Kurzprosa: Impuls (2019)

Freitagabend. Woche vorbei, der Stress auch. Drinnen riecht es nach Spekulatius und Brombeertee. Im Wohnzimmer versucht Wetten dass? ihn abzulenken. Der Junge muss an die frische Luft. Draußen tanzen die Schneeflocken und füllen das Wohngebiet endlich mit Leben.

Draußen wartet der Spaß. Der Junge packt die dicken Handschuhe ein und zieht seine klobigsten Schneestiefel über.

In einer Reihe parken fein säuberlich die schwarzen Familien-SUVs und die Klorollen-C-Klassen. Der Junge schnappt sich den Packschnee und schießt Gesichter auf die Fensterscheiben. Morgen würden sie damit viel Spaß haben. Auf der Mauer ist die Schneeschicht schon einen halben Meter dick. Der Junge zögert nicht lange und taucht sein Gesicht in das weiße Abenteuer, bis es schmerzt. Seine Handschuhe hat er ausgezogen.

Es ist schon sehr spät, die Nachbarn können ihn bestimmt nicht sehen. Der Junge läuft weiter. Aus drei Wohnzimmern schimmern die fröhlichen Fernsehfratzen. Er erhöht sein Schritttempo. „Da vorne ist der Spielplatz“, denkt er sich, während sich das Wasser in den Stiefeln sammelt und die Zehen sich langsam verabschieden.

Auf dem Spielplatz gibt es eine Rutsche. Die ist kalt, sehr kalt. Der Junge rutscht. Auf dem Bauch, auf dem Rücken, auf den Knien.

Er war doch gerade erst volljährig geworden. Wieso rutschte er alleine?, fragte er sich.

Neben dem Spielplatz ist ein Feld. Von dort aus kann man auf die gesamte beleuchtete Stadt sehen. Der Himmel erstrahlt in leichtem Violett.

Der Junge baut sich ein Bett aus Schnee und kuschelte hinein. Die Flöckchen kitzeln sein Näschen und verheddern sich in seinen langen Wimpern. Er lacht und malt zwanzig Schneeengel in das Feld. Die weißen Kopfhörer sind schnell in die Öhrchen gesteckt und schon vibriert das Trommelfell. Er hört dasselbe Lied, immer wieder, bis der Akku schlapp macht. Er denkt an rote Fingernägel, lange Sommernachtsküsse und eine geplante Reise in den Süden. Irgendwann schläft er ein.

Der Geschmack nach weißem Pulver weckt ihn. Irgendwie schmeckt der Schnee anders. Oben am orangenen Himmel zieht eine Lufthansa wie eine Sternschnuppe über ihn vorbei. Gleich morgen würde er aufstehen und sie anrufen. Am nächsten Morgen ist der Schnee weggespült.

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