Archive for Jun. 2010

Kaffee statt Bier

Was macht man, wenn man gegen den Regen nichts machen kann? Man feiert ihn. Diese Woche ist „Festival de Lluvia“, also das Fest des Regens in Puerto Varas. Das heißt man isst viel, die Schaufenster sind mit Regenschirmen geschmückt und am Ende der Woche gibt es einen Ball, zu dem ich aufgrund des Vorlesewettbewerbs und dem dadurch anstehenden Besuch von Caro nicht hingehe. Im Rahmen dieses Festivals möchte ich übrigens stolz berichten, dass ich es bis jetzt immer noch mit Chucks ausgehalten habe. Wobei das heute auf dem Weg zu meiner persönlichen Weinprobe hart auf die Probe gestellt wurde, vielleicht kauf ich mir jetzt doch besser wasserfeste Schuhe.

Seit Buenos Aires bin ich inzwischen circa einen Monat wieder da. Meinen doch sehr späten Blogeintrag begründe ich mit meiner bereits vorher erwähnten chilenischen Integration (mañana) sowie meinem inzwischen doch recht ausgeprägtem sozialen Leben und dem Gefühl, hier im Land einfach mal leben zu wollen, ohne über Deutschland nachzudenken (das tu ich dann hinterher sicher schon ausreichend). Die wichtigsten Ereignisse nun hier:

Ich hatte ein Evaluationsgespräch mit meiner Betreuerin, dessen Ausgang war, dass ich jetzt die 8. Klasse nicht mehr als Kurs unterrichte, weil ich auf einmal doch keine Noten mehr geben darf, dafür jetzt aber in der Bibliothek arbeite und in der 8. Klasse auf Bitten der Schüler („Aber Fraaaau, bei Ihnen lerne ich doch etwas! Ihr Spanisch ist zu schlecht, da muss ich Deutsch verstehen!“ – und da denkt man, die mögen einen nicht, weil man so streng ist) einmal pro Woche gezielte A2-Vorbereitung anbiete . Die Arbeit in der Bibliothek gestaltet sich als sehr angenehm, die Bibliothekarin Marlene legt viel Wert auf Ruhe und eine angenehme Atmosphäre, sodass Teepausen und Entspannungsmusik an der Tagesordnung sind. Zwischendurch sortiere ich dann die deutschen Bücher und werde wohl demnächst auch ein Register erstellen.

Sasha hat ihren Freiwilligendienst hier beendet und wir haben ein kleines Despertido mit Empanadas (gefüllt mit Krabben, Weißweinsoße und Käse… mhhh) gemacht, wo ich auch den Schweizer Michael kennen gelernt habe, der hier für Nestlé und seine Bachelorarbeit die Milchbauern auf Nachhaltigkeit überprüft und bei mir um die Ecke wohnt. In seinem Hostel darf er die Küche nicht benutzen, also hängt er jetzt immer bei uns ab, was aber wiederum dazu führt, dass ich weitaus mehr essen gehe (das beste Restaurant bis jetzt: Alessandros) und auch weitaus mehr und besser koche als vorher.

Vorletzte Woche musste ich dann auch erst mal feststellen, dass Brandschutzbedingungen in Discos hier nicht unbedingt ganz so ernst genommen werden. Zwei Feuerwerfer neben dem DJ-Pult, die ebendieser jedes Mal, wenn ihm die Stimmung zu „frio“ war, angeworfen hat (also alle fünf Minuten) fand ich schon ein wenig bedenklich, die Menge aber anscheinend sehr cool. Es lebe die Sorglosigkeit.

Das größte Thema momentan ist natürlich auch Fußball… das erste Deutschlandspiel haben wir bei unserem Trip nach Valdivia (ca. 3 Stunden nördlich am Meer, man kann dort Seehunde, einen Fischmarkt, die Kunstmannbrauerei, diverse Forts und die Universität Austral angucken) geguckt, und zwar bei Kaffee und Kuchen, denn aufgrund der Zeitverschiebung laufen die WM-Spiele hier zwischen 7.30 und 16.30 Uhr. Unsere Schule hat für die Spiele der chilenischen Mannschaft auch ein Public Viewing in der Sporthalle organisiert, Mittwoch sind wir dann also um 7Uhr zur Schule getingelt, um rechtzeitig um 7.30 mit Kaffee und Sandwich von dem Frühstücksbuffet (statt Bier und Bratwurst…) das Spiel gucken zu können. Komische Erfahrung, man ist um die Uhrzeit auch noch nicht so wirklich in Stimmung, aber das hat sich dann innerhalb einiger Minuten geändert.

Ich betätige mich nun auch endlich wieder sportlich, und zwar mache ich zwei mal die Woche in der Casa de Yoga Hatha Yoga – sehr entspannend, man lernt alle Körperteile auf Spanisch, und dass der Saluda del Sol (Sonnengruß) alles andere als unanstrengend ist. Im Kurs habe ich Maria-Fernanda kennen gelernt, die eine Zeit in Deutschland gelebt hat und gerade mit ihrem Mann und ihrer Tochter von Santiago nach Puerto Varas gezogen ist, mit der gehe ich jetzt Mittwochs immer noch einen Kaffee trinken.

Kommen wir zum Schluss noch zu dem Wichtigsten:  mein Geburtstag. Meine Geschenkebilanz besteht neben Geld aus zwei Schals und einem riesigen Stück Käse, sodass ich mich ausreichend für den Winter gerüstet fühle. Außerdem habe ich von Rebecca eine chilenische Geburtstagstorte (so wie Kalter Hund nur mit Manjar statt Schokolade) bekommen und wir sind auf Anraten von Liska zu La Rada essen gegangen (sie hätte nur vorher erwähnen sollen, dass es sich hierbei um eine Fischrestaurant handelte.. sie hatten aber ganze drei Gerichte ohne Fisch.). Danach gab es noch eine Art Poetry-Slam / Musiknacht in der BarUrbano, wo Michel Gitarre gespielt hat und ich die Gedichte auf Spanisch zu circa 70% verstanden habe. Ein voller Erfolg also.

Viva Buenos Aires!

Und hier der versprochene Bericht meines achttägigen Ausfluges in die argentinische Hauptstadt, inklusive fünftägiger Reflexion meines bisherigen Freiwilligendienstes.

Ich werde hier keinen detaillierten Bericht verfassen, denn das würde auch das Fassungsvermögen meiner geduldigsten Leser sprengen, sondern nur eine kurze Zusammenfassung schreiben.

Buenos Aires:

Kurz gesagt: Herausragend. Eine sehr beeindruckende Stadt, vor allem wenn man aus dem beschaulichen Puerto Varas kommt. Im Vergleich zu Santiago scheint diese Stadt quasi aus Kolonialbauten zu bestehen, das könnte auch daran liegen, dass sie nicht alle paar Jahre von den stärksten gemessenen Erdbeben heimgesucht wird (aber das ist natürlich nur eine Vermutung). So saß ich im Flieger auch neben einer Dame, die im Erdbebengebiet arbeitet und eine Woche Urlaub „in einer erdbebenfreien Stadt“ machen wollte. Insgesamt gibt es neben dem immer belebt erscheindenen Microcentro auch beschaulichere Gegenden, in denen sich eine eigene Stadtteilkultur entwickelt hat und in denen man – abgesehen von den Hochhäusern und dem Fakt, dass es eine Metro, eh, sorry, Subte gibt – fast denken könnte, man sei ebenfalls in einer Stadt mit nicht mehr als 100.000 Einwohnern. Buenos Aires zeichnet sich, wie alle Metropolen, durch Gegensätze aus: Partyleben versus beschauliche Parks und Stadtteilen mit einem etwas höheren Durchschnittsalter, Stadtvillen versus Armenvierteln neben der Eisenbahn, in der die Kinder Müll sammeln müssen um zu überleben, Ramsch versus hochwertiger Lederwaren im Straßenverkauf (ich frag mich immer noch, wie die Leute, die diese Gummitomaten, die auseinanderfletschen und sich dann wieder zusammenziehen, wenn man sie auf den Boden wirft, verkaufen, überleben können. Na, wenn das mal nicht ein schöner deutscher verschachtelter Satz war.), Lebende versus einen nur aus Katakomben bestehenden Friedfhof. Gruselig. Und BÜCHERLÄDEN. Überall. Und alle so günstig. Wenn man einmal in Chile mit einer Büchersteuer gelebt hat, weiß man das auf einmal wieder zu schätzen, nur 10-15€ für ein Buch zu bezahlen (versus 20-40 hier. Für ein Buch mit Softcover, wohlgemerkt). Eines meiner Highlights war auch ein Buchladen, der in einem alten Theater gebaut worden ist. Hätt ich stundenlang drin bleiben können, aber der Hunger hat mich dann doch wieder rausgetrieben.

Ich habe von allem ein bisschen mitgenommen, also Sightseeing gemacht, mein Konsumbedürfnis befriedigt (Handtasche \o/), kulturelle Angebote im Rahmen der Feierlichkeiten des Bicentenarios (200Jahrfeier Argentiniens, die genau während meines Aufenthalts war – wusst ich gar nicht, war aber sehr positiv überrascht) wahrgenommen und ausreichend das argentinische Nachtleben genossen, inklusive privater Elektroparty, die am Ende von der Polizei aufgelöst wurde (weil Partys und Discos in der Woche seit neuestem nur noch bis 5 Uhr morgens erlaubt sind), einer ganz merkwürdigen Spelunke zum Abschlussbier, sowie diverser Raggaetonpartys (in Deutschland würde ich das ganze wohl auch für sexistischen Mist halten. Aber ich bin ja in Südamerika, da darf ich mainstream sein). Wobei ich ganz ehrlich sagen muss, dass Ausgehen in Buenos Aires in einer Hinsicht nur mäßig Spaß macht, und zwar weil man sich als Frau einfach ziemlich in Acht nehmen muss, inbesondere als europäische Frau in rein argentinischen Clubs. Wir wurden von unseren männlichen Begleitern mehrmals gewarnt, bloß niemandem in die Augen zu gucken und auch ja nicht zu lächeln, sonst würden wir uns vor „Bewerbern“ nicht mehr schützen können, und so war das dann auch. Wirklich schlimm fand ich den Moment, als ich über eine Tanzfläche gegangen bin und von hinten gepackt und in eine Ecke gezogen wurde, während mein „Entführer“ mir irgendwelche Sachen in mein Ohr geflüstert hat. Ich habe hinterher herausgefunden, dass das halt deren Art zu flirten ist und dass das ganz normal sei – aber wenn einem das in einer fremden Großstadt, die nicht ganz ungefährlich sein soll, mitten in der Nacht in einem Club passiert, hat man schon erst mal ein bisschen Panik.

Zwischenseminar:

Ich hatte bei meiner Ankunft überhaupt keine Lust, da weitere 5 Tage Zwangsreflexion für mich persönlich nicht gerade verlockend klangen (ist ja auch nicht so, dass ich das hier nicht ständig für mich selber mache). Effektiv waren einige Teile auch Wiederholung, da man sich mit den meisten Teilnehmern vorher schon ausgetauscht hatte. Auf der anderen Seite wurden so die eigenen Gedanken noch einmal methodisch fokussiert und ausformuliert, was dem zeitweilige sich im Kreis drehen dann doch ein Ende gebracht hat.

Wobei ein Seminarort wie Buenos Aires schon gefährlich ist, ich selber habe es drei Tage hintereinander geschafft, mit 2-4 Stunden Schlaf pro Nacht auszukommen, das hat sich dann aber am 4. Tag gerächt und ich bin fast über meinem Cocktail eingeschlafen. Einige Seminarteilnehmer, die allgemein schon von Unlust gekennzeichnet waren, sind durch die vielen Ausgehmöglichkeiten abends wohl noch weniger motiviert gewesen, teilnzunehmen, was sich auch in den bei Trainern sehr beliebten WUPS (Warm-Ups) abgezeichnet hat. Ich fand es nicht so schlimm wie erwartet, eher angenehm (danke für die Geduld der Trainerinnen und den Kaffee…), also, alles gut. Rio!! Dididididididididi…

Spannend war es auch, dass wir am ersten Abend einen Tangokurs im Hostel gemacht haben (um meinen Latinatanzkünsten den letzten Schliff zu geben, ich bin jetzt im jeden der hier gängigen Tanz natürlich perfekt), und dank meines mir treuen Tanzpartners Adam (er ist auch beim Partnerwechsel einfach bei mir geblieben) hatte ich die Chance, bis zum Ende mitzumachen (die Hälfte der Gruppe ist auf mysteriöse Art und Weise nach und nach verschwunden). Leider war es mir nicht vergönnt, meine Tanzkünste in einer Tangeria zum Besten zu geben, könnte auch an mir selber gelegen haben.
Hier noch die paar Bilder, die ich habe (wer schickt mir mehr?):

Noch eine kleine Anmerkung: Die fehlende Heizung in meiner WG hat mir so zu schaffen gemacht, dass ich doch umgezogen bin (das ist so einfach, wenn man nur einen Koffer packen muss). Ich wohne jetzt mit Cristián und May zusammen (Chilene und Norweger) in einem kleinen Haus ein bisschen weiter vom Zentrum, aber immer noch laufbar. Und mit einem riesen Garten, Hühnern, einem Hund, einer Katze (yay!) und einem Trampolin.

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