Mein Besitz in einer Billatüte, Zeitraffer Bulgarien (Tag 212-217)

Zdrasdi,

ich hab richtig Lust mal wieder ein paar Alltagsbeobachtungen aufzuschreiben, meine Gedanken zu ordnen oder auch die Sätze zu teilen, die ich im letzten halben Jahr wahrscheinlich am öftesten gesagt habe.

„Вие говорите англиски?“ (Vie govorite angliski? –> Sprechen sie Englisch?)

Den Satz, den ich viel zu oft ziemlich französisch betont habe und auf den ich meistens die Antwort „Ne.“ bekommen habe, das aber gar nicht wahr ist. Irgendwie kann doch jeder ein wenig Englisch. Und trotzdem ist es vielleicht ganz gut so, weil ich dadurch immer gezwungen werde aus meiner Komfortzone zu treten und mein Gehirn mal wieder angeregt wird zu verstehen, was mein gegenüber mir mitteilen möchte. Ob das nun die Bezeichnung für Süßkartoffel, die Information, dass ich einen Einkaufswagen benötige, oder ein Kompliment für meine Hose ist (hoffe ich zumindest…). Auf jeden Fall ein Klassiker unter den meist verwendeten Sätzen.

Auch beim Verschicken von einem Paket mit Speedy – es ist wirklich total nervig, dass ich Speedy von meinem Haus aus sehe, aber einen riesigen Umweg machen muss, weil zwischen mir und dem Laden 2 Straßen und ein Fluss liegen und die nächste Überquerung voll weit entfernt ist – konnte ich mich auf Englisch-Bulgarisch verständigen. Alle Sachen wurden sehr sicher verpackt, wobei ich den ganzen Betrieb aufgehalten habe und gefühlt alle meine Daten hergegeben habe, damit das Paket auch sicher ankommt.

Highlight an diesem Tag war, dass ich tatsächlich Joghurt im Glas gefunden habe. Im Laden, der billigere Nüsse hat als Billa: Nirvana. Sonnenblumenkerne mit Schokolade umhüllt, einfach genial! Ich fühle mich irgendwie Pseudogesund, wenn ich die esse. Mein Konsum ist ziemlich gestiegen… Letztens habe ich den Schuldirektor beim Bäcker meines Vertrauens getroffen und da ich immer sehr schnell mit smalltalk überfordert bin habe ich ihn gefragt was sein Lieblingsbrot ist, woraufhin er mir geantwortet hat, dass er immer nur Süßes kauft. Auch gut. Habe ich ihm gleich nachgemacht.

Außerdem sehe ich nur noch E-Scooter um mich herum. Werden die gerade noch mehr gehyped? Ist das auch in Deutschland so? Die Menschen fahren auf der Straße damit. Der Scooter wird mit an den Tischim Café und sogar mit an den Strand genommen. Rollatoren für alte Menschen, E-Scooter für verspielte Erwachsene und das Rollatoren pendant für Kleinkinder: kleine elektrische Autos, die einen höllischen Lärm machen und noch langsamer fahren, als die Züge hier. Letztens habe ich sogar ein Minimotorrad mit schlechtem, aber trotzdem krass, Radiolautsprecher gesehen, aus dem der all-time Klassiker „Let it go“ ertönte. Ich bin mir sicher, der Kleine ist der Schwarm aller 3-5 Jährigen.

Apropos 3-5 Jährige. Die scheinen hier alle eine große Leidenschaft zu teilen: Tauben jagen. Kein Wunder also, dass die Tauben total durch den Wind sind und halsbrecherische Manöver fliegen, weshalb ich mich regelmäßig ducke, wenn ich durchs Zentrum laufe und deshalb ausgelacht werde. Aber hey: besser ausgelacht als Taube in den Haaren.

Endlich habe ich auch mal wieder Viki gesehen! Es war so viel los, aber richtig schön wieder bei ihr in der Wohnung die beste Aussicht auf Shumen (natürlich nicht so gut wie vom Monument, aber fast) zu haben. Ihre Mutter, die gerade frisch Pinterest für sich entdeckt hat, hat Foccacia gemacht. Ähnelte aber eher einem Gemälde von Van Gogh oder so 😉

Außerdem gab es Rharbaberkuchen. Auf Balkonien. Für den Balkon haben wir uns mit Hilfe einer Münze entschieden. Kopf = Balkon, Zahl = Garten. Zum Kuchen gab es türkischen Granatapfeltee. Der Balkon ähnelt einem Strandkorb im Pflanzenparadies, der perfekte Frühlingsnachmittag. Wir haben über Studium, Job, Politik, Flüchtlinge und unsere Sommerpläne gesprochen. Richtig schön.

Auf dem Heimweg wurde ich von der Orchestermusik, die vor dem Theater gespielt wurde, begleitet.

„Аз говориям малко български“ (As govorijam malko bulgarski –> ich spreche ein wenig bulgarisch)

Und daraufhin immer wieder die Antwort: wow, das ist doch nicht wenig, sehr gut, sehr gut. Na ja.

На добър час Абитуриенти! Auf eine gute Zeit Abiturienten! Das war das Motto letzten Freitag. Nicht nur in der Schule, sondern in der ganzen Stadt, wie sich später noch herausstellen sollte. Im Gegensatz zu Deutschland, ist hier die Abifeier vor den Abiprüfungen, die diese und nächste Woche anstehen. Das heißt, dass am Freitag alle Blumenläden ausverkauft waren, alle Familien schick, auch mit schicker Maske, vor der Schule standen und die Abiturienten gefeiert haben, die alle in schöner Kleidung und mit so viel Motivation, wie ich sie im Klassenzimmer nie gesehen habe, aus tiefster Kehle ihre Freiheit beschrieen haben. Luftballons, Musik, Reden, Geschenke, Feuerwerksknaller, Blumen, die Übergabe des deutschen Sprachdiploms. Die Stimmung war festlich und auch ein wenig sentimental. Ich habe mich an meinen eigenen Abschluss erinnert, der Covid bedingt nicht so gefeiert wurde und deshalb habe ich mich gleich doppelt für sie mitgefeiert. Die ganzen planlosen Schüler, die das Schulende so herbeigesehnt haben und jetzt vor einem neuen Lebensabschnitt stehen.

So wie ich vor einem Jahr. Altes Leben, 2 Stunden im Flugzeug, komplett neues Leben, und bald ist dieses neue Leben hier zu Ende und es heißt hoffentlich Zug und nicht Flugzeug zurück und wieder eine komplette Veränderung in einen neuen Lebensabschnitt. Ich habe die Zeitrafferoption an meiner Kamera für mich entdeckt. An sich fühlt sich diese ganze Zeit hier an wie mit dem Zeitraffer aufgenommen. Immer neue Eindrücke. Angekommen, Zack, halbes Jahr rum, Zack, keine Zeit um still zu sitzen, oder doch irgendwie schon. Trotzdem verfliegt die Zeit. Alles geht so schnell, aber irgendwie reflektiere ich doch ziemlich viel.

Auch im Lehrerzimmer wurde mit einem großen Büffet und dem Banizasong singend gefeiert, dass die 12.Klasse bald die Schule verlässt. Aus Platzmangel haben ein paar der Deutschlehrerinnen und ich uns auf den Weg in ein Café gemacht. Die Idee hatten anscheinend auch alle Abiturienten Shumens. Unterwegs eine Autokolonne mit hupenden Autos und in jedem Café laut rufende Schüler. Dafür ernteten sie Kopfschütteln von den Deutschlehrerinnen, die mir erklärten, wie verrückt sich die Schüler verhalten, aber ich glaube insgeheim haben sie sich auch mitgefreut. Da unterhalten wegen der lauten Musik und den Rufen ziemlich schwierig war, haben wir stattdessen ein bisschen mitgetanzt und uns dann alle mit Kopfschmerzen auf den Heimweg gemacht. Da alle Schüler frei hatten, habe ich mich gefühlt wie ein Promi als ich durch ide Stadt gelaufen bin und von allen Seiten gegrüßt wurde. Auch oft etwas unsicher, weil ich mir noch immer nicht alle Gesichter merken kann.

Im Eiltempo habe ich meine Wohnung geputzt und dann ganz genau Josis Anforderungen befolgt sie mit einem Paar Socken, dass mindestens bis zur Hälfte der Wade reicht und einem Wegbier vom Bahnhof abzuholen und ihr die Stadt und das Monument zu zeigen.

Am Bahnhof habe ich ein altes Paar beobachtet, sie den Arm um ihn legend in die Richtung schauend aus der der Zug kommen sollte. Eine schöne Alltagsbeobachtung. Und ein schönes Bild.

Dann mit der Josi auf zum Monument. In der schwülen Abendluft sind wir ganz schön ins Schwitzen gekommen. Auf der wortwörtlichen Instagramplattform haben wir usn hingesetzt und die Schokosonnenblumenkerne gegessen. Dann gab es Pizza, Döner und Ayran und zum Nachtisch noch einen Cocktail bei Bacardi. Davor habe ich von Josi noch die grüne Strickjacke bekommen, die wir zusammen in unserer ersten Woche in Sofia gekauft haben und die nun mir gehört. Trotz der Freude habe ich das Gefühl sie ist froh eine Sache weniger in ihrem Koffer unterzubringen und ich verzweifle langsam daran all meine Sachen zu verstauen…

Nachdem wir müde in meiner Wohnung angekommen sind, Josi mit den Worten: „Ich schlafe doch nicht auf einer Tischdecke!“, mein Bett frisch bezogen hat und ich aufgrund dieser Aussage so lachen musste, dass ich mich fast an meinem Karottenbrot verschluckt hätte, haben wir noch ein bisschen gequatscht, ich habe meine „Tischdecke“ (feinstes Satin, Spaß) verstaut und sind dann schlafen gegangen.

Neuer morgen, neues Müsli. Haben unseren billigen Nussvorrat, Beernuts müssen sein!, aufgefüllt und den Markt besichtigt. Nachdem wir eine Flüssigkeit in kleinen Wasserflaschen, die uns stark an Apfelsaft erinnert hat und wir deshalb nicht weiter auf Schilder geachtet haben kauften, Josi den ersten Schluck nahm und gleich wieder ins Gebüsch spuckte, mussten wir unseren Fehlkauf des Tages eingestehen. Apfel ja, aber nicht Saft, sondern Essig.

Also haben wir uns mit einer Flasche Essig im Rucksack aufgemacht und ich bin zum ersten Mal mit dem Bus nach Varna gefahren. Geht natürlich schneller, aber mir ist irgendwie schlecht geworden. Zug fahren fühlt sich einfach mehr nach Freiheit an. Im Bus fühle ich mich eingesperrt. An diesem Tag war in Shumen eine Autorallye, der wir durch unseren Ausflug aus dem Weg gegangen sind. Aufheulende Motoren sind mittlerweile zu einem trigger für mich geworden, weshalb ich umso erleichterter war, als wir in Varna in einem Restaurant am Strand saßen, mit den Füßen im Sand und dem Blick aufs Meer. Alles sieht jetzt so verändert aus. Man kann nicht mehr weit schauen, weil die Bäue Blüten und Blätter haben, es gibt so viele grüntöne, die Sonne bräunt unsere Haut, der Sand entfernt unsere Hornhaut. Am Strand waren für unseren Geschmack viel zu viele Deutsche. Medizinstudenten, die wir neugierig belauscht und beobachtet haben.

Ein so entspannter Tag, im Sand liegen, die Beine eingraben, schreiben, schauen, dösen. Hat wirklich gut getan. Was darf an keinem Tag fehlen? Natürlich: Second Hand Shopping! Habe ausnahmsweise nichts gekauft. Rückfahrt mit dem Zug. Der Klatschmohn, der auf den Wiesen wächst und so im Abendlicht geleuchtet hat, hat mich total fasziniert. Wir haben eine Achtklässlerin von mir und ihre Freundin getroffen und uns ein bisschen unterhalten. Auf Englisch, Spanisch, Französisch, Bulgarisch, sogar ein bisschen Deutsch war dabei. Nachdem uns ganz trocken gesagt wurde, dass wir wie 15 aussehen und Josi trocken zurück gegeben hat:“ Ihr auch.“, wurde das wichtigste natürlich sofort abgefragt: die Frage nach dem Sternzeichen. In Bulgarien aus keinem Gespräch wegzudenken, eine wirklich unverzichtbare Information, wodurch ich mich tatsächlich auch wieder mehr damit beschäftigt habe. Halb ironisch, halb ernst. Im Weltuntergangssommerregen sind wir dann sehr schnell nach Hause gelaufen um Kartoffelpuffer mit Ofengemüse zu machen.

„всичко“ (vsitschko = alles)

Klassiker Antwort auf всичко. Beim Bäcker, auf dem Markt oder in der Schule. Nach 7 Monaten noch immer mein Lieblingswort.

Den letzten morgen mit Josi in Shumen verbrachten wir in der Moschee. Saßen auf dem Boden und sahen uns die Decke an. EIne wirklich schöne Moschee. Auch nach meinem 5. Besuch. Natürlich haben wir auch dort Pralinen bekommen (erst kürzlich war das Zuckerfest). Ob in der Moschee, beim Trampen, auf der Straße, in der Schule, überall bekommt man immer wieder Pralinen. Da всичко zu hatte, gab es ein schnelles Frühstück zuhause und dann ging es auch schon mit dem Taxi zum Bahnhof. чао чао Josi!

„Добре“ (dobre = gut)

Hört sich viel besser an als gut und man fühlt sich gleich bulgarisch.

Mai ist wirklich ein seltsamer Monat. Ganz viele Feiertage und freie Tage und dann wieder 7 Stunden in der Schule, DeutschAG, Projekte planen, absprachen, merken wann man wo sein soll und mit welcher Klasse man was genau macht. Kein wirklicher Alltag.

Meine Konstanten: in der Quarantäne habe ich tatsächlich Freundschaften geschlossen. War mir damals gar nicht so bewusst. Aber der alte Mann, den wir immer beim Autos einweisen beobachtet haben wohnt bei mir im Haus und grüßt mich immer im Treppenhaus. Und der kleine Nachbarsjunge vom Wurstbalkon schaut immer ganz schüchtern gerade so über das Geländer zu mir rüber und versteckt sich dann wieder. Ich lächle ihm beim Wäsche aufhängen zu, winke, wenn ich meine Zähne mal wieder auf dem Balkon putze und freue mich diese besondere Freundschaft mit einem kleinen Bulgaren zu haben, und wir uns beide immer freuen, wenn wir gleichzeitig auf unseren Balkonen sehen.

Ich mag es sehr mit den Schülern Diskussionen zu führen, ihre manchmal verrückten Ideen zu hören und zusammen zu lachen. Humor funktioniert trotz Sprachbarriere. Heute wieder mein Lieblingsthema Konsum Lösung Teilen. Waren uns alle einig, dass man Sportschuhe nicht teilen sollte, wegen Fußpilz und weil die Füße von anderen stinken. Mit allen Schülern wieder in der Schule, füllt sich auch das Lehrerzimmer. Die Schüle wird lebendig und hoffentlich gewöhnen sich die Schüler bald wieder an den Schulalltag und dass man in der Schule mehr machen muss als vor dem Bldschirm. EIne wirklich schwierige Situation.

Heute ist hier auch ein orkanartiger Sturm zu spüren. Ich taufe es Sturmtief Baniza. Ein richtiges workout sich gegen den Wind zu lehnen. Mein Fenster muss ich gar nicht aufmachen um zu lüften. DIe Fenster sind so undicht, dass der Wind auch in der Wohnung zu spüren ist. Ein bisschen zu wenig.

Vorhin habe ich einen Teil meines Lebens in eine Billatüte gepackt. Schon verrückt. Alles was ich besitze muss ich irgendwie nach Hause transportieren. So auch meine Bücher und Winterklamotten, die ich an Sophia weitergebe und ihr Onkel sie mit nach Deutschland nimmt. Und dann mache ich erstmal eine Deutschlandtour und sammle alle meine Sachen wieder ein.

Und zu guter letzt: „хайде айде“ (Chaide, Haide, Aide = auf gehts oder sowas in der Art)

Хайде Чао!

 

 

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