Der Anfang von Träumen (Tag 196-211)

Je seltener ich schreibe, desto schwammiger werden die Einträge. Also ist es an der Zeit meinen Gehirnschwamm mal wieder ordentlich auszuwringen.

Kleine Gedächtnisstütze für mich beim Schreiben: abhängen mit dem landesbesten in Tetris, Schulabschlussbräuche in Bulgarien, Skorpione und Schlangen, 3 Evas im Wasser, 1.Mai Wanderung zu Billa, 3 mal um die Kirche laufen, Morgensmeditationsstimmung, die überraschendste Kirche Bulgariens, internationales Treffen am Fluss, Abendsonne auf der Brücke, eine fast verpasste Lichtshow, ramontische Abendstimmung auf einem Gebäude am Fluss, Zuggespräche, Stara Zagora, der krasseste Hostelempfang aller Zeiten, überall Schilder, ein ungenutztes Flussufer, die Hügel von Plovdiv, Hinterhofgespräch, Essen gehen nicht nach 21 Uhr, ein ausgiebiges Frühstück, die längste Fußgängerzone Europas, Antiquitätenramschladen, Restaurantauswahl, Abendsonne mit bulgarischem Snack, eine lustige Runde mit neuen Spielregeln, ein Spiel für 2-jährige, das Hosentasche-Zahnputz-Phänomen, Mission Hügel, Opa Bielefeld, Bishops Basilica mit Kinderecke, die Kichererbsenvergiftung, die andere Seite vom Hügel. die Angst sich in das falsche Bett zu legen, Tipps fürs Dorf, Busbahnhofidylle, Trojanpass, Lidlwanderung, wandern zur Kreuzung, nachhause trampen, Omas auf Bänken, die Haustour, bulgarischer Couscous, Sternenhimmel, Wasser holen an der Quelle, das meistbesuchte Naturkundemuseum Bulgariens, Schmetterlinge, Museumskonzept, Trojankloster, kitschige Schwäne, Kapelle im Wald, durchs Gestrüpp, eisiges Wasser, Lagerfeuergespräche, nächtliche Haustour, wandern um 15 Uhr, die Wichtigkeit von Handys und Pfeilen, Hüttentour, trailrunning, Ausnahmesituation, Reizüberflutung im Restaurant, 1 Liter Ayran, Zug nach Hause, Alltag Essen schwierig, die richtige Aussprache von Щъркел, Stadtfest mit bulgarischem Kuschelrock Konzert.

Okay, ganz schön viel, aber eigentlich ist damit auch schon alles gesagt. Ich geh mal noch ein bisschen ins Detail.

Vor gar nicht all zu langer Zeit hat die Deutsch-AG einen Ausflug auf das Schumenplateau gemacht. Wir haben Spiele gespielt, Aussichten erkundet und die Schüler waren so süß begeistert von der Natur, dass sie gar nicht mehr nach Hause wollten. Von Marin wurde ich aufgefordert seinen Tetrisrekord zu knacken. Natürlich habe ich die Herausforderung angenommen und dann doch mal nachgehakt, was denn sein Rekord ist. Antwort: Ich bin Landesbester. Ach so. Tja, ist er immernoch…

Am nächsten Tag hatte ich eigentlich eine Stunde mit den 12.Klässlern, die ganz aufgeregt ankamen um zu fragen, ob sie in meiner Stunde ihre Lehrerin zur Abifeier einladen können. Natürlich habe ich ja gesagt. Da wusste ich noch nicht was auf mich zukommt. Ich habe mich hinters Pult gesetzt und dem Herumgewusel der Schüler zu geschaut, die gerade dabei waren ihre Lehrerin herzulocken. Alle sahen so herausgeputzt aus, da hätte ich eigentlich schon stutzig werden müssen. Dann wurde eine Torte aus einer Konditorei auf den Tisch gestellt und ein ziemlich kitschiges Luftballonding. Da dachte ich mir schon: krass die geben sich ja richtig Mühe. Ich drehe meinen Kopf Richtung Tür, durch die plötzlich ein Kamera- und ein Videomann hereinkommen und anfangen mich und die anderen zu filmen. Ich war so verwirrt. Dann wurde ich aufgeklärt, dass dieses ganze Trara immer so ist. Ein Video davon wie die Lehrerin zur Abifeier eingeladen wird!!! Wow. Sie kam, hat sich gefreut, es wurden Gruppenfotos gemacht und ich habe auch ein Stück der unglaublich leckeren Torte bekommen. Also alle zufrieden. Abends war ich so glücklich über meine Pläne und voller Vorfreude, dass ich alleine in meiner Wohnung plötzlich laut lachen musste vor Glück. Ein schönes Gefühl.

Da das orthodoxe Ostern einen Monat später ist, gab es ein paar Tage schulfrei, die ich sehr ausgiebig genutzt habe. Mit dem Zug ging es am 1.Mai nach Veliko Tarnovo. Dieses mal im gefühlten Hochsommer. Kurz bevor der Zug ankam habe ich aus dem Fenster heraus Paula und Frida den Zug filmen sehen. Nachdem ich mein Gepäck im Hostel abgeladen habe, haben wir uns erstmal getroffen. Im Park auf einem Berg. Natürlich über zahlreiche Stufen zu erreichen.

Die Bulgaren und ihre Treppen. Wegen der schwülen Hitze haben wir uns dann bald auf den Weg zum Fluss gemacht. Dafür mussten wir aber erst ein paar Hindernisse überwinden.

Für Paula war die Eisenbahnbrücke eine Herausforderung, davor haben wir noch einen Skorpion gesehen und nach der Brücke auf dem Trampelpfad gab es die nächste Schock-Begegnung. Ich mitten im Gespräch: „Oh Schlange.“ Und wir alle wieder ein Stück zurück. Schutzkleidung in Form von Stoffhosen und Handtüchern wurde angezogen, Stöcke gesucht und die Amazonas Expedition konnte weitergehen. Waren wir froh als wir den Betonweg erreicht hatten. Bei der nächsten Aufgabe musste sich Frida überwinden ins schlammige Wasser zu treten. Wir drei Evas im Amazonas. Aber war gar nicht so kalt. Und auch gar nicht so tief.

Nach und nach hat sich unser 8er Hostelzimmer gefüllt. Bis wir zu neunt waren. Es ging erstmal die Tourimeile rauf und runter. Viel zu viel. Große Gruppe, erschöpfende Hitze. Bele, Paula und ich haben uns dann auf den Weg zum nächsten Billa gemacht. Für unsere Maiwanderung gab es natürlich ein Wegbier aus einem Kiosk. War auch ne ganz schöne Strecke. Auf dem Rückweg gab es dann ne Pause am Fluss. Ausgehungert und durstig haben wir uns angeregt unterhalten und komplett die Zeit vergessen. Es wurde Dunkel und wir haben nicht gefroren, so warm war es! Irgendwann ist uns dann aber doch aufgefallen, dass wir schon ziemlich lange weg sind und wir haben uns auf den Rückweg gemacht und waren plötzlich in der Mitte eines Familienfests. Ein Mann kam auf uns zu und sagte etwas auf Bulgarisch. Nach kurzem umherschauen meine Erkenntnis: „Ah das ist ne Sackgasse.“ „Da, Sackgasse.“ – die Bestätigung. Also wieder rauf die Gasse und weiter. Ganz schön verschlungen die Straßen in Tarnovo. Im Hostel war die Stimmung erstmal nicht so gut. Kein Wunder, ich wäre auch sauer, wenn ich so lange auf mein Essen hätte warten müssen. Fertig vom Tag wurde es dann eher ein entspannter Abend mit dem Abschluss Ostergottesdienst um 0 Uhr. Eine riesige Menschenmenge hat sich vor der Kirche versammelt. Man konnte die Festung leuchten sehen, es gab einen leichten Sommerniesel, Kerzen wurden gekauft und Pius und Josi haben uns gefunden. Der Gottesdienst wurde draußen abgehalten und nach Tradition sind wir mit unseren Kerzen um die Kirche gelaufen. Allerdings nicht drei mal. Es hat genervt, dass die Kerzen immer so schnell ausgegangen sind. Erschöpft ging es ins Bett.

Am nächsten Morgen bin ich früh aufgewacht und hatte das Gefühl erstmal raus zu müssen aus dem Zimmer mit den 8 anderen. Ein bisschen frische Luft, die nur früh morgens noch kühl ist, ein bisschen Ruhe und Zeit zum Nachdenken. Also ab zum Fluss.

Auf einer alten Brücke habe ich mich in die Morgensonne gesetzt und dem Rauschen des Wassers zugehört. Später habe ich mich mit den anderen vor der Kirche auf der Festung wiedergetroffen.

Die überraschendste Kirche Bulgariens. Wirklich jeder der wieder heraus gekommen ist war geflasht und meinte: “ Also das hätte ich nicht erwartet.“ So auch ich. Zum ersten Mal war ich hier dann froh über den Wind. Der hat die Hitze erträglicher gemacht. Erschöpft und hungrig vom Sightseeing ging es in ein Restaurant am Fluss. Taratar, Wasser-Joghurtsuppe mit Gurken, Knoblauch und Walnüssen. Super erfrischend. Danach haben wir uns wieder nach Interesse aufgeteilt. Für Bele und mich hieß das Richtung Hostel um Pius einzusammeln und dann runter zum Fluss. Allerdings brauchten wir dann so lange, dass Lorna, Paula und Josi sich uns anschlossen. Pius war nicht so überzeugt von unserer Badestelle vom Vortag und hat kleine bulgarische Jungs gefragt, ob sie uns helfen einen Baumstamm an eine andere Stelle des Flusses zu tragen. Mit der Zeit kamen immer mehr bulgarische Kinder und Jugendliche dazu. Und auch immer mehr Franzosen. Zu Beginn waren wir nur mit einer franzöischen Erasmus Studentin im Wasser, aber es kamen immer mehr. Internationales Flusstreffen. Erfrischt haben wir uns danach auf die Brücke der Entspannung gesetzt und mit unserer Musik gegen die bulgarischer Teenager gegengehalten und Karten gespielt, den Nachmittag genossen. Im Aufenthaltsraum lag eine Packung mit einem Osterzopf aus dem sich jeder von uns im vorbeigehen immer wieder bedient hat. Aber ist ja Ostern…

Abends wurde dann gemeinsam gekocht und auf der Terrasse gegessen. Bis plötzlich die ersten bunten Lichter am Himmel gesichtet wurden. Sollte die Lichtshow nicht erst in einer halben Stunde sein? Hals über Kopf hat sich jeder einen Pulli, Geld und sonst was geschnappt, das Geschirr wurde in die Spülmaschine gepackt und wir sind zur Festung gerannt um dort die letzte Sekunde der Lichtshow zu sehen. Das zweite Mal in Tarnovo und schon wieder nix mit Lichtshow…Wir haben uns auf den Platz gesetzt und über die Situation gelacht. Zum Glück saßen wir eine Weile, denn die Lichtshow ging in die zweite Runde und wir hatten Premiumplätze. Ich hätte mir das ganze trashiger vorgestellt, aber alles wurde sehr detailliert ausgeleuchtet und sah ziemlich cool aus. Danach wurden Snacks und Bier gekauft und wir haben wieder unseren ramontischen Flussspot auf der Bauruine aufgesucht. War wieder ne kurze Nacht.

Am nächsten Morgen ging es für Bele und mich nämlich schon weiter Richtung Plovidv. Nachdem ich von meinem Wecker aufgewacht bin habe ich links von mir auf dem Boden Josi und Pius gesehen, die auch lieber im Hostel, als im Auto schlafen wollten. Im Aufenthaltsraum hat uns dann ein Franzose berichtet, dass eine Katze gestern Nacht in sein Bett kam und er deshalb auf den Kissen im Aufenthaltsraum geschlafen hat. Alles klar. Bei angenehmer Temperatur haben wir uns auf den Weg zum Bahnhof gemacht und im Zug interessante Gespräche geführt. Aber was wir für einen Hunger hatten. Zum Glück hatten wir einen längeren Aufenthalt in Stara Zagora. Nur hatte alles geschlossen. Ostermontag. Also gab es ein Schwammbrot mit Lutenitsa. Wurde ganz schnell weggeatmet während wir uns ausgiebig über Bücher unterhalten haben. Zum Glück hatte Bele genug Lesestoff für uns beide dabei.

Im Hostel in Plovidv wurden wir mit „homemade Lemonade“ erwartet. Alles ist eingerichtet mit antiken Möbeln, Man fühlt sich ins letzte Jahrhundert zurückversetzt. So nen Empfang hatte ich noch nie. Das beste Hostel Bulgariens. Ein Herzlich Willkommen Schild mit meinem Namen hing an der Wand. Je genauer man sich umgeschaut hat, desto mehr dieser Schilder konnte man erblicken. Ganz amüsant. Ausgerüstet mit Informationen über die Stadt mit der längsten Fußgängerzone Europas machten wir uns auf den Weg um eine Nektarine zu suchen. Gab wieder nur Brot. Aber dieses mal mit Hummus und ner Tomate. Auf dem Stadtplan haben wir einen Fluss gesehen. In Sachen Stadtplanung müssen wir aber ganz klar sagen, dass das Flussufer besser genutzt werden könnte. Wir haben keine einzige Bank finden können. Dafür ist die Lage des Hostels genial. Direkt neben unserem Lieblingshügel, heute geht es viel um Hügel, von Plovdiv. Nach einem wunderschönen Sonnenuntergang hatten wir große Lust auf Pizza. Aber erstens war ziemlich viel los im Kneipen und Restaurantviertel Kapana und zweitens war schon nach 21 Uhr. Von Restaurant zu Restaurant wurden wir pessimistischer, dass noch irgendwo die Küche aufhat und haben uns schließlich mit einem Döner zufrieden gegeben.

Am nächsten Morgen haben wir ausgiebig im Innenhof des Hostels gefrühstückt, fassungslos darüber wie liebevoll das Essen für uns angerichtet war, und auf Simon gewartet. Zu dritt haben wir einen Park, einen weiteren der sieben Hügel Plovdivs, von denen aber nur noch sechs existieren, erkundet, das römische Theater und einen Antiquitätsladen besichtigt, ich habe eine Postkarte aus Shumen entdeckt, aus dem letzten Jahrtausend, aber so viel hat sich gar nicht verändert. Dieses FSJ ist wirklich eine Zeitreise.

Nachdem wir Simon unseren Lieblingshügel gezeigt haben, hatten wir die Qual der Wahl der zahlreichen Restaurants.

Wir haben uns für ein Restaurant entschieden mit Biergläsern, so groß, dass man sie mit kleinen Händen nicht fassen kann und mit einem Klo, dass aufgrund des flackernden Lichts nicht für Epileptiker geeignet ist. Auch diesen Abend verbrachten wir wieder auf unserem Hügel. So schnell bilden sich Gewohnheiten. Bei einem bulgarischen Abendessen: Baniza, viel zu selten leider mit Spinat gefüllt, für jeden eine Gurke, Wein und toasted corn, haben wir Karten gespielt. Beles neu erfundene Spielregeln, die absolut keinen Sinn gemacht haben, haben uns dabei sehr zum Lachen gebracht. Generell haben wir so viel gelacht, über so viele Dinge, die im nachhinein überhaupt nicht mehr komisch sind. Aber es war lustig!

Im Aufenthaltsraum des Hostels hatten wir noch unseren Spaß mit einem Spiel für 2-jährige. Mit Beles neuen Regeln wurde daraus ein Vokabelspiel. Beim Zähne putzen ist mir dann aufgefallen, dass wir ziemlich cool Zähne putzen. Wir standen alle drei mit einer Hand in der Hosentasche vor dem Waschbecken. Ich werdein Zukunft mal darauf achten, ob das auch andere machen.

Am nächsten Morgen haben wir Bele zum Bahnhof gebracht und danach noch weitere Hügel erkundet. Während unserer Unterhaltung auf dem ersten Hügel kam plötzlich ein alter Mann, der uns von seinem Bruder in Bielefeld erzählt hat und uns darauf aufmerksam machte wie komisch die Deutschen Zahlen sagen. Stimmt schon. Auf dem zweiten Hügel gab es ne Vesperpause und wir haben über die Aussprache verschiedener Wörter gesprochen. Beton oder Betong? Wir bringen jetzt das neue Parfum Betain heraus. Nachdem uns nachdrücklich vom Hostelinhaber die Mosaikausstellung in der Bishops Basilica empfohlen wurde, machten wir uns auf um uns das genauer anzuschauen. Mit Simons FSJ-Ausweis kam auch ich billiger rein. Nachdem ich mich mit „Merßi“ bedankt habe, wurde ich gefragt, ob wir aus Frankreich kommen. Ähm nein, das heißt doch auch auf Bulgarisch Danke?!?! Vielleicht ist meine Aussprache zu Französisch…Mit Plastiküberziehern für die Schuhe ausgestattet ging es durch das sehr moderne Museum. Am meisten hat uns die interaktive Kinderecke begeistert in der wir innerhalb einer halben Stunde zu wahren archäologischen Profis geworden sind. Wenn jemand gerade an ner Ausgrabung dran ist, meldet euch!

Nach dem Museum gab es wieder was leckeres zu essen. In „Art i Schok“ haben wir leckere Falafal mit Auberginenmus und getrockneten Pflaumen gegessen und Simon hat mir erzählt, dass man sich mit ungekochten Kichererbsen vergiften kann. War ne interessante Story. Ich habe viel gelacht. Also immer gut kochen, oder Dosen kaufen!

Kapana (Kneipenviertel)

Auch an diesem Abend ging es wieder ab auf den Hügel. Dieses mal dann auf die andere Seite. Wäre ja sonst langweilig. Mit unserem Dosenbier ausgerüstet haben wir von oben die Stadt beobachtet und sind wieder spät ins Bett gegangen. Ich habe so viel Schlaf nachzuholen… Zurück im Hostel haben die Leute bei mir im Zimmer schon geschlafen. Ja, es ist tatsächlich wieder erlaubt hier, dass man mit Fremden in einem Zimmer schläft. Im Dunkeln habe ich mich bettfertig gemacht und hatte kurz Angst, dass ich mich in ein schon besetztes Bett lege. Aber alles gut gegangen.

Am nächsten Tag war Sankt Georgstag. Tag des bulgarischen Militärs und Namenstag für ca. 200.000 bulgarische Georgis. Dieses Jahr nur mit kleiner Parade. Überall hingen Zweige an den Autos und in den Briefkästen. Natürlich, wie jede Tradition hier, ist auch das für die Gesundheit. Наздраве! Nach dem der Hostelbesitzer uns noch von dem Nachbardorf von Simons Dorf vorgeschwärmt hat, haben wir uns auf den Weg zum Busbahnhof gemacht. Dabei sind wir an weniger touristischen Stadtteilen vorbeigekommen. Hat auch echt Charme. Genauso wie der sozialistische Busbahnhof. Sehen hier ja alle immer ziemlich gleich aus. Aber es war für mich kurz wie eine Ruheoase, abgewandt von der Straße, fast idyllisch. Im Sprinterbus ging es dann ab in das Zentralbalkangebirge. Über den Trojanpass bis nach Trojan. Völlig übermüdet sind wir zuerst zu Lidl gelaufen und dann mit unserem Gepäck und den Einkäufen zur Kreuzung vor der Stadt. Und dann hieß es: Daumen raus. Nach Cherni Osam, dem Dorf mit dem meistbesuchtesten Naturkundemuseum des Landes, fährt nämlich nur dreimal am Tag ein Bus. Und der letzte war schon lange weg. Ganz schön unmobil, wenn man nachhause trampen muss. Aber so an sich auch ganz cool. Und es hat auch schnell ein Paar angehalten, dass uns ins Dorf gefahren hat, obwohl es die falsche Richtung für sie war. Wir haben sogar halbgeschmolzene Pralinen bekommen. Dann noch ein wenig durchs Dorf laufen. Auf jeder Bank vor jedem Haus saß mindestens eine alte Frau, die wir artig gegrüßt haben.

Endlich angekommen. Wir haben in der Außenküche gekocht, und ich habe eine Tour durch das Haus voller Gerümpel bekommen. So viel zu entdecken. In jedem Schrank mindestens eine Brille, eine ziemlich gruselige Puppe, ein Salzstreuer in Form eines Fußes, Rakia im Gefrierschrank, Gefrierschränke im Bad, eine komplizierte aber warme Dusche, zahlreiche Schuppen und Scheunen, ein Garten, Aussicht auf die Berge, immer das Flussrauschen im Hintergrund, ein unglaublicher Sternenhimmel und ein Wohnzimmer, wie aus dem kommunistischen Museum.

Wer möchte nicht sein Essen mit einem Fuß würzen?

Sandra und Simon, in jungen Jahren vorübergehend Hausbesitzer in einem bulgarischen Dorf. Ein letztes Mal laufen an diesem Tag um Trinkwasser von der Quelle zu holen. Unglaublich lecker. Wasser schmeckt eben doch unterschiedlich.

Am nächsten Morgen ging es ins Museum. Ich war die erste Besucherin des Tages und wurde begleitet von hervorragenden Soundeffekten und von Simon. Was soll ich sagen, es ist ein Museum mit ausgestopften Tieren. That’s it. Alle schon ein bisschen in die Jahre gekommen und nicht mein Fall. Bis auf die Schmetterlinge. So viele Arten. Sogar welche, die Licht reflektieren. Mein Wow-Effekt des Tages. Nach dem Rundgang haben wir uns im Büro das neue Konzept für die Zukunft des Museums durchgelesen. Ich bin begeistert. Das ganze Vorhaben klingt so cool. Ich bin gespannt,ob es wirklich so toll wird. Dann kann ich auf jeden Fall verstehen, dass es das meistbesuchte Museum Bulgariens ist. Da es nicht sonderlich viel zu tun gab hat Simon freibekommen und wir sind losgezogen um das nahegelegene Trojan-Kloster zu besichtigen. War sehr schön.

Die Souvenirhalle daneben weniger. So viele hässliche Plastikschwäne als Gartendekoration, Holzbretter, Plastikspielzeug und Messer sind die Verkaufsschlager. Also lieber weg von dem Trubel in den Wald zu einer kleinen Kapelle. Was geht immer? Klar, Lutenitsa und ein ganzer Laib Brot. Da zweimal den gleichen Weg laufen langweilig ist, haben wir uns für einen anderen „Weg“ entschieden und sind auch irgendwann tatsächlich im Garten eines verlassenen Hauses rausgekommen. Alles zugewachsen. Seit Jahren hatte ich keinen Kontakt mehr mit Brennnesseln. Bin irgendwie auch ein bisschen zufrieden, obwohl es echt brennt. Schnell zum Fluss. Super kaltes Wasser, super wacklige Hängebrücke. Zurück beim Haus war Sandra gerade dabei einen Platz fürs Lagerfeuer herzurichten und dann kamen auch schon die Museumskolleginnen und wir haben Lagerfeuergespräche geführt über Undergroundclubs in Estland, das langsame Internet in Deutschland und Elon Musks Satteliten sind über uns hinweggeflogen. Irgendwann sind dann auch Josi und Pius eingetroffen. Es gab eine nächtliche Hausführung, Pius war total neugierig auf die ganzen Dinge, die es zu entdecken gab. Thermoskannen, Schimmel, der Alkoholvorrat. Josi war weniger begeistert: „Das ist doch von den Toten.“ Schon seltsam. Wohnen zwei deutsche Freiwillige in dem Haus eines verstorbenen bulgarischen Ehepaars.

Da wir alle dringend viel Schlaf benötigten gab es am nächsten Mittag um 14 Uhr Frühstück. Um 15 Uhr waren wir auf dem Wanderparkplatz und es ging ganz schön steil hoch. Dafür war die Aussicht echt traumhaft.

Nach der ersten Pause haben die Jungs die Rucksäcke genommen und sind voraus und wir in unserem eigenen Tempo, in unser Gespräch vertieft, hinterher. Irgendwann dachten wir uns: die könnten ruhig mal warten. Und dann waren wir plötzlich auf 1600 m bei einer Hütte. Ohne Rucksack, ohne Handy, um 18:30 Uhr, haben auf eine Karte geschaut und gemerkt, dass wir vor gut eineinhalb Stunden hätten abbiegen müssen. Tja. Nach kurzer beratung mit ein paar Bulgaren sind wir dann losgerannt um es noch vor der Dämmerung vom Berg zu schaffen. Hätte nie gedacht, dass ich mal trailrunning mache. Aber war ja auch nicht freiwillig. Tatsächlich haben wir es vor der Dämmerung geschafft. Aber dann der nächste Schock: die Jugs waren nicht am Parkplatz. Also haben wir verschiedene Möglichkeiten in Betracht gezogen und ich bin losgelaufen um im nächsten Dorf ein Handy aufzutreiben. Zum Glück waren nur wenige 100 Meter entfernt Leute am Grillen, sodass ich schnell mit Pius in Kontakt kam und wir nach kurzer Zeit wieder vereint waren. Die Jungs hatten einen riesigen Pfeil auf den Weg gelegt, aber wir waren so in unser Gespräch und die Aussicht vertieft, dass wir den total übersehen haben.

Kann man schon übersehen oder?

Die Beiden haben sich also auch aufgeteilt um uns zu suchen und als wir am Ende alle wieder im Auto saßen konnten wir über die Situation lachen. Nocheinmal mit nem schreck davongekommen. Aber war trotzdem eine wunderschöne Wanderung.

Da Josi und ich vor Hunger schon anfingen zu halluzinieren, ging es in die nächste Gaststätte. Dort war gerade eine Feier im Gange mit Livemusik. Das erste was ich sah, als ich durch die Tür kam war ein riesiger Fisch im Aquarium. Die ganze Situation war nach dem Tag in den Bergen die totale Reizüberflutung. Deshalb war ich ganz froh, dass Pius die Bestellung übernahm. 4 Mal Shopska-Salat, 1 Liter Ayran, Brot, Pommes, Suppe und alles kam superschnell. Zum Glück. Sonst wäre ich noch am Tisch eingeschlafen. Dann gab es noch eine Runde Duschen und ab ins Bett.

Letzter gemeinsamer Morgen, nochmal ins Museum. Und danach ganz entspannt ohne trampen, sondern mit Chauffeur zum Bahnhof. Mein Zug, nur ein Waggon, dafür ein Design, dass ich noch nie hatte.

In Shumen war es dann plötzlich um einige Grade kühler und jetzt muss ich mich erstmal wieder an den Alltag gewöhnen. Man könnte meinen, wenn man unterwegs ist hat man keinen richtigen Essensrhythmus, aber ich habe auch im Alltag irgendwie keinen. Frühstück, immer unterschiedlich lange in der Schule und dann nachmittags kochen. Sehr seltsam. Während ich so um 16 Uhr am kochen war, gab es plötzlich ein Feuerwerk. Bei Tag. Was für eine Verschwendung. Everyday is fireworkday.

Gestern war dann noch der Tag von Shumen. 11.Mai. Das wurde gefeiert mit Marktständen und abends gab es noch ein Konzert. Mädchen, die Gymnastiktanz gemacht haben, sehr zurückhaltend. Und eine Gruppe Jungs, die sehr planlos Salti machten und dafür total gefeiert wurden. Diese Rollenverteilung zu beobachten war schon sehr krass. Aber an sich coole Auftritte. Höhepunkt des Abends: ein bekannter bulgarischer Sänger, Miro. Da stand er auf der Bühne, in Lederhose, Weste, und Glitzertop, als ob er aus der Bravo des letzten Jahrzehnts entsprungen wäre und die Menge ist ausgerastet. Kleine Kinder, die ziemlich professionell mit Smartphones das ganze gefilmt haben, Miro, der wie der Messias durch die Menge lief, nicht gerade schlau während Covid, aber ab da gab es kein halten mehr. Bulgarische Tänze wurden praktiziert und die Menge hat lautstark mitgesungen. Dann gab es noch ein wirklich schönes Feuerwerk und die Veranstaltung war vorbei. Ein krasser Abend.

Heute habe ich mit der 11.Klasse das Thema Konsum angefangen. Mein Lieblingsthema. Ich freue mich schon auf die Diskussionen. Mit ihren Mappen für die Prüfung kommen sie auch voran. Im Mai sind ziemlich viele Feste. Bald ist Schulfest, Abiprüfungen, Tag der kyrillischen Schrift. Alles Dinge, auf die ich sehr gespannt bin.

War glaube ich der längste Blogbeitrag bisher. Ich versuche es nächstes Mal wieder kürzer zu halten.

лека нощ! Gute Nacht!

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