Vom alten ins neue Jahr

Hallo im neuen Jahr 2019!

In den letzten Wochen habe ich nichts Neues auf meinem Blog gepostet, weil ich mich mit vielen Kleinigkeiten beschäftigt habe, für zwei Wochen zu Hause in Deutschland war und auch einfach nicht die Lust dazu hatte. Doch während der Zeit zu Hause habe ich neue Motivation und Ideen gesammelt und auch wieder Lust bekommen, meine treuen Leser mit neuem Stoff zu versorgen. Während ich diesen Eintrag schreibe merke ich, dass mein letzter Eintrag vom 30. November ist. Eine Weile also… Ich versuche trotzdem mal, ein paar Erinnerungen aus meinem Gedächtnis herauszukramen.

Anfang Dezember, als ich vom Zwischenseminar in Georgien wiedergekommen bin, habe ich meinen dort gemachten Plan sofort in die Tat umgesetzt. Im Unterricht verließ meinen einsamen Posten in der allerletzten Reihe und setzte mich neben Julieta, die Lehrerin, vor die Schulklasse. Welch völlig anderes Gefühl es war, mal IN die Gesichter der Schüler zu blicken. Ich glaube, dass einige von ihnen genauso überrascht darüber waren, wie ich. Jedenfalls war es eine kleine, aber unglaublich wirkungsvolle Veränderung, denn ich fühlte mich auf einmal viel präsenter und es ergaben sich so mehr Gelegenheiten, mit den Schülern zu sprechen und ihnen Dinge zu erklären. Ich war positiv überrascht, aber dachte mir auch gleichzeitig, wie dumm ich war, zwei Monate mit langweiligem Hinten-in-der-letzten-Reihe-sitzen-und-warten-bis-die-Lehrerin-mich-was-fragt zu verbringen. Ja, ihr mögt jetzt vielleicht denken „Wow, welch bahnbrechende Erkenntnis, Martin.“ und ja, es stimmt ja. Es verlangt schon ein wenig Denkleistung, auf etwas so Naheliegendes zu kommen…Na ja, Schluss mit der Ironie. Ich bin auf jeden Fall sehr erfreut darüber, dass meine Schultage vom einen Tag auf den anderen viel interessanter geworden sind.

Kurz vor Weihnachten haben Julieta und ich mit einer 11. Klasse eine Weihnachtsveranstaltung veranstaltet. Eine Veranstaltung veranstaltet – Wow. Im Eiltempo, genauer gesagt in einer Woche, haben wir ein kurzes Theaterstück und einen Text über Weihnachten einstudiert, das Klassenzimmer dekoriert, Plätzchen gebacken und Glühwein selber gemacht. Ganze vier Unterrichtsstunden gingen praktisch nur für die Planung dieser Veranstaltung drauf. Und sonst wird sich während des Schuljahres darüber beschwert, dass die Zeit so knapp sei… Die Vorbereitungen haben mir jedenfalls viel Spaß gemacht und ich konnte auf diese Weise eine neue Klasse kennenlernen. Die Veranstaltung lief sehr gut. Natürlich gab es hier und da kleine Patzer, was aber klar ist, wenn die Schüler ihre Texte quasi über Nacht lernen müssen. Mit Weihnachtsmusik untermalt stellten wir dem Publikum bestehend aus einer anderen Schulklasse, einigen Lehrern und der stellvertretenden Schulleiterin das Weihnachtsfest und seine Bräuche vor und gaben unsere theatralischen Fähigkeiten zum Besten. Der Applaus sprach für sich. Am Ende kam sogar der Schulleiter vorbei (passend zum Glühwein) und hielt eine kurze Rede auf Armenisch. Ich habe zwar fast nichts verstanden, aber ich glaube, dass er uns gelobt und betont hat, wie wichtig der Deutschunterricht am College sei. Nachdem die Erwachsenen schon weg und die Schüler vom Glühwein beschwipst waren, legten sie Partymusik auf und tanzten armenische Volkstänze im Klassenzimmer. Es war ein richtig schöner Tag zum Abschluss des Jahres, denn am nächsten Tag nahm ich schon den Flieger nach Deutschland, mit zwei Flaschen Ararat-Cognac, Gata, einem halben Kilo Lavash und zwei Kilo getrockneten Früchten von meinen Schülern im Gepäck.

 

 

Zu Hause angekommen fiel mir als allererstes der ruhige und geordnete Verkehr auf. Kein ständiges Hupen im Hintergrund, keine waghalsigen Fahrmanöver. Deutschland eben. Und vor allem die frische, saubere Landluft in Halle Westfalen. Ein Traum für meine Lungen. Überhaupt war es ein extremer Kontrast, aus der Großstadt mit 1,1 Millionen Einwohnern in die 22.000-Seelen-Kleinstadt zu kommen. Obwohl ich mich in Jerewan gut eingelebt habe, war es kein komisches Gefühl, wieder in meinem alten Bett zu schlafen oder durch die Straßen in Halle zu laufen. Es hat sich auch nicht viel geändert in den drei Monaten.

Die Weihnachtstage waren ruhig und schön. Ich habe meine ganze Familie wiedergesehen, konnte meine kleine Nichte in den Armen halten und mit meinem Neffen rumtoben. Das neue Jahr feierte ich mit meiner Tanzpartnerin Jana auf dem Silvesterball von meiner Tanzschule. Es war ein super Gefühl, endlich wieder zu tanzen! Die restlichen Tage verbrachte ich viel mit meinen Freunden beim Bouldern, Karten spielen und Feiern. Am letzten Abend war ich nochmal tanzen, was richtig toll war, aber in mir wieder die Lust auf Tanzstunden in meiner Tanzschule geweckt hat. Darauf werde ich wohl noch ein paar Monate warten müssen…

Am 8. Januar flog ich abends wieder zurück, voller Freude auf die kommende Zeit, aber auch betrübt, weil ich wieder alles was mir wichtig ist zurücklassen muss. Ausgerechnet am selben Tag musste das Sturmtief den Bahnverkehr lahmlegen, sodass ich statt mit dem Zug mit meinen Eltern im Auto zum Flughafen fuhr. Am nächsten Morgen kam ich mit erwarteter LOT-Verspätung (Grüße an die Airline) in Jerewan an, wo mich der eisige Wind fast von der Stelle fegte. Innerhalb von zwei Wochen ist es hier gefühlt 10 Grad kälter geworden, worauf ich gar nicht vorbereitet war. Zum Glück hat mir meine Mama dicke, gefütterte Wollsocken mitgegeben, die mir jetzt einen fantastischen Dienst erweisen.

Letztes Wochenende kam uns Josh aus Tbilisi besuchen und zusammen mit Elisa und Kira waren wir viel in Jerewan unterwegs. Zum ersten Mal waren wir auch bei der Statue der Mutter Armeniens, die auf einem Hügel mit gezogenem Schwert über der Stadt thront. Am Sockel von Panzern und Raketen begleitet blickt sie auf den Ararat und die Türkei. Welch subtile Provokation… Direkt neben der Statue steht ein Freizeitpark, der etwas Geisterhaftes an sich hatte, weil er bis auf ein Riesenrad, das im Betrieb war, komplett verlassen war. Als wären plötzlich alle Menschen verschwunden…

 

 

Da das College bis Ende dieser Woche noch Winterferien hat, war ich ein paar Tage an der 119. Schule, an der mein Fachberater Benjamin arbeitet. Mit seiner 12. Klasse haben wir in einer kurzen Unterrichtsreihe über das politische System in Deutschland gesprochen und es mit Armenien verglichen (tatsächlich sind schon viele Strukturen sehr ähnlich wie in Deutschland, z.B. die politischen Instanzen und das Wahlsystem). Ich hatte keine große Rolle in diesem Mini-Projekt, sondern habe mich hier und da in die Diskussionen eingebracht, die aufgrund der Thematik selbstverständlich waren. Das große politische Interesse ist mir schon bei den Schülern am College aufgefallen. Viele von ihnen waren auch im April 2018 auf den Straßen und haben gegen die alte Regierung demonstriert. Die meisten haben eine klare Meinung und diskutieren für schulische Verhältnisse sehr leidenschaftlich. Hin und wieder musste ich mir ein Lachen verkneifen, wenn sie sich gegenseitig ins Wort fielen und um jeden Preis ihre Meinung deutlich machen wollten. Aus Deutschland bin ich so etwas nicht gewohnt.

Eine kleine Ernüchterung gab es jedoch. Heute, am Freitag, sollte ich für Benjamin die Aufsicht bei einer DSD-Probeprüfung übernehmen. Dummerweise hatte ich zu wenig Prüfungsbögen, sodass ich dann vor der gesamten Schülergruppe noch Kopien machen musste. Nach fünfzehn Minuten fingen wir schließlich an. Es war eine Prüfung zum Hörverstehen und mittendrin vergas ich, den nächsten Audioteil anzumachen, was mir dann nach fünf Minuten absoluter Stille und fragender Blicke der Schüler auffiel. Professionell überspielte ich mein Missgeschick. Ein Schüler guckte während der gesamten Prüfung vom Nachbar ab und ließ sich dabei auch nicht von meinen langen, ernsten Blicken stören. Ich traute mich aber nicht, weitere Kommentare abzugeben, oder ihm gar das Blatt wegzunehmen. Streng sein ist nun mal nicht meine Stärke, vor allem nicht vor einer fremden Klasse. Aber letztenendes bin ich kein ausgebildeter Lehrer, was erwarte ich also von mir…? Alles in allem war es aber eine nette und interessante Beschäftigung für die letzte Ferienwoche und hat mir ermöglicht, neue Schüler kennenzulernen.

Hier noch etwas zum Schmunzeln, das mir schon vor längerer Zeit aufgefallen zu ist:

Bis bald und liebe Grüße!

 

 

 

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