Beobachtungen zur mexikanischen Mentalität

Meine Zeit hier neigt sich dem Ende. Die Tage sind gezählt ( 10 um genau zu sein ). Ich habe hier so viel Besonderes gesehen und erlebt, das ich schon längst hier teilen wollte, doch stets fehlte die Zeit oder der Pepp um mich an den PC zu setzen und alles mal niederzuschreiben. Es handelt sich vor allem um kleine Momente, Augenblicke, bei denen mir kurz der Atem stockt und die mich zum grübeln anregen, zum Beispiel heute morgen:

Auf dem Weg zur Arbeit kreuzten drei Kinder in traditioneller, indigener Kleidung meinen Weg. Der kleinste mag kaum 5 gewesen sein und die älteste Schwester in mexikanischer Tracht so 9. Von den Eltern weit und breit keine Spur. Ich hoffe, dass sie irgendwo auf die Kinder warten. Das Mädchen zog jedenfalls einen Bollerwagen hinter sich her, gefüllt mit Zeitungen und bunten Tulpen, die beiden kleinen Jungs, vermutlich ihre Brüder folgten. Plötzlich machte das Mädchen halt und schaute in meine Richtung. Sie bekreuzigte sich und gab ihrer kleinen Hand nachdem sie damit fertig war einen andächtigen Kuss. Woow, dachte ich, mal halb lang, ich bin noch lange nicht heilig! Bis mir einfiel, dass die Bekreuzigung der Kirche hinter mir gegolten hat. Das machen die gläubigen Mexikaner nämlich immer, wenn sie an einer Kirche vorbeikommen, ja sogar, wenn sie im Bus sitzen und an einer Kirche vorbeikommen. Stets macht man das Kreuzzeichen. Obwohl es im Leben der Mexikaner also viel Platz für Religion und Spirituelles gibt, würde ich nicht sagen, dass die Mexikaner das frommste Völkchen sind. „Fromm“ im Sinne der 10 Gebote. “ Du sollst nicht töten“, wird aufgrund des Drogenkrieges und der leider stets zahlreichen Opfer schonmal außer Kraft gesetzt. “ Du sollst nicht Ehe brechen“, wirkt vor dem Hintergrund, dass es eine sehr beliebte Serie unter dem Titel „betrogene Frauen“ gibt, auch eher lächerlich. Ehebruch bzw. Fremdgehen seitens der Männer kommt glaube ich aufgrund des Machismus noch öfter vor, als dass Frauen fremdgehen. Ein Freund hat mir das neulich so erklärt: Also Hannah, man kann ja als Mann seine Frau haben, die man auch wirklich liebt, seine „Kathedrale“, die fest an einem Ort steht. ABER man muss ja auch, wenn man unterwegs ist anderorts ein paar Kapellen haben… – mit diesem Satz sind wohl beide Punkte: die Religion und die Treue unter ein Dach gebracht. Danke, Beto für diesen tiefen Eiblick in die Denkweise mexikanischer Männer! Obwohl diese Vorstellungen Europäer sicherlich zum schmunzeln bringen oder auf Unverständnis treffen, muss ich sagen, dass die Mexikaner ins gesamt wahnsinnig offene, laute, herzliche, feierlustige und warmherzige Menschen. WARMherzig, nicht barmherzig. Außerdem sind vor Allem die Männer nicht gerade scheu. Ein gutes Beispiel für die Wärme, die sie im Herzen tragen: Ein Schüler, Fernando, hat mich zu der Hochzeit seiner Mutter eingeladen.  Einfach so, ohne irgendjemanden in seiner Familie jemals kennen gelernt zu haben. Da ich immer schon mal auf eine mexikanische Hochzeit gehen wollte, habe ih dankend zugesagt. Ein paar Wochen später dann die Nachricht: Hannah, wen möchtest du zur Hochzeit mitbringen, ich reserviere dir die Karten!… Oh, ich darf sogar in Begleitung kommen, das ist ja nett! Mein Schatz musste leider arbeiten, also habe ich meinen besten Kumpel Irving eingeladen. Auf die Frage, ob ich schon bereit sei für die große Feier, antwortete ich nur scherzhaft: Na klar, nur das passende Kleid fehlt mir noch. Fernando mit seinem großen Herzen wusste natürlich Rat: Meine Schwester leiht dir gerne eines ihrer Kleider! WOW,dachte ich, was kann da noch kommen? Ein Llimousinen-Shuttle, das schon vorbestellt ist? – Also am  Samstagabend fand ich mich im schicken dunkelrosa Chiffonkleid von Fernandos Schwester zuhause wieder und wartete auf meine Begleitung. Die kam wie immer mit den typischen mexikanischen 30 Minuten extra um 8.30 an. Der offizielle Beginn im Festsaal war zu 7.00 angesetzt, jedoch heißt das ja in Mexiko 8 und plus den typischen 30 Minuten kamen wir also genau pünktlich zum Essen.

Am selben Abend lernte ich meine neue Mitbewohnerin Maria aus München kennen! Sie war 3 Tage vorher eingezogen, als ich bei der Arbeit war und daraufhin hatten wir uns immer verpasst und der Austausch fand nur über einen Collegeblock auf dem Wohnzimmertisch statt! Ihr Schreibstil und die Tatsache, dass sie eine InStyle dort liegen gelassen hatte, waren mir schonmal sympathisch. Maria kam am Samstag jedenfalls gerade durch die Haustür herein, als ich im rosa Partydress mit Schleppe und Schleife, Highheels und Lipgloss durch die Wohnung schwebte. Ich verkniff mir den Spruch “ aaach ich bring nur schnell den Müll raus und dann geht`s zurück aufs Sofa..“  sondern warnte sie direkt: “ Nicht erschrecken! Ich lauf hier nicht immer so rum, aber ich gehe gleich auf eine Hochzeit!“

fertig für die Hochzeit von Fernandos Mama! Mir wurde auf diesem Bild eine gewisse Ähnlichkeit zu Britney Spears unterstellt...

fertig für die Hochzeit von Fernandos Mama!
Mir wurde auf diesem Bild eine gewisse Ähnlichkeit zu Britney Spears unterstellt…

Irving hatte dann, als er endlich ankam (mittlerweile stört mich die Unpünktlichkeit übrigens gar nicht mehr so:) ) auch das Glück Maria kennenzulernen und lud sie prompt auch zur Hochzeit ein. Im ersten Moment dachte ich: Oh Mist, dabei hab ich doch nur 2 Einladungen bekommen! Bis mir wieder einfiel: He tranquiiila- Du bist in Mexiko! Hier ist das so. Man nimmt mit wen und wieviele man will und ist immer gern gesehen. Hauptsache alle haben gute Laune! Eine tolle Mentalität, dachte ich mir. Viel entspannter und unkomplizierter. Ich hoffe diese Einstellung kann ich mir auch im komplizierten Deutschland noch einige Zeit beibehalte. Ich tue mein bestes, Freunde.

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