Letzte Gedanken aus Deutschland

Es ist drei Uhr nachts. In drei Tagen werde ich in Jerewan landen. Langsam beginne ich, es zu begreifen. Vor zwei Wochen wollte es noch gar nicht richtig in mich hineindringen. Ein Jahr lang in Armenien – ein vager und befremdender Gedanke. Jetzt hier ist es jedoch plötzlich so real und greifbar wie noch nie. Die Spannung steigt, meine Vorfreude ist riesig. Die letzten Tage haben viel dazu beigetragen.

Rückblick: Vor knapp zwei Wochen begann das Vorbereitungsseminar am Werbellinsee in der Nähe von Berlin. Ich hatte ehrlich gesagt keine Lust, dort hinzufahren. Zehn Tage lang Workshops mit 330 anderen Freiwilligen, dafür schien mir die Zeit zu Hause zu kostbar. Heute, nach dem Seminar, bereue ich keinen einzigen Tag. Ganz im Gegenteil: Ich bin glücklich, dort gewesen zu sein. So viel über mich persönlich nachgedacht und eigene Ansichten in Frage gestellt habe ich bisher noch nie.

Kognitive Dissonanz war Standardprogramm. Gedanken und Konzepte, die die Trainer vermittelten, vertrugen sich nur selten mit meinen eigenen Überzeugungen. Anfangs noch neugierig und offen, wurde ich mit der Zeit kritischer und manchmal sogar wütend. Politisch korrekte Sprache? Rassistische Werbungen, Lieder, Kinderbücher? Macht durch Privilegien als Weiße Person? In dem Moment war mir das alles zu viel. Gut, dass ein Tagesausflug nach Berlin und zahlreiche Praxis-Workshops mit meiner Partnerorganisation dazwischenkamen. Auch Gespräche mit anderen Freiwilligen, die dreimal täglichen Badeeinheiten im See und grandiose Beachvolleyballspiele sorgten für Ausgleich zu den geistig sehr fordernden Seminarinhalten, die mich sicherlich noch länger beschäftigen werden.

Rückblickend bin ich dankbar für diese Erfahrung, die mir ein Stück weit die Augen geöffnet hat. Mir ist bewusst geworden, dass ich meine Ansichten gründlich in Frage stellen und mich von festgefahrenen Vorurteilen lösen muss, um zu wachsen und meinen Horizont zu erweitern. Ich bin dankbar dafür, für Diskriminierung in meiner Sprache und meinem Handeln sensibilisiert worden zu sein, denn es wird mir dabei helfen, offener und verständnisvoller gegenüber fremden Menschen und Kulturen zu sein. Das Seminar hat meine Vorfreude noch mal ein Stück hochkatapultiert, weil mir ganz bewusst geworden ist, welche Chance in Bezug auf persönliche Weiterentwicklung dort in Jerewan auf mich wartet. Ich denke da nicht nur an die Herausforderungen mit der Sprache, der Kultur und der Arbeit, sondern auch an meine Einstellung zu mir selber. Daran, dass ich mir meiner Identität bewusster werde und mehr zu dem stehe, wie ich denke und handle.

Besonders dankbar bin ich dafür, so tolle Menschen kennengelernt und so schöne Momente mit ihnen erlebt zu haben (Grüße an die „мужчины gang“), die hoffentlich nicht die letzten waren.

Die letzten Tage in Deutschland sind sehr entspannt – verabschiedet habe ich mich bereits vor dem Seminar und die Vorbereitungen sind abgeschlossen. Fehlt nur noch der Koffer, aber der kann noch ein wenig warten. Die letzten Stunden zu Hause müssen schließlich noch genossen werden. Das letzte Basketballtraining und der letzte Tanzabend stehen noch an. Beides werde ich extrem vermissen, das weiß ich jetzt schon.

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