Kleines Abenteuer

Letztes Wochenende bin ich weggefahren. Ich wolllte mal raus aus der Großstadt, in die Natur, und etwas Ruhe und Zeit für mich haben. Das Ziel war Dilijan, eine Region im Nordosten Armeniens, auch als „Armenische Schweiz“ angepriesen. Einen Wochenendausflug wert, dachte ich mir. So stieg ich erwartungsvoll in die Marschrutka, tuckerte zwei Stunden durch das Land, vorbei an Feldern, Schluchten und Gebirgsketten. Wie vom Taxifahrer, der mich zur Busstation in Jerewan brachte, versprochen, eröffnete sich mir nach Durchquerung eines zwei Kilometer langen Tunnels eine wunderschöne Aussicht auf die Berge und Wälder Dilijans. Prägten gerade noch kahle Felder und Berge das Landschaftsbild, herrschte hier auf der anderen Seite des Tunnels eine völlig andere Vegetation. Ich malte mir aus, wie viel schöner es vor einigen Wochen gewesen sein musste, als die Wälder noch in rot, gelb und grün strahlten.

Doch auch jetzt war das Bild, das sich mir bot, eindrucksvoll. Über lange Serpentinen gelangten wir in das tiefer gelegene Dilijan. Als Kurort bietet es nicht viel mehr als ein paar Restaurants, Geschäfte mit handgemachten Produkten, ein Museum und natürlich ganz viel frische Luft. Angekommen, machte ich mich sofort auf die Suche nach dem Apartment, das ich für eine Nacht gebucht hatte. Da mich sowohl booking.com als auch Google Maps in die Irre führten, musste ich drei Mal durch die Stadt laufen, um endlich das Haus zu finden. Meine Gastgeberin, eine ältere äußerst sympathische Frau, empfing mich und begann, als sie merkte, dass ich etwas Russisch verstehe, mich auf ebendieser Sprache zuzutexten (jedoch positiv gemeint!). So kam ich sehr schnell in einen Redefluss und konnte eine einigermaßen inhaltsvolle Unterhaltung führen. Nachdem sie mir zahlreiche Fotos und Videos von ihrer Tochter, ihrer Familie, Bekannten und ehemaligen Gästen zeigte, organisierte sie mir ein Taxi zu Parz Lich, einem kleinen, im Wald versteckten See. Die Autofahrt gestaltete sich aufgrund unzähliger Bodenwellen und Krater aufregend. Der See an sich war jedoch nichts Besonderes. Es gab Tretboote, einen kleinen Hochseilgarten, und einen Wanderweg um den See herum, für den ich mich entschied. Währenddessen wartete mein Fahrer geduldig auf mich.

Abends kam ich zurück zum Haus und unterhielt ich mich mit meiner Gastgeberin und ihrer Tochter, die in der Zwischenzeit vom Musikcollege zurückgekommen ist. Sie spielte mir einige Stücke auf dem Klavier vor, und als ihrer Mutter eine Gitarre hervorholte, versuchten wir sogar ein Duett, das aber wegen meiner schwindenen Fertigkeiten mittelmäßig klang…Als es dunkel genug war, machte ich einige Fotos vom Sternenhimmel, der mich wirklich umhaute!

Am nächsten Morgen fuhr ich mit einem Bekannten meiner Gastgeberin, ein Priester aus Dilijan, zum Kloster Haghardzin – die Hauptsehenswürdigkeit dort. Das Kloster lag mitten im Wald auf einem kleinen Hügel, von allen Seiten von Gebirge umgeben.

Von dort machte ich mich auf zu einer zwölf Kilometer langen Wanderung durch Berge und Wald, die mich fast zur Verzweiflung brachte. Ich war nur mit einer ungenauen Karte aus meinem Reiseführer ausgestattet, Schilder gab es unterwegs nicht. Bei den ersten Weggabelungen war ich noch ziemlich sicher, wo ich abbiegen musste, doch nach einigen Kilometern kam ich ins Grübeln. Der Weg links führte scheinbar ins Nichts, der Weg rechts führte noch weiter von der Route auf der Karte ab. Bin ich den vorletzten Pfad falsch abgebogen? Oder den letzten? Zurück konnte ich nicht, denn dann würde ich mit Sicherheit die letzte Marschrutka zurück nach Jerewan verpassen. Ich musste weitergehen, in der Hoffnung, dass ich doch richtig lag. Die befestigten Wege mussten doch irgendwohin führen. Ich ging weiter, weiter bergauf, hechelnd, alle paar Meter eine kurze Verschnaufpause machend. Ich erreichte den höchsten Punkt, eine idyllische Weide, sah das Panorama und warf mich erschöpft auf den Boden. Die Aussicht war fantastisch, die Ruhe war unendlich. Hier oben schien die Natur in purer Harmonie zu liegen. Das Gefühl war unbeschreiblich.

Nachdem ich den Moment genossen und einige Fotos geschossen habe, machte ich mich wieder auf den Weg. Schließlich musste ich noch die Marschrutka bekommen! Ich erreichte den Gebirgskamm von der einen Seite, blickte auf die andere herab und sah…Häuser! Ich war richtig! Die ganze Zeit. Erleichterung durchdrang mich, ich schrie laut durch die Weite. Froh trottete ich den Pfad bergab, meine Beine waren mittlerweile so erschöpft, dass ich ständig ins Wankeln kam. Links vereinzelt Felsen und Bäume, rechts ein weites Tal und dahinter eine Gebirgskette. Die Natur war wunderschön. Dafür hat sich die Anstrengung gelohnt. Unten im Tal kam ich an einen kleinen Bach, füllte meine Flasche und nahm einen großen Schluck vom eiskalten, frischen Gebirgswasser! Ein großartiges Gefühl.

Ich kam ein paar Arbeitern entgegen, die mitten im Nichts Bäume kleinsägten. Sie waren leicht erstaunt, mich zu sehen. An einem Hof begrüßte mich ein Hund mit aggressivem Bellen und hielt mich unschuldigen, friedlich wirkenden Spaziergänger offenbar für eine so große Gefahr, dass er mir kurzerhand ins Bein biss. Ich, davon völlig überrumpelt, machte einen Satz nach vorne, bereite mich auf einen Kampf vor, doch die Besitzerin kam dazwischen und verscheuchte den Bösewicht. Mein Bein war zum Glück unversehrt, also ging ich weiter meines Weges. Abenteuerlich. Ich durchquerte ein kleines Dorf, in dem weitere bellende Hunde auf mich warteten. Dieses Mal kam es aber nicht zu einer Auseinandersetzung. Spielende Kinder begrüßten mich auf Englisch und riefen mir noch lange „Maaaaartin!“ hinterher. Ich hielt einen an mir vorbeifahrenden Wagen an, bat um eine kurze Mitfahrgelegenheit zur Busstation nach Dilijan und erreichte pünktlich die Marschrutka. Was für ein Wochenende. Etwas leichtsinnig, aber es war eine spannende und lehrreiche Erfahrung…

 

 

 

 

 

 

 

Eingelebt, aber noch fremd

Nächste Woche beende ich meinen zweiten Monat in Jerewan. Vor nicht allzu langer Zeit genoss ich noch warme 20 °C, lies mir die Sonne ins Gesicht strahlen und lief morgens im T-Shirt zur Schule. Doch vor kurzem hat der Herbst auch in Armenien Einzug gehalten und lässt die Menschen seitdem frieren und zittern. Die Heizung im College wird erst am 15. November zentral eingeschaltet. Bis dahin bleibt uns nichts anderes übrig, als Jacken und Mäntel anzulassen. Das stimmt mich nicht sehr positiv für den Winter. Ein starker Cognac wäre ideal.  Ich bin gespannt, wann es das erste Mal schneien wird

Zwei Monate sind erst vergangen, doch ich bin schon voll im Alltag angekommen und habe mich sehr gut eingelebt. Es fühlt sich alles so selbstverständlich an: Aufstehen, Kaffee trinken, zur Schule laufen, hospitieren, selber unterrichten, in der Pause noch einen Kaffee trinken, nochmal hospitieren, montags und freitags noch Tanz-AG, dann nach Hause. Mittwochs und freitags noch zum Russisch-Sprachkurs. Zu Hause noch den nächsten Unterricht vorbereiten, lesen und abends mit den anderen essen. Seit dieser Woche gehe ich auch endlich ins Gym. Hallelujah! Bei gutem Wetter ziehe ich mit meiner neuen Kamera los und übe mich amateurhaft im semiprofessionellen Fotografieren. Ein paar Geschmacksproben findet ihr unten 😊

In den letzten Wochen war zudem viel los. Jerewan wurde 2800 Jahre alt, es gab ein Riesenfest in der Innenstadt mit Konzerten und dem obligatorischen Feuerwerk. Gefühlt halb Jerewan hat sich an dem Abend aufgemacht, um dieses Spektakel mitzuerleben. Die Deutsche Botschaft hat ihr alljährliches Herbstfest gefeiert und ein Remake des Animationsfilms „Die Abenteuer des Prinzen Achmed“ mit musikalischer Begleitung von Stephan Graf von Bothmer (unbedingt diesen genialen Mann anschauen!) gezeigt. Das Kulturprogramm wurde abgerundet durch ein eindrucksvolles Konzert des Symphonie-Orchesters und selbstverständlich ein Konzert – wie könnte es auch anders sein – des weltbekannten Jazz-Pianisten Tigran Hamasyan. Dass ich erst nach Armenien ziehen musste, um die Schönheit dieser Musik zu erkennen…

Obwohl mir mein Leben hier fast wie selbstverständlich erscheint, fühle ich mich trotzdem noch sehr fremd. Ich spreche keinen einzigen Satz Armenisch und meine Russisch-Kenntnisse reichen noch nicht zur Kommunikation. Armenische Freunde habe ich bisher nicht gefunden. Ich lebe noch in einer kleinen, halbdurchlässigen Blase.

 

Was mache ich hier?

Vier Wochen sind vorbei – Zeit, um mehr darüber zu erzählen, was ich hier überhaupt mache.

Ich arbeite am staatlichen geisteswissenschaftlichen College, das eine Art Berufsschule ist. Die Schüler lernen hier von der zehnten bis zur dreizehnten Stufe eine bestimmte Berufsrichtung, z.B. Übersetzung, Sachbearbeitung oder Tourismus. Deutsch wird von zwei armenischen Lehrern und einem deutschen Muttersprachler – meinem Betreuer – unterrichtet. Die Deutschgruppen bestehen aus 15-20 Schülern – größtenteils Mädchen – im Alter zwischen 15 und 18 Jahren, die das DSD I-Sprachdiplom für Deutschkenntnisse auf A2/B1-Niveau erwerben können. Ab 2021 wird es auch das DSD II-Sprachdiplom für Kenntnisse auf B2/C1-Niveau geben.

Das College liegt im Nordwesten der Stadt, ca. 40 Minuten zu Fuß von meiner Wohnung entfernt. Die perfekte Länge für eine Podcast-Folge. Mit etwas Glück habe ich vom Klassenzimmer aus, wie auf dem Foto zu sehen ist, einen wunderbaren Ausblick auf den Ararat! Die Schule hat vier Stockwerke, wobei der Unterricht auf den obersten beiden stattfindet. Darunter sind die Sporthalle, die Aula und die Verwaltung.

Der Unterricht beginnt jeden Tag um 9 Uhr und endet spätestens um 14:20 Uhr. Eine Unterrichtsstunde dauert 70 Minuten, kleine Pausen 10 Minuten und große 20 Minuten. Die Pausen verbringe ich meistens mit den Deutschlehrern, trinke Kaffee über Alltägliches, meine Arbeit oder plane zukünftige Projekte.

In den ersten beiden Wochen habe ich ausschließlich in den zwölften und dreizehnten Jahrgängen hospitiert (was ich heute auch noch mache, aber weniger). So konnte ich mir einen guten Eindruck von der Unterrichtsweise machen. Einen großen Teil des Unterrichts machen die Schüler Aufgaben aus dem Buch, üben aber auch viel das freie Sprechen.  So müssen sie z.B. Texte, die zum Hörverstehen vorgespielt werden, nacherzählen, kurze Szenen spielen oder ihre Meinung zu verschiedenen Themen äußern. Abgesehen davon wird aber wenig Methodik angewandt: Die Schüler erarbeiten nicht, wie ich es von meiner alten Schule in Deutschland kenne, ein bestimmtes Thema während einer Unterrichtsstunde z.B. durch Gruppenarbeit, Stationen oder Recherche, sondern bekommen alles vom Lehrer direkt vermittelt. Tafelbilder werden nur selten benutzt und meistens werden nur Vokabeln und Grammatik angeschrieben.

Was für mich am Anfang sehr komisch war: Schüler und Lehrer haben einen engeren Kontakt zueinander, als ich es aus Deutschland kenne. Sie sind auf Facebook befreundet, kommentieren und liken gegenseitig Beiträge und kommunizieren auch privat über den Messenger. Mittlerweile finde ich es aber ziemlich cool und mache es auch, weil die Kommunikation so viel leichter ist.

Seit zwei Wochen nimmt meine Arbeit konkretere Züge an und wird zunehmend interessanter. Mein Fokus liegt zurzeit auf zehn Schülern aus der dreizehnten Stufe, die bereits das DSD I-Diplom abgelegt haben und Deutschkenntnisse auf B1-Niveau besitzen. Da sie sprachlich deutlich weiter als ihre Mitschüler sind und im regulären Unterricht unterfordert wären, gehe ich mit ihnen während des Unterrichts in ein anderes Klassenzimmer und übe intensiv das freie Sprechen. Was sie erstaunlicherweise schon sehr gut können, da sie bereits einen vierwöchigen Austausch mit Schülern aus Deutschland gemacht haben. Sie sind sehr motiviert, ihr Deutsch zu verbessern und einige planen sogar schon fest damit, in Deutschland zu studieren.

Grundsätzlich bin ich frei in dem was ich in den Kleingruppen mache und kann Themen aus Politik, Gesellschaft, Kultur, Umwelt, etc. behandeln, die sowohl die Schüler als auch mich interessieren. Somit kann auch ich mich intensiver mit verschiedenen Themen befassen, über die ich mir teilweise bisher noch kaum Gedanken gemacht habe (z.B. Heimat). Es ist also eine Win-Win-Situation. Gleichzeitig ist es aber auch eine Herausforderung, weil ich anhand eines Themas geeignete Materialien finden und ein Konzept für den Unterricht entwickeln muss. Und mit Kreativität habe ich bisher nicht geglänzt…

Ich habe mir den Anspruch gesetzt, über das Üben des freien Sprechens hinaus die Schüler für gewisse Themen zu sensibilisieren und zum kritischen Hinterfragen zu bewegen. Umwelt und Nachhaltigkeit wäre zum Beispiel ein geeignetes Thema, denn der Verbrauch von Plastiktüten ist hier enorm. Mir ist durchaus bewusst, dass das ein sehr hoher Anspruch für einen 22-jährigen Freiwilligen ohne jegliche Erfahrung im Unterrichten ist. Vielleicht überschätze ich mich auch damit, aber der Herausforderung möchte ich mich stellen.

Diese Woche wurde ich zumindest mit den Grenzen dieses selbsternannten „Auftrags“ konfrontiert, als mir eine Schülerin ihr Bild von Geschlechterrollen und ihre Einstellung zu Homosexualität erklärte. Haushalt sei ausschließlich Frauensache, der Mann habe die Familie zu beschützen, zu arbeiten und wichtige Entscheidungen zu treffen, er habe „männlich“ zu sein und stünde über der Frau. Gegen homosexuelle Menschen habe sie grundsätzlich nichts solange sie nicht in Armenien leben. Ich war sprachlos und verärgert zugleich. Wie kann ein junges Mädchen bereits eine so klare und zweifelslose Haltung zu diesen Themen haben, dachte ich mir.  Ich wollte ihr eigentlich prompt erwidern, dass ihre Denkweise rückschrittlich und intolerant sei, doch wurde mir im selben Moment auch meiner Verantwortung bewusst, neutral zu bleiben. Ich versuchte, sie mit einigen leicht kritischen Fragen zum Nachdenken zu bewegen, doch sie beharrte auf ihrem Standpunkt und verweigerte sich jeder Reflexion. Ich merkte, dass eine Diskussion keinen Sinn hatte, zumindest nicht im Rahmen eines Deutschunterrichts. Auch wurde mir bewusst, dass ich es mir nicht anmaßen kann, sie zu belehren, denn wir sind womöglich unter völlig verschiedenen Umständen aufgewachsen und leben in Gesellschaften mit unterschiedlichen Mentalitäten, die unser Denken geprägt haben.

Neben der Arbeit in den Kleingruppen werde ich demnächst ein Deutschtraining für die zwölften Jahrgänge anbieten, um mit schwächeren Schülern intensiver Deutsch zu lernen und stärkere Schüler auf die DSD I-Prüfung im Frühjahr nächstes Jahr vorzubereiten. Das Ganze wird nach dem Unterricht stattfinden, doch Genaueres muss ich noch mit den Deutschlehrern planen.

Diese Woche habe ich außerdem eine Tanz-AG gestartet, in der ich verschiedene Paartänze von Grund auf beibringen und in Zukunft vielleicht auch die eine oder andere Choreo einstudieren werde. Nachdem ich bisher selber an einer Tanzschule gelernt habe, durfte ich das erste Mal in die Rolle des „Tanzlehrers“ schlüpfen. Es war gar nicht so leicht, den Schülern Tanzschritte und Rhythmus zu erklären, vor allem, da sie noch nicht so gut Deutsch sprechen. Doch es hat viel Spaß gemacht und für die erste Tanzstunde lief es sogar ganz gut. Gebraucht hat es dafür nicht viel: Spotify, meine kleine Musikbox, den Flur im vierten Stock und die großen Spiegel, in denen die Schüler sonst täglich Selfies machen. Wenn es mit dem Tanzen gut läuft, organisiere ich zum Abschluss meines Jahres ja vielleicht eine Tanzparty… 😊

 

Danke für’s Lesen und liebe Grüße!

 

 

 

 

 

 

Eine Woche voller Erlebnisse

Eine Woche ist nun rum und es ist so viel passiert, dass ich diesen Eintrag etwas strukturieren muss. Ich hatte schon damit gerechnet, zu Beginn mit Eindrücken überladen zu werden. Doch so viel hatte ich nicht erwartet. Keine Sorge, ich werde nicht jede Woche in dieser Art und Weise Revue passieren lassen, doch bei so vielen neuen Eindrücken finde ich es ganz sinnvoll. Also…

Samstag: Abgesehen davon, dass ich am Flughafen in Düsseldorf beinahe nicht in den Flieger gelassen wurde, weil zwischen meinem Hin- und Rückflug mehr als 180 Tage liegen, ich mich ohne Aufenthaltsgenehmigung (die ich noch nicht habe) aber nur 180 Tage im Land aufhalten darf, und ich somit unter einem kleinen Schock vor Ort meinen Rückflug umbuchen musste, verlief die Anreise ohne nennenswerte Komplikationen. In der Wohnung angekommen (am Samstag um 5 Uhr morgens), traf ich auf den Vermieter, der mir auf Armenisch und Russisch versuchte, die Wohnung zu zeigen und alles Wichtige zu erklären. Erschöpft, aber nicht müde genug um einzuschlafen, verbrachte ich den restlichen Samstag gammelnd auf der Couch und installierte vorsorglich die ersten Stadt-Entdeckungs- und WG-Management-Apps, um den Start ins neue Abenteuer so professionell wie möglich zu gestalten.

Sonntag: Mit meinen beiden Mitbewohnern Elisa und Aljosha machte mir einen ersten Eindruck von Jerewan. Die Stadt gefiel mir auf Anhieb sehr. Man erkennt viele orientalische, aber auch westliche Einflüsse, die Jerewan einen ganz besondern Charakter geben. Gebäude in ockergelben und terracotta Farben, viele grüne Ecken und Parks, unzählige Denkmäler wichtiger Persönlichkeiten, Obst- und Gemüsehändler an jeder Ecke, viel Verkehr, Hupkonzerte. Die Stadt scheint zum Abend hin erst richtig aufzuwachen. Geschäfte haben bis spät in die Nacht geöffnet, Straßen sind nachts rappelvoll. Auffallend ist die im Vergleich zu Deutschland recht hohe Polizeipräsenz, und selbst Militärs kann man antreffen. Überrascht war ich unter anderem von den vielen Getränke- und Snackautomaten, die mitten auf dem Gehweg stehen. Auch gibt es überall kleine Bezahlterminals, an denen man ganz leicht sein Handyguthaben aufladen kann.

Montag: Der erste Tag im geisteswissenschaftlichen College. Ich wurde den Deutschlehrern und dem Schuldirektor vorgestellt und habe die fünf Austauschschüler getroffen, die von der deutschen Partnerschule für eine Woche nach Jerewan gekommen sind.  Nach einem kurzen Empfang gab es im Büro des Direktors einen Cognac auf die Schulpartnerschaft und anschließend besuchten wir das historische Stadtmuseum. Abends sahen wir uns das eindrucksvolle, mit Musik untermalte Wasserspiel am Platz der Republik an, das jeden Abend Hunderte von Menschen anlockt.

Dienstag: Glücklicherweise durfte ich mich der Austauschgruppe auf ihrer Exkursion in den Süden Armeniens anschließen, denn so lernte ich von Beginn an das Land besser kennen. Die anstrengende Fahrt über äußerst holprige Straßen hat sich mehr als gelohnt. Unterwegs konnten wir eine atemberaubende Landschaft aus unzähligen Gebirgsketten und Schluchten bestaunen. Auch die mitten im Nirgendwo den Weg versperrende Schafsherde, die ich bereits aus dem Reiseführer kannte, hat nicht gefehlt. Nach fünf Stunden kamen wir im Dorf Tatev an, wo wir in die Wings of Tatev (die „längste, in einer Sektion mit durchgehendem Tragseil ausgeführte Pendelbahn der Welt“) stiegen, um zum Kloster von Tatev zu kommen. Auch hier bot sich ein wunderschöner Ausblick auf die Worotan-Schlucht und die umliegenden Berge. Auf einem Hügel mitten in der Schlucht lag die Klosteranlage, von der aufgrund eines Erdbebens heute nur noch ein kleiner Teil existiert. Fotos hier, Fotos da, ein kurzer Vortrag zur Geschichte des Klosters, und schon ging es wieder zurück. Schließlich hatten wir nochmal fünf Stunden Fahrt vor uns. Unterwegs hielten wir bei Zorats Karer, einer mehrere tausend Jahre alten Grabstätte, die ein wenig an Stonehenge erinnert. Bei Bekannten unseres Fahrers hielten wir dann zum Abendessen an. Es gab das typisch armenische Gericht Lavash (hauchdünnes Fladenbrot mit allerlei Gemüse und Kräutern gefüllt) und ich lernte sofort den wichtigsten Satz auf Armenisch, „Yes li yem“ – „Ich bin satt“. In den folgenden Tagen sollte sich dessen Bedeutung noch bestätigen…

Mittwoch: Ich nahm an den ersten Deutschstunden teil. Von den Schülern wurde ich mit Freundlichkeit und Interesse aufgenommen, was mich positiv für die kommende Zeit stimmte. Gegen Mittag war für mich dann Feierabend, und da am Donnerstag keine Deutschlehrer in der Schule waren, auch schon Wochenende. Freitag war nämlich Nationalfeiertag. Anstrengender hätte die erste Woche nicht sein können. Mittlerweile fand ich mich auch immer besser in der Umgebung zurecht und konnte sogar schon mit den ersten armenischen Vokabeln glänzen. Ein kurzes „barev dzez“ (Guten Tag) oder auch das lange  „shnorhakalut’yun“ (Danke) zauberte den Einheimischen ein Lächeln ins Gesicht. Als ich dann im Restaurant nach der „haschiwe“ (Rechnung) fragte, hatte sogar der anfangs eher mürrische Kellner plötzlich gute Laune.

Donnerstag: Den ersten Tag vom Wochenende nutzte ich, um mich noch etwas vertrauter mit der Stadt zu machen. Vom Platz der Republik spazierte ich zu den Kaskaden (von wo aus man einen tollen Blick auf die Stadt hat und bei klarer Sicht auch den Ararat sehen kann) und hinterher durch den „grünen Ring“, der Jerewan im Osten umläuft. Es gibt wirklich sehr viele grüne Ecken hier, die das Stadtbild enorm aufwerten und Zuflucht vor dem starken Verkehr bieten. Angesichts der Tatsache, dass viele Autos hier offenbar keinen Abgasfilter mehr besitzen, eine sehr gute Sache…

Freitag: Die Armenier feierten ihren 27. Unabhängigkeitstag mit einer großen Feier auf dem Platz der Republik und anschließendem Feuerwerk, das ich leider verpasste, da ich in dem Moment in der Metro saß…Nichtsdestotrotz war es ein schönes Gefühl, so viele Menschen in guter Stimmung feiern zu sehen, zumal wenn ich bedenke, dass das armenische Volk in seiner Geschichte selten unabhängig war. Tagsüber machte ich mit Elisa und Aljosha einen Ausflug zum Tempel von Garni, dessen Standpunkt den des Klosters von Tatev noch übertrifft. Der Tempel, der auf einem Felsplateau am Rande der Schlucht des Asat ruht, ist der einzige noch erhaltene heidnische Tempel Armeniens. Bei den unzähligen Klöstern und Kirchen eine nette Abwechslung. Im Anschluss stiegen wir in die 150 Meter tiefe Schlucht hinab, spazierten an imposanten Basaltformationen entlang, bestiegen das gegenüberliegende Gebirge, überquerten weite Felder und trafen auf wilde Kühe und Pferde. Die Landschaft hat mich absolut umgehauen. Ich hatte das Gefühl, durch ein Stück noch unberührte Natur zu wandern. Ziel der Wanderung war ein (Oh Wunder!) Kloster, das auf einem einsamen Berg auf über 1,500 Metern thronte. Das zum größten Teil zerstörte Kloster hatte etwas Mystisches an sich, was durch den abgetrennten Hahnenkopf, den wir vor Ort fanden und der stark auf ein Opferritual hindeutete, bestärkt wurde. Der Rückweg war deutlich angenehmer, weil bergab, bot aber nicht weniger tolle Ausblicke auf Schlucht und Berge.

Samstag: Den ersten regulären Wochenendtag begann ich mit einem Lauf zum „street workout“, eine am Straßenrand aufgestellte Sammlung mehrerer Fitnessgeräte. Obwohl gefährlich anmutend und sicherlich keinen Sicherheitsrichtlinien entsprechend, machte es sehr viel Spaß, im rustikalen Stil zu trainieren. Auf der Straße wurde geboxt und im Flüsschen gleich daneben gebadet. Abends waren wir Freiwilligen beim Fachberater zum Grillen eingeladen, lernten neue Kollegen kennen und bekamen in angenehmer Gesellschaft und bei reichlich Lavash (ich erinnere an „Yes li yem“) genauere Vorstellungen von unserer zukünftigen Arbeit.

Sonntag: Heute war ich mit der deutschen Austauschgruppe auf Exkursion am Sewansee, dem größten See Armeniens. Nach einer kurzen Bootsfahrt bestiegen wir einen Hügel auf einer Halbinsel, auf dem – na was wohl? – ja, genau – ein Kloster lag. Auch hier wurden wir mit Hintergrundwissen versorgt, machten die obligatorischen Fotos und ließen die Größe des Sees auf uns wirken. Bei besserem Wetter wäre auch eine Badeeinheit drin gewesen. Schade, vielleicht beim nächsten Mal! Zum Schluss gab es köstlichen Fisch aus dem See mit – genau – Lavash.

Danke für’s Lesen, auf Kommentare freue ich mich sehr 🙂

 

 

Letzte Gedanken aus Deutschland

Es ist drei Uhr nachts. In drei Tagen werde ich in Jerewan landen. Langsam beginne ich, es zu begreifen. Vor zwei Wochen wollte es noch gar nicht richtig in mich hineindringen. Ein Jahr lang in Armenien – ein vager und befremdender Gedanke. Jetzt hier ist es jedoch plötzlich so real und greifbar wie noch nie. Die Spannung steigt, meine Vorfreude ist riesig. Die letzten Tage haben viel dazu beigetragen.

Rückblick: Vor knapp zwei Wochen begann das Vorbereitungsseminar am Werbellinsee in der Nähe von Berlin. Ich hatte ehrlich gesagt keine Lust, dort hinzufahren. Zehn Tage lang Workshops mit 330 anderen Freiwilligen, dafür schien mir die Zeit zu Hause zu kostbar. Heute, nach dem Seminar, bereue ich keinen einzigen Tag. Ganz im Gegenteil: Ich bin glücklich, dort gewesen zu sein. So viel über mich persönlich nachgedacht und eigene Ansichten in Frage gestellt habe ich bisher noch nie.

Kognitive Dissonanz war Standardprogramm. Gedanken und Konzepte, die die Trainer vermittelten, vertrugen sich nur selten mit meinen eigenen Überzeugungen. Anfangs noch neugierig und offen, wurde ich mit der Zeit kritischer und manchmal sogar wütend. Politisch korrekte Sprache? Rassistische Werbungen, Lieder, Kinderbücher? Macht durch Privilegien als Weiße Person? In dem Moment war mir das alles zu viel. Gut, dass ein Tagesausflug nach Berlin und zahlreiche Praxis-Workshops mit meiner Partnerorganisation dazwischenkamen. Auch Gespräche mit anderen Freiwilligen, die dreimal täglichen Badeeinheiten im See und grandiose Beachvolleyballspiele sorgten für Ausgleich zu den geistig sehr fordernden Seminarinhalten, die mich sicherlich noch länger beschäftigen werden.

Rückblickend bin ich dankbar für diese Erfahrung, die mir ein Stück weit die Augen geöffnet hat. Mir ist bewusst geworden, dass ich meine Ansichten gründlich in Frage stellen und mich von festgefahrenen Vorurteilen lösen muss, um zu wachsen und meinen Horizont zu erweitern. Ich bin dankbar dafür, für Diskriminierung in meiner Sprache und meinem Handeln sensibilisiert worden zu sein, denn es wird mir dabei helfen, offener und verständnisvoller gegenüber fremden Menschen und Kulturen zu sein. Das Seminar hat meine Vorfreude noch mal ein Stück hochkatapultiert, weil mir ganz bewusst geworden ist, welche Chance in Bezug auf persönliche Weiterentwicklung dort in Jerewan auf mich wartet. Ich denke da nicht nur an die Herausforderungen mit der Sprache, der Kultur und der Arbeit, sondern auch an meine Einstellung zu mir selber. Daran, dass ich mir meiner Identität bewusster werde und mehr zu dem stehe, wie ich denke und handle.

Besonders dankbar bin ich dafür, so tolle Menschen kennengelernt und so schöne Momente mit ihnen erlebt zu haben (Grüße an die „мужчины gang“), die hoffentlich nicht die letzten waren.

Die letzten Tage in Deutschland sind sehr entspannt – verabschiedet habe ich mich bereits vor dem Seminar und die Vorbereitungen sind abgeschlossen. Fehlt nur noch der Koffer, aber der kann noch ein wenig warten. Die letzten Stunden zu Hause müssen schließlich noch genossen werden. Das letzte Basketballtraining und der letzte Tanzabend stehen noch an. Beides werde ich extrem vermissen, das weiß ich jetzt schon.