Wie viel Ungarn geht in Rumänien?

Weihnachten und Silvester sind passiert. Aber viel wichtiger und offen gestanden auch ziemlich erschütternd für mich – die Hälfte meines Freiwilligendienstes ist nun vorbei. Nie war ich hier so in meinem Element wie die letzten drei Ferienwochen, von einer Reise und Freiwilligenkonstellation stolperte ich in die nächste, seit drei Wochen schlafe ich nicht alleine in einem Bett. 

Daher dieser Eintrag über einen Ort der vielleicht besonders bezeichnend für diese Rastlosigkeit, Reiselust, Rumtreiberei meinerseits steht: Oradea, eine für rumänische Verhältnisse größere Stadt ganz im Nordwesten des Landes. Wer jetzt in Geographie aufgepasst hat weiß, das muss dann wohl ganz in der Nähe von Ungarn sein, und richtig, es sind nicht mal 10 Kilometer. Eine andere Freiwillige wohnt dort, nur schlappe 650 Kilometer mit der Bahn von Bukarest entfernt. Das entspricht ungefähr der Strecke Hamburg – München, eine Strecke vor der ich in Deutschland mächtig Respekt hätte, und trotz der deutlich langsameren Züge hier war ich nun schon zwei Mal dort. 

Wie überall in Rumänien ist man stolz EU-Mitglied zu sein

Woran das liegt? Einmal natürlich an der reizenden Gesellschaft vor Ort (übrigens auch eine (halbwegs) aktive Blogschreiberin: https://kulturweit.blog/ruppmaenien/), andererseits an einem für Rumänien aus meiner Erfahrung ziemlich speziellem Stadtcharme: Oradea ist grüner als die meisten Städte hier, zeigt wie einige der westlicheren Städte deutlichen ungarischen Einfluss und ist, für mich wohl fast am wichtigsten, merklich ruhiger als andere Städte dieser Größenordnung. 

Etwas grün in der Großstadt
Bei Tag sieht man, dass der Fluss als grüne Ader durch die Stadt fließt

Im Zuge meiner zwei Besuche in Oradea sprach ich auch mit Schüler*innen meiner Schule über Oradea und bekam hauptsächlich zwei Dinge mit, eins sehr direkt und eins eher unterschwellig. Sehr offen wurde mir direkt leicht belustigt mitgeteilt, die Menschen in Oradea und Umgebung sein wohl im Kopf und Handeln etwas langsamer. Dies ist aber meiner Erfahrung nach ein relativ häufiges Urteil der schnelllebenden Bukarester über den (nördlichen) Rest des Landes. Indirekt bekam ich schnell mit, dass Ungarn und der ungarische Einfluss im nordwestlichen Teil des Landes immer noch ein sensibles Thema sind, einer leichten Abneigung gegen Ungarn*Ungarinnen inklusive. 

Eine typisch ungarische Fassade

Kleine Geschichtsstunde zwischendurch: Nicht unerhebliche Teile des heutigen Rumäniens, insbesondere Transsilvanien, waren zu unterschiedlichen und längeren Zeiten Teil Ungarns bzw. des Ungarischen Einflussbereiches. Und das ist in Oradea immer noch stark sichtbar. Die ungarische Minderheit ist hier so nicht-Minderheit, dass Ungarisch mindestens genauso wichtig und präsent wie Rumänisch ist. Viele hier Lebende können sogar kaum oder nur brüchig Rumänisch, sodass nahezu alle Hinweis- und Informationsschilder und selbst Ladenschilder auch auf Ungarisch sind. 

Der zentrale Piața Unirii

Noch spannender für mich zu beobachten ist jedoch der ungarische Einfluss auf die Architektur. Oradea hat eine schöne und nicht zu kleine Altstadt, inklusive zentralem Platz mit mehreren u.A. katholischen Kirchen, die so auch in Ungarn oder Österreich stehen könnten. Noch schöner und mit unzähligen Details sind allerdings die sehr gut renovierten Palais der Altstadt, it’s Jugendstil at its best: 

Besonders beeindruckend: Der Palatul Vulturul (Adlerpalast)

Aber ist gibt mehr als die ewigen Kirchen, unweit des zentralen Piața Uniriis kann Mensch eine von außen nicht übermäßig überwältigende aber von innen verspielte jedoch nicht überladene Synagoge inklusive kleiner Kunstausstellung besuchen, was offen gesagt um ein vielfaches spannender ist, als die 1000. vor Gold starrende Orthodoxe oder Katholisch-barocke Kirche. 

Die Synagoge von außen…
von innen…
und im Detail.

Ich habe Oradea und ihre schönen Ecken nun einmal bei um die 0 Grad Celsius Mitte November und einmal bei überraschender Wärme und Sonnenschein zwischen den Jahren erlebt, und bei beiden Besuchen besonders begrünte Bereiche genossen. Dazu zählen hauptmerklich der Fluss mit dem entzückenden Namen Crișul Repede (Schneller Kreisch), welcher direkt von der Wohnung der Freiwilligen umrandet von Bäumen und Wiesen in die Altstadt führt, und mein persönlicher Lieblingsort Oradeas: der Bischoffspalast und -garten. Der Palast ist wohl das am einfachsten als Ungarisch identifizierbare Gebäude der Stadt, die dazugehörige Kirche trotz überladenem Barock schön und im Abendlicht nahezu leuchtend und der Garten sehr ruhig und mit teils seltenen Bäumen bestückt. 

Der Bischofspalast
Mir gefiel die mächtige konkave Fassade
Der Bischofsgarten als Ruheort

Und immernoch habe ich erwähnenswerte Orte dieser Stadt ausgelassen, so zum Beispiel die von vorne sehr gut restaurierte, von hinten zerfallende Festung (Analogie für nahezu alle rumänischen Städte???) und den Ciuperca (Pilz) Hügel, auf dem, wenn Mensch den Aufstieg mit Kiloweise Lehm, der sich an die Schuhe klebt, übersteht, eine lohnende Aussicht über die ganze Stadt wartet. Natürlich fehlen auch die notorischen Plattenbauten nicht, mit einer Stadthalle finde ich allerdings doch noch ein sehr interessantes Stück sozialistische Architektur. 

Die Rückseite der Festung gefällt mir sogar besser
Die Aussicht vom Pilzhügel
EU-Flagge vor sowjetischem Mosaik

Nun aber doch zurück in meiner schon sehr zuhausigen Bukarester WG merke ich beim Schreiben dieses Eintrags und dem Sichten der zugehörigen Fotos, wie ich einige Details und Erlebnisse gerade meines ersten Oradea-Ausfluges schon wieder fast vergesse. Vielleicht waren die letzten Wochen und Monate ja doch etwas viel. Ganz vielleicht. Sollte ich dann eventuell mal etwas kürzer treten? Doch dann der Blick auf mein Zugticket nach Oradea – nur knapp über 20€ – und der Vergleich mit einer Fahrt von Hamburg nach München – 100€ aufwärts. Und, viel wichtiger, die Hälfte meines FSJs ist ja wie zuvor festgestellt schon hinüber. Also, um mal ausnahmsweise Selbstreflektion walten zu lassen, nein, ich werde sicherlich nicht kürzer treten. Aber, mit etwas Glück habe ich ja vielleicht die Motivation ein wenig häufiger darüber zu schreiben – stay tuned. 

🙂

Hamburger Regenwetter in București

Eigentlich soll es in diesem kleinen Blog um all jene Orte gehen, denen ich während meines (hoffentlich) sechsmonatigem Lebensabstechers nach Rumänien begegne und die etwas in mir auslösen, mich inspirieren, mir einfach gut gefallen, ich schlicht und einfach mit anderen teilen möchte.

Passend dazu soll dieser erste Eintrag keinem spezifischen Ort gewidmet sein, da ich nun viel zu lange schon über einen möglichst passenden, repräsentativen Ort für diesen ersten Eintrag nachdenke, der natürlich auch noch in Bukarest sein sollte, weil hey, hier wohne ich schließlich jetzt. Umso passender ist dafür der Zeitpunkt um den es gehen soll: Mein erster ganzer Tag in Bukarest, nach einer Nacht, deren Schlaf sich aus einmal vor Erschöpfung um 5 auf dem Bett einnicken, vier Stunden zufriedenstellenden Schlafes in geteiltem Bett und nach der Notaufnahme einer anderen, nächtlich in Bukarest gestrandeten Freiwilligen bloß noch aus herumwälzen bestand.

Und was macht man an so einem Tag Besseres, als sich die neue Stadt, in der man nun ein ganzes halbes Jahr verbringen soll, etwas ausführlicher zu Gemüte zu führen. Natürlich stilecht unter einem wunderbar hamburgerisch grauem, nieseligen Wolkenhimmel. Aber es konnte nicht bei diesem Nieselregen bleiben und schnell steigerte sich die Aktion in ein immer nässeres Kennenlernen der rumänischen Hauptstadt. Das tat aber dem Erkundungswillen von mir und meiner reizenden Begleiterin, der gestrandeten Sachsin und zukünftigen Craiovaerin (bestimmt genau das richtige Wort), kaum Abstrich. Und somit stand der Regen für mich nimmer sinnbildlicher für die Herausforderung, die es definitiv ist, Bukarest kennenzulernen.

Bukarest macht es Mensch nicht immer einfach es schön zu finden

Tritt man aus dem Haus, wohlgemerkt wohne ich ziemlich zentral, 15-20 Minuten Fußweg in die Altstadt und in einem guten Viertel, stechen sofort die Kabel, die scheinbar ausschließlich oberirdisch verlegt werden, ins Auge. Zusammen laufen sie in teilweise riesigen Bündeln an Pfählen, wer da die Übersicht behält, dem gebührt Respekt.

Ein typisches Kabelknäuel

Je mehr wir uns der Innenstadt nähern, rennen wir von Gegensatz zu Gegensatz: Zwischen den notorischen Plattenbauten eines ex-sozialistischen Staates gibt es extrem viele schöne Altbauten (vom kleinen Mietshaus bis zur luxuriösen Villa) voller Stuck und Verzierungen und inklusive bröckelnder und abblätternder Fassade, und immer wieder die modernen Glas-Beton-Riesen einer millionenstarken Hauptstadt. Man merkt der Stadt ihre Geschichte und extremen Narben mehrerer intensiver Weltkriege deutlich an.

Die schönen…
und weniger schönen Ecken Bukarests

 

 

 

 

 

 

 

Überwindet man aber einen letzten 70er Hotelturm steht man vor der pittoresken Universität und Altstadt. Hier sollte nun eigentlich das liegen, was als Kulisse für 90% der Instagram-Posts aus Bukarest dient: Schöne, gut restaurierte Prachtbauten des Jugendstils und der Renaissance, gepflasterte Fußgängerzone, orthodoxe Kirchen mit goldenen Kuppeln und die Restaurants und Cafés mit auch für deutsche Verhältnisse hohem Preisniveau.

Der Universitätsplatz
…und weitere Kuppeln

Davon kriegen meine Begleiterin und ich allerdings nicht mehr übermäßig viel mit, da wir mittlerweile hauptsächlich unter geteiltem Regenschirm von Regenschutz zu Regenschutz laufen. Das intensivere Kennenlernen der Altstadt sollte mir noch für einen sonnenreicheren Tag erspart bleiben. Und so machten wir uns ziemlich schnell wieder auf den Rückweg, trotz des Regens gut gelaunt, allerdings mehr durch interessante Gespräche und das Weglachen der Situation als durch die berauschende erste Dosis Bukarest.