Stille

Die Stille.

10 Monaten ohne sie, ich habe es vermisst. Ich bekomme einen Schreck, als ich im Bett liege und nichts höre. Kein Auto, das durchrast. Kein Schuss wegen eines gewonnenen Fußballspiels, kein Mensch, der wild umherschreit. Stattdessen. Stille. Totenstille. Aber in meinem Kopf ist es laut wie an einer neunspurigen Straße. Ein Gedanke jagt den anderen. Die Stille drückt, beide Geräuschszenarien liefern sich ein Wettkonzert. Ich liege hier. und denke. an sie. an ihre letzten Tage. An den Schmerz der letzten Stunden.

Das Blut rauscht verdächtig laut. Es platzt ein Feuerwerk. Ein Gedankenfetzen jagt blitzartig den nächsten.

Nach knapp einem Jahr habe ich fast vergessen, was Stille ist. Und gerade in der wunderschönen Gräbener Natur, in den Weiten des Naturparks Hoher Fläming, bekommt die Stille ein so schönes Gesicht.

Es ist ein warmer Junitag. Ich fahre mit meinem alten Diamantrad durch die endlosen Weiten Brandenburgs. Ich verspüre den Drang, anzuhalten und an meine Freundin in Rio zu schicken. Ich sehe Kühe, die friedlich auf der Weide grasen, majestätische Weizenfelder mit harmonisch gezogenen Linien.

Ich mache ein Foto und schicke es Julia.

»Schau mal, es ist so still«, schreibe ich.

Natürlich kann sie die Stille nicht hören. Niemand kann das.

Aber vielleicht kann man sie sehen: in den Weizenfeldern, die sich nur dem Wind beugen, im endlosen Himmel über Brandenburg und in diesem einen Augenblick, in dem selbst mein Kopf für einen Atemzug innehält. Sie ist gerade auf einem lauten Pagode-Konzert.

Erst da merke ich, dass Stille nicht leer ist.

Sie ist voller Leben.

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