Vom Zwischenseminar, europäischen Kulturhauptstädten und dem ersten Schnee

„Was soll ich tun, wenn ich so seh
Ich kann den Wind nicht ändern nur die Segel drehen
Tausend Fragen, schlagen Rad
Ich will kein neues Leben, nur einen neuen Tag
Was tut gut? Was tut weh?
Ein Gefühl braucht keine Armee
Vor, zurück, zur Seite, ran
Herzlich willkommen!
Neuanfang“
(Clueso – Neuanfang)
Die mittlerweile vorletzte Woche (ja, ich lasse mir momentan viel Zeit mit dem Schreiben) habe ich nicht in Sofia verbracht, sondern etwa 20 Kilometer davon entfernt in einem der Top 10 Kurorte Bulgariens. Die Kleinstadt Bankja liegt am Fuße des Berges Ljulin, hat rund 350 Einwohner und heißt übersetzt so viel wie „Kleines Bad“. Grund für diese Namensgebung sind die zahlreichen Mineralquellen die hier zum entspannen und erholen einladen. Obwohl ich leider nicht in einem Hotel mit hauseigenem Swimmingpool untergebracht war, spielte das Thema „Wasser“ auch in meiner Woche eine große Rolle. Es regnete fast täglich: Montags waren wir mit dem Bus von Sofia aus noch durch wunderschöne Schneelandschaften gefahren – doch schon am Dienstag verwandelten sich diese in kalten und grauen Matsch. Und auch der Tagesausflug am Mittwoch zeichnete sich vor allem dadurch aus, dass ich Sofia einmal im eiskalten Regen erleben durfte. Glücklicherweise schien das Hotel diese Umstände bedacht zu haben – wie um den Überschuss an Feuchtigkeit auszugleichen, fielen am Donnerstag die sanitären Anlagen aus.

Reisegruppe „Bulgarien“ macht sich auf den Weg nach Bankja.

Im Unterschied zu den Freiwilligen, die nur sechs Monate im Gastland bleiben, bedeutet das Zwischenseminar für mich nicht Halbzeit, sondern dass erst ein Viertel der Zeit hier in Bulgarien rum ist und der Großteil noch vor mir liegt. Trotzdem war die Woche mein vorerst letzter Kontakt mit kulturweit: Das nächste Seminar wird für mich erst im September 2019 stattfinden. Inwiefern das jetzt gut oder schlecht ist, kann ich gerade nicht sagen. Meine Meinung wechselt im Moment fast stündlich – es gibt Momente in denen finde ich alles ganz toll, dann gehe ich dazu über, mich selbst zu hinterfragen und die Dinge sehr kritisch zu sehen und schlussendlich bin ich irgendwann sehr genervt von zu viel Kopflastigkeit.
So ähnlich ging es mir auch in Bankja. Ja, die rumänischen Freiwilligen waren sehr nett. Und ja, die Trainerinnen waren auch okay. Ja, der Ort lädt bei besserem Wetter sicherlich zum Wandern ein. Und ja, die Leute im Hotel haben sich sehr bemüht und waren sehr freundlich. Trotzdem konnte ich mich hier nicht mehr so auf die vermittelten Inhalte einlassen wie noch im September beim Vorbereitungsseminar. Meine anfängliche Euphorie hat sich nach und nach von der täglichen Routine verdrängen lassen.
In den letzten Wochen habe ich realisiert, dass ich hier zwar eine gute Einsatzstelle gefunden habe, mit der ich nicht nur meinen Lebenslauf verschönern, sondern bei der ich sogar auch was lernen kann. Aber dass diese Einsatzstelle eben auch bedeutet, weniger Freizeit als andere Freiwillige zu haben und dass sie nicht allzu viel dazu beiträgt, hier wirklich Land und Leute kennenlernen zu können. An manchen Tagen habe ich es dann doch bereut mich für so lange Zeit zur Arbeit hier verpflichtet zu haben, anstatt nur ein halbes Jahr zu gehen und noch ein paar Monate Backpacking dranzuhängen. Es gab auch Momente in denen ich mich einfach zu alt für dieses Experiment gefühlt habe. Denn natürlich, es ist meine erste Gelegenheit für längere Zeit im Ausland zu sein, aber im Unterschied zu einigen der jüngeren Freiwilligen ist es für mich eben nicht das erste Mal „Alleine“. Ich lebe seit sechs Jahren nicht mehr bei meinen Eltern, dh. einkaufen gehen und die Waschmaschine bedienen gehören für mich nicht erst seit diesem September zu den Herausforderungen des Alltags.
Was mir das Zwischenseminar wirklich gebracht hat? Nicht so viel, leider. Aber immerhin erreichte ich dadurch irgendwann den Punkt, an dem ich mir sagen konnte, dass mit dieser übertriebenen Selbstreflektion jetzt auch mal wieder Schluss sein muss. Wer sich nur mit negativen Dingen auseinandersetzt katapultiert sich selbst in eine Gedankenspirale und die Zeit die es braucht, um aus dieser wieder auszubrechen ist mir eigentlich zu schade. Und so habe ich beschlossen, mich weniger selbst zu bemitleiden und stattdessen lieber die freie Zeit die ich manchmal eben doch habe sinnvoll zu gestalten. Diesen guten Vorsatz setzte ich übrigens, ganz gegen meine Natur, direkt in die Tat um: Gemeinsam mit Finn fuhr ich nach Plovdiv.
Plovdiv liegt zwei Stunden mit dem Bus südlich von Sofia und ist die zweitgrößte Stadt Bulgariens. Im Gegensatz zu Sofia findet sich hier ein historischer Stadtkern sowie ein Fluss – die Atmosphäre in der Stadt wird dadurch gleich gemütlicher und da hier sowieso nur knapp 350000 Einwohner leben (offiziell) wirkt alles entspannter und weniger hektisch. Finn und ich tranken erst zwei Stunden lang Kaffee, bevor wir uns auf zum ethnographischen Museum und zum Antiken Theater machten. Später besuchten wir verschiedene Aussichtspunkte und natürlich musste ein kurzer Fotostopp am „Hotel und Restaurant Leipzig“ eingelegt werden, bevor es mit dem Bus zurück nach Sofia ging. Im nächsten Jahr wird Plovdiv übrigens eine der beiden europäischen Kulturhauptstädte sein. Wenn es soweit ist, werde ich natürlich nochmal hinfahren – wenn auch vielleicht nur, um den Flair der Stadt auch mal bei angenehmen Temperaturen und bei Sonne zu genießen ;).

Das Antike Theater in Plovdiv.

Sonst gibt es heute gar nicht viel Neues zu berichten. Auf der Arbeit verläuft es gerade ruhig, die Weihnachtsvorfreude kommt langsam auf und der „fast sibirsche Winter“, vor dem mich mein Vermieter ganz zu Beginn schon gewarnt hatte, scheint eingebrochen zu sein.

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