich ein Großteil der Bevölkerung nicht religiös ist. Da ich meine Familie nicht für den traditionell tschechischen Karpfen zu Heiligabend begeistern konnte, machten wir also halt an der Jakobskirche im Brünner Stadtkern und besuchten zudem das Weihnachtskonzert in einer kleinen Passage, welches eine von vielen Brünnern sehr geschätzte Veranstaltung ist, um ein bisschen Brünner „Weihnachtskultur“ mitzuerleben.

Am ersten Weihnachtsfeiertag machten wir einen Kurztrip nach Prag, dessen Tourismus uns nach ruhigen Stunden im feiertags friedvoll verschlafenen Brünn fast erschlug. Dennoch war die Stadt natürlich schön wie eh und je und es war spannend sie mit meiner Mutter zu besuchen, deren letzte Eindrücke noch bis vor die Wende zurücklagen. Wir besuchten ein Theaterstück namens „The Garden“ in der Laterna Magika, mit vielen Lichtinstallationen und sehr impressiven Elementen, die jedweden Sprechpart charmant ersetzten und so auch ein internationales Publikum ansprechen könnten. Als ich mich zu meinem 9-jährigen Burder drehte, sah ich nur große Augen, die fasziniert das Schauspiel von Licht und Schatten, Papierfliegern, die in den Zuschauerraum flogen und den Tanz der Akteure beobachteten. Auch für mich war das Stück sehr inspirierend und von ästhetischem, für meine Mutter sicherlich von hohem nostalgischen Wert, denn die alten grünen Ledersitze waren bis auf wenige Flicken noch die Selben wie zu ihrer Jugendzeit. Abends gingen wir in einer typisch tschechischen, kann ich Spelunke sagen?, essen, die sich laut meiner Mama bis auf die exorbitant gestiegenen Besucherzahlen kaum verändert hatte. Sie heißt U Fleků und ich empfehle sie jedem der bei seinem Besuch in Prag wirklich ein bisschen in die tschechische Esskultur einsteigen will, laute Ziehharmonikamusik mag, oder sich vorstellen kann sie für ein Essen zu tolerieren, und nicht Vegetarier ist! Ansonsten war es nach meiner Zeit mit Lotta natürlich ein großer Spaß für mich unsere Tour ein bisschen zu guiden und meinen Liebsten meine liebsten Plätze zu zeigen:) Die Tage vergingen unheimlich schnell und ich muss sagen ich hatte meine Familie wirklich vermisst, wie sie so in meine Wohnung einfiel, im Gepäck gute Laune, Raclettekäse, Glitzer-Eyeliner und Crémant, den wir aus McDonalds Gläsern tranken (zum großen Bedauern meiner Tante, die es schließlich noch am 24. Dezember managte einem Glühweinhändler drei Weingläser abzukaufen- der Festlichkeit halber. Nochmal danke Gauki!!)