Mein Leben hier

Mein Leben hier

Über einen Monat bin ich nun hier in Drohobytsch und mittlerweile hat sich alles mehr oder weniger eingespielt.

Die Schule beginnt um halb neun, ich verlasse das Haus um circa 10 nach acht und brauche, je nachdem wie schnell ich gehe, 15 Minuten zur Schule. Das ist echt total angenehm, genug Zeit um wach zu werden, seine Gedanken zu sortieren und nach der Schule schon etwas entspannen zu können. Ich bin auch sehr froh, dass ich bei meiner „Gastfamilie“ gelandet bin, sie besteht ja quasi nur aus der Mutter. Als ich erfahren habe, dass ich nur mit der Mutter zusammen wohnen werde, war ich schon enttäuscht und habe noch versucht, eine andere Möglichkeit zu finden. Im Endeffekt bin ich sehr zufrieden hier. Meine Gastmutter ist sehr selten zu Hause, bzw. zu anderen Zeiten als ich. Wir sehen uns meistens nur Abends kurz. Durch das Sprachproblem reden wir auch nicht viel, nur das nötigste wird über Google Übersetzter geklärt, was ich zwar sehr schade finde, aber eine wirkliche Alternative gibt es auch nicht. Ich kann, wann immer ich will kochen oder meine Wäsche waschen. Ich habe also die selben Freiheiten wie in einer eigenen Wohnung. Und dass ich Weihnachten mit meiner Gastfamilie feiern kann und so die ukrainischen Traditionen aus erster Hand miterlebe, finde ich besonders toll.

Mein Schultag endet meistens zwischen 14 und 15 Uhr. Dann esse ich zu Hause etwas (das Essen in der Schulmensa versuche ich so oft wie es geht zu vermeiden) und gehe meistens trainieren. Danach treffe ich ich entweder mit „Freunden“ in der Stadt und wir gehen Essen oder Spazieren. Oder ich gehe alleine nochmal durch die Stadt oder einkaufen. Jetzt wo es noch länger hell ist und das Wetter so schön ist, möchte noch so viel wie möglich draußen sein. Danach bereite ich die Unterrichtsstunden vor und mache noch verschiedene Dinge, die so anfallen. Insgesamt habe ich natürlich viel Freizeit, aber im Moment bin ich mit so vielen anderen Dingen ziemlich beschäftigt, was natürlich sehr schön ist. Mal nichts zu tun zu haben hatte ich lange nicht mehr. Aber die Zeiten kommen bestimmt auch wieder. Eigentlich ganz witzig, wenn ich überlege, dass ich vor drei Wochen noch so Angst hatte, keine Beschäftigungen zu finden.

In der Schule spielt sich alles immer mehr ein.

Am Anfang hatte ich ja Zweifel, ob ich mich überhaupt einbringen kann, weil der Unterricht ja so durch getaktet ist. Das hat sich aber als falsch dargestellt. Die Lehrer nehmen mein Angebot etwas vorzubereiten immer an, und lassen mir so viel Zeit, wie ich brauche. In der zweiten Hälfte langweile ich mich dann schon ziemlich, da werde ich kaum gebraucht, aber schließlich habe ich vor 3 Wochen noch gar nichts im Unterricht gemacht, und jetzt sind es 20 Minuten. Mit der Zeit kann ich bestimmt auch mehr Zeit in Anspruch nehmen, aber da ich gerade noch ausprobiere, was gut funktioniert, bzw. auch noch viel Zeit für die Vorbereitungen brauche, bin ich ganz froh, erst mal nur die erste Hälfte planen zu müssen, auch wenn ich mich dann langweilen muss.

Manche Aufgaben laufen nicht so gut, oder nicht wie vorgestellt, aber die SchülerInnen merken das meistens gar nicht und die Lehrer sind bis jetzt auch immer zufrieden, auch wenn es nicht ganz funktioniert hat, also zu schwer/leicht oder zu chaotisch war.

Ich glaube, sie wollen einfach, dass die SchülerInnen Muttersprachler hören können und mal etwas anderes machen, als den gewöhnlichen Unterricht. Aber ich habe jetzt schon ein besseres Gefühl, was in der Praxis leichter umzusetzen ist und was nicht. Arbeitsblätter klappen eigentlich immer, sind dafür aber nicht besonders aufregend. Kleine Spiele und kreativer Aufgaben machen meistens den SchülerInnen mehr Spaß, aber das kann dafür auch manchmal ganz schön chaotisch werden.

Was das angeht, brauche ich aber einfach noch ein bisschen Zeit, was aber glaube ich normal ist, schließlich habe ich das vorher alles noch nie gemacht. Aber wie schon erwähnt, die Lehrer sind sehr gelassen, geben mir Tipps, aber erheben wenig Ansprüche.

Bei meinem Projekt läuft es leider nicht so gut. Wie schon erwartet, gab es wenig bis kein Interesse, was ich mir schon fast gedacht habe. Ich hätte in der 10.Klasse auch keine Lust gehabt, an einer Art Lese-AG teilzunehmen. Ich habe extra die Schülerinnen an die bevorstehende DSD-Prüfung erinnert, und dass es eine super Vorbereitung wäre, aber in der 10. Klasse kann ich noch so viel machen, da ist einer gelangweilter als der andere. Am Anfang habe ich das noch persönlich genommen, aber bei meine Vorträgen sind sie genauso drauf, wie beim restlichen Deutschunterricht auch.

Beim Vorbereitungsseminar wurde uns einmal gesagt, dass wir während dem FSJ mehr mitnehmen, als wir geben. Und dieses Gefühl habe ich im Moment sehr stark. Wenn ich eine Aufgabe in der Klasse mache, frage ich mich jedes Mal, warum sie mich dafür jetzt brauchen. Die Lehrerinnen sind natürlich immer in der Klasse, in den jüngeren Stufen müssen sie ab und zu übersetzten. Die Arbeitsblätter, die ich selber mache oder aus dem Internet suche, gibt es so in der Art auch in dem Arbeitsbuch der SchülerInnen. Und auch die anderen Sachen könnten ohne Probleme die Lehrerinnen machen, bzw. eigentlich machen sie es auch, nur jetzt, wo ich da bin, übernehme ich es halt. Natürlich ist der Aspekt, dass ich Muttersprachler bin, ein Grund, warum ich dann doch „hilfreich“ bin, aber trotzdem fühle ich mich etwas „nutzlos“. Das liegt aber nicht unbedingt daran, dass ich zu wenig Arbeit habe.

An den Kindern verzweifel ich echt manchmal. Entweder sie können mich wirklich nicht verstehen, egal wie langsam und oft ich es ihnen versuche zu erklären, oder sie sind zu unkonzentriert, beides kommt vor. In den jüngeren Klassen ist es einfach schwer nur auf Deutsch zu kommunizieren, da brauche ich fast immer noch die Lehrerin, die älteren SchülerInnen sind teilweise so gelangweilt oder unmotiviert, dass ich mir da auch dumm vorkomme.

So ganz erfüllt mich die Arbeit deswegen leider nicht.

Aber das ist am Ende wirklich nur eine Kleinigkeit, ansonsten habe ich es an meiner Schule glaube ich echt gut angetroffen, ich bin froh immer mehr machen zu können und für ein paar Monate ist die Arbeit für mich auch in Ordnung. Ich muss einfach akzeptieren, dass ich nicht viel „verändern“ kann. Die 10. Klässler bekommen nicht plötzlich Lust auch den Deutschunterricht und die 4. Klässler werden nicht automatisch konzentrierter und verstehen alles auf Deutsch.

Ich unternehme immer mehr mit den Deutschstudentinnen, da habe ich viele Kommilitoninnen kennen gelernt. Wir waren schon zusammen in Lviv und in Drohobytsch Kaffee trinken oder Sushi essen. Ich bin total froh, dass ich in dieser Gruppe so Anschluss gefunden habe, auch wenn es bis jetzt noch sehr oberflächliche Gespräche sind. Sie schreiben gerade alle ihren Master, sind natürlich auch deutlich älter als ich, aber ich verstehe mich mit allen trotzdem sehr gut. Da bin ich auch gespannt, wie sich das in den nächsten Monaten entwickelt.

Ich war auch noch mit anderen 11. Klässlern in der Stadt, die, wer hätte es gedacht, auch so wenig Zeit haben. Aber Samstags nachmittags/abends treffen sich die meisten zum Spazieren gehen, da war ich die letzten Male dann auch dabei.

Richtige Freundschaften habe ich natürlich noch nicht geschlossen, aber in letzter Zeit kann ich mich auf jeden Fall nicht über zu wenig sozialen Kontakten beschweren.

Ich habe mich ja schon damit abgefunden, mehr Zeit alleine zu verbringen, da war es fast schon ungewohnt die letzte Zeit wieder so viel mit anderen zu unternehmen. Aber natürlich freue ich ich total, dass ich immer neue Leute kennen lerne. Auch wenn es nur 2 Stunden in einem Café oder während einem Spaziergang ist, die ich mit anderen zusammen verbringe, lerne ich immer mehr über die Ukraine, die Gewohnheiten und über die Menschen hier kennen, sodass die Treffen mein Bild jedes Fall erweitern.

Durch die fehlende Kommunikation muss ich dann etwas spontaner sein..

Letztes Wochenende war ich zusammen mit anderen Abendessen. Ich bin ziemlich kaputt extra etwas früher nach Hause gekommen, um noch mit einer Freundin zu skypen und früh ins Bett zu gehen. Daraus wurde leider nichts. Meine Gastmutter war das Wochenende über bei ihrem Vater und hat am Sonntagabend Freunde eingeladen. Ganz selbstverständlich wurde ich eingeladen Platz zu nehmen und bevor ich irgendetwas sagen konnte, wurde mir schon das Essen serviert. Für mich gab es dann noch ein zweites Abendessen mit selbstgemachten Wein von meinem „Gastopa“, Zartbitterschokolade, die ich schon echt vermisst habe, und Vanilleeis mit Kaffee. Den Kaffee gab es aber nicht dazu, sondern er wurde über das Eis geschüttet, vielleicht war das die ukrainische Form vom Eiskaffee.. Aus dem Skypen und früh ins Bett gehen wurde dann eben nichts mehr. Aber auch wenn ich natürlich nicht viel verstanden habe, war es ein echt schöner Abend mit gutem Essen und ein paar Mal mitlachen konnte ich auch so:)

Und meinen ersten kleinen Erfolg beim Sprachen lernen hatte ich auch. Als ich abends gelesen habe und ein unbekanntest Wort gelesen habe, habe ich es automatisch nach dem kyrillischen Alphabet gelesen. Erst etwas später habe ich gemerkt, dass es kein wirklichen Sinn ergibt und habe mich dann gleich gefreut. Das zeigt zumindest, dass ich in der letzten Zeit ukrainisch gelernt habe.

Und ich wundere mich mittlerweile auch nicht mehr, wenn sich ein Hund im Supermarkt verwirrt hat, es aber keinen interessiert. Oder wenn die SchülerInnen in der 11. Klasse einfach mitten im Unterricht gehen, weil sie zur Nachhilfe müssen. Hier wird die Nachhilfe als wichtiger angesehen als der Unterricht selbst.

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