Eingelebt, aber noch fremd

Nächste Woche beende ich meinen zweiten Monat in Jerewan. Vor nicht allzu langer Zeit genoss ich noch warme 20 °C, lies mir die Sonne ins Gesicht strahlen und lief morgens im T-Shirt zur Schule. Doch vor kurzem hat der Herbst auch in Armenien Einzug gehalten und lässt die Menschen seitdem frieren und zittern. Die Heizung im College wird erst am 15. November zentral eingeschaltet. Bis dahin bleibt uns nichts anderes übrig, als Jacken und Mäntel anzulassen. Das stimmt mich nicht sehr positiv für den Winter. Ein starker Cognac wäre ideal.  Ich bin gespannt, wann es das erste Mal schneien wird

Zwei Monate sind erst vergangen, doch ich bin schon voll im Alltag angekommen und habe mich sehr gut eingelebt. Es fühlt sich alles so selbstverständlich an: Aufstehen, Kaffee trinken, zur Schule laufen, hospitieren, selber unterrichten, in der Pause noch einen Kaffee trinken, nochmal hospitieren, montags und freitags noch Tanz-AG, dann nach Hause. Mittwochs und freitags noch zum Russisch-Sprachkurs. Zu Hause noch den nächsten Unterricht vorbereiten, lesen und abends mit den anderen essen. Seit dieser Woche gehe ich auch endlich ins Gym. Hallelujah! Bei gutem Wetter ziehe ich mit meiner neuen Kamera los und übe mich amateurhaft im semiprofessionellen Fotografieren. Ein paar Geschmacksproben findet ihr unten 😊

In den letzten Wochen war zudem viel los. Jerewan wurde 2800 Jahre alt, es gab ein Riesenfest in der Innenstadt mit Konzerten und dem obligatorischen Feuerwerk. Gefühlt halb Jerewan hat sich an dem Abend aufgemacht, um dieses Spektakel mitzuerleben. Die Deutsche Botschaft hat ihr alljährliches Herbstfest gefeiert und ein Remake des Animationsfilms „Die Abenteuer des Prinzen Achmed“ mit musikalischer Begleitung von Stephan Graf von Bothmer (unbedingt diesen genialen Mann anschauen!) gezeigt. Das Kulturprogramm wurde abgerundet durch ein eindrucksvolles Konzert des Symphonie-Orchesters und selbstverständlich ein Konzert – wie könnte es auch anders sein – des weltbekannten Jazz-Pianisten Tigran Hamasyan. Dass ich erst nach Armenien ziehen musste, um die Schönheit dieser Musik zu erkennen…

Obwohl mir mein Leben hier fast wie selbstverständlich erscheint, fühle ich mich trotzdem noch sehr fremd. Ich spreche keinen einzigen Satz Armenisch und meine Russisch-Kenntnisse reichen noch nicht zur Kommunikation. Armenische Freunde habe ich bisher nicht gefunden. Ich lebe noch in einer kleinen, halbdurchlässigen Blase.

 

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