Obstgebirge der Zeit??

Vorgestern wurde ich gefragt: „Was ist es denn, was dir an den Menschen in Nagykálló so gut gefällt?“ Über diese sehr konkrete Frage musste ich erst einmal nachdenken. Nicht, weil ich sie nicht beantworten kann, sondern weil mehr dahintersteckt. Jedes meiner Gefühle setzt sich aus ganz vielen Gefühlen zusammen. Ich bezeichne sie als große und kleine Gefühle. Ein großes Gefühl ist abstrakt, schwer in Worte zu fassen und durchlebt den ganzen Körper. Deswegen eilen die kleinen Gefühle zur Hilfe. Es ist wie Obstsalat. Ich liebe wirklich jedes Obst. Doch nicht immer packe ich jedes Obst in meinen Obstsalat. Es kommt darauf an, was gerade zur Saison passt, ob ich einen Standard- oder Tropikobstsalat essen möchte und was ich gerade zur Hand habe. (Diese Metapher hapert insofern, dass mein Obstsalat meistens aus den gleichen drei Obstsorten besteht, ich aber inständig hoffe, dass ich mehr als drei Gefühle besitze.) Genauso ist es mit den großen Gefühlen. Es gibt eine unendlich große Menge (um genau zu sein ist diese Menge n Fakultät) an einer möglichen Anordnung kleiner Gefühle und nicht immer passt jedes Gefühl zu jedem Menschen, jeder Situation, jedem Ort. Diese kleinen Gefühle sind selbst gar nicht klein. Jedes Einzelne ist wertvoll und bedarf einer ausreichenden Pflege, ansonsten kann es so wie mit den Büchern in der letzten Ecke des Bücherregals enden. Unberührt, ungelesen, unfair behandelt, unterschätzt. In Multiplikation ergeben die jeweils ausgewählten Gefühle aus dem Emotionenspektrum ein riesengroßes großes Gefühl. Die Beantwortung meiner Frage lautet nach diesem kleinen Exkurs: Das Gefühl, das ich fühle ist kompliziert und schwer in Worte zu fassen, aber ich zögere nicht, es zu versuchen. Besonders für mich. Wenn ich in die Schule komme, freue ich mich die Menschen dort zu sehen. Auch wenn ich dann wirklich auch einfach nur mal im Klassenraum sitze und dem Geschehen folge, freue ich mich über die Beiträge und Gedanken der Schüler und Lehrer. In der 11.Klasse bin ich zurzeit an der DSD Vorbereitung beteiligt. Die Themenvorschläge sind sozial- und gesellschaftskritisch und sind auf der aktuellen Agenda der Jugend und der Welt. Das, was mir oft im ungarischen Schulsystem fehlt, kommt jetzt zum Vorschein: Gedanken machen, Recherche betreiben, Meinung bilden. Die Beziehungen zu den Lehrern gehen über das Lehrerzimmer hinaus. Es werden the voice kids zusammen geguckt, Filmtipps ausgetauscht, über aktuelle weltpolitische Themen gesprochen und diskutiert, Reisetipps weiter getragen, Hilfe angeboten, egal wo Hilfe benötigt wird und über meine Zukunft gebrainstormt. Dem allen wird ein Gemisch aus Gefühlen zugeordnet. Dankbarkeit, Zuneigung, Stolz, Erstaunen, Freundschaft, Freude, Heimatgefühl, Offenheit, und und und

Beängstigend ist dann nur die Zeit. Bis zu den Sommerferien sind es weniger als drei Monate. Wie unberechenbar die Zeit ist, habe ich schon lange festgestellt. Doch obwohl ich sie mittlerweile so gut kennen sollte, gelingt es mir nicht sie auszutricksen. Es ist andersherum. Die Zeit hält mich in ihren Fesseln. Damit habe ich an sich überhaupt kein Problem, denn wer kommt schon gegen die Zeit an? Die Illusion brauche ich mir gar nicht erst zu machen. Doch die Zeit rennt. Sie rennt mir davon und ist mir nicht nur 10 Meter voraus, sondern gefühlte 10 Kilometer. Anfang Januar, wo sie hätte schneller voranschreiten können, hat sie Schnecke gespielt und jetzt, wo sie sich viel mehr entspannen soll, tut sie auf Jaguar. Also liebe Zeit, mach mal halb lang, deine Fenja.

Seit meinem letzten Blogeintrag ist zwar nur ein Monat vergangen, aber es sind schon wieder unglaublich viele neue Erlebnisse dazu gekommen. Ich war das zweite Mal mit meiner Schule auf Klassenfahrt. Das erste Mal war ich gerade einen Tag in Ungarn angekommen und bin sofort mit mir noch nahezu unbekannten Menschen für eine Woche nach Österreich gefahren. Diesmal ging die Reise ins wunderschöne Polen und ich kannte die Leute schon ein ganzes halbes Jahr lang, was die Sache umso spannender für mich machte. War ich doch bei der ersten Reise etwas zurückhaltend, konnte ich bei dieser Fahrt mehr ich selbst sein. Und dazu gehört eindeutig der Ehrgeiz bei Spielen zu gewinnen. Mit den Lehrern habe ich abends in der Unterkunft Skipbo gespielt. Nach jahrelanger Erfahrung habe ich eine ausgeklügelte Taktik entwickelt und bin somit nahezu unschlagbar (nur die Zeit könnte mein letzter Endgegner sein, alter Spielverderber). Mein Können habe ich mit drei aufeinander folgenden Siegen unter Beweis stellen können, doch dann fing der Kampf erst richtig an. Meine Mitspieler erkannten die Gefahr in mir und haben ein gemeinsames Bündnis gegen mich geschlossen, dass für mich k.o. in der vierten Runde bedeute. Aber diese Niederlage hat zum Glück keinen Schatten über die gesamte Reise geworfen. Nur über den einen Abend: ) Die Klassenfahrt nach Polen war ganz famos! Wir haben das wunderschöne Krakau kennengelernt, hatten ganz fabelhaftes Wetter und sind auch in den Genuss gekommen andere Städte wie Zakopane oder Tarnow zu sehen.

In dem vergangenen Monat habe ich auch zweimal die Ukraine bereist. Und wisst ihr, was das heißt Leute? Ganz richtig! Ich bin jetzt stolze Stempelbesitzerin in meinem Reisepass. Und wisst ihr, was das noch heißt? Ja genau! Ich bin zum ersten Mal in einem Nachtzug gefahren. Ende Februar war ich mit Jakob in Uschgorod, das direkt an der slowakisch-ukrainischen Grenze liegt. Anlass war hier über die Tatsache hinwegzukommen, dass unsere kulturweit-Freunde kurz vorher nach Deutschland gereist sind und sich für die nächsten Monate nicht mehr in unmittelbarer Nähe befinden. Über diese Zeit habe ich mir schon seit Dezember Sorgen gemacht. Aber wie so oft stellt sich das ganze Sorgen machen am Ende als ziemlich unnötig heraus. Klar wäre es schön, wenn wir hier in Osteuropa noch viele gemeinsame Reisen unternehmen könnten. Doch erstens, laufen uns Osteuropa und gemeinsame Reisen nicht weg und zweitens war meine letzte Zeit so vollgepackt und das wird sich auch erstmal nicht ändern. Meine beste Freundin hat mich in Budapest besucht und wir haben zusammen das Szimpla zum absolut coolsten Ort in Budapest erklärt. Ich bin nun auch qualifizierte Jurorin bei Jugend debattiert International und hab schon meinen ersten Einsatz hinter mir. Und letzte Woche ist meine Vorfreiwillige Karen für einen kleinen Besuch nach Ungarn gekommen und wir waren zusammen in Львів, zu Deutsch Lviv. Mein zweites Mal Ukraine. Lviv ist so eine unglaublich schöne und lebendige Stadt, dass ich es gar nicht erwarten kann bald wieder dort hinzufahren. Zudem war es sehr toll Karen kennenzulernen, weil wir dann ja doch sehr ähnliche Sachen erlebt haben und die Gedanken zu unserem FSJ austauschen und verstehen können.

Nach dieser kleinen Zusammenfassung der letzten Woche, kann ich nur noch hinzufügen, dass ich glücklich bin wie… Mist mir fällt kein passender Vergleich ein. Denn im Endeffekt bin ich glücklich wie Fenja. Es ist meine Zeit hier, mein FSJ. Ich stehe auf dem Gipfel und gucke ins Tal. Ins Tal der letzten Monate. Was wäre ein Tal ohne Erhebungen, kleineren und größeren Hügel und einem tiefsten Punkt. Ich denke mal kein Tal. Doch gerade stehe ich auf dem Gipfel und genieße die Aussicht in all ihrer Pracht. Diesen Platz erlebe ich in allen Zügen und nehme ihn mit allen meinen Sinnen auf. Ich denke ich werde hier noch eine Zeit lang ausharren, aber weiß dennoch, dass irgendwann der Punkt kommt, an dem ich auch andere Gebirge erklimmen und kennenlernen muss und möchte. Zum Beispiel das „Gebirge Studium“, das ebenso wenig wie das „Gebirge FSJ in Ungarn“ nur schöne Wanderwege für mich offen hält. Ganz gewiss ist, dass irgendwo der Gipfel sein wird, an dem ich mich ganz groß (oder eben auch ganz klein) fühlen darf. Das Gebirge FSJ habe ich schon ziemlich gut entdeckt und jetzt gerade bin ich beim Gipfel angekommen, aber die andere Seite des Gebirges wartet noch mit all seinen eigenen Erlebnissen auf mich. Ich freue mich auf diese andere Seite des Gebirges, die nächsten Monate in Ungarn.

Ganz liebe Grüße

Fenja

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