Von Wellen, Mülltonnen voller Katzen und Kouroi

Es ist dunkel und leichter Nieselregen benetzt mein Gesicht. Trotz der Musik, die aus meinen Kopfhörern dröhnt, höre ich das Meer neben mir rauschen. In der Ferne erkenne ich vereinzelte Häuser, Laternen und den kleinen Hafen von Skala. Seine Lichter werden von den Wellen reflektiert und weggetragen. Auf der anderen Seite ist ein Feld und dahinter eine atemberaubende Bergkulisse. Auf dieser Straße ist niemand – nur ich. Langsam beginne ich mich zu drehen und breite die Arme aus. Die Welt um mich herum verschwimmt, wie die Lichtspiegelungen im Meer. Ich lasse die vergangenen Wochen Revue passieren.

Diese und die nächste Woche werde ich in Atalanti arbeiten. Das liegt in  Mittelgriechenland. Währenddessen wohne ich in Skala, einem winzigen Dorf am Meer. Wenn man jetzt im Herbst durch die wenigen Straßen läuft, trifft man auf deutlich mehr streunende Hunde und scheue Katzen auf Menschen. Der Strand an dem sich im Sommer die Touristen tummeln ist verlassen und voller Algen und Müll. Es gibt einige Hunde, die wie blöd hinter jedem Auto her rennen und alles und jeden anbellen. Aber es gibt auch liebe Hunde, die gestreichelt werden möchten. Werde ich beim Heimweg wieder den Hund von gestern treffen? Möchte ich das überhaupt? Ich bin nämlich kein großer Fan von nassen Hunden. Aber ich komme sicher an der „Katzenmülltonne“ vorbei. Das ist ein Container in dem immer Katzen sitzen und nach Essen suchen.

Ich drehe mich immer noch und muss aufpassen, dass ich nicht mit meinem Schwung in den Grasstreifen taumle, obwohl meine Schuhe sowieso schon durchnässt sind. In Atalanti gibt es ein archäologisches Museum in dem ich arbeite. Dort werden einige Funde aus der Grabung vom Heiligtum bei Kalapodi bearbeitet und aufbewahrt. Mit der wissenschaftlichen Hilfskraft inventarisiere ich gerade Funde von 2018 indem wir sie sortieren, in digitalen Dateien vervollständigen und fotografieren. Dabei gibt es wirklich sehr viele interessante Stücke. Mir wurde auch das kleine Museum und die Ausgrabungsstätte ausführlich gezeigt.

Wie man in zahlreichen Medien lesen konnte:

https://www.deutschlandfunk.de/griechenland-bauer-findet-antike-steinstatuen.2850.de.html?drn:news_id=942507
https://rp-online.de/panorama/ausland/atalanti-archaeologen-finden-auf-feld-in-griechenland-weitere-antike-statuen_aid-34269365
https://weather.com/de-DE/wissen/mensch/news/2018-11-04-archaologen-finden-auf-feld-in-griechenland-weitere-antike-statuen

wurden in der Nähe von Atalanti 4 Kouroi (ein Kouros ist eine meist nackte Männerstatue) aus Kalkstein und Gräber gefunden. Ein Olivenbauer wollte ältere Bäume entfernen und ist dabei auf die Statuen gestoßen. Die örtliche griechische Archäologie hat sie weiter ausgegraben. Wir sind zu der Grabung gefahren und haben sie uns angeschaut. Es gab 2 große „Löcher“, die ich auf 4 Meter tief schätzen würde. In dem einen wurden die 4 Kouroi und eine Mauer gefunden. In dem anderen gab es drei große Kalkstein und Ton Sarkophage und mehrere kleine Gräber in Keramikgefäßen. Die Statuen sind doch kleiner, als wir erwartet hatten und liegen einfach vor dem Museum, wo wir sie gut anscheuen konnten. Wir haben auch den prächtigen Schmuck aus den Gräbern bewundern können. In einem Ring steckte noch ein Fingerknochen, was ich sehr gruselig fand. Donnerstag war ich dabei, als einer der Sarkophage ausgeräumt wurde. Die Steinplatte darüber war zerbrochen und auf die darunter begrabene Person gefallen, sodass ihr Kiefer weit aufgebrochen war. In dem Grab waren viele sehr schöne Grabbeilagen, wie Gefäße mit Blumenverzierungen und vielleicht sogar einen Spiegel. Zuerst wird alles so weit frei gelegt, wie es nur geht (auch ganz klischeehaft mit Pinseln), dann muss alles dokumentiert werden, indem die genauen „Standorte“ der Funde im Sarkophag vermessen, fotografiert und gezeichnet werden. Dann werden die Gestände vorsichtig nach und nach ganz befreit und in Tüten mit entsprechenden Kärtchen gepackt. Ohne Frage ist das sehr spannend und wichtig, um alles richtig zu erforschen. Allerdings wurde dieser Mensch dort begraben, um seine Ruhestätte zu haben. Jetzt landen ihre Knochen wahrscheinlich in irgendeinem Depot und bleiben da wahrscheinlich bis sie zerfallen. Ich frage mich, ob es nicht besser wäre, wenn man die Gebeine nicht wieder rückbestatten würde und dem Toten wieder seinen zugedachten Platz gibt. Ich bin mir nicht sicher, ob mir die Vorstellung gefällt, meine Knochen werden in 2500 Jahren wieder ausgegraben und ich lande in irgendwelchen Plastiktüten, in denen mein Körper und mein Kopf auch noch getrennt werden. Oder mein Ring wird mitsamt meinem Fingerknochen ausgestellt…

Ich höre auf mich zu drehen, weil mir völlig schwindelig ist und ich zurück zum Abendessen muss. Außerdem ist es ziemlich kalt geworden. Über die Sachen, die ich noch erlebt habe, werde ich wann anders nachdenken müssen.

 

 

Vielen Dank, dass du bis zum Schluss gelesen hast. Ich würde mich über einen Kommentar freuen, damit ich weiß, ob das hier überhaupt gelesen wird! Bis bald

Abendspaziergang

Es ist bereits reltiv dunkel. Ich stehe am Omonia Platz und überlege – überlege welchen Weg ich gehe. Meine Entscheidung  fällt auf den Unüblicheren, damit ich nicht immer das gleiche sehe. Als erstes bleibe ich am Schaufenster eines Waffenladens stehen. Ich bin ein bisschen enttäuscht, weil mich das meiste nicht interessiert.  Ich vermisse den Schießsport schon sehr, deshalb habe ich den Griechischen Schießsportverband angeschrieben und Kontaktdaten von zwei Vereinen bekommen, die ich noch unbedingt anschreiben muss. Aber im Schaufenster gibt es keine Sportwaffen.

Ich komme am Kotzia Platz vorbei. Er ist schon recht groß und von beleuchteten Häusern umsäumt. Viele Kinder aber auch Jugendliche oder junge Erwachsene treffen sich hier und spielen mit einander. Einige Meter weiter passiere ich den Fleisch und Fischmarkt. Jetzt sind die langen Markthallen leer, dennoch riecht es noch sehr deutlich nach den angebotenen Produkten. Gegenüber ist der Gemüsemarkt auf dem ich gestern eingekauft habe. Ich weiche einer großen Pfütze aus. Sie erinnert mich an den heftigen Regen vor 1 1/2 Wochen, als es vier Tage ohne Pause in Strömen geregnet hat.

Auf der linken Seite steht eine kleine Kapelle aus groben Stein. Sie scheint zwischen den Betonbauten ein bisschen fehl am Platz, strahlt aber gerade deshalb eine gewisse Schönheit aus. Unter dem kleinen Dach vor ihrer Tür schläft ein  Obdachloser. Obdachlose und Bettler gibt es in Athen unglaublich viele. Morgens und abends sind sie in ihre Decken gerollt und schlafen, aber einige liegen auch einfach so auf der Straße. In einigen Situationen hätte ich in Deutschland sicher Hilfe geholt oder wie soll man damit umgehen, wenn jemand mitten ausgebreitet auf dem Bürgersteig liegt und nicht erkennbar ist, ob er überhaupt lebt. Aber wie geht man hier mit diesem Thema um? Wegschauen? Helfen? Ich habe schon mitbekommen, wie Mütter ihre kleinen Kinder zum Betteln losschicken, während sie selber am Handy spielen. Muss man solche Leute gerade deshalb helfen oder unterstützt man dadurch die Ausbeutung der Kinder? Auf jeden Fall ist das kein leichtes Thema.

Auf der rechten Straßenseite sehe ich eine kleine Bäckerei, in der ich schon Brot gekauft habe. Nicht nur obdachlose Menschen gibt es hier reichlich, sondern auch sehr viele herrenlose Tiere. Die meisten Hunde streifen friedlich durch die Straßen und erhoffen sich den einen oder anderen Leckerbissen, doch es ist auch Vorsicht geboten. Ich habe schon von einigen Leuten gehört, dass sie oder andere angefallen wurden. Jetzt sehe ich den Falafelladen in dem ich heute mein Mittagessen gekauft habe. Als ich letztes Jahr hier war, ist er mir aufgefallen. Heute habe ich eine Mexikanische Falafel gegessen, die allerdings so scharf war, dass meine Augen getränt haben, aber es war trotzdem unglaublich lecker. Während an ich an meinem „Stammsupermarkt“ vorbei gehe, kann ich die angestrahlte Akropolis bewundern.

Auf dem vor mir liegendem Monastiraki Platz tümmeln sich viele Menschen. Ich wende mich jedoch nach links, um der Ermou, das ist die Einkaufstraße zwischen Monastiraki und Syntagma, zu folgen. Das erste, was mir auffällt, ist der Autostau, der sich auf der Straße gebildet hat. Aber es gibt auch viele Menschen-Trauben, die mir die Wege versperren. Aber, dass es so voll sein wird, war mir schon vorher klar. Ich mag diesen Trubel um mich herum manchmal schon ganz gerne. Auf der rechten Seite laufe ich an einem Pizza Imbiss vorbei, wo ich gestern ein Stück gekauft habe. Mein Fazit: Für zwischendurch mal ganz in Ordnung, aber es gibt deutlich bessere Pizzen! An zahllosen Läden komme ich vorbei. Ich kann meine Spiegelung in den erleuchteten Schaufenstern erkennen. Wenn ich Einkaufen gehe, sage ich immer Γειά σας (Hallo) und die Verkäufer sprechen mich dann normaler Weise auf Griechisch an. Die meisten sind dann ziemlich verwirrt, dass ich sie dann nicht verstehe, weil sie mich für Griechisch halten. Aber das finde ich eigentlich ganz gut, weil ich dann nicht auffalle. Viele besonders blonde Frauen, die direkt als Ausländer erkannt werden, haben hier es manchmal nicht ganz so leicht und normaler Weise werden auch eher Ausländer als Einheimische beklaut.

Das schützt mich jedoch nicht vor den aufdringlichen Parfumverkäufern, die einem unbedingt eine Probe andrehen wollen von dem – sagen wir oft sehr unansprechenden – Gerüchen andrehen. Generell musste ich hier bisher einige unangenehme Gerüche mehr erdulden. An mehreren Straßenecken spielen Straßenmusiker mehr oder weniger schöne Musik. Ein Mann verkauft an einem mobilen Stand geröstete Maiskolben und Maronen. Gut, dass ich schon gegessen habe, sonst hätte ich mir hier sicher etwas gekauft. Jetzt bin ich am Syntagma Platz angekommen. Tausende Lichter blenden mich grell. In diesem Lichtermeer fahren Skater über den Platz und machen Tricks. An den Seiten des Platzes ist Wasser bunt angesprüht. Vor dieser Kulisse führt ein Mann lautstark einen Videoanruf.

Ich verlasse den Platz und schlagartig wird es windiger. Unzählige Autos fahren an mir vorbei und es ist ungemütlich laut. In den teuren Hotels, an denen ich vorbei laufe, sitzen Leute bei Kerzenschein in Sälen mit Kronleuchtern, während vor ihren Fenstern Obdachlose ihr Nachtlager aufschlagen. Beim Vorbeigehen achte ich auf das numismatische Museum, die Akademia, Universität und die Nationalbibliothek. Im Hintergrund sieht man den angestrahlten Lycabettus Berg, der höher als die Akropolis ist. Ich werde langsam vom Laufen müde. Eine Werbeanzeige mit einem Granatapfel springt mir ins Auge. Heute durfte ich einen aus dem Kerameikos mitnehmen. Ich habe vorher noch nie darüber nachgedacht, wie sie wachsen, bis ich den Baum auf dem archäologischen Gelände gesehen habe. Und zufällig führt an dieser Stelle die Straße rechts hoch auch zum Institut.

Ich biege jedoch erste einige Meter später ab – in „mein“ Exarchia. Auf der rechten Seite liegt ein Cafe mit heißer Schokolade für 1,50€. Jeden Tag nehme ich mir eigentlich vor dort zu bestellen, aber bisher habe ich das irgendwie noch nicht gemacht. Aber jetzt hat es sowieso zu. Auf die runtergelassenen Rollläden einer Buchhandlung ist ein Graffiti gesprayt, was mir ins Auge sticht, obwohl hier ausnahmslos alles vollgesprayt ist. Übrigens hilft es mir total bei Heimweh oder schlechter Laune in einen Buchladen zu gehen. Auch wenn ich das meiste nicht verstehe ist es die Atmosphäre und der Geruch von Büchern, die mich total beruhigt.

An der letzten Kreuzung, die ich überqueren muss, ist eine Fußgängerampel zur falschen Seite gedreht, sodass ich am Anfang immer auf die falsche geguckt habe. Inzwischen laufe ich einfach immer dann über die Straße, wenn ich glaube, dass niemand kommt. Hier halten sich nämlich die wenigsten Fußgänger und Roller an Ampeln und auch viel Autos fahren über rot. Aus den Bars an den Straßenseiten dröhnt Musik und für einen Mittwochabend sitzen viele Leute davor und unterhalten sich. Immer wenn ich an einem Baum vorbei laufe habe ich diesen Geruch in der Nase: den Duft nach Urlaub. Ich habe keine Ahnung, welche Pflanze ich da rieche, aber ich verbinde das total mit Urlauben. Allerdings verfliegt der schnell, als ich zur unserer Haustür komme. Der gegenüberliegende Platz wird nämlich nicht nur als Parkplatz, sondern auch als öffentliche Toilette genutzt. Außerdem riecht es nach Gras, was wahrscheinlich von den Leuten kommt, die vor meiner Haustür sitzen. Zum Glück lassen sie mich ohne Probleme durch und erleichtert lasse ich die Tür hinter mir ins Schloss fallen. Ich bin wieder „Zuhause“.

Erschüttert

Heute möchte ich mal einen etwas anderen Beitrag schreiben, weil ich unbedingt etwas loswerden muss.

Als wir am Sonntagabend von der Metro Station zurück nach Hause gelaufen sind, sind wir an einer Gedenkstelle mit Kerzen und Blumen vorbeigekommen. Ich habe mir keine großen Gedanken darüber gemacht und habe sie mir auch nicht näher angeschaut.

Am Montag haben wir uns auf der Arbeit über einen Vorfall unterhalten, der von lokalen Medien auf diese Weise geschildert wurde: Ein drogenabhängiger Mann wäre in einen Juwelier eingebrochen und habe den Ladeninhaber bedroht. Um diesen zu schützen, hätten das Sicherheitspersonal den Angreifer totgeschlagen.
Wir haben darüber diskutiert, ob es gerechtfertigt ist, einen Menschen zu töten, um einen anderen zu schützen und ob das Totschlagen vielleicht unabsichtlich geschah. Ich bin auf keine abschließende Antwort bei diesen Fragen gekommen, da ich sie sehr schwierig fand. Außerdem musste ich an die Gedenkstelle am Vortag denken.

Heute habe ich jedoch eine völlig andere Version von diesem Vorfall erfahren. Meine Mitbewohnerin hat über den Vorfall etwas gelesen und ist dann zu der Gedenkstelle gegangen und hat sich dort die Sicht, der Menschen dort schildern lassen. Ich habe mir eben ein paar Artikel darüber durchgelesen und versuche jetzt mal die andere Version des Vorfalls zu schildern: Das Opfer soll ein bekannter Queer und LGBTQ+ Aktivist, sowie Drag Performer, der viel über sein Leben als HIV positiver berichtet hat, gewesen sein. Dieser wurde am helllichten Tag auf der offenen Straße verfolgt und soll um nach Schutz zu suchen in das Juwelier Geschäft geflohen sein. Dort wurde er von dem Ladenbesitzer, der als Faschist bekannt sein soll, eingeschlossen. In einem Video auf YouTube sieht man, wie das Opfer erst mit einem Feuerlöscher versucht die Scheibe zu zerbrechen. Er krabbelt, dann zum Fenster und versucht dort die Scheibe zu zerbrechen. Von außen treten 2 Männer aggressiv die Scheibe ein und treten auf den am Boden liegenden Mann ein, dabei soll einer der Täter der Ladenbesitzer sein. Obwohl eine große Gruppe Männer um das Geschehen stehen, greifen zwei Männer erst relativ spät ein. Nach einem cut geht das Video damit weiter, dass die die Polizei vor Ort ist. Als der Mann sich aufrichten will, wird er erneut getreten und beworfen. Er versucht wegzurennen, bricht jedoch unter Tritten zusammen. Noch bevor das Opfer das Krankenhaus errichte, soll es gestorben sein. Laut einem Artikel im Internet sei der Ladenbesitzer überhaupt nur angeklagt worden sein, weil das Video bekannt wurde.

Ein Grund, warum mich dieses Ereignis sehr betroffen macht, ist, dass das ganze nur 400 Meter von unser Wohnung abgelaufen ist. An einem öffentlichem Platz am helllichten Tag! Mir geht es nicht darum, die genaue Wahrheit über die Tat herauszufinden. Diese wird wahrscheinlich zwischen den Versionen liegen. Aber wie kann es sein, dass jemand einfach so quasi vor meiner Haustür tot getreten wird? In einem Viertel, was eigentlich für seine Toleranz bekannt ist. Wieso ist niemand frühzeitig eingeschritten und hat das Opfer beschützt? Eine andere Frage, die ich mir stelle, ist: Wie hätte ich reagier? Wäre ich dazwischen gegangen? Jeder möchte diese Frage wahrscheinlich mit „Ja“ beantworten, aber stimmt es auch? Ich bin mir sicher, dass man bei so einer Brutalität auch abgeschreckt wird. Aber irgendjemand hätte doch einschreiten müssen! Wie fühlt sich jemand, der ohne zu Zögern einen Menschen tot treten kann? Wieso passiert so etwas noch im 21. Jahrhundert? Wieso töten sich Menschen überhaupt gegenseitig? Tausende Fragen gehen mir durch den Kopf und ich finde keine Antwort. Ich bin einfach nur völlig schockiert und erschüttert.

Zum Schluss möchte ich noch einmal klar stellen, dass ich nicht weiß, was an den Versionen dran ist und, dass ich niemanden etwas wegen Gerüchten unterstellen möchte. Ich hoffe, dass ich das auch deutlich gemacht habe. Ich finde es nur sehr extrem, wie sehr die Erzählungen auseinander gehen. Ich will auch nochmal betonen, dass auch wenn es ein Video gibt, dort nicht alles einwandfrei zu erkennen ist und es durch den Schnitt auch verändert worden sei kann.

Das sind die Artikel, die ich gelesen habe. Ob ihr, das Video sehen möchtet müsst ihr selber entscheiden.

Greece: queer activist Zak Kostopoulos lynched to death in Athens

https://www.pinknews.co.uk/2018/09/24/gay-activist-zak-kostopoulos-lynched-to-death-in-greece/

https://www.newsbomb.gr/ellada/news/story/918978/zak-kostopoylos-ponos-odyni-kai-ena-giati-stin-kideia-toy-33xronoy

Richtig angekommen

Jetzt bin ich seit einer Woche in Athen und bin so langsam richtig angekommen. Mittler Weile habe ich mir mein Zimmer so eingerichtet, dass ich mir vorstellen kann, hier ein halbes Jahr zu bleiben.

So langsam brauche ich auch meistens kein Google Maps mehr, um meinen Weg zur Arbeit oder „nach Hause“ zu kommen. Allerdings ist die App schon sehr hilfreich! Gerade, wenn man versucht ohne auszukommen und sich deshalb total verläuft. Aber auch, wenn ich einige Wege jetzt schon zig mal gelaufen bin, entdeckt man immer etwas neues.

Ich arbeite momentan im Kerameikos. Dort haben wir eine Kampagne in der wir die Funde aus verschiedenen Abhüben eines Brunnens bearbeiten. Ich arbeite momentan zum ersten Mal richtig im Leben und deshalb sind die acht Stunden Arbeit jeden Tag schon sehr anstrengend. Mit daran ist jedoch die Sonne schuld, da wir fast immer draußen bei 30° C sind. Es helfen auch zwei Archäologiestudentinnen als Praktikantinnen, die mir netter Weise viel über ihr Studium erzählen. Das Arbeitsklima ist übrigens auch insgesamt sehr freundlich.

Ich unternehme jeden Tag einen kleinen Ausflug. Heute bin ich nach dem Ausschlafen auf den Wochenmarkt hier in Exarchia gegangen, wo man günstig sehr frische Lebensmittel kaufen konnte. Danach bin ich in die Plaka gelaufen und habe mich auf den Areopag gesetzt und von dort die Stadt bestaunt. Im Anschluss war ich mit den beiden Studentinnen bei einer Aufführung der Tragödie Ion von Euripides unter den drei Höhlen an der Akropolis. Sie war auf Griechisch, deshalb habe ich leider nicht alles verstanden und konnte zwischendurch dem Theaterstück nicht folgen. Dennoch war das Stück sehr beeindruckend und spannend. Danach sind wir noch für eine knappe Stunde die Akropolis hoch gestiegen. Ich war zwar letzten Herbst schon dort oben, aber es ist immer wieder atemberaubend. Gerade im warmen Abendlicht sehen die alten Tempel, aber auch das Häusermeer darum herum wunderschön aus.

  • Nächste Woche beginnen wir mit unserem Sprachkurs. Oft verstehe ich schon einige Brocken des Gesprächs, wenn ich es höre, aber leider kann ich kaum etwas selber sagen. Mir hilft mein Graecum aber vor allem beim Lesen viel weiter. Ich habe mir ein paar Comics auf Griechisch gekauft, mit denen ich hoffentlich auch ein bisschen lernen kann. Mir passiert es auch immer öfter, dass ich auf Griechisch angesprochen werde. Das zeigt mir, dass ich nicht immer für eine Touristin gehalten werde. Das freut mich sehr, weil ich dadurch versuche, mich der Kultur richtig anzupassen.

Mit meiner Mitbewohnerin habe ich mich jetzt sogar in einem Fitnessstudio angemeldet, was ich von mir selber echt nicht erwartet hätte. Jetzt heißt es nur: Durchhalten!

Momentan tritt das West-Nil-Fieber in Griechenland auf, was von Mücken übertragen werden kann. Obwohl ich versuche mich vernünftig zu schützen, habe ich unzählige Mückenstiche. Deshalb mache ich mir ein paar Sorgen.

Heute möchte ich auf den Monastiraki-Flohmarkt gehen und danach wollen wir ans Meer fahren.

Zwischen Einbauschränken und Mamorsäulen

Wie ist es in Griechenland? Warm! Tagsüber wird es bisher immer mindestens 30°C und selbst jetzt um halb 11 abends hat es sicher gerade mal auf 24° abgekühlt. Ich bin echt froh, dass ich im Hochsommer nicht hier sein werde, weil man das nicht auszuhalten ist.

Am Samstag sind wir erstmal nach IKEA gefahren, weil unsere Wohnung nicht so gut ausgestattet ist und wir auch noch ein paar Sachen brauchten. Es kommt mir allein schon beim Schreiben echt komisch vor, an seinem ersten Tag nach IKEA zu fahren, was es doch überall gibt. Aber es war schon nötig. Naja, ich werde schon noch aus dieser Gewohnheitenblase rauskommen – hoffe ich zumindest!

Es sind übrigens außer mir noch 5 andere Kulturweit-Freiwillige in Athen. Mit zweien davon wohne ich zusammen hier in Exarchia. Als ich Freitagnacht vollgepackt zu meiner Wohnung geirrt bin, dachte ich nur so „Oh Gott, wo bin ich hier gelandet?“. Die Häuserfassaden sind fast ausnahmslos voll gesprayt, in manchen Ecken riecht es unangenehm und man begegnet vielen Obdachlosen. Ich wusste schon vorher, dass Exarchia ein bisschen anders ist, aber so völlig erschöpft und orientierungslos nach der langen Reise kam es mir schon sehr schlimm vor.
Ich glaube nicht, dass ich nach drei Tagen das Viertel richtig einschätzen kann, aber ich sehe es schon in einem bisschen anderem Licht. Hier gibt es sehr viele niedliche Bücherläden, Tavernen und Imbisse. Wo findet man sonst eine wirklich riesige Folienkartoffel mit verschiedenen Salaten und Soßen für 3€? Außerdem erkennt man immer wieder Gravitties von einem Künstler wieder. Trotzdem würde ich, als Frau, an einigen Orten nachts nicht alleine hergehen.

Sonntag bin ich mit meiner Mitbewohnerin zum Monastiraki Platz gelaufen, um ein bisschen was von der Stadt zu sehen. Wir haben die griechischen Agora von der Straße ausgesehen und haben uns zwischen den Touristen ein bisschen treiben lassen. Völlig ausgehungert haben wir günstige Falafeln gefunden. Dabei sind wir auch an dem Hotel vorbeigekommen in dem ich letzten Herbst während der Studienfahrt übernachtet habe. Alleine bin ich noch ein bisschen durch die Plaka (Altstadtviertel) geschlendert. Dabei habe ich die Akropolis schön sehen können und bin an der römischen Agora und der Hadrians Bibliothek vorbeigekommen.

Heute hatte ich meinen ersten Arbeitstag. Meine Ansprechpartnerin hat mir das neoklassizistische Haus, dass in Heinrich Schliemanns Besitz war, des Deutschen Archäologischen Instituts und stellte mir die anwesenden Mitarbeiter vor. Alle waren ziemlich freundlich, hilfsbereit und haben mir direkt mit Ratschlägen zu unserem Kakerlaken-Problem helfen wollen. Nach einer Einführung zu allgemeinen Dingen durfte ich auch schon Feierabend machen. Ab morgen werde ich in Kerameikos für 1,5 Monate arbeiten. So genau weiß ich noch nicht, was auf mich zukommt, aber ich freue mich schon. Eben habe ich mich schon ein bisschen zu den Ausgrabungen dort eingelesen, um nicht total unvorbereitet zu sein.

Am Nachmittag bin ich zum Syntagma Platz vorbei an der National Bibliothek, der Universität und der Akademia gelaufen. Dort habe ich mir das Grabmal des unbekannten Soldaten am Parlamentsgebäude und den Wachwechsel davor angeschaut. Zurück bin ich durch die Einkaufsstraße zum Monastriaki gelaufen.

Jetzt sollte ich aber mal schnell schlafen gehen, weil ich morgen sehr früh aufstehen muss.

Vorbereitungsseminar

Die ersten 10 Tage des Freiwilligendienst bestanden aus dem Vorbereitungsseminar am Werbellinsee (ca. 60 km nördlich von Berlin). An diesem haben alle 330 Freiwillige, die jetzt für 6 oder 12 Monate ins Ausland gehen, und ein paar „In-Comerinnen“, die für 3 Monate in Deutschland sind, teilgenommen. Das Seminar bestand aus Homezones, Workshops, Infoveranstaltungen und den Partnertagen.

Die Homezones waren Kleingruppen, die nach den Einsatzländern geordnet waren. Beim Zwischenseminar werden wir (fast) alle aus dieser Gruppe wiedersehen. In meine Homezone waren Spanien, Italien, Mazedonien und Griechenland eingeteilt. Wir haben uns echt alle gut verstanden, worüber ich sehr froh bin! In der Zone haben wir verschiedenen Thematiken bearbeitet.

Die Workshops konnte man wählen und diese wurden dann zugeteilt. Es gab immer eine sehr große Bandbreite an Themen. Am Dienstag sind wir nach Berlin gefahren, um dort verschiedene Stadtführungen zu haben. Ich hätte die Beschreibung meines Projekts jedoch lieber vernünftig lesen sollen, denn ich war im einzigen Workshop, der keine Stadtführung war. Stattdessen saßen wir nur in einem kleinen, dunklen und stickigen Theater in Neukölln. Danach hatten wir noch einen Termin bei Politikern, der aber schon sehr interessant war.

Für uns drei Freiwillige, die im Deutschen Archäologischen Institut arbeiten werden, ist der erste Partnernachmittag ausgefallen und deshalb sind wir nach Berlin ins Pergamonmuseum gefahren, was echt sehr beeindruckend war.

Am Donnerstag ging es dann für uns drei wieder nach Berlin zur Zentrale des DAI. Dort haben wir erst einiges Allgemeines erfahren, bevor wir das ganze Institut gezeigt bekommen haben. Ich fand sowohl das Gebäude als auch den persönlichen und freundlichen Umgang sehr schön! Danach haben wurde uns noch die die wissenschaftlichen Labore gezeigt in denen Tier- und Menschenknochen und Botanik untersucht werden. Dieser Tag war mein absolutes Highlight!

Man hat auch sehr viele Leute kennen gelernt, wodurch sicher einige Freundschaften entstehen werden. Mir hat es auch sehr gefallen, dass die meisten sehr offen sind. Durch die viele gemeinsame Zeit hat man auch vergessen, dass man sich erst seit ein paar Tagen kennt.

Fazit: Ich fand das Seminar deutlich besser als erwartet, weil die Themen doch viel tiefgründiger waren und man noch einiges gelernt hat. Außerdem lernt man sehr viele neue Menschen kennen. Allerdings kann man auch nicht leugnen, dass es sehr anstrengend war

Vorbereitung

Übermorgen ist es soweit:

Mein Freiwilligendienst beginnt mit einem Vorbereitungsseminar.

Dafür werden alle Freiwillige, die durch Kulturweit entsendet werden, zum Werbelinsee fahren. Dieser liegt 60 km von Berlin entfernt. Ich habe mir schon mal Bilder von unserer Unterkunft im Internet angeschaut, weil ich neugierig war, was da auf mich und die anderen zukommt. Das Seminar wird 10 Tage dauern und ehrlich gesagt kann ich mir noch nicht so ganz vorstellen, was wir die ganze Zeit dort machen werden. Ich habe ein bisschen Angst davor, dass es für mich anstrengend wird. Dennoch freue ich mich auch meine Mit-Freiwilligen kennen zu lernen.

Am Dienstag wurde für mich eine Überraschungs-Abschiedsparty organisiert. Unter einem Vorwand hat mich eine gute Freundin zu unserem Schießstand „gelockt“, wo viele Freunde auf mich gewartet haben. Die Überraschung war sehr gelungen und wir hatten einen tollen Abend! Es ist schon echt traurig, sich von so vielen Freunden verabschieden zu müssen. Heute war ich mit drei guten Freundinnen noch ein letztes mal Eis essen, was sich bei uns in der Schulzeit zur Tradition entwickelt hat. Zwei von ihnen gehen auch für ein oder ein halbes Jahr weg, weshalb es ein Abschied für uns alle war.

Noch bin ich gar nicht so stark aufgeregt, was vielleicht daran liegt, dass ich nach dem Vorbereitungsseminar noch ein paar Tage nach Hause komme, bevor es dann richtig nach Athen losgeht. Trotzdem stellt sich die Frage, wie ich alle meine Sachen, die ich mitnehmen will, in meinen Koffer bekommen soll. Außerdem weiß ich nie so genau, ob ich nicht doch etwas zu organisieren vergessen habe.

Während ich eigentlich noch für mein Abitur hätte lernen sollen, habe ich schon angefangen mein Neugriechisch aufzufrischen. In der Schule hatte ich 4 Jahre lang Altgriechisch und habe mein Graecum dadurch. Vor unserer Studienfahrt nach Griechenland im letzten Herbst habe ich ein 3/4 Jahr an einer Neugriechisch AG teilgenommen und dabei ein bisschen was gelernt. Allerdings habe ich es nicht so ganz richtig anwenden können. In Athen muss ich auch einen Sprachkurs besuchen, allerdings dachte ich, es wäre nicht schlecht jetzt schon mal ein bisschen zu lernen. Mein absolutes Lieblingswort bzw. Phrase ist „ετσι κι ετσι“ (etsi ki etsi), was soviel wie „so lala“ bedeutet. Das Lesen und Schreiben fällt mir eigentlich relativ leicht, weil es zum Altgriechischen fast gleich ist, aber die Aussprache und das Textverständnis ist noch sehr ausbaufähig.

Also: Γεια σας und bis bald!

 

Herzlich Willkommen

Schön, dass du meinen Blog ließt! Ehrlich gesagt, habe ich keine richtige Ahnung, wie man einen Blog schreibt, aber ich werde es einfach versuchen.

Der Titel dieses Blog „Die Geschichte endet nicht mit uns“ ist ein Zitat, das Sokrates zugeordnet wurde. Ich fand es passend, da die Geschichte Athens nicht mit dem Tod dieses Philosophen endete, sondern immer weiter läuft, sodass ich jetzt auch für ein halbes Jahr diese Stadt erleben darf. Und es werden sicherlich auch in 2400 Jahren andere Menschen nach Athen reisen.

Ich werde im Deutschen Archäologischen Institut Athen arbeiten und freue mich darauf sehr. Seit der 7. Klasse möchte ich Archäologe werden und möchte durch den Freiwilligendienst entscheiden, ob ich Archäologie wirklich studieren soll.

Ich habe letzten Herbst auf einer Studienfahrt Athen kennen und lieben gelernt und habe mich deshalb besonders über meine Zuteilung gefreut.

Einerseits freue ich mich total auf dieses einmalige Erlebnis, darauf eine andere Kultur und Menschen kennen zu lernen, selbstständig zu werden und meine eigenen Entscheidungen zu fällen. Anderseits habe ich auch ein bisschen Angst, auf mich alleine gestellt zu sein. Immer steht die Frage im Raum, wenn ich mich mit Freunden treffe „Sehen wir uns nochmal bevor ich dann so lange weg bin?“. Es ist auch ein ziemlich schade so viele Einladungen und Veranstaltungen zu verpassen. 

Ich hoffe, dass ich diesen Blog regelmäßig führe und von interessanten Dingen berichten kann.