Kulturexkurs: Karneval in Montevideo

Pünktlich zum Ende der Faschenacht (in Deutschland) berichte ich nun über den Karneval in Uruguay.

Der montevideanische Karneval (der sich doch stark vom brasilianisch geprägten im Norden von Uruguay unterscheidet) ist der längste der Welt, weshalb ein Großteil von uns Uruguay-Freiwilligen das letzte Wochenende in der Hauptstadt verbracht haben, um uns das Treiben anzuschauen.

Ein zentraler Aspekt waren die Llamadas, die hiesigen Karnevalsumzüge, bei denen die verschiedenen Candombe-Gruppen (spät-)abends durch die Calle Isla de Flores ziehen.

Der Ablauf innerhalb einer dieser Gruppen ist für gewöhnlich wie folgt: 

Zunächst kommt ein Banner mit dem Namen der Gruppe, oftmals folgen kleinere mit Sponsoren bzw. Werbung. Danach folgt die Gruppe der Fahnenträger, die ihre Stofffahnen hin und her und auch über die sich nach ihnen reckenden Hände der Massen schwenken, hiernach einige Personen, die Monde und Sterne an langen Stöcken tragen. Jetzt folgt eine große Gruppe an Tänzerinnen, die immer wieder stehen bleiben und in Formation ihren Tanz aufführen. Hinter ihnen kommen ältere Leute, meist in Paaren, die Frauen in wallenden Kleidern (als „Mama Vieja“) und die Männer in Anzug mit Stock, Hut und Rauschebart, auch wenn letzterer in den seltensten Fällen echt und oftmals umgehängt ist. 

Ihnen folgen ein oder zwei Samba-Tänzerinnen mit Federschmuck und für gewöhnlich auch ein bis zwei Männer (ihre Tanzpartner?), die besonders farbenfrohe und ausgefallene Anzüge tragen.

Den Schluss machen die Candombe-Musiker, die unter ohrenbetäubendem Trommeln vorbeiziehen. Zu allerletzt kommt nochmals ein Banner, bevor mit großem Abstand die nächste Gruppe in etwa gleicher Anordnung folgt. Den leeren Raum zwischen den Gruppen nutzten Kinder, um auf der Straße zu tanzen, und auch die zuschauenden Erwachsenen bewegen sich rhythmisch zur Musik.

(Wir halten nicht bis zum Ende des Zuges durch, sondern gehen “schon” gegen halb Zwei, da wir noch etwas essen wollten.)

Ein andere typische Facette des Karnevals hier sind die Theaterwettbewerbe zwischen den verschiedenen Murga- und Humoristengruppen. Die Murga ist eine Form des politischen Gesangstheaters und wird dazu genutzt, die politischen Verhältnisse im Land zu kritisieren. Man kann sich das ein bisschen wie eine Mischung zwischen einem Musical und einer politischen Büttenrede vorstellen. 

(Auch bei dieser Veranstaltung halten wir nicht bis zum Schluss durch, sondern gehen noch vor Ende.)

Eine Murga

Was mich überrascht hatte, war, dass man den Karneval wirklich nur abends und eben während der Veranstaltungen mitbekam, tagsüber sah ich nichts in der Art, auch die Häuser und Schaufenster waren nicht besonders geschmückt. Hier dominierte eher die Valentinstagsdeko.

Die überwiegend sonnigen Tage verbrachten wir daher in Museen, im Punta Carretas Shopping und im Parque Rodó, wo wir Unmengen an Churros aßen. Da wir aber nie zu lange Glück mit dem Wetter in Montevideo haben können, verabschiedeten wir uns montags im strömenden Regen von der Stadt und denjenigen Freiwilligen, die in wenigen Tagen schon wieder nach Deutschland zurückreisen. 

Fahrradfahrer im Parque Rodó
Die Feria de Tristán Narvaja

Aber was ist mit Weihnachten?

Ich kehre nun nicht widerwillig, aber doch mit einer gewissen Unlust zu diesem Stiefkind meiner Berichterstattung über mein Auslandsjahr zurück (hört einfach den Podcast oder folgt mir auf Instagram, da bekommt ihr in etwa die gleichen Informationen, nur schneller), wo man die dritte Version meiner Erlebnisse zu lesen findet. 

Die wohl größte Sorge meiner Mutter, nachdem Zielland und all das feststanden, war wohl die obige Frage: Wie würde ich Weihnachten verbringen?

Da mittlerweile das Alte Jahr verstrichen ist, kann ich über ebendiese Zeit zwischen den Jahren berichten. Während meines letzten Artikels war ich noch in Atibaia und von dort aus ging es nach Itajobi in die Limettenanbauregion Brasiliens. In dieser Kleinstadt wohnen die Geschwister meiner Tante; ich kam bei ihrem Bruder unter, sie und mein Onkel bei ihrer Schwester. Ich wurde sehr herzlich aufgenommen und verbrachte meine Zeit hier hauptsächlich mit der Familie und damit, zu essen. Die kleine fünfjährige Nichte meiner Tante und die große Auswahl an Fruchtsäften, die man überall kaufen kann, sind Gründe, warum ich jetzt zumindest die Namen verschiedener Obstsorten auf Portugiesisch kenne. 

Über das Essen in Brasilien kann ich Gutes berichten: Natürlich gibt es hier eine Vielzahl frischer Früchte, die ich auch in regen Mengen aß, entweder frisch oder zu Saft verarbeitet. Auch das Grundnahrungsmittel, nämlich Reis und Bohnen, sagte mir zu. Ein kleineres Gericht, dessen Zubereitung immer noch Fragen in mir aufwirft, ist Tapioca. In Brasilien wird aus relativ grobgemahlenem Manniok ein Fladen in der Pfanne ausgebacken, der dann entweder süß oder herzhaft belegt gegessen wird. Wie dieser Fladen zusammenhält, blieb mir ein Rätsel.

Wie ich nun so in Brasilien war, fasste ich ziemlich spontan den Entschluss, mir auch Rio de Janeiro anzuschauen. Gesagt, getan – kaufte ich am ersten Tag noch das Busticket, war ich am nächsten schon unterwegs nach Norden.

Blick auf Rio de Janeiro von der Cristo-Statue

Rio gefiel mir sehr gut und ich hatte auch meine Freude daran, mal wieder alleine zu reisen. Selbstverständlich schaute ich mir die Cristo-Statue an und ließ die Wellen der Copacabana gegen mich brausen, aber ich lernte auch im Museu Histórico Nacional einiges über die Geschichte Brasiliens und Rio de Janeiros. Beinahe einen ganzen Tag verbrachte ich auch im Botanischen Garten der Stadt, den ich jedem Besucher, der sich für Pflanzen (und Tiere) interessiert, nur ans Herz legen kann. 

In Rio kam ich natürlich nicht drum herum, mich mit anderen Freiwilligen zu treffen, die hier entweder ihren Freiwilligendienst absolvieren oder für das Neue Jahr angereist waren (z. T. aus Argentinien und Paraguay!).

Das Jahr wechselte für mich unter spektakulärem Feuerwerk an der Copacabana.

Blick auf die Copacabana aus Süden

Am 01. Januar ging es dann wieder zurück nach Itajobi, ich verbrachte noch ein paar wenige Tage bei der Familie und am 03. ging es schon wieder weiter nach Atibaia. Da ich mir vor meinem Rückflug noch São Paulo anschauen wollte, nahm ich den Bus dorthin und verbrachte noch zwei Tage in der größten Stadt Brasiliens. Auch hier traf ich mich wieder mit einigen Freiwilligen. Highlights meiner Zeit in São Paulo waren neben der Pinacoteca, die spannende Künstler:innen wie Marta Minujín und Cao Fei ausstellte, die Kirche São Bento und das japanische Viertel Liberdade, wo man sich wie in Fernost fühlt. São Paulo hat die größte Gemeinschaft Japaner außerhalb von Japans, denn Anfang des 20. Jahrhunderts kamen viele Einwanderer hierher, um auf den Kaffeeplantagen zu arbeiten. Die Lebensrealität dieser Einwanderer und den Werdegang der japanischen Bevölkerung in Brasilien zeigt das Museu Histórico da Imigração Japonesa no Brasil.

Obwohl ich viele interessante Dinge auf meiner kleinen Brasilienreise erleben konnte, war ich jetzt am Ende doch froh, wieder nach Uruguay zurückzukehren. Auch in Fray Bentos hatte sich einiges geändert, so hatte ich mittlerweile drei Mitbewohner:innen mehr, doch darüber vielleicht ein andermal. 

In 48 Stunden nach São Paulo

Mit den Weihnachstagen ganz nah, mache ich mich zu meiner nächsten Reise auf: Ich treffe meinen Onkel und meine Tante in Brasilien und meine Reise dorthin ist eine kleine Odyssey. 

Der zentrale Busbahnhof Tres Cruces in Montevideo

Schritt 1 ist natürlich eine Fahrt nach Montevideo, denn wenn man von Uruguay aus irgendwohin möchte, ist das immer der Anfang. Aktuell ist das Wetter wieder schlecht und es regnet viel. Auch dieses Mal präsentiert sich Montevideo grau und wolkenverhangen und damit im perfekten Wetter für einen Museumsbesuch. 

Im Museo de Artes Visuales werden vor allem uruguayische Künstler:innen des 19. und 20. Jahrhundert ausgestellt, die sich gegenseitig beeinflusst hatten und deren Kunst aufeinander aufbaute. Besonders gut gefällt mir ein Stil, den das Museum als Planísmo Urugayo bezeichnet, bei dem vor allem Pastellfarben mit breiten Strichen oder in Flächen aufgetragen werden. 

Abends geht es dann mit dem Bus Richtung Porto Alegre. Da der Busfahrer die Einreise nach Brasilien regelt, muss man seinen Pass bei ihm abgeben, was mir doch ein mulmiges Gefühl bereitet, aber an sich ist die Fahrt sehr angenehm und es gibt sogar Snacks (und am Ende meinen Pass zurück). 

In Porto Alegre werde ich dann direkt von zwei Freiwilligen begrüßt, die ich über die anderen Kulturweitler, die leider keine Zeit hatten, kennengelernt habe. Die beiden zeigen mir die Stadt, die sehr schön und grün ist, aber auch furchtbar warm, vor allem im Kontrast zum verregneten Uruguay. 

Mittags treffen wir dann auch noch zwei von den anderen Kulturweitlerinnen und essen zusammen Açai, die beiden müssen dann aber auch bald wieder los, um Wäsche zu machen – eine wichtige Reisevorbereitung, die man nicht zu lange aufschieben sollte, besonders wenn die Waschmaschine nicht mehr schleudert. 

Den Abend und die Nacht verbrachte ich dann am Flughafen in Porto Alegre, da mein Flieger erst früh am Morgen gehen würde. Die Nacht schlug ich mir mit Tagebuchführen, Podcast-Hören und Podcast-Schneiden um die Ohren. 

Während ich so im Food Court saß (mitten in der Nacht, wie ich nochmals betonen möchte), kam ein Mädchen von vielleicht 14 Jahren (+/-) auf mich zu, sprach mich auf Portugiesisch an und reichte mir ein gefaltetes Blatt. Verwirrt öffnete ich dieses und damit hatte ich auch den Kontext erhalten, was sie etwa gesagt haben könnte: Sie hatte mich gezeichnet und mir die Zeichnung vermacht! Ich fand zunächst einmal ihre künstlerischen Fähigkeiten sehr beeindruckend und fast mehr noch ihren Mut, mir die Zeichnung zu überreichen. 

Etwa um 6 Uhr ging dann mein Flug, nach vielleicht anderthalb Stunden landete ich in São Paulo und wurde dort von meinem Onkel und einem seiner Freunde, der in Brasilien wohnt abgeholt. Wir verbringen jetzt zwei Tage in Atibaia, wo besagter Freund wohnt, und fahren dann ins Inland zur Familie meiner Tante. 

Von Umzügen


Umzug, der


Substantiv, maskulin

 

  1. das Umziehen
Buntglasfenster (außerhalb einer Kathedrale)

Der zweite große Tapetenwechsel liegt hinter mir. Der erste war natürlich die Ankunft in Uruguay und in Fray Bentos und vor etwas über einer Woche bin ich nun auch zum ersten Mal innerhalb der Stadt umgezogen. Wir wohnen wieder in einer Studentenunterkunft, dieses Mal aber in Mitten der Stadt. Hierbei handelt es sich um ein nettes Haus mit großem Garten, das Kenza und ich uns mit einem Mitbewohner teilen. Da das Schuljahr erst wieder im März beginnt, wird es bis dahin auch bei dieser Wohnsituation bleiben. Ein Haus mit einem richtigen Wohnzimmer mit bequemen Sitzmöbeln zu haben, bedeutet doch eine ziemliche Steigerung des Wohnkomforts, zumal wir nun auch nicht mehr weit draußen auf dem Feld wohnen müssen. Der Weg zu den Einkaufsmöglichkeiten hat sich damit schlagartig verringert und wir sind auch allgemein näher am Geschehen dran. 

Unser Mitbewohner ist sehr nett, aber auch ein wirkliches Phänomen. Zunächst einmal ist er aus Panama zum Studieren nach Fray Bentos (Kleinstadt am Río Uruguay!) gekommen, weil er gerne ins Ausland wollte. Dann studiert er Mechatronik, will aber eigentlich irgendwann ein Restaurant eröffnen. Das Adjektiv, das mir jedes Mal in den Sinn kommt, wenn ich mich mit ihm unterhalte, ist groovy. Natürlich ist auch sein Spanisch ganz anders, wie ich es mittlerweile von hier gewohnt bin, bei ihm ist zum Beispiel das y kein sch-Laut. Also ein richtig internationaler Haufen, bei uns im Haus. 

Was ich bisher ein wenig befremdlich fand, waren die Besichtigungen durch Interessierte. Man fühlt sich doch immer auch wie ein Teil des Interieur, wenn unsere Vermieterin das Haus und den Garten präsentiert, aber ich starre vermutlich mehr, als die Besucher. Schließlich ist es interessant zu sehen, wer sich überlegt, hier einzuziehen. 

Ich habe mich gut im neuen Haus eingelebt, aber dennoch ging es jetzt am Wochenende erst einmal wieder weg. 

 

  1. aus bestimmtem Anlass veranstalteter gemeinsamer Gang, Marsch einer Menschenmenge durch die Straßen

 

Da in Nueva Helvecia jedes Jahr ein Bierfest stattfindet, nutzten Kenza, Jérémy und ich die Gelegenheit, um Maren dort an ihrer Einsatzstelle zu besuchen. Wir wurden von ihrer Gastfamilie sehr herzlich für das Wochenende beherbergt. 

Es war spannend zu sehen, wie eine uruguayische Familie so zusammenlebt, denn ich habe ja doch keine wirklichen Berührungspunkte mit dem häuslichen Alltag der Uruguayos gehabt, so in unseren Studentenunterkünften. 

Nueva Helvecia ist ein netter Ort, aber auch in gewisser Weise befremdlich. Schon der Name weist daraufhin, dass es sich hier um eine ehemalige Schweizer Kolonie handelt und gerade jetzt um das Bierfest kann man das auch spüren. Auf der Bühne tanzen hier die “Alpenveilchen” Schuhplattler und Polka, die Straßen heißen “Frau Vogel”, “Suiza” oder “Guillermo (also Willhelm) Tell” und am Sonntag gab es auch einen Umzug, bei dem die Nachkommen der Schweizer, Deutschen und Österreicher in der Tracht der Regionen ihrer Vorfahren durch die Straßen zogen. Ein bisschen war das wie ein Fastnachtsumzug, wir haben sogar ein paar Bonbons bekommen. 

Mir erschien das fast deutscher als in Deutschland, aber natürlich ist das auch dem besonderen Anlass geschuldet. Die ganzen Trachten haben mir aber sehr gefallen, denn die Kleidung ist einfach schön. 

Obwohl es hier so deutsch zuging, wird nur noch sehr begrenzt Deutsch gesprochen. Die Schule, an der Maren ihren Freiwilligendienst absolviert, lehrt aber noch die Sprache. Wir durften am Montag mit zur Schule kommen und dem “Alltag” beiwohnen. Da aber das Ende des Schuljahres ist und am Abend noch das Schulfest stattfinden sollte, hatte der Tag mit Alltag nur wenig zu tun. Die Kinder übten die Tänze, die sie am Abend vorführen wollten und auch sonst stand eben die Vorbereitung der abendlichen Veranstaltung im Zentrum des Morgens. 

Maren führte uns aber einmal durch die Räumlichkeiten, wir schauten uns die Klassenzimmer an, und natürlich auch den Deutsch-Raum, wo der Deutschunterricht stattfindet. Da es sich um eine Art Grundschule handelt, war das pädagogische Material für eben diese Altersgruppe spannend, da sie doch sehr jung sind – da ist nichts mit Grammatikheften oder Verbtabellen, der Fokus liegt auf gemeinsamem Singen und Spielen. Wir spielten mit den Kindern auch ein paar deutsche Brettspielklassiker wie “Das verrückte Labyrinth” oder “Make ‘n’ Break”. Die Sprachvermittlung unsererseits hat sich hierbei eher in Grenzen gehalten, aber es ist ja auch das Ende des Schuljahres und wir nur zu Besuch. 

Ein weiterer interessanter Aspekt der Schule ist, dass sie eine katholische Lehranstalt ist. Auf dem Gelände befindet sich ein Nachbau der Schönstatt-Kapelle und es gibt eine Gruppe an Schwestern, die auch ins Schulgeschehen eingebunden sind. Der Tag beginnt beispielsweise mit einer kleinen gemeinsamen Andacht, sie verkaufen aber auch Kleinigkeiten zum Essen in den Pausen für die Kinder. 

Wie unterschiedlich die kulturweit-Einsatzstellen doch sehr sind!

Der Innenhof des Colegios
Zum Weihwasser

Jetzt, am frühen Montagabend geht es wieder nach Fray Bentos zurück – ich sitze noch im Bus und tippe diesen Bericht auf meinem Handy. Busfahren in Uruguay bleibt ein Abenteuer, denn in Colonia Valdense, einem Nachbarort von Nueva Helvecia, von wo aus wir einen Bus zurück nehmen können, gibt es kein Bahnhofsgebäude, sondern die verschiedenen Busagenturen haben kleine Büro-Gebäude die Straße entlang. Als Ortsfremde suchen wir also auf und ab nach dem Busunternehmen, das den nächsten Bus stellt, bleiben aber erfolglos. Erst als wir schon aufgegeben hatten und es bei einem anderen Anbieter, der eine Stunde später fährt, versuchen wollen, erfahren wir von dem jungen Mann am Schalter, dass das Busunternehmen, das wir zunächst gesucht haben, hier überhaupt keine Filiale hat. Dafür können wir aber das Ticket auch bei ihm kaufen und da der Bus Verspätung hat, erwischen wir ihn auch noch. Sitzt man aber erst einmal im Bus, kann nichts mehr passieren und es heißt nur noch warten, bis man wieder zurück ist. 

Das Wochenende in Nueva Helvecia und die Zeit mit den anderen Freiwilligen und auch bei Marens Gastfamilie war unheimlich schön, aber natürlich auch anstrengend und ich freue mich jetzt auf die Rückkehr zu meinem Bett. 

In Buenos Aires schien die Sonne

In Buenos Aires scheint die Sonne und welche sonnengeküsste Stadt erscheint nicht fantastisch? 

Für das Zwischenseminar genossen fast alle Uruguay-Kulturweitler gemeinsam das Großstadtleben in der argentinischen Hauptstadt. Tausende Läden, die allerhand Dinge feilboten, Museen, Theater, Menschenmassen und Cafés – an jeder Ecke mindestens eines, eher zwei. Unsere Unterkunft war vielleicht zehn Minuten vom Obelisken entfernt, weshalb wir selbst nach den auch mal langen Seminartagen noch Vieles unternehmen konnten. 

Gerade wenn man aus Uruguay kommt (und Dollar in der Tasche hat), erscheint das von der Wirtschaftskrise gebeutelte Argentinien wie ein Schlaraffenland. Besser, man macht sich nicht zu viele Gedanken über die Moral des eigenen Kaufrausches. 

Natürlich bietet so eine Großstadt aber auch viel mehr Varietät. In unserer Straße befanden sich wohl zehn oder mehr Buchhandlungen, voll gepackt bis unters Dach, in denen man sich stundenlang durch vergilbte Seiten wühlen konnte, bis man etwas fand, das einem zusagte. Selbst wenn nicht, fühlte sich meine Zeit immer gut genutzt an.

Im Rahmen unseres Kulturausflugs nahmen wir gemeinsam eine Tangostunde, in der es vor allem um die bewusste und zur Musik passende Bewegung ging. Abends und an den Wochenenden klapperten wir die Sehenswürdigkeiten ab, Floralis Genérica, Casa Rosada, Recoleta, die verschiedenen Stadtviertel, waren auf dem Markt und auch plötzlich im Grünen, in der Reserva Ecológica. Ich glaube, dass Bilder hier mehr sagen können als ich.

In Buenos Aires machte sich natürlich auch die Wahl bemerkbar. Immer wieder fanden Kundgebungen statt, Plakate hingen aus und an Bushaltestellen und Wänden konnte man Graffiti finden, die sich gegen Milei aussprachen, den späteren Gewinner der Stichwahl. Wir reisten am Tag der Wahl ab, am Nachmittag. Tagsüber war die Stadt ruhig, die Nacht mag anders gewesen sein, aber als wir noch da waren, machte sich dieses Ereignis nur dadurch bemerkbar, dass Museen geschlossen hatten und immer wieder an öffentlichen Gebäuden, die als Wahllokale funktionierten, Listen aushingen, mit denjenigen Bürger:innen, die hier zur Wahl schreiten müssen. In Argentinien gibt es eine Wahlpflicht.

Die Fahrt zurück nach Fray Bentos ist recht kurz, gerade einmal drei Stunden brauchen wir hoch nach Gualeguaychú, denn die Straßen sind leer, heute ist kaum jemand unterwegs. Die Landschaft hier ist wirklich flach, nicht wie bei uns im Westen von Uruguay, wo es doch sehr hügelig ist. Hier sieht man meilenweit nur Grasland, Kühe. In der Ferne geht die Sonne langsam unter.

Wir müssen nur noch über die internationale Brücke und schon sind wir wieder zurück. 

Der Wetterzyklus

Es ist heiß. Es regnet. Es kühlt ab. Es erwärmt sich wieder. Woche um Woche.

Bisher verlief das Wetter hier in diesem Zyklus und die Phase “Es regnet.” lag unbeweglich über der letzten Woche. Deutscher Herbst im uruguayischen Frühling. Der Kälteeinbruch hielt sich hartnäckig und das Wetter war ungemütlich, Drinnenbleibe-Wetter, Suppen-ess-Wetter, Tee-und-Kekse-Wetter. 

Grauer Himmel 1
Grauer Himmel 2

Der Sommer gibt sich aber nicht geschlagen, das Wochenende gab sich wieder heiß, das Thermometer kletterte über die 30°-Marke. Es wird höchste Zeit, das Haus zu verlassen. 

Kenza und ich fahren nach Nuevo Berlín, eine kleine Stadt den Río Uruguay hoch, die einst von Deutschen gegründet wurde. Wir nehmen den Bus um 8 Uhr, da es der einzige Bus ist, der die Strecke fährt.

In der Stadt springen uns schnell zwei Hunde an und, waren sie zu Anfang noch recht wild, begleiten uns bald schon friedlich für den Rest des Tages. Normalerweise kann man hier Bootstouren zu den Flussinseln machen, aufgrund des Regens steht das Wasser aber hoch und es werden keine Fahrten angeboten. Die Frau aus der Touristeninformation ist aber so nett und schließt uns das MABRU, das Museo Arqueológico del Bajo Río Uruguay, auf, wo Funde verschiedener archäologischer Grabungen aus der weiteren Region ausgestellt sind, die auf die Guaraní zurückgehen, die hier bis ins 16. Jahrhundert die vorherrschende Bevölkerung stellten. In den zwei Räumen des Museums stehen mittig jeweils Vitrinen, die Töpfe, Perlen und Scherben zeigen, zum Teil kunstvoll gewirkt, zum Teil einfach gehalten. An den Wänden hängen eng beschriebene Plakate, die die Gewohnheiten der Menschen zeigen, was sie aßen, woher sie kamen, welche Hunde sie besaßen. 

Wir verlassen das Museum und schauen uns stattdessen den Ort an. Das Leben hier ist ländlich, kleine Einfamilienhäuser mit großen Gärten, zwischen den Häusern blitzen die Wiesen hervor, die an die Siedlung anschließen. Wir verbringen die Zeit vor allem im Grünen, am Ufer des Flusses, wo sich Vögel tummeln (darunter seltsame Enten, die sich wie Hühner verhalten) und Blumen blühen. Einer der Hunde bringt uns immer größer werdende Äste, die wir werfen sollen, damit er ihnen dann hinterherjagen kann. 

Der einzige Bus zurück nach Fray Bentos geht um 16:15 Uhr, wir lassen den treueren unserer beiden Begleiter an der Bushaltestelle zurück, den anderen hatten wir schon etwas früher verloren. 

In Fray Bentos geht es dann noch mit zwei jungen Leuten an die Rambla, wo wir uns über dies und jenes unterhalten. Einer der beiden hatte am Wochenende Geburtstag, weshalb wir noch von den Resten eines fantastischen Geburtstagskuchen essen konnten. Wir verabschieden uns nicht allzu spät, auch wenn der Himmel schon dunkel ist, und kehren zum Haus (und zu unseren Betten) zurück.

 

Wer besucht ein Museum zur Industriellen Revolution in Uruguay? oder: Europäer in Campern auf dem Weg nach Süden

Gerade jetzt, am Ende des Jahres sind unter der Woche vor allem Schulklassen im Museum. Schulkinder tragen hier eine Art Uniform, nämlich einen weißen Kittel, den sie über ihre normale Kleidung ziehen und der sie wie eine Horde winzig kleiner Apotheker erscheinen lässt. Manchmal tragen sie auch noch eine große dunkelblaue Schleife um den Hals, Mädchen wie Jungen; es gibt aber auch Schulen, die ihre eigene Kleidung haben. Dann kommen alle Kinder im gleichen Bordeauxrot oder Marineblau und der Name ihrer Schule prangt auf T-Shirts, Pullovern und Hosen.

Letztes Wochenende fand in Uruguay der Día del Patrimonio statt, also der Tag des Nationalerbes, an dem Museen, Denkmäler und historische Stätten ihre Pforten der Allgemeinheit öffnen. Das diesjährige Motto war “Constructores de Escuelas y Liceos” (dt. Erbauer von Schulen und Gymnasien), weshalb hier im Museum neben den regulären Führungen auch Sonderführungen zum Thema Bildung in der Fabrik stattfanden. In den Anfangsjahren der LEMCO, der Liebig’s Extract of Meat Company, wurden nämlich die Kinder der Arbeiter und abends auch die Arbeiter selbst in dem Gebäude unterrichtet, in dem später der Fleischextrakt hergestellt wurde, mit den Jahren baute man dann aber eine Schule, die bis heute noch besteht und an der ich Tag für Tag vorbeilaufe und die Grundschüler:innen spielen und lernen sehe. 

Die R.O.U. Maldonado, ein Schiff der uruguayischen Marine. Legte im Rahmen des Día del Patrimonio vor dem Museum an.

Wir hatten bisher doch einige nicht-spanischsprachige Tourist:innen, besonders in den letzten Tagen. Deutsche, Engländer, Niederländer – beinahe alle haben sie uns in etwa die gleiche Geschichte darüber erzählt, was sie hier machen: Sie fahren mit einem Camper durch Südamerika. Die meisten haben ihr Gefährt von Europa mit dem Schiff übersetzen lassen, fast immer nach Montevideo, sind selbst hinterher geflogen und fahren jetzt Richtung Feuerland, nachdem sie sich Uruguay ein wenig angeschaut haben. 

In Fray Bentos gibt es eine internationale Brücke, weshalb sie hier ihren letzten Stopp in Uruguay machen, sich die Fabrik anschauen und dann über den Río Uruguay weiter nach Argentinien fahren. Die jüngsten dieser Camper:innen waren drei und fünf Jahre alt (natürlich in Begleitung ihrer Eltern); viele wollen zehn Monate oder ein Jahr reisen, andere haben keine zeitliche Begrenzung. 

Hier auf der Südhalbkugel wird es Frühling und wen es noch weiter in den Süden zieht, muss jetzt mit seiner Reise anfangen, um den Sommer an diesen kältesten Orten, weit im Süden verbringen zu können. Wie viele Camper – teils mit riesigen LKWs, teils mit kleineren Wohnmobilen – wir hier noch mit einer letzten Information zu Uruguay versorgen werden? Wir werden sehen. 

Fray Bentos, Kleinstadt am Río Uruguay

Fray Bentos ist eine Kleinstadt am Ufer des Río Uruguay, ganz im Westen des Landes. Hier ist das Leben tranquilo, wie die Einwohner:innen nicht müde werden, uns zu versichern. 

Es gibt unser Museum zur Industriellen Revolution in Uruguay – die ehemalige Fleischextrakt-Fabrik – und ein anderes über den Künstler Luis Alberto Solari, dann noch das Theater Miguel Young (“Shung”, wie man hier sagt) und das war es auch schon. Zumindest fühlt es sich ein wenig danach an. 

Ganz so ist es dann aber auch wieder nicht. Es sind zwar bisher nur anderthalb Wochen vergangen, aber dennoch fühlt es sich ein wenig an, als wäre ich schon ewig hier. Denn obwohl das Leben hier tranquilo ist, ist viel passiert. 

Zunächst einmal wohne ich jetzt irgendwo langfristig und nicht mehr temporär, wie es in Montevideo der Fall war. Das heißt, ich musste mich einrichten, den Koffer endlich auspacken, putzen, einkaufen und für mich kochen – und zwar für den Rest des Jahres (und wahrscheinlich auch meines Lebens). Da meine Mitfreiwillige und ich außerhalb der Stadt wohnen, nimmt der Weg zu den verschiedensten Orten doch einen größeren Teil des Tages ein. Ich störe mich aber nicht daran, jeden Morgen eine Dreiviertelstunde gehen zu müssen, denn der Weg führt mich durchs Grüne, an Schafen, Kühen, Pferden und Vögeln vorbei.

La María – Der Ort, an dem ich wohne

Die Paisaje Cultural Industrial Fray Bentos, also das ehemalige Fabrikgelände, umfasst ein großes Areal mit vielen verschiedenen Strukturen. Schon von Weitem sieht man einen Schornstein in den Himmel ragen und auch das kantige Gebäude des Frigorífico, des Kühlhauses für die Tonnen und Tonnen an Fleisch, dominiert diesen Uferabschnitt. 

Das Kühlhaus

Unsere Kollegen nahmen uns sehr herzlich auf, aber unser Chef war zum Zeitpunkt unserer Ankunft noch im Urlaub, weshalb niemandem so wirklich klar war, was wir tun sollten. Dementsprechend verbrachten wir diese ersten Tage damit, den anderen Museumsmitarbeitern hinterher zu dackeln und ein Verständnis für den Ort zu entwickeln.

Als dann unser Chef wieder da war, wurden wir dem Intendente des Departamento Río Negro vorgestellt, wir erhielten eine Führung durch das oben erwähnte Theater Young und wir nahmen an einem Vortrag einer Professorin aus Genua zu nachhaltigen Energiekonzepten in Bezug auf Welterbestätten teil. Der Vortrag war in Italienisch, Fragen wurden auf Spanisch gestellt und auf wundersame Weise verstanden sich alle prächtig. 

Plaza Constitución

Am Wochenende wurden wir vom Samtagsmarkt der Stadt enttäuscht, denn wir hatten doch mit größerem Marktgeschehen gerechnet, so in der Hauptstadt des Departamento. Dafür investierten wir in einem der vielen Geschäfte entlang der Calle 18 de Julio in eine Auflauf- und Kuchenform und buken auch gleich Brownies in meinem Gasofen. Die Kuchenform war wohl eine unsere besten Entscheidungen bisher, aber einen Gasofen zum Laufen zu bringen, stellte uns doch vor größere Herausforderungen, denn man muss irgendwie gleichzeitig den Knopf drücken, an der korrekten Öffnung das Gas entzünden und das alles bei fragwürdigen Lichtverhältnissen – wir haben diese Herausforderung aber erfolgreich gemeistert und die Brownies schmeckten dementsprechend besonders gut.

Dieser Samstag blieb ereignisreich, denn als wir am Abend uns ein kostenloses Konzert einer kleineren Band im Theater anschauen gehen wollten, stießen wir zufällig auf die Marcha por la Diversidad, also den CSD von Fray Bentos. Statt der Band schauten wir uns dann Dragqueens und lokale Künstler:innen an und waren auch noch auf der Afterparty, wo wir unsere ersten Fraybentin@s kennenlernten.

Neue Leute kennenzulernen gestaltet sich bisher nicht allzu einfach, denn ich weiß einfach nicht, wo andere Leute in meinem Alter oder mit meinen Interessen sind. Auf der anderen Seite bin ich noch kaum zwei Wochen hier, weshalb es nicht verwunderlich ist, dass ich noch nicht die ganze Stadt kenne. 

Der Río Negro in Mercedes

Kenza und ich haben auch schon unseren ersten Ausflug raus aus Fray Bentos hinter uns. Mit dem Bus ging es nach Mercedes, eine nahegelegene Stadt und Hauptstadt des Departamento Soriano. Dort schauten wir uns die wunderschöne Rambla am Río Negro an, wenn wir auch nicht zur Isla del Puerto konnten, da das Wasser zu hoch stand. Hier gibt es auch eine große Kathedrale und einige Einkaufsläden, die zum Bummeln einladen. Ein nasser und dreckiger Labrador versuchte auch sein Bestes, uns zu adoptieren, wir sind ihn aber doch noch losgeworden. Hundebesitzer zu werden, steht nicht auf meiner To-Do-Liste für Uruguay.

Vielleicht kann man jetzt besser nachvollziehen, was ich meinte, als ich sagte, dass es sich anfühlt, als würde ich schon viel länger hier leben. Es passiert so viel und ich bin gespannt, was noch passieren wird.

10 Tage Urlaub

Nach zehn Tagen Montevideo beginnt nun der eigentliche Freiwilligendienst, fern der Hauptstadt im Interior. Ein guter Zeitpunkt also, diese ersten Tage ein wenig zusammenzufassen. 

Unseren kleinen Ausflug nach Punta del Este habe ich bereits zur Genüge ausgeführt, aber natürlich haben wir auch Montevideo selbst erkundet. Am Sonntag nahmen wir dazu an einer Stadtführung durch die Altstadt teil, die uns die wichtigsten (Reiter-)Denkmäler und Gebäude zeigte, aber auch auf die Geschichte von Uruguay einging und die liberale Politik des Landes (Ehe für Alle, Recht auf Abtreibung, Cannabis-Legalisierung) thematisierte. 

Auf ebendieser Führung wurde uns auch eine alternative Herkunft des Namens der Stadt präsentiert: Statt des typischen “Ich sehe einen Berg”-Montevideos wird hierbei der Name in Monte-VI-deo aufgeteilt. VI steht jetzt für die römische Zahl und “deo” für “del este a oeste” (von Osten nach Westen), da der Hügel, auf dem sich Montevideo befindet, der sechste von Osten nach Westen gezählt sein soll. (Halte ich diese Erklärung für sehr weit hergeholt? Möglicherweise.)

Der Sonntag endete aber nicht mit dieser Stadtführung, denn als einige von uns sich durch ein Schild und das schlechte Wetter eine bunte Treppe in der sonst menschenleeren Altstadt hinauflocken ließen, entdeckten wir dort eine kleine Fería, einen Markt, auf dem alles von Essen, Traumfängern, Tattoos bis zu Sex-Spielzeug dargeboten wurde. Es gab auch die Möglichkeit, verschiedene Gesellschaftsspiele zu spielen, weshalb wir uns mit der spanisch-sprachigen Version von Taco-Katze-Ziege-Käse-Pizza (Taco-Gato-Cabra-Queso-Pizza) und einem Spiel, in dem es darum geht, die Haustiere der anderen für das Häufchen auf dem Teppich verantwortlich zu machen, den hagelnden Nachmittag vertrieben. 

Am Montag begann dann der Sprachkurs, den wir bei der Academia Uruguay absolvierten. Morgens waren wir Teil des regulären Unterrichts der Sprachschule, während nachmittags semi-private Stunden stattfanden, die nur aus uns Freiwilligen, aufgeteilt nach Niveau-Stufen, bestanden. Am Morgen wurde Grammatik wiederholt und Landeskunde gemacht, was, nachdem ich die Niveaustufe gewechselt hatte, ziemlich spannend war; der beste Teil des Kurses aber waren die Nachmittage. In meiner Gruppe waren wir zu fünft und wir verbrachten die erste Einheit mit Sprechen, dann schrieben wir Reizwürfel-Geschichten und schauten “Tiranos temblad”, eine Youtube-Sendung, die Beiträge zu Uruguay auf lustige Art und Weise wöchentlich sammelt und veröffentlicht. 

Zusammen mit den anderen Freiwilligen hatten wir auch eine Einführung in die Kunst, Mate zu machen (dazu kommt wahrscheinlich irgendwann ein eigener Beitrag) und zum Abschluss führten wir eine kleine Schnitzeljagd durch, deren Preis Alfajores waren, ein uruguayisches Gebäck, das aus zwei Keksen besteht, die mit Dulce de Leche gefüllt und mit Schokolade überzogen sind. 

Zwischen Sprachschule, Einkauf und Kochen für neun Leute war so ein Tag schon ganz gut ausgefüllt, aber gerade am Abend konnten wir dann doch noch die ein oder andere Aktivität hineinquetschen. Wir versuchten uns am Asados, dem für Uruguay (und auch Argentinien) typischen Grillen, was wir im Rahmen unserer Möglichkeiten nicht schlecht machten – es fehlten uns schließlich essenzielle Hilfsmittel wie Grillzangen.

Auch ein Krimi-Dinner veranstalteten wir, sogar kostümiert, zumindest so weit das unsere Koffer hergaben. Es konnte ja niemand mit einem 20er-Motto rechnen! Am Tag des Mordes improvisierten wir aber nicht nur unsere Kostüme, sondern auch Linsen und Spätzle, was ohne die meisten Gewürze, Spätzle-Presse oder auch nur ein Brett als ordentliche Leistung verzeichnet werden darf. 

In der Hauptstadt darf Kultur natürlich nicht fehlen, weshalb wir über die Sprachschule das Ballett “La Viuda Alegre” besuchten, das die Operette “Die lustige Witwe” adaptiert. Die Vorstellung ist fantastisch, nicht nur im Tanz, sondern auch bei Kostüm und Bühnenbild – was mich aber nicht davon abhielt, den Großteil des zweiten Aktes lang gegen meine zufallenden Augen kämpfen zu müssen. 

Es ist seltsam, sich von den anderen zu trennen. Zusammen mit dem Vorbereitungsseminar waren wir fast drei Wochen lang quasi ohne Unterbrechung beinander und jetzt verstreuten wir uns in alle Ecken von Uruguay. Ein jeder Urlaub muss eben einmal enden…

Ich freue mich aber auch schon darauf, den tatsächlichen Freiwilligendienst zu beginnen, zumal die meisten anderen Freiwilligen außerhalb von Uruguay ihre erste Woche schon hinter sich haben. Mal sehen, was mich in Fray Bentos erwartet – dazu mehr im nächsten Beitrag. 

Ein Sommertag im Winter

Als hätte sich der Himmel für einen Tag unserer armen Seelen erbarmt, ist der Samstag warm und sonnig, eine willkommene Abwechslung im doch eher kalten und grauen Winter Montevideos, der uns schon am Tag darauf im Regen fast ertränkt.

Doch zurück zum Sonnentag. Wir nutzen das Wochenende, um nach Punta del Este zu fahren, ein Badeort zwei Stunden östlich von Montevideo. Gerade ist vor der uruguayischen Küste Walsaison und so ziehe ich nicht ohne die Hoffnung aus, ein solches Tier zu erblicken. 

Punta del Este ist ein Urlaubsort, wie es ihn wohl zahllos auf dieser Welt gibt. Hotels strecken sich in den Himmel, zwischendrin ducken sich einige kleinere Ferienhäuser mit mehreren Wohnungen, die Restaurants sind aufgrund der Jahreszeit geschlossen, zeugen aber von den Touristenströmen, die sich bald schon unaufhaltsam hierher bewegen werden. 

Es ist recht ruhig heute, auch wenn das gute Wetter einige Besucher:innen herbeigelockt hat. Wie alle guten Touris machen auch wir Kulturweitler zunächst einmal ein Gruppenfoto in Los Dedos, einer Statur, die auch La Mano oder Hombre emergiendo a la vida heißt und vom chilenischen Künstler Mario Irarrázabal Covarrubias 1982 geschaffen wurde.  

Danach spazieren wir den Strand entlang. Der Sand ist fein zwischen meinen Zehen, aber es gibt viele Muscheln, die hier angespült wurden. Das Wasser des Atlantiks ist furchtbar kalt, wenn es meine Zehen berührt, aber das hält weder die vielen Surfer, die den Wellengang nutzen, noch ein paar meiner Mitfreiwillige davon ab, sich hinein zu stürzen. 

Die Spitze der Landzunge auf der sich Punta del Este befindet, Punta de las Salinas, ist der südlichste Punkt Uruguays. Hier treffen sich die Wasser des Rio de la Plata und des Atlantiks und mischen sich in einem den Horizont ausfüllenden Blau. Wir sitzen eben auf den Felsen an diesem Ende und lassen den Blick in die Weite schweifen, als ein Kopf aus Wellen herauslugt. Ein Seelöwe! Immer wieder lassen sich die Tiere beobachten, wie sie aus den Fluten herausschauen, um Luft zu holen, und später sehe ich auch noch einen auf einem Felsen nahe dem Ufer liegen. 

Ein weiteres Markenzeichen von Punta del Este ist neben seinen Stränden der Leuchtturm, der über den Häusern, die nicht höher als zwei Stockwerke in diesem Teil der Stadt sein dürfen, hervorragt. Neben dem Turm befindet sich noch eine Wetterstation und ein Park mit Palmen – ein malerischer Ort. 

Ich sehe zwar keinen Wal mehr in Punta del Este, aber der Tag war dennoch sehr schön.