Ein Land – Ein Bild

Ein Land – Ein Bild

Dass die Ukraine so ein gastfreundliches Land ist, wie ich es im letzten Blogeintrag angesprochen habe, wissen wahrscheinlich die wenigsten. Mit der Ukraine wird schon seit Jahren, aber besonders in den letzten Wochen, leider etwas ganz anderes verbunden. Ukraine und der Krieg. An etwas anderes denken wahrscheinlich kaum welche, und wenn, dann wohl an andere Vorurteile..

Der Konflikt mit Russland hat sich seit letzter Woche verschärft. Hier einmal eine kurze Zusammenfassung, was vorgefallen ist:

Am Sonntag, dem 25. November, wurde ein ukrainisches Marineboot von einem russischen Schiff in der Meerenge Kertsch gerammt. Ukrainische Soldaten wurden verletzt und festgenommen. Der ukrainische Präsident Poroschenko hat daraufhin am Montag in verschiedenen Gebieten am Meer das sogenannte Kriegsrecht für 30 Tage ausgesprochen.

Kriegsrecht bedeutet nach ukrainischem Recht die Möglichkeit zur Einschränkung einer Reihe bürgerlicher Rechte (u.a. Demonstrationsverbot, Möglichkeit der Einschränkung der Bewegungsfreiheit, Möglichkeit des Verbots von Parteien und zivilgesellschaftlichen Organisationen, Durchsuchungsrechte, Beschlagnahmungsrechte und Möglichkeit zur Heranziehung zur Arbeit im Staatsdienst) und ein Verbot der Durchführung von Wahlen.“

Dazu muss man aber auch wissen, dass im nächsten Jahr der/die neue PräsidentIn gewählt wird. Während das Kriegsrecht ausgesprochen ist, können kaum Wahlen stattfinden. Durch das Kriegsrecht müssen einige Kommunalwahlen, die im Dezember hätten sein sollen, verschoben werden.

Die Ukraine verhängt ein Verbot der Einreise von russischen Männern.“ oder „Putin schließt Frieden mit der Ukraine aus.“ So lauteten die Überschriften in der letzten Woche. Dabei wurde viel auf Deutschland und seine Hilfe gesetzt. Mittlerweile hat sich die Situationen wieder etwas beruhigt, aber von einer Einigung ist man weiterhin weit entfernt.

Letzte Woche hatte ich ein paar kurze Gespräche mit Lehrerinnen über das Thema. SchülerInnen haben erzählt, dass ihre Väter noch im Osten sind. Aber das war es dann auch. Krieg herrscht in der Ukraine schon seit einigen Jahren, trotzdem wird die derzeitige Veränderung besonders in den Medien als starke Verschärfung des Konfliktes angesehen. Meine Einsatzstelle liegt im Westen, mit dem Auto etwas mehr als eine Stunde von Polen entfernt und die Ukraine ist ein großes Land. Geografisch fühlt sich der Krieg weit weg an. Und trotzdem ist es politisch und geschichtlich das selbe Land. Ich persönlich habe den Eindruck, dass es für die Leute hier, obwohl es im selben Land passiert, immer noch sehr weit weg ist. Ich kann von keinen großen Veränderungen bei den Leuten durch die Eskalation berichten, die ich in den letzten zwei Wochen in der Schule oder in der Stadt bemerkt habe.

Auch wenn ich seit einigen Monaten hier wohne, kann ich nicht behaupten, dass ich die Situation der Einheimischen ansatzweise nachvollziehen kann. Ich habe schließlich einen deutschen Pass und sobald sich die Situationen weiter verschärft, bin ich in der Lage, zurück nach Deutschland zu fliegen. Ich habe keine Verwandten oder kein Zuhause hier, das ich in dem Fall verlassen müsste. Ich habe alle Informationen von deutschen Medien, und bekomme daher ganz automatisch die deutsche Sicht auf das Geschehen. Auch wenn ich gerade in der Ukraine bin, also im Land des Konfliktes, kann ich nicht behaupten, mich in die Lage der Bevölkerung hineinversetzten zu können.

Und das ist ein Gedanke, der mich auch in anderen Situationen beschäftigt hat. Egal wie lange ich in einem Land bin, ich kann nie behaupten, das Leben und die Situation der Einheimischen wirklich nachvollziehen zu können. Was für viele Alltag ist, ist für mich entweder noch Abenteuer oder eben etwas, was ich ein paar Monate mal machen muss oder aushalten muss. Ich habe immer im Hinterkopf, dass ich nach Deutschland zurück gehen und dort wieder bessere Lebensbedingungen vorfinden werde. All das sind Gründe, weshalb ich glaube, dass man als „Ausländer“, das echte Leben in einem Land zwar miterleben und kennen lernen kann, aber mehr eben auch nicht. Egal, wie sehr ich mich versuche zu integrieren und das vielleicht auch schon geschafft habe, in manchen Dingen bin und bleibe ich Außenseiter in einer Gruppe Ukrainer. Ich kann mich eben in bestimmte Situationen nicht hineinversetzen. Wie es ist in einem Land zu leben und aufgewachsen zu sein, in dem Krieg herrscht, das mit Vorurteilen und Perspektivlosigkeit zu kämpfen hat, in dem die SchülerInnen jeden Tag zur Schule gehen mit dem großen Traum in Deutschland studieren zu können, der aber teilweise so weit weg ist.

Sich das bewusst zu machen, ist gar nicht so leicht. Erst da wird einem bewusst, was man selber wirklich für Privilegien hat. Der Spruch „die Welt steht einem offen“ bekommt für mich hier nochmal eine ganz neue Dimension. Damit verstehe ich jetzt nicht mehr unbedingt, dass ich die Welt bereisen kann (was ich theoretisch auch könnte), sondern, dass ich eben alle Möglichkeiten habe, das mit meinem Leben anzufangen, was ich möchte. Und dass das leider nicht selbstverständlich ist und für viele ein weit entfernter Wunsch ist.

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