Sommer, Sonne, Abschied

Dienstag, 11.06.2019: Ein melancholisches hallo geht in die Runde. Nun sitze ich hier auf dem Sofa in meiner Wohnung. Drinnen 23 Grad, draußen 33. Der Sommer ist da, yippijey. Ich spüre dieses ganz bestimmte Gefühl von Aufregung in mir. Diese Art von Aufregung, die auf Veränderung hindeutet. Meine Hände kribbeln ein wenig (lästige Begleiterscheinung, wenn ich aufgeregt bin). Warum ich Aufregung spüre? Meine Zeit in Nagykálló neigt sich dem Ende zu, die Neigung ist groß. In zwei Tagen beginnen die Sommerferien in Ungarn und für mich heißt es dann „tschüss Korányi Frigyes Gímnazium“ und „tschüss Nagykálló“. Hinterher rufe ich dann noch ein „ich komme ganz bald wieder“.

Freitag, 14.06.2019: Ein sehr trauriges hallo geht in die weite Welt. Ich sitze nicht mehr auf dem Sofa in meiner Wohnung, denn der habe ich heute „Auf Wiedersehen“ gesagt. Jetzt gerade sitze ich im Zug nach Budapest. Ach, meine geliebte ungarische Bahn. Die ungarische Bahn und ich, das ist eine wirklich merkwürdige Beziehung. Ich verspüre tiefe Zuneigung, musste aber auch das ein oder andere Mal geduldig sein. Heute hat sie ganz neue Register gezogen. Auf meiner Bahnkarte steht „Wagen 22, Platz 102“. Ich komme in diesen Wagen und bin zutiefst beeindruckt, denn so einen schönen Wagen habe ich noch nie bei der ungarischen Bahn gesehen. Ich gehe durch den Wagen und gehe durch den Wagen und stelle fest „Nichts mit 102, die Plätze in Wagen gehen nur bin 98“. Zum Glück hatte ich ungarische Unterstützung dabei, drei meiner liebsten Lehrerinnen haben mich zur Bahn gebracht. Die Situation wurde natürlich sofort geregelt und jetzt wurde ich in die erste Klasse hochgestuft…auch nett.

Der Abschied fiel mir wie erwartet nicht so leicht, da Nagykálló doch zur zweiten Heimat für mich geworden ist.

In meinem Kopf schwirren zu viele Dinge für diesen Blogeintrag herum. In solchen Situationen hat sich für mich die Ordnung als bestes Mittel herausgestellt: Im Folgenden werde ich auf mein Jahr in Ungarn Bezugnehmen. Ich werde meine Highlights herausstellen, kurz die Entwicklung von mir selbst beleuchten und danach das Aufzählen, was ich alles so hier liebe und vermissen werde. Kurz gesagt werde ich keinen Zweifel daran lassen, dass dieses FSJ genau die richtige Entscheidung für mich war.

Nach dieser kleinen „Ich halte mein erstes Referat in der Schule“-Einleitung, beginne ich gleich mit dem ersten Tagesordnungspunkt. Meine Highlihts-ungefiltert und unsortiert, direkt aus dem Kopf, in die Finger, auf die Tasten, hinein in das word Dokument.

  • Klassenfahrten: Ich bin ja so ein Glückspilz! Zweimal konnte ich in diesem Jahr auf Klassenfahrt fahren. Nach Österreich und Polen ging es. Ich weiß ja nicht wie es euch geht, aber für mich bedeuten Klassenfahrten einfach nur Spaß. Toll war es das Salzburger Land und die Krakauer Umgebung zu sehen. Und ich Busfahrliebhaber bin auch auf meine Kosten gekommen. Schöne lange Busfahrten und herrlich viel Zeit zum Dösen.
  • Freunde: Freunde sind immer ein Highlight. Freunde sind so wichtig und so toll. In diesem Jahr habe ich so viele tolle Menschen kennengelernt, die mir so unglaublich wichtig sind. Ohne meine allerliebsten kulturweit-Freunde hätte ich nicht annähernd so viele abenteuerliche Wochenenden erlebt. Ohne meine lieben Lehrerinnen und Freunde in Nagykálló hätte ich mich nicht annähernd so wohl gefühlt. Ohne meine liebe Fruzsi hätte ich jetzt keine so tolle Freundin in Nagykálló.
  • Osteuropa: Eigentlich steht dieses Wort für sich, doch ein bisschen was dazu schreiben möchte ich trotzdem. Ich bin Osteuropa-Enthusiastin, das ist ganz klar. Osteuropa ist so unglaublich toll und ich werde hier noch ganz ganz oft hinkommen. An alle, die noch nie hier waren: Man muss nicht immer dahinfahren, wo alle hinfahren. Wer will denn schon Mainstream. Das schönste Fleckchen Erde befindet sich direkt vor eurer Haustür ihr Pappnasen. Los setzt euch in den Nachtzug und habt die Zeit eures Lebens.
  • Zugfahren: In diesem Jahr bin ich so viel wie sonst nie Zuggefahren. Drei Stunden nach Budapest? Ach, das ist doch nichts! Ich habe sogar eine ganz tolle App, wo ich meine Tickets kaufen kann. Das allertollste sind jedoch Nachtzüge. Pures Abenteuer ist das. Ich liebs.
  • Nagykálló: Wenn mich jemand fragt, ob ich nicht lieber in einer Stadt gewesen wäre, kann ich nur die Augen verdrehen. Denn diese Personen waren dann wohl noch nicht in Ostungarn. Im wilden Osten da fühle ich mich daheim. Nagykálló ist für mich mit seinen 10.000 Einwohnern eine Weltstadt und ich hätte mir keinen schöneren Ort für mein FSJ vorstellen können
  • Das Freibad in Nagykálló: Weltstadt, sage ich doch. Das Freibad habe ich erst vor ein paar Tagen testen können und ich war sofort begeistert. Ein großes Schwimmbecken zum Bahnenschwimmen, Nichtschwimmerbecken, Babybecken, Thermalbecken, Fischteich, ganz viele Bäume, Langosstand, Platz zum Federballspielen. Alles was das Herz begehrt.
  • Besuch aus Deutschland: Da dachte ich, dass ich ein Jahr meine Familie und Freunde nicht sehe und dann bekomme ich gleich so viel Besuch. Das ist schön! Meine Familie ist zweimal nach Budapest gekommen und meine beste Freundin ist auch zweimal ins wunderwunderschöne Budapest gekommen. Budapest ist eigentlich die erste Großstadt, die ich so richtig gut kennengelernt habe und bei der ich nicht ständig auf google maps angewiesen bin.
  • Spontanität: Man mag von mir sagen, dass ich manchmal nicht ganz so entspannt bin, aber spontan bin ich allemal. In diesem Jahr war ich sehr spontan und das fühlt sich toll an. Was kann denn schon passieren? Weniger Angst, mehr Tatendrang, das ist die Devise.

Erster Punkt ist erledigt, das Programm kann weitergehen. Nun möchte ich kurz meine persönliche Entwicklung anschneiden. Das Klischee, im Ausland mehr zu sich selbst zu finden, ist bei mir wie der Blitz eingeschlagen. In diesem Jahr war ich vollkommen ich selbst. Und das fühlt sich verdammt gut an. Endlich aus dem Schulumfeld und -alltag rauszukommen, ist wirklich das Beste. Neues erleben, selbstständig sein, selbstbewusst sein zu müssen; das hat mir in diesem Jahr geholfen mehr über mich zu lernen. Es ist wirklich ein gutes Gefühl mit sich im Reinen zu sein. Klar, gab es Momente, in denen ich alles überdacht habe, mich nicht zurecht fand, wo pures Gedankenchaos in meinem Kopf herrschte. Aber ohne Gedankenchaos, keine Aha-Momente. Ein paar Aha-Momente hatte ich dieses Jahr, ganz viele werden noch in der Zukunft folgen.

 

Letzter Tagesordnungspunkt ist die ganz ganz große Vermissung. Ich werde so vieles vermissen, so viel wird mir fehlen.

  • Fernsehabende bei Anja: Anja ist meine Ansprechpartnerin von kulturweit an der Schule und ihr Zuhause kenne ich mittlerweile sehr gut. Abends schnell rüber gehen, deutsches Fernsehprogramm genießen mit Anja und Hanna (Anjas Tochter), beim ESC von 2010 mit Lena mitfiebern, ein Gläschen Wein trinken, noch ein Gläschen Wein trinken, Spiele spielen, Spätabends bei Hundegebell den Weg nach Hause wagen. Das alles werde ich sehr vermissen.
  • Leckeren Laci-Honig: Laci ist der Mann von Anja und Imker. Honig ist toll und dieser ganz besonders. Ein Glas hat in meinen Koffer gepasst. Mehr war beim besten Willen nicht drin. Wenn ich das nächste Mal hierherkomme, muss ich auf jeden Fall Nachschub mit nach Deutschland nehmen.
  • Good old chain bridge: Budapest ist so unfassbar schön und schon jetzt kann ich es kaum erwarten wieder durch die süßen Straßen von Budapest, vorbei an so vielen schönen Cafés mit sehr gutem Kaffee, zu schlendern. Budapest hat mein Herz erobert.
  • Ungarisch: Am Anfang war wirklich viel Motivation in mir diese Sprache zu erlernen. Dann hatte ich meine erste Ungarischstunde und habe meine verträumte und irrsinnige Vorstellung einmal ein Gespräch auf Ungarisch zu führen ganz schnell vergessen und begraben. Ungarisch mag für Sprachgenies eine tolle Challenge sein. Für mich war es ein Tunnel ohne Ausgang. Aber trotz dieser ambivalenten Beziehung werde ich es doch auch vermissen. Denn manchmal kann Ungarisch auch ganz schön amüsant sein (konténer, smink), wäre da bloß nicht die Grammatik.
  • Sonne: Ich komme aus dem Norden. Und im Norden regnet es. Ständig. Fast immer. Doch ein Jahr in Ungarn hat mir gezeigt, dass es auch ein Leben ohne ganzkörperliche Regenausrüstung gibt. So viele Sonnenstunden auf einmal habe ich noch nie genießen können.
  • Tejföl: Tejföl ist wie saure Sahne, nur viel toller. Die Ungarn essen zu allem tejföl. Und ich als halbe Ungarin tue dies ebenso. Die Integration ist somit bestätigt. Wenn eins immer in meinem Kühlschrank ist, dann ist es tejföl.
  • Menschen: Am aller aller meisten werde ich die Menschen vermissen, die ich so liebgewonnen habe. Allein schon dafür hat sich diese Erfahrung gelohnt.

Ein fettes Dankeschön an alle!

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