Erdbeben, die Zweite

 

 

Dienstag, der 26.11.2019, 4:00 morgens. Ich wache voller Panik auf. Noch ein Erdbeben. Völlig schlaftrunken regt sich in mir mein Überlebenssinn. Ich habe einfach nur Angst, irgendetwas stimmt hier absolut gar nicht. Alles fühlt sich wie in einem Albtraum an. Irgendwann hört das Beben auf. Wie lange es gedauert hat, kann ich nicht sagen. Dafür bin ich noch viel zu müde.

Nachbarn, die über die Treppe runter rennen. Was danach passiert, kann ich kaum steuern. Ich schalte in den „Jana Survival“ Modus und stehe auf. Hose an. Schuhe an. Handy und Schlüssel mitnehmen und dann noch den Wintermantel mitnehmen und einfach nur noch raus. Kinder schreien.

Unten angekommen stehe ich ratlos rum. Ich bin aus dem Haus raus, was jetzt? Weiter erinnere ich mich nicht an die Erdbebenratschläge, die ich zusammen mit den anderen Freiwilligen in Durrës bei dem letzten Erdbeben nachgeschaut hatte.

Autos fuhren inzwischen panisch ab. Einfach nur raus aus der Stadt, die gefühlt so erdbebensicher gebaut ist, wie ein Reihe Dominosteine.

Da mir langsam kalt wurde (ja langsam hier ist es auch in den Novembernächten relativ warm), entschied ich einen Spaziergang zu machen. Ich ging auf den Skenderbegplatz, da er bei einem Einsturz eines Hochhauses und dem in Tirana darauf vermutlich folgendem Dominoeffekt, der wohl sichereste Ort war, da er relativ groß und weitläufig ist.

Angekommen. Und nun?

Erstmal Internet kaufen und nachschauen wie stark das Beben war. 6,4 oh fuck, das ist viel. Letztes Mal waren es 5,6 und das war heftig. Sofort sehe ich Bilder von eingestürzten Gebäuden. Richtig schockierte mich das erste Bild allerdings nicht. Auch bei dem letzten Beben gab es schockierende Bilder, allerdings alle nur von demselbem Smart und auch von der vielbeschriebenen „Massenpanik in Tirana“ hatte ich nichts mitbekommen. Erst im Laufe des Tages / der Tage, wenn die Anzahl der Bilder von verschiedenen eingestürzten Gebäuden und die Anzahl der Todesopfer steigen wird, wird mir das Ausmaß des Erdbebens bewusst werden.

Doch back to story, ich sitze auf dem Skenderbeg alleine, aber immerhin mit Internet. Die ersten „Alles okay bei dir?“ und „Wie gehts dir?“ Nachrichten erreichen mich:

„Also bist du nicht alleine und dir geht es halbwegs gut?“

„Ich bin alleine und geschockt, aber momentan noch im survival panik modus […] Mir gehts gut, ich will nur zu meiner mama“

Es gab kaum Momente in meiner Zeit hier in der der Wunsch einfach meine Mama umarmen zu können so groß war. Ich saß alleine wie ein Haufen Elend in einem Wintermantel, dünner Leggings und Schuhen (für Socken hatte ich irgendwie keine Zeit mehr gehabt) auf dem Skenderbeg. Irgendwann entschied ich dann, dass das ja so auch nicht weiter gehen könnte und war gerade auf dem Weg nach Hause, als mir ein anderer Freiwilliger schrieb. Er sei auch gerade auf dem Weg zum Skenderbeg.

Ich glaube ich war selten so froh nicht mehr alleine zu sein. Zwar waren wir beide überfordert und hatten keinen Plan was wie wo passierte und was man zu tun hatte, aber immerhin waren wir nicht mehr alleine.

Wir machten einen Spaziergang und gingen dann zum Aufwärmen zu mir nach Hause.  Ich hatte Angst, wie es dort wohl aussehen würde. Der andere Freiwillige wurde nämlich nicht etwa durch das Erdbeben selber, sondern durch Putz geweckt, der plötzlich in sein Bett fiel.

Doch bei mir in der Wohnung sah es relativ gut aus. Keine heruntergefallenen Bilder. „Lediglich“ drei neue Risse in der Wand fanden sich bei mir in der Wohnung. Wir verbrachten noch den restlichen Morgen zusammen. Die ersten Todesmeldungen kommen rein. Auch die Nachricht, dass die Schule ausfällt, kommt an. Wir gehen dann noch Byrek essen, bevor ich zu müde wurde um noch irgendetwas zu machen und mich verabschiedete.

Ich verabredete mich noch mit einer anderen Deutschen zum Frühstück, bevor ich mich für einen Nap hingelegt hatte. Doch ich konnte kaum schlafen. Zu groß war die Angst, dass ich wieder genauso schlimm aufwachen würde, wie 4 Stunden vorher. Irgendwie ging es dann aber doch. Auch wenn ich diese Angst bis jetzt, es ist jetzt einen Tag nach dem stärksten Beben, überwunden habe. Die Nachbabeben sind immer noch relativ stark.

Den ganzen Tag über steigt die Anzahl der Todesopfer und trotzdem wirkt Tirana belebter als nie. Man merkt der Atmosphäre nicht an, dass gerade das stärkste Erdbeben Albaniens seit 30 Jahren passiert ist. Nur am Abend ist die Beleuchtung der Weihnachts-/Neujahrsdeko ausgestellt, vermutlich zum Gedenken der Opfer.

Zum Schluss, möchte ich mich bei den zahlreichen Menschen bedanken, die gefragt haben wie es mir geht. Den alten Freunden aus Saarbrücken, den Freunden, die ich über kulturweit kennen gelernt habe, den neuen Freunde, die ich hier in Tirana gefunden habe, Albanern sowie Deutschen. Auch wenn ich alleine auf dem Skenderbeg saß, war ich dann am Ende doch nicht wirklich allein.

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