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Tag 145 – Am rauschenden Bach

Wie sieht ein perfekter Tag in Rijeka aus? Natürlich, sonnig und in guter Gesellschaft.

Heute Morgen ist nach Arne auch Christian aus Pula in Rijeka eingetroffen. Pünklich um neun Uhr steht er am Bahnhof, der Arme musste heute früh aufstehen. Aber wer tut das nicht gern, mit der Aussicht, in die schönste Stadt Kroatiens zu fahren?

Vom Busbahnhof geht es direkt an den Hafen: Erste Kaffeepause im strahlenden Sonnenschein. Danach ein Spaziergang die endlos lange Mole entlang. Der Blick auf den Hafen und die Stadt weitet sich, Wind- und Wettergegerbte Fischer flicken ihre Netze. Am Ende des Piers, am kleinen grünen Leuchtturm, machen wir eine Pause. Der Wind ist kalt, die Sonne warm – solange man sich flach auf den Beton legt, ist alles wunderbar. Klar und deutlich zeichnet sich Ucka im Westen ab, die Inseln Cres und Krk über dem Blau des Meeres und die Bergkette des Velebit im Süden.

Mit Rückenwind geht es zurück in die Stadt. Wir durchqueren das Gewusel des Marktes und stillen unseren Frühstückshunger mit Berlinern und Schokocroissants. Die Kulisse dafür: Das Nationaltheater, vor dessen Eingang die Ankündigung von „La Traviata“ hängt (die Oper, die ich mir übernächste Woche einmal anschauen werde). Frisch gestärkt geht es erneut hinauf nach Trsat. Doch: Zwei Tage, zwei komplett unterschiedliche Aussichten. Heute strahlt Rijeka wie blank poliert. Dafür ist der obere Turm gesperrt und bei der heißen Schokolade wurde an der Sahne gespart. Nun, man kann eben nicht alles haben.

Außerdem ist unsere Zeit begrenzt, denn um 12:30 Uhr haben wir uns mit Dosi und Arne verabredet. Dosi hat uns auf einen Ausflug nach Istrien eingeladen und wer würde da schon „nein“ sagen? Ein bisschen später wird es am Ende doch (oder wie Arne zu den fast zwei Stunden sagen würde „samo malo“), aber was dann kommt, ist jedes Warten wert: Mit kroatischer Gute-Laune-Musik (die ich nach so vielen Fahrten in Dosis Auto schon auswendig mitsingen kann) düsen wir gen Westen. Zuerst entlang der Küstenstraße mit atemberaubendem Blick über die Bucht, dann durch den Ucka-Tunnel. Es ist meine erste Durchquerung des gewaltigen Bergmassivs und wirklich geheuer ist mir bei so viel Stein über dem Kopf nicht. Aber Dosi bringt uns sicher hindurch und so können wir auf der anderen Seite die Hügellandschaft Istriens bestaunen. Und nicht nur das: Die Straße, eine einzige Dauerbaustelle, ist gesäumt von Puppen in Bauarbeitermontur, die mechanisch Warnfähnchen schwenken. Witzig, wenn es nicht die Straße mit den meisten tödlichen Unfällen wäre. Denn wie Dosi uns erzählt: Die schlimmsten Autofahrer, keine Frage, dass sind die aus Pula (gell Christian 😉 ).

Ganz zurück in Christians kroatische Heimatstadt fahren wir allerdings nicht. Unser Ziel für heute ist Pazin, ein kleines, verschlafenes Örtchen mitten in der Pampa. Dort angekommen laufen wir durch leere Straßen. Viele der Läden (und sogar Cafes und Restaurants) haben geschlossen. Erst bei der Burg, der Haupt- (und wahrscheinlich einzigen) Attraktion des Städtchens treffen wir auf eine andere Gruppe. Direkt neben der Burg geht es steil bergab. Und auch wenn wir es – selbst durch das winterlich ausgedünnte Gestrüpp – nicht sehen können, dort unten rauscht ein Fluss und verschwindet unter den Felsen.

„Geht nicht nach Pazin“, hat meine Mitbewohnerin uns heute Mittag noch nachgerufen, „geht nach Motovun, da ist es schöner“. Auf dem Weg zurück zum Auto beginne ich, ihren Worten glauben zu schenken. Keine halbe Stunde später allerdings, sind alle Zweifel verflogen: Denn am Ende einer etwas abenteuerlichen Schotterstraße mitten im Nirgendwo (die seriöse Frauenstimme des Navis hatte uns schon mehrfach zum Wenden aufgefordert) landen wir in einer ländlichen Oase. Am Grunde eines halsbrecherischen Geröllwegs fließt ein breiter, flacher Bach. Zuerst einmal nichts Besonderes. Doch kommt man näher, erkennt man, dass das kühle (oder sagen wir besser eiskalte) Nass über einen unterhöhlten Felsrand ein, zwei Meter in die Tiefe stürzt. Im Sommer, so Dosi, kann man von hier ganz prima ins Wasser springen. Und es fehlt tatsächlich nicht viel, dass ich mich bis auf die Unterwäsche ausziehe und hineinhopse.

Stattdessen tapse ich zumindest auf nackten Füßen durch das Wasser, konzentriert darauf, nicht auf dem glitschigen Felsuntergrund auszurutschen. Wir quatschen, kraxeln und haben Spaß wie die Kinder. Staunend schauen wir einem Land Rover dabei zu, wie er zuerst durch die Böschung hinab zum Fluss und dann durch das Wasser fährt. Dann kehren schließlich auch wir diesem versteckten Kleinod den Rücken.

„Hunger“ meldet mein Bauch und bei Christian und Arne (der allerdings immer Hunger hat) sieht es nicht anders aus. Gut also, dass unser nächster und letzter Stopp eine gemütliche „Konoba“ alias Taverne darstellt. Auch die ist ein Geheimtipp unter Einheimischen und daher am Ende einer anderen Straße ins Nirgendwo versteckt. Das Essen dort ist dementsprechend ein wahres Fest, auch wenn uns der Abend noch einmal spüren lässt, das März einfach noch kein Sommermonat ist. Mit voll aufgedrehter Heizung düsen wir schließlich zurück gen Viskovo. Hinter uns ein farbenprächtiger Sonnenuntergang, vor uns die goldenen Lichter Rijekas.

Zu Hause noch ein Küsschen links und rechts, freudiges Schwanzwedeln und Niesen (ein sicheres Anzeichen dafür, dass Medo sich freut), ein Zoom-Gespräch mit den neuen Freiwilligen (das halb unter albernem Gekicher untergeht – tut uns echt Leid) und jetzt ein warmes Bettchen. Ich meine – was will man mehr?

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