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Die Reise nach Thessaloniki und eine Wanderung auf dem Europäischen Fernwanderweg

„Wir gehn gemeinsam unter, steigen zusammen wieder hoch.
Bin ich irgendwann mal hundert, hoff‘ ich das ist immer noch so.
Keiner weiß genau, was morgen aus uns wird,
doch alles gut, solange ich dich hab.
Keiner weiß genau, ob die Sonne wieder scheint,
alles gut, solange ich dich hab.“

(LOT – Alles gut)

Es gibt Tage, an denen ist mir richtig langweilig. Außer des obligatorischen Wartens auf E-Mails und der Einsortierung von Büchern gibt es in der Bibliothek rein gar nichts zu tun. Die Zeit ist so gähnend leer, am liebsten würde ich meinen Kopf auf den Tisch legen und einschlafen. Oder nachhause gehen. Stattdessen zwinge ich mich, das Blog auf den neuesten Stand zu bringen und von meinen Reise nach Griechenland und in den Norden Bulgariens zu berichten.

Der erste Trip fand bereits Ende April statt. Dank orthodoxer Ostern, die in diesem Jahr eine Woche nach den mir aus Deutschland bekannten Ostern stattfanden, hatte ich vier Tage Wochenende. Gott sei Dank!
Eigentlich wäre ich auch gerne in Sofia geblieben, doch nachdem ich aus mehreren Quellen die Information erhalten hatte, dass „hier rein gar nichts passieren würde, außer Messen und ein bisschen Familienkram“, fiel recht schnell die Entscheidung, die freien Tage lieber für einen Ausflug nach Thessaloniki zu nutzen. Und so reisten Paul, Selma und ich am Donnerstagabend los und erreichten gegen 23 Uhr eine Stadt. Ich ahnte zwar, dass es sich dabei um unser Ziel handeln könnte, war mir aber, aufgrund der fehlenden Ansagen und Beschilderungen, dann doch unsicher. Und so blieben wir zunächst sitzen, bis uns der Fahrer mit einem genervten „Thessaloniki!!!“ aus dem Bus blaffte. Also stolperten wir in die Dunkelheit und fanden uns plötzlich am Rand einer mehrspurigen Straße wieder. Von unserer Unterkunft trennten uns noch fünf Kilometer.
Also machten wir uns auf den Weg und kamen dabei in ersten Kontakt mit den griechischen Buchstaben. Bei dem Versuch, Werbeplakate und Schilder zu lesen, stellten wir fest, dass das griechische Alphabet mit Kyrillisch-Kenntnissen durchaus zu verstehen ist. Trotzdem ließ mich der Anblick von Alpha, Beta und Omega innerlich ein wenig schaudern. Erinnerungen an den Matheunterricht kamen hoch und nur kurze Zeit später, fand ich mich in einer Diskussion über dessen Sinnhaftigkeit wiedert. Statt hier weiter nach einem gemeinsamen Nenner zu suchen, beschlossen wir glücklicherweise bald das Thema zu wechseln und uns mit so schönen Fragen, wie „Ist dieses ‚H‘ jetzt ein ‚N‘ oder nicht? Wie viele Versionen von ‚I‘ gibt es denn hier? Und was ist in der Aussprache der Unterschied zwischen Omega und ‚O‘?“, auseinanderzusetzen.

Am nächsten Tag unternahmen wir den obligatorischen Stadtbummel. Hier stellte sich heraus, dass Selma und ich im Vorfeld zu pessimistisch gedacht hatten. Aufgrund der eher lauwarmen Temperaturen in Sofia, hatten wir uns auf den Wetterbericht verlassen und keine kurzen Hosen in den Koffer gepackt. Nun stellte sich heraus, dass die griechische Sonne doch nochmal anders zu bewerten ist, als die Bulgarische und so wurde es um die Mittagszeiten im schwarzen T-Shirt und langer Jeans dann doch recht heiß. So sehr, dass wir für den nächsten Tag beschlossen, einen Strandtag etwas außerhalb Thessalonikis einzulegen.

Hier konnten wir an die mathematischen und linguistischen Exkurse des Abends unserer Ankunft anknüpfen und uns auch im geografischen Bereich weiterbilden. Hätte ich jetzt eine topografische Leistungskontrolle, ich wüsste genau, wo sich die Halbinsel Chalkidiki befindet! Nebenbei könnte ich noch Wortmeldungen zu den Themen „erhöhter Salzgehalt im Mittelmeer“ und „die Auswirkungen starker Sonneneinstrahlung auf die menschliche Haut“ einbringen. Denn wer denkt schon an Sonnencreme, bevor er am Strand einschläft? Und so konnte ich am Abend die rot-weißen Konturen des Badeanzugs auf meinem Rücken bewundern.

Trotzdem war dieser Tag am Strand definitiv mein Highlight der kurzen Reise. Denn auch wenn Thessaloniki schön ist: Das innere Dorfkind, das mich an manchen Tagen eben doch befällt, hat es genossen mal wieder aus dem städtischen Umfeld herauszukommen, bei schwüler Gewitterluft durch Felder zu spazieren und kleine Gehöfte und Häuser zu sehen, statt stets und ständig nur große und graue Plattenbauten vor der Nase zu haben. Eigentlich hätte ich diese Stimmung und diese Art von Aktivität noch gut und gerne eine Woche länger ertragen können. Stattdessen ging es zurück nach Sofia, denn hier wartete Franzi, meine Besucherin aus Leipzig, bereits auf mich. Kennengelernt haben wir uns genau vor zwei Jahren, auf dem spanischen Jakobsweg. Und somit lag es nahe, gemeinsam einen Ausflug auf den Europäischen Fernwanderweg E3 zu unternehmen. Passenderweise beginnt dieser in Santiago de Compostela. In Bulgarien erstreckt er sich über 650 Kilometer, ausgehend von der serbischen Grenze im Nordwesten, bis hin zum Kap Emine am Schwarzen Meer. Da wir statt vier Wochen leider nur vier Tage Zeit eingeplant hatten, mussten wir uns jedoch mit den Anfangsetappen im Stara Planina Gebirge begnügen. Diese hatten es jedoch in sich und brachten mich sowohl an physische als auch an psychische Grenzen.

Die erste davon erreichte ich bereits in Sofia. Am Vorabend unserer Reise versuchte ich am Busbahnhof die richtigen Tickets zu kaufen. Leider ohne Erfolg. Der Bus, den uns das Internet empfohlen hatte, existierte einfach nicht. Andere Busverbindungen fuhren, zumindest unserer Meinung nach, zu recht wanderunfreundlichen Tageszeiten ab, daher beschloss ich, dass wir ebenso gut mit dem Zug fahren könnten und versuchte mein Glück am Bahnhof. Dort fragte ich mich zunächst nach dem richtigen Schalter durch. Kaum hatte ich diesen gefunden und die notwendigen Informationen erhalten (auf Bulgarisch, wohlgemerkt), rief ich Franzi an, um diese Planänderung mit ihr zu besprechen. Kurz darauf war alles geregelt und nur noch wenige Minuten sollten mich und die Tickets voneinander trennen. Doch Pustekuchen. Die Frau, die mir soeben noch die genaue Auskunft über die Tickets, die Uhrzeit und den Preis gegeben hatte, sagte etwas auf Bulgarisch zu mir. Auf meinen Hinweis, dass ich sie leider nicht verstehen könnte, wiederholte sie das Gesagte in etwas schärferem Tonfall und maulte schließlich auf Englisch ein „downstairs“, bevor sie sich von mir abwandte. Also machte ich mich auf den Weg nach unten, um dort erneut auf die Suche nach dem richtigen Schalter zu gehen. Als ich diesen endlich gefunden und die Tickets gekauft hatte, stellte ich noch die Frage nach dem Gleis. Die Antwort darauf ging leider in einer Lautsprecheransage unter und um ehrlich zu sein, die Kraft um noch einmal danach zu fragen, konnte ich nach der knapp einstündigen Fernverkehrsodysee auch nicht mehr aufbringen. Eine weitere unschöne Begegnung und eine Fahrt mit dem Linienbus später war ich endlich zuhause angekommen. Jetzt konnte der Urlaub beginnen! Und so packten Franzi und ich unsere Rucksäcke in alter Gewohnheit mindestens dreimal ein, aus und wieder um, bis wir letztendlich feststellten, dass wir für eine viertäge Reise in etwa das gleiche Gepäck benötigen würden, wie für die damals sechs Wochen in Spanien. Immerhin, an die Sonnencreme hatte ich diesmal gedacht!

Der nächste Tag begann für mich ungewohnt früh. Unser Zug ging um halb acht und trotz unserer Pünktlichkeit, schafften wir ihn nur in allerletzter Sekunde. Denn in Sofia stehen manchmal mehrere Züge, bzw. Waggons, am selben Gleis. Dass diese aber nicht zusammenhängend sind, findet nur heraus, wer die gesamte Reihe im Blick hat, sprich von der linken Seite des Bahnhofs kommt. Da wir leider von rechts kamen, konnten wir zunächst nicht so genau sagen, in welchen Waggon wir nun einsteigen sollten. Glücklicherweise hatten wir eine nette Schaffnerin erwischt, die nicht nur auf uns wartete, sondern auch dafür sorgte, dass uns später jemand beim richtigen Umsteigen behilflich war. Endlich in Berkowitza, von wo aus wir die Wanderung starten wollten, angekommen, stellten wir fest, dass der Ort doch nicht so klein war, wie zunächst angenommen. Und so dauerte es eine ganze Weile und mehrere hilfsbereite Menschen, bis wir endlich auf dem richtigen Wanderweg waren. Hier konnte ich übrigens feststellen, dass mein Bulgarisch mittlerweile nicht nur ausreicht, um mich kurz vorzustellen, sondern dass ich durchaus auch in der Lage bin, nach dem Weg zu fragen und die Basisinformationen der darauffolgenden Antwort zu verstehen. Leider trafen wir im Verlauf des weiteren Tages kaum andere Personen, so dass wir, im Wald und auf dem Weg angekommen, nun erstmal auf uns allein gestellt waren.

Zwar hatten wir bereits im Vorfeld erfahren, dass Wegmarkierungen und genaue Beschreibungen einer Raritäte gleichkämen, dass sie allerdings so einen enormen Seltenheitswert hätten, darauf waren wir nicht vorbereitet. Der Weg an sich lässt sich eher als „romantisch und naturbelassen“ beschreiben und auch wenn ich im Nachhinein darüber lachen kann – in den Momenten, in denen ich über Baumstämme steigen, mich durchs Gebüsch schlagen und letztendlich querbergauf klettern musste, um irgendwie überhaupt nochmal anzukommen, war mir ganz sicher noch nicht danach zumute. Ein bisschen befürchte ich, dass das die verspätete Rache für die Strapazen war, die ich meinen Eltern während ihres Besuchs in Sofia zuweilen zugemutet hatte.

Trotz aller Schwierigkeiten: Wir schafften es und erreichten auch die Berghütte, die mir ein paar Tage zuvor mein erstes Telefonat auf Bulgarisch beschert hatte. Bis dahin hatte ich noch Zweifel gehabt, ob deren Betreiber mich wirklich verstanden hatte. Doch zwei Betten und eine warme Mahlzeit später sah die Welt schon wieder anders aus und wir waren so müde, dass wir über gewisse hygienische Missstände hinweg sehen konnten.

Dank der durchgelegenen Matratzen waren meine Rückenschmerzen am nächsten Morgen stärker als der Muskelkater und so stiegen wir nach dem Frühstück weiter in den Wald hinauf. Durch Schnee und Eis stapften wir in Richtung Gipfel des „Kom“. Dieser befindet sich auf 2016 Metern Höhe. Neben der winterlichen Landschaft gab es auch noch einen verspäteten Frühlingsanfang zu bewundern: Sämtliche Wiesen auf dem Bergkamm waren von lilafarbenen Krokussen übersät. Nach einer kurzen Pause in der Sonne, ging es auf der anderen Seite wieder den Berg hinunter, in das kleine Örtchen Petroxan. Auch hier hatten wir vorab eine Unterkunft reserviert, als wir bei dieser ankamen standen wir jedoch vor verschlossener Tür. Diese öffnete sich später zum Glück dann doch noch und somit mussten wir den Wanderausflug nicht durch unnötige Busfahrten unterbrechen und konnten die Nacht in der für uns schönsten und gastfreundlichsten Unterkunft der kurzen Reise verbringen. Untergebracht wurden wir in einem holzvertäfelten Raum, der mich irgendwie an ein altes Kinderzimmer erinnerte. Im Wohnzimmer gab es ein Feuer im Herd, selbstgemachten Rotwein des Hausherrn und ein leckeres Abendessen. Wie gut hätten wir hier länger verweilen können! Im Nachhinein scheint es fast, als hätte jemand geahnt, welche Abenteuer uns der nächste Tag bringen würde und wie notwendig ein voller Akku für deren Bewältigung sein würde.

Zunächst jedoch, verlief alles entspannt. Am Herdfeuer warteten geröstete Brotschreiben, Kaffee und Frühstückseier auf uns und erst gegen halb zehn schafften wir es, uns davon loszueisen und vor die Tür zu gehen. Unser Herbergsvater hatte zwar etwas seltsam geschaut, als wir ihm das Ziel für den heutigen Tag nannten, aber der wusste ja auch nicht, welche Wandersprofis er hier vor sich hatte. So dachten wir, während wir direkt in die falsche Richtung liefen. Immerhin, für unsere Verhältnisse kam die Erkenntnis über den Irrtum relativ früh und so drehten wir um und schnauften den Berg, den wir gerade so schön heruntergewandert waren, wieder hinauf. Bald kamen wir auf einen Bergkamm, spazierten hier gemütlich vor uns hin, ließen uns von der Stille und der Natur um uns herum beeindrucken und legten zwischendurch auch nur zwei bis vier Pausen ein. Der Abstieg führte uns durch einen schönen und dicht bewachsenen Wald, dessen Besonderheit vor allem das plötzliche Auftauchen zahlreicher Wegmarkierungen war. Unterwegs trafen wir auf Menschen, die sogar ein bisschen Deutsch sprachen und uns somit erklären konnten, dass unser anvisiertes Ziel noch etwa zwanzig Kilometer entfernt sei. Upps, da hatte ich mich wohl ein bisschen verschätzt bei der Etappenplanung.

Praktischerweise war es auch schon 15 Uhr! Also eilten wir weiter, reduzierten die Anzahl der Pausen deutlich und erreichten nur drei Stunden später den Ort „Gara Lakatnik“. Damit waren wir jedoch noch lange nicht am Ziel. Ein Blick ins Internet verriet uns, dass das von mir gebuchte Hotel auf der Karte zwar nicht allzu weit entfernt aussah, jedoch durch eine langgezogene Landstraße und einen weiteren Bergaufstieg von uns getrennt war. Also trampten wir ein kurzes Stück, stiegen aber an einer Stelle aus, an der laut Google ein schöner Wanderweg auf uns wartete, statt uns von den Menschen im Auto direkt ins Dorf bringen zu lassen. „Dauert ja nur eine halbe Stunde“, dachte ich mir und ignorierte die irritierten Blicke unserer Fahrer (hier muss zu meiner Verteidigung noch erwähnt werden, dass das Trampen einfach nicht zu meinen Lieblingsarten der Fortbewegung gehört – vor allem dann nicht, wenn ich das Gefühl habe den Fahrern unnötige Umstände zu bereiten).

Zunächst ging es, auf den Spuren des bulgarischen Nationaldichters Ivan Vazovs wandelnd, hinauf in den Wald. „Guter Fotospot“ stand bei Google und tatsächlich kamen wir an einem schönen Wasserfall und meiner persönlichen Lieblingsaussicht des Tages vorbei. Schade, hier hätte ich gerne länger Pause gemacht. Stattdessen mussten wir weiter bergauf. Innerlich dachte ich mir „Bitte, lass uns vor 20 Uhr ankommen“, als unsere Wanderung abrupt vor einer Felswand endete. Laut Google müssten wir diese nur erklimmen, dann wären wir da. Wir konnten die Umrisse des Hotels sogar schon erahnen. Doch es führte kein Weg nach oben und so beließen wir es dabei und machten uns zurück in Richtung Straße. Inzwischen war es dunkel geworden und meine gute Laune bereits zu Bett gegangen. Irgendwie fühlte ich mich verantwortlich für den Schlamassel und ein Plan B musste her. Mit Taschenlampe und Handy bewaffnet liefen wir an der Straße entlang. Während Franzi leuchtete, versuchte ich die Hotels in der Nähe telefonisch zu erreichen – leider ohne Erfolg. Mittlerweile hatte sich auch das von uns im Vorfeld reservierte Hotel gemeldet. Leider schienen sie nach der Information, dass wir noch sieben Kilometer von ihnen entfernt und leider nicht mit dem Auto, sondern zu Fuß unterwegs sein, auch keinen Ausweg mehr zu wissen und riefen nicht mehr zurück. Also wanderten wir weiter und gelangten in den kleinen Ort „Gara Bov“. Hier fragte ich zunächst nach einem Schlafplatz, den es natürlich nicht gab, danach tranken wir erstmal eine Cola im Bahnhofsrestaurant. Ich fing fast an zu heulen.

Auch im Bahnhof hatten wir nach Schlafplätzen gefragt und auch hier wieder heftiges Kopfnicken, das auf Bulgarisch leider „Nein“ bedeutet, geerntet. Aber es wurde versucht zu helfen. So telefonierte eine Frau zunächst ebenfalls mit den umliegenden Hotels und setzte uns danach in ihr Auto. Sie fuhr uns ins zehn Kilometer weiter südlich liegende Svoge. Doch die Suche nach einem Schlafplatz verlief erneut erfolglos. Warum wir nicht direkt darum gebeten hatten ins richtige Hotel gebracht zu werden, ist mir im Nachhinein übrigens ein Rätsel.

Tatsächlich geschah dann noch ein kleines Wunder und genau in dem Moment, in dem wir fast aufgeben und ein Taxi nach Sofia bestellen wollten, kam dann doch noch ein Mensch mit Englischkenntnisse und, noch viel relevanter für unsere Situation, einem Pensionszimmer um die Ecke. Und so endete der Tag trotz aller Anstrengungen und Anspannungen am Ende wie im Märchen: Und wenn sie nicht gestorben sind, dann liegen sie noch heute mit Dosenbier in einem warmen Hotelzimmer.

Trotzdem bedeutete dieser Tag das abrupte Ende unserer Wanderung. Mehr als zwanzig Kilometer weg vom eigentlichen Wanderweg, müde und mit Muskelkater gesegnet, beschlossen wir statt unserer Füße den örtlichen Bahnhof zu bemühen. Mit dem Zug wollten wir zurück in den Norden, in die Stadt Wraza, fahren. Hier hatte mein Mitbewohner aus Sofia ein paar Tage zuvor die „Ledenika-Höhle“ besucht, das klang für uns nach einer guten Alternative. Am Bahnhof gab es erstmal Frühstück und erneut eine große Geste der Hilfsbereitschaft und Gastfreundschaft, als die Besitzerin des Bistros und ihr Sohn nicht nur versuchten mit uns auf Englisch zu reden, sondern auch noch die richtigen Tickets samt Erklärung des Umstieges für uns besorgten.

In Wraza angekommen suchten wir uns zu allererst ein Hotel. Immerhin, gelernt hatten wir aus dem Vortag bestimmt. Anstatt zu der Höhle zu wandern, beschlossen wir jedoch ein bisschen faul zu sein und den Tag mit Stadtbummel und Entspannung zu verbringen. Die Höhle hoben wir uns für den nächsten Tag auf. Hinauf fuhren wir mit dem Taxi, den Fußmarsch hoben wir uns für den Rückweg auf. Bei der Höhle, die über 300 Meter lang ist und die so kalt ist, dass sie ihren Namen, der übersetzt „eingefroren“ bedeutet, nicht zu Unrecht trägt, erwartete uns dann eine kleine Überraschung: Zahlreiche Touristen warteten mit uns vor dem Eingang. Die Führung an sich ging dann weniger lang als gedacht. Von den über 50 Tierarten die hier leben sollen, unter ihnen ein Insekt, das beim Anblick von Tageslicht stirbt, konnten wir keine entdecken. Nicht verwunderlich, wenn bedacht wird, dass täglich mehrere hundert Menschen hier durchgeführt und mit einer Lichtshow beeindruckt werden. Einmal jährlich findet sogar ein Konzert statt. Nach so viel Massentourismus und Stadtgefühl genossen wir dann den dreistündigen Abstieg zurück zum Bahnhof noch einmal so richtig, bevor wir in ein Gewitter kamen und nun endlich auch unter Beweis stellen konnten, dass wir nicht zu viel, sondern unsere Rucksäcke ganz einfach für alle Wetterlagen angemessen gepackt hatten. Mit dem Zug ging es gemütlich nach Sofia und für Franzi am nächsten Tag dann auch wieder zurück nach Leipzig.

Mittlerweile ist dieses Abenteuer schon über eine Woche her und ich sitze wieder im Büro, statt von Krokussen umringt auf einer Bergwiese. Während ich diesen Eintrag geschrieben habe, ist es 18 Uhr geworden und somit Zeit für den Feierabend. Immerhin, meine Konzentration ist wieder da und eigentlich könnte ich jetzt noch eine Weile hier sitzen bleiben. Aber nein, ich gehe nachhause. Dort steht nämlich die Planung des nächsten Kurzurlaubs an. Mit meinen Mitbewohnern fahre ich nach Mazedonien, denn anlässlich des Tag des Schrifttums steht am 24. Mai mal wieder ein Feiertag und somit ein langes Wochenende vor der Tür!

 

FOTOS:

Thessaloniki

Auf dem Wanderweg Kom-Emine

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Verschollen in Sofia

„Und dann bin ich mir sicher, wieder zuhause zu sein“
(Marius Müller-Westernhagen – Wieder hier)

Neulich habe ich auf dem Blog eines Mitfreiwilligen gelesen, dass es für ihn kaum noch etwas Neues zu berichten gäbe, da der Alltag mehr oder weniger aus ähnlichen Abläufen bestünde und wir jetzt, nach fast acht Monaten, halt angekommen seien. Ich muss ihm recht geben. Unter normalen Umständen besteht meine Woche aus Montag bis Freitag im Goethe-Institut arbeiten, am Wochenende mit Freunden in Sofia irgendwas machen, oder einfach nur auf dem Sofa rumliegen oder durch die Stadt spazieren. Wirklich Abenteuer wartet hinter den wenigsten Straßenecken und es gibt Tage, an denen mich das nervt. Und dann gibt es diese Wochen, in denen plötzlich mehr als drei Dinge gleichzeitig passieren und ich aus dem Denken, Fühlen und Handeln gar nicht mehr herauskomme. So wie jetzt. Ich bin mitten in einem einem Besuchs- und Urlaubsmarathon angekommen, der zwar schön ist, aber gleichzeitig auch auf das baldige Ende meiner Zeit in Sofia hinweist. Nur noch vier Monate! Würde ich jetzt in Berlin sein, kämen mir die wie eine halbe Ewigkeit vor, doch hier, in Bulgarien, merke ich, dass „nur noch dreimal Schlafen“ mit riesen Schritten näher auf mich zukommt.

Den Auftakt der baldigen Endphase machte vergangene Woche der Besuch meiner Familie. Für mich keine Selbstverständlichkeit, denn wer uns kennt, weiß, dass meine Eltern eher so Kategorie „Ostseeurlaub“ sind, statt Weltenbummler. Und so stand ich zwar wie verabredet in der Ankunftshalle des Flughafens, rechnete aber innerlich immer noch mit dem Anruf, der mir mitteilen würde, dass es mit meiner Mama und dem Flugzeug dann im letzten Moment doch nicht geklappt hätte.

Doch die Zweifel waren, wie immer, unbegründet und plötzlich hörte ich seit langem mal wieder meinen Vornamen in voller Länge ausgesprochen.

Vom Flughafen aus ging es in Richtung Innenstadt, wo gleich der erste Programmpunkt abgehakt werden konnte, der Verzehr einer landestypischen Baniza, bevor es erst in die Ferienwohnung und später dann in meine WG ging. Am Abend konnte ich meinen Besuch dann direkt in den Genuss einer weiteren Besonderheit Sofias bringen: Da es an einem Samstagabend fast unmöglich ist, hier ohne Reservierung einen Tisch zu bekommen, landeten wir beim Italiener um die Ecke, statt in der bulgarischen Rakia Bar.

Der nächste Tag wurde zum Stadtspaziergang genutzt, wir bewunderten die Newski-Kathedrale und die Rentnerboyband im Park, aßen Eis auf dem „Vitoshka“ und konnten am Abend eine große Menschengruppe beim bulgarischen Volkstanz beobachten.

So viel Stadt auf einmal, das halten die doch nie aus, hatte ich mir im Vorhinein gedacht und uns daher einen Tagesausflug zum Rila-Kloster gebucht. Dessen Gründer soll vor langer Zeit mal im Wald in einer Höhle gelebt haben, also stand auch deren Besichtigung auf dem Programm. Gemeinsam mit den übrigen Mitgliedern der restlichen Gruppe stiegen wir in den Wald hinauf, doch während meine Eltern eher an einen gemütlichen Spaziergang gedacht hatten, forderte der Reiseleiter Höchstleistungen von uns. Schnellen Schrittes hastete er den Berg hinauf und später auch wieder hinunter, während wir das gemächliche Schlusslicht bildeten.

Das Rila-Kloster selbst hatte ich ja bereits im September besucht. Damals musste ich mich aufgrund von einem engen Zeitfenster jedoch zwischen Kultur und Essen entscheiden und hatte Letzteres gewählt. Somit konnte ich diesesmal dann auch mal in Ruhe über und um das Gelände laufen.

Am nächsten Tag hatte ich wieder einen Wanderausflug geplant, diesmal sollte es zum Wasserfall Boyana gehen. Auch diesen hatte ich bereits im Oktober gesehen und so wusste ich, dass es zwei Möglichkeiten gibt, zu diesem zu gelangen. Der leichtere Anstieg dauert etwa zwei Stunden und geht in gemütlichen Tempo gemächlich bergauf. Der zweite Anstieg dauert nur eine Stunde, wird aufgrund seiner Schwierigkeit jedoch nur geübten Wanderern empfohlen. Wie gut, dass wir diesen dann für den Rückweg auswählen! Und so kann ich nun eine Informationslücke im Internet füllen und berichten, dass dieser Weg nur für Menschen geeignet ist, die sich beim normalen Wandern schnell langweilen und daher zwischendurch gerne mal klettern oder ausrutschen wollen. Das dies nicht der anstrengenste Ausflug des Urlaubs werden sollte, konnte zu diesem Zeitpunkt jedoch noch niemand ahnen. Und so waren wir trotz Müdigkeit und Muskelkater am nächsten Tag ganz guter Dinge und besuchten erst das Goethe-Institut, wo meine Familie gleich von einem unserer etwas spezielleren Stammgäste begrüßt und kurz darauf vom liebenswerten Sicherheitsopa zugequatscht wurde. Immerhin konnten sie sich so einen authentischen Ersteindruck verschaffen! Später ging es in das Mitmachmuseum für Kinder. Hier hatten mein Stiefvater und meine Mutter mindestens ebenso viel Spaß wie meine Schwester und ich konnte mich mental schonmal auf den Spieleabend in der Bibliothek vorbereiten, zu dem ich trotz meines Urlaubs versprochen hatte zu kommen.

Dass meine Eltern lieber Urlaub in der Natur als in der Stadt machen, habe ich ja bereits erwähnt. Außerdem wandern sie gerne, zumindest ist meine Erinnerung an frühere Urlaube stark davon geprägt. Doch während ich früher eher maulend als freudig über Stock und Stein stapfte und die Wanderlust meiner Eltern, zumindest aus meiner damaligen Perspektive, kein Ende zu nehmen schien, scheint sich das Blatt heute gewendet zu haben. Während ich am Donnerstag am liebsten den gesamten Weg in Richtung des Vitosha-Gipfels steil bergauf durch den Wald gestiegen wäre, bevorzugte meine Mutter die weniger steile, dafür aber auch, um es in den Worten meiner kleinen Schwester zu sagen, langweilige Straße. Gefühlte Stunden schlichen wir einfach nur lang hin, ich immer vorneweg, meine Familie außer Sichtweite irgendwo hinter mir. Die Pause, die ich zwischendurch einlegte um auf sie zu warten, nutzte ich, um den nächsten Aufstieg von der Straße in den Wald ausfindig zu machen und mir gute Argumente für dessen Nutzung zurecht zu legen. Hat ja niemand ahnen können, dass ausgerechnet in diesem Abschnitt noch hoher Schnee liegen würde….

Trotzdem haben wir alles gut überstanden und uns die kleine Mahlzeit auf der Berghütte wohl verdient, auch wenn wir es natürlich nicht auf den Gipfel geschafft haben. Auf dem Weg zurück nach Sofia begleitete uns dann noch ein Hund, der wohl als „Lydias schönstes Ferienerlebnis“ in die Familienchronik eingehen wird.

Den Abend ließen wir gemütlich, und typisch für Familie Leisker, mit Dinkelpizza und Vollkornnudeln ausklingen und auch der Freitag, der Abreisetag, verlief ohne spektakuläre Programmpunkte. Ich brachte die ganze „Bagage“ zum Flughafen und war wieder alleine. Ganz schön ungewohnt, nach so viel gemeinsamer Zeit! Zum Glück stand Ostern, das dank des Kuchenpakets meiner Oma sogar ganz würdig gefeiert werden konnte, vor der Tür und außerdem unterstützten wir einen Arbeitskollegen bei einem Filmdreh. Jetzt bin ich gerade im Kurzurlaub in Thessaloniki, trage meinen ersten Sonnenbrand für dieses Jahr mit mir herum und freue mich schon auf den nächsten Besuch, auf Franzi, mit der ich ein paar Tage im Norden von Sofia wandern möchte.

Mein Besuch vor dem Wahrzeichen Sofias

Beim Eisessen auf dem Vitosha Boulevard

Mal wieder Rila-Kloster

Gerald weiß, wie man sich in Szene setzt!

Und auch, wie man Bagger fährt

Lydia entdeckt ferne Welten

Auf der langweiligen Straße

Und hier nochmal ich

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Baba Marta

„Und wenn du nichts hörst, geht´s mir gut“
(LOTTE – Auf beiden Beinen)

In Bulgarien wird sich der Monat März als eine weißhaarige, rotwangige Dame vorgestellt, die hoch oben in den Bergen lebt und von dort aus nicht nur einen Blick auf das Treiben der Menschheit, sondern auch so manche Auseinandersetzung mit ihren frechen Brüdern Januar und Februar hat. Haben diese es mal wieder zu weit getrieben und „Baba Marta“ verärgert, sorgt sie mit ihrer Laune für schlechtes Wetter und eine plötzliche Rückkehr des Winters. Sobald es jedoch zu einer Versöhnung kommt, scheint wieder die Sonne und der Frühling kehrt auf die Erde zurück. Für mich heißen diese Stimmungsschwankungen vor allem eins: Sonntags schwitzen im Park und Montag wieder in Winterjacke zur Arbeit stapfen.

Trotz der Wetterbedingungen gefällt mir die Legende von Baba Marta, denn mit ihr geht auch ein Brauch einher, den ich im nächsten März hoffentlich auch in Berlin einführen werde: Das Verschenken rot-weißer Armbänder oder Anhänger an Verwandte, Freunde, Kollegen und sogar Haustiere. Werden sie nahe am Herzen getragen, sollen sie ihren Trägern Glück bringen. Abgelegt werden sie, wenn ein erstes (oder zehntes – je nachdem, wie viele Bändchen das Handgelenk schmücken) Frühlingszeichen wahrgenommen wird. In meiner Definition können das Knospen, Vogelgezwitscher oder auch besonders warme Sonnenstrahlen sein. Andere sind da strenger und legen ihre Bändchen erst ab, wenn sie einen Storch gesehen haben oder einen vollständig blühenden Baum entdecken. Die „Marteniza“ werden nun an dieser Stelle hinterlassen. Dabei darf sich etwas gewünscht werden. Neben dieser Sternschnuppenfunktion gefällt mir an diesem Brauch besonders, wie er meine Wahrnehmung für den Frühling verändert hat. Selten lief ich in den ersten Märztagen so aufmerksam durch die Gegend wie hier. Überall entdeckte ich etwas Blühendes, überall konnte ich die kleinen Bändchen in den Zweigen finden.

Ähnlich wie Baba Marta hatte auch ich mit gewissen Zwischenmenschlichkeiten zu kämpfen. Besonders die Arbeit forderte meine pädagogischen Fähigkeiten heraus. Etwa 300 Kinder, Jugendliche und Studierende wollten in den vergangenen Wochen von meinen Kollegen und mir durch die Bibliothek geführt oder dort bespaßt werden. Glücklicherweise haben wir dafür meistens vorgefertigte Materialien. So drücken wir den Älteren eigentlich nur ein I-Pad in die Hand und schicken sie auf Schatzsuche. Anhand von kleinen Aufgaben können sie selbstständig den Bestand erkunden. Neben der Beantwortung von Fragen geht es auch darum, bestimmte Medien zu finden. An sich ist diese Schatzsuche eine super Sache: Sie macht Spaß, ist digital (und entspricht damit den Anforderungen an eine moderne Bibliothek) und ist für uns Betreuer eine Frage von zehn Minuten Vorbereitung. Trotzdem gibt es auch Schwierigkeiten, zum Beispiel, wenn ein paar der Teilnehmer einen besonders witzigen Moment haben und die Medien so verstecken, dass sie von den nachfolgenden Gruppen nicht mehr gefunden werden können. Dass auch wir Bibliotheksmitarbeiter hinterher Probleme und wenig Freude daran haben, die berüchtigte Nadel im Heuhaufen wieder ausfindig zu machen, interessiert sie dabei eher weniger.

Für unsere jüngeren Besucher gibt es Brettspiele, Basteltische oder, wenn sie noch sehr jung sind, eine Vorlese-Ecke. In der hatte ich dann auch mal wieder die Gelegenheit aus dem Grüffelo vorzulesen.  Da ich diesen dank meiner kleinsten Schwester quasi auswendig konnte, zählte das dann auch zu meinen leichtesten Übungen. Komplizierter wird es, wenn Kinder zu Veranstaltungen auftauchen, die gar nicht für sie gedacht sind. So zum Beispiel zum Spieleabend, der sich eigentlich an Erwachsene richtet. Glücklicherweise gibt es in der Bibliothek eine Playstation. Sicherlich gehörte dieser Moment nicht zu den pädagogisch wertvollsten in meinem Leben, aber immerhin hatten wir das Gerät vorher auf Deutsch eingestellt.

Viel ruhiger als in der Bibliothek in Sofia ging es hingegen im Deutschen Lesesaal in Plovdiv zu, den Nico und ich Mitte März besuchen durften. Gemeinsam mit der Bibliothekarin vor Ort sortierten wir den Bestand und holten dabei veraltete oder kaputte Bücher aus den Regalen und ersetzten sie durch neuere Exemplare. Im Gegensatz zu Sofia wird hier noch nicht mit einem digitalen Erfassungssystem gearbeitet, sondern es werden handschriftlich Bestandslisten geführt. Auch wenn dies etwas mühsam und in heutigen Zeiten doch sehr veraltet erscheint – für mich war es eine schöne Erfahrung, mal ein paar Tage nicht vor dem Bildschirm kleben zu müssen. Und das Baba Marta sich an diesen Tagen besonders gut mit ihren Brüdern verstanden zu haben scheint, spielte sicherlich auch eine Rolle für meine gute Laune. 🙂

Frühlingshaft wurde in den März gestartet: Frauentag ist in Bulgarien eine große Sache!

Meine private Marteniza-Sammlung.

Dieser Anblick ist im März in Bulgarien keine Seltenheit: Nahezu jeder Baum wird von sogenannten „Marteniza“ geziert.

Die Newsky-Kathedrale im Frühling. Ein bisschen schade finde ich es ja schon, dass ich sie wahrscheinlich nicht mehr im Schnee sehen werde.

Hinter den sieben Bergen, bei den sieben Zwergen… Plovdiv ist immer wieder schön!

In Plovdiv habe ich zweihundert Bücher per Hand aus Listen ausgetragen! 😀

Ein bulgarischer Künstler der sehr oft in die Bibliothek kommt, hat diese Büste meinem Kollegen Nico geschenkt. Sie soll eine Symbiose aus unserer Kollegin Maria und mir („Lilli“) darstellen. Ich bin noch nicht ganz überzeugt und glaube, dass es eigentlich „Baba Marta“ oder Beethoven ist!

 

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Die Stadt, die niemals endet

„Wir sind lange schon auf Reisen
und kommen immer nur so weit,
wie die Ideen uns tragen,
wie der Mangel uns treibt“
(Spaceman Spiff – Vorwärts ist keine Richtung)

Es passiert nicht oft, dass ich nach einem Städtetrip das Gefühl habe, den Ort möglichst bald noch einmal besuchen zu wollen. Meistens reicht der kurze Aufenthalt und das Gefühl „Die Stadt mal gesehen zu haben“. Die nächste Reise darf dann gerne wieder woanders hingehen. Nicht so bei Istanbul: Die bunten Straßen, die Fähren und Brücken, der Blick auf den Bosporus, die Maronenstände, die Farben, die kleinen Läden und Cafés haben mich so begeistert, dass ich mir wünsche, irgendwann einmal dorthin zurückkehren zu können.

Schon die Anreise stand unter dem Zeichen der Begeisterung. Statt eingeengt im Fernbus oder nervös im Flugzeug, durfte ich mich Istanbul auf eine sehr bequeme und bisher unbekannte Art des Reisens nähern: Mit dem Nachtzug, der täglich von Sofia aus in Richtung Türkei fährt, ging es am Donnerstagabend los, um am Freitagmorgen halbwegs ausgeschlafen in Istanbul anzukommen. Halbwegs, weil dieser Schlaf natürlich von deinen Reisegefährten und der nächtlichen Grenzkontrolle abhängt. Diese stört die nächtliche Erholung ungefähr auf der Hälfte der Fahrt – in meinem Fall hieß das: Gerade eingeschlafen, schon wieder aufgeweckt werden. Dass Müdigkeit in meinem Fall selten mit Freundlichkeit verbunden ist, ist sicher bekannt. Dies in Kombination mit dem Anblick von Stacheldrahtzäunen an den EU-Außengrenzen – ein Wunder, dass ich mich auf ein paar muffelige Kommentare beschränken konnte.

Nach der ersten (bulgarischen) Passkontrolle fuhr der Zug weiter in Richtung Türkei. Dort hieß es aussteigen, abstempeln lassen, wieder einsteigen und… warten. Warten auf die zweite Kontrolle, warten auf das Auspacken der Gepäckstücke, warten auf das Wiedereinsetzen des gemütlichen Schaukelns und der beruhigenden Fahrtgeräusche.

Nach gefühlt fünf Minuten Schlaf klopfte es schon wieder an der Abteiltür: „Wir erreichen Istanbul in zwanzig Minuten, bitte Bettzeug zusammenpacken und auf das Aussteigen vorbereiten“. Trotzdem muss ich sagen, dass das Reisen im Nachtzug ab sofort meine Lieblingsart der längeren Fortbewegung ist. Zugfahren und schlafen – zwei Dinge die ich mag, ergeben in meinen Augen eine tolle Mischung.

Da unser Haltebahnhof eher außerhalb lag, mussten wir noch 45 Minuten mit dem Bus fahren. Der erste Eindruck vom Verkehr in Istanbul war bereits mit Blick aus dem Fenster anstrengend und so beschloss ich, noch einmal die Augen zu schließen und öffnete diese erst wieder, als wir endlich in der Stadt angekommen waren. Bis wir in unsere Unterkunft konnten, mussten noch einige Stunden überbrückt werden. Und so hieß es erstmal die Altstadt zu erkunden, schwarzen Tee trinken, spazieren gehen, einen Bazar besuchen und irgendwo etwas zu Essen zu finden. Somit waren auch die grundlegenden und wiederkehrenden Programmpunkte dieses Kurzurlaubs schon abgesteckt und weiter konnte es in Richtung Unterkunft gehen. Da diese nicht im europäischen, sondern im asiatischen Teil der Stadt lag, genauer gesagt im wunderschönen Viertel „Kadiköy“, fuhren wir dazu mit der Fähre. Nach ersten Verwirrungen und der traurigen Feststellung, dass aus dem einjährigen Türkischkurs, den ich einst in der Uni belegt habe, nicht eine einzige Vokabel hängen geblieben ist, schafften wir es dann tatsächlich auf das richtige Boot.

In Kadiköy angekommen, kamen wir aus dem Schwärmen nicht mehr heraus. Hier reihen sich Secondhandläden an Cafés, es gibt Graffiti und bunt bemalte Treppenstufen, Häuser, die mit Holzfassaden und verschnörkelten Ornamenten verziert sind, kleine Restaurants und überall Dinge, die jeden Berliner Hipster neidisch machen würden. Auch unsere Wohnung überraschte uns mehr als positiv und nach einem kurzen Mittagsschlaf meinerseits ging es von dort aus am frühen Abend in Richtung Bosporus. Nur wenige Laufminuten entfernt fanden wir einen kleinen Park und eine schöne Stelle, von der aus wir das Wasser und den Sonnenuntergang bestens im Blick hatten.

Am nächsten Tag sah das Wetter leider nicht mehr ganz so sonnig aus. Graue Wolken, Wind und regnerische Kälte schlugen uns entgegen, als wir die Fähre betraten und zurück in Richtung Altstadt fuhren. Dort spulten wir zunächst das typische Sightseeing-Programm herunter und besuchten die Blaue Moschee und die Hagia Sophia. Später besichtigten wir noch eine riesige Markthalle, den sogenannten „gedeckten Bazar“ und die wirklich sehr beeindruckende Süleymanyie-Moschee. Leider hatten wir für das Museum „Hagia Sophia“ Kombi-Tickets gekauft, so dass ich auch am nächsten Tag noch einmal zur Kultur gezwungen wurde und mit meiner Reisegruppe das archäologische Museum und den Palast des Sultans besuchen musste. Hier konnte ich mal wieder unter Beweis stellen, dass auch mit Mitte zwanzig noch Tendenzen zum nörgeligen Kleinkind vorhanden sein können.

Zum Glück waren diese Programmpunkte irgendwann überstanden und über die Brücke ging es in den Stadtteil „Beyoğlu“. Hier steht der sogenannte Galataturm, der ursprünglich Teil der Stadtbefestigung und Symbol des christlichen Glaubens war. In der langen Zeit zwischen seiner Errichtung und heute, diente er jedoch auch schon als Leuchtturm, als Gefängnis, und als Nachtclub. Heute ist er eine sehr begehrte Aussichtsplattform, welche wir aufgrund der langen Touristenschlangen dann doch lieber nur von unten erlebten. Stattdessen verbrachten wir die Zeit mal wieder mit Kartenspielen und Tee trinken, schlenderten durch die Einkaufszone in Richtung Taksimplatz und suchten am Abend ein im Grünen verstecktes Restaurant auf, bevor es wieder mit der Fähre zurück zur Unterkunft ging.

Für den letzten Tag hatte ich mir etwas besonderes gewünscht: Einen Milchshake trinken, der aus Cornflakes, Eis, zahlreichen Süßigkeiten und auf Wunsch sogar Zuckerwatte bestand. Die Anderen stellten fest, dass sie hier „bereits beim Blick in die Speisekarte Diabetes bekommen würden“. Doch es half alles nichts, auch hier kam das Kleinkind in mir wieder zum Vorschein und schrie „will haben“. Und so mussten diese Bedürfnisse eben  befriedigt werden, bevor wir uns irgendwann wieder in Richtung Europa auf den Weg machen konnten. Hier ging es noch einmal über den Bazar und bald darauf zum Bahnhof, wo wir auf unsere Abreise warteten.

Wie ich es bereits eingangs erwähnt habe: Istanbul hat mich begeistert und mir das Gefühl gegeben, noch so viel mehr von dieser tollen Stadt entdecken zu wollen. Trotzdem wurde diese Freude direkt nach unserer Ankunft in Sofia wieder etwas getrübt. Nachrichten von Journalisten, die aus der Türkei ausgewiesen werden, die Tatsache, dass Wikipedia dort verboten ist und das Gefühl auf offener Straße nicht allzu negativ über den 12. Präsidenten der Türkei reden zu dürfen, waren Teil dieser Reise – ebenso wie das Gefühl, irgendwie nicht zu rosarot über Istanbul berichten zu wollen.

Mit dem Nachtzug von Sofia nach Istanbul

Erster Eindruck von Istanbul: Ganz schön bunt hier!

Colorblocking in Istanbul

Frisch gepresste Säfte an jeder Ecke 🙂

Posen im Sonnenuntergang

Bunte Luftballons im Sonnenuntergang

Das einzige türkische Wort, das ich mir merken konnte! „Elli“ bedeutet auf türkisch ganz einfach „Fünfzig“

Die Reisebegleitung mit dem Rücken zur Stadt

Der Blick auf die Stadt von der Süleymaniye Moschee

Die Süleymanyie Moschee im Abendlicht

Blick auf die Hagia Sophia

Mein Versuch ein schönes Foto von der Straßenbahn zu machen

Der Garten neben dem Archäologischen Museum

Mau!

Symbolbild der Überreizung im gedeckten Bazar

Nochmal gedeckter Bazar

 

Symbolbild für die zahlreichen bunten Straßen Istanbuls

Zum Abschied: ZUCKER FÜR ALLE!

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Zwei Monate in einem Artikel

„Deine Schönheit bleibt im Innersten verborgen
Nur was dich überlebt ist von Bedeutung für morgen“
(OK KID – Februar)

Zu Weihnachten bekam ich ein Plakat geschenkt, auf dem hundert Dinge aufgelistet sind, die es in Bulgarien zu sehen oder zu erleben gibt. Jede erledigte Aktivität darf mit einer Münze freigerubbelt werden. Bei der Geschenkübergabe fiel das Resultat noch sehr übersichtlich aus. Lediglich der Besuch von Plovdiv, das Wandern im Rila-Gebirge und ein paar Ausflüge in und um Sofia hatte ich bis dahin geschafft. Irgendwie deprimierte mich das. Der Gedanke, dass ein FSJ in Deutschland und eine Urlaubswoche in Bulgarien ähnliche Ergebnisse im Bereich der Landeskunde hervorgebracht hätten, wie diese ersten drei Monate, kam mir nicht nur einmal.

Mittlerweile hat sich das geändert. Im kalten und verschneiten Januar konnte ich nicht nur meine Kenntnisse im Skifahren autodidaktisch erneuern, sondern auch nächtliche Schneeballschlachten im Park, eine WG-Party und meine selbstgebackene Banitza genießen. Das Abenteuer „Zug fahren“ erledigte ich am selben Nachmittag wie die „bulgarischen Kukeri“ sehen. Gemeinsam mit den anderen Freiwilligen fuhr ich am 25. Januar nach Pernik zur Eröffnungsfeier des internationalen Maskeradenfestes (auf bulgarisch „Surva“). Dort sahen wir uns den Umzug der Kukeri an – Menschen verkleiden sich mit Tiermasken, läuten mit Kuhglocken und tragen Fackeln, um die bösen Geister des Winters zu vertreiben und den Frühling einzuleiten.

Das scheint ihnen gelungen zu sein. Denn von dem „sibirschen Winter“, vor dem mich mein Vermieter warnte, habe ich noch nicht viel mitbekommen. Auf den Schnee folgten zwei Regentage und an einem Abend vor drei Wochen roch die Luft plötzlich nach Frühling. Wenn ich nach Feierabend nachhause gehe, ist es nicht mehr stockdunkel. Bereits Anfang Februar gab es lauwarme Temperaturen im zweistelligen Bereich. Praktisch, dass ich ausgerechnet zu diesem Zeitpunkt meine  Dienstreise antreten konnte. Gemeinsam mit einer Kollegin sollte ich zwei der drei deutschen Lesesäle in Bulgarien sowie das neue Goethe-Institut in Bukarest besuchen. Erste Station: Varna am Schwarzen Meer.

In Varna angekommen, spazierten wir durch den Meeresgarten in Richtung Strand. Meine Kollegin Maria kommt ursprünglich aus Varna und konnte mir so viele interessante Dinge über die Stadt erzählen. Sie zeigte mir unter anderem eine kleine Holzbrücke im Park und riet mir, diese mit geschlossenen Augen zu überqueren und mir dabei etwas zu wünschen. Gesagt, getan und siehe da: Mein Wunsch, einen Cappuccino direkt am Strand zu trinken, wurde wahr. Am nächsten Morgen entdeckte ich die magische Anziehungskraft des Meeres und stand deutlich früher als gewöhnlich auf, um vor dem Frühstück noch einen kurzen Spaziergang am Strand zu machen. Später besichtigten wir den Lesesaal, bevor es weiter in Richtung Ruse ging. Ruse ist eine Stadt an der rumänischen Grenze und liegt direkt an der Donau. Hier gibt es zwar keinen Strand, dafür aber ein historisches Stadtzentrum. Ich benannte einen Teil davon in  „Zuckerwattestraße“ um, da es hier statt sozialistischen Grautönen eher romantische Altbaufassaden in hellen Pastelltönen gibt.

Einen ganz anderen Eindruck als Varna hinterließ auch die Bibliothek von Ruse. Während der Lesesaal in Varna in einem sozialistischen Betonklotz untergebracht ist und von innen her eher an einen gemütlichen, aber etwas chaotischen Dachboden erinnerte, zählt die Bibliothek in Russe für mich in ihrer Gesamtheit zu den schönsten Bibliotheken die ich je sah. Meterhohe Regale, gemütliche Sitzecken und viele Pflanzen verleihen ihren Räumlichkeiten einen gewissen Charme. Gekrönt wird dieser durch die fast hundertjährige Uhr, die in einer kleinen Mansarde unter dem Dach untergebracht ist und alle zwei Tage per Hand aufgezogen werden muss.

Da unser Auftrag lautete drei Städte in drei Tagen zu besuchen, ging es keine vierundzwanzig Stunden später weiter nach Bukarest. Bis dahin hatte ich mich kaum mit der rumänischen Hauptstadt auseinandergesetzt. Ich erwartete eine Art zweites Sofia. Umso überraschter war ich, als ich in Bukarest plötzlich an Berlin und Paris denken musste. Die vielen Menschen, der hektische Verkehr, die riesigen Prachtbauten und die zahlreichen Kneipen ließen Sofia im Vergleich plötzlich wie einen gemütlichen Kurort wirken. Nach dem ich mich dann plötzlich auch sehr sehnte.

Irgendwie verrückt, dass es schon wieder ein Jahr her ist, dass ich in Berlin saß und noch keine Ahnung hatte wohin und vor allem letztendlich für wie lange es mich irgendwohin verschlagen sollte. Jetzt bin ich seit einigen Monaten in Bulgarien und fühle mich in Sofia irgendwie zuhause. Das mag auch an meiner Mitbewohnerin und Arbeitkollegin Pia gelegen haben. Für sie endet der Freiwilligendienst am Wochenende. Ihre sechs Monate sind bereits vorbei, während für mich gerade die zweite Halbzeit beginnt. Ich hoffe, dass ich diese genauso gut überstehen werde, auch wenn ich Pia und die anderen Freiwilligen, die bereits wieder in Deutschland sind, höchstwahrscheinlich vermissen werde.

Fotos aus dem Januar:

Pernik: Die traditonellen „Kukeri“, die den Winter vertreiben sollen.

Pernik: Diese Wintergeister sind aber auch gruselig!

Borovetz, autodidaktisches Skicamp Nr. 2: Paul, Elli und Brigitte auf Wilder Fahrt.

Fotos aus dem Februar:

Sofia: Endlich mal wieder klettern.

Varna: Abendspaziergang.

Varna: Morgenrunde.

Varna: Mittagspause.

Ruse: Die „Zuckerwattestraße“ im Stadtzentrum

Bukarest: Ich fand es dort schön und schrecklich zugleich.

Bukarest: Neben hohen sozialistischen Platten auch viel historischer Kram. Auf jedenfall hektischer, pompöser und irgendwie stressiger als Sofia.

Sofia: Abends ist es nicht mehr dunkel und die Luft riecht nach Frühling.

Sofia: Beim Ausflug zu Ikea haben wir sehr wichtige Dinge für die Bibliothek gekauft!

Sofia: Abschiedsrunde 1.0 – Für Finn, Pia, Johanna und Clara ist das FSJ nun vorbei.

 

 

 

 

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Skiausflug im Vitosha-Gebirge

„In der Gegenwart bin ich zufrieden, ziemlich schräge Sache
Ja fast niedlich, denn man sieht sogar die Zähne wenn ich lache“
(Chakuza – Dieser eine Song)

„Skifahren ist wie Fahrradfahren“, an diese Hoffnung klammerte ich mich am vergangenen Wochenende, als es für mich zum ersten Mal seit 18 Jahren wieder auf die Piste gehen sollte. Angesteckt durch Clara hatten auch Finn, Paul und ich den Entschluss gefasst, den „Hausberg“ von Sofia, den Vitosha, endlich einmal nicht nur zu Fuß, sondern auch zu Ski zu erkunden. Am Sonntagmorgen verließen Clara und ich unsere Wohnung, um mit dem Bus an den Stadtrand zu fahren. Dort mussten wir noch einmal in die sagenumwobene „66“ steigen. Doch während Finn und ich noch in unseren Erinnerungen an unseren Wanderausflug vom November schwelgten, von dem klapprigen Bus berichteten, der uns damals an unser Ziel gebracht hatte und innerlich schon präventiv mit der Reisekrankheit zu kämpfen hatten, bog die erste Überraschung des Tages um die Ecke: Statt des knallgelben Mercedes-Oldtimers der uns im Herbst auf den Berg gebracht hatte, fuhr ein relativ moderner und vor allem gut beheizter Reisebus an der Haltestelle vor. Ob diese Neuerung mit der Witterung und den somit erschwerten Anfahrtsbedingungen oder mit dem Versuch das Skigebiet für seine Gäste attraktiver zu gestalten zusammenhing konnten wir nun auf der rund 45-minütigen Fahrt diskutieren.

Oben angekommen liehen wir Skier, Stöcke und Schuhe aus. Auf Helme und Brillen mussten wir verzichten – die führte der Verleih leider nicht in seinem Sortiment. Zum Glück hatte ich meine dicke Pudelmütze mit der Bommel auf – die würde das Schlimmste schon abhalten, hoffte ich und malte mir grauenvolle Unfallszenarien aus. Die passende Skikleidung hatten wir bereits am Samstag in Sofia gekauft. Mit Finn und Paul war ich losgezogen, um Skihosen oder zumindest so etwas ähnliches im Second-Hand-Laden zu erstehen. Paul ergatterte dabei das heißeste Teil: Einen Skianzug in den schönen Komplementärfarben blau, gelb und rot, mit der Aufschrift „Skiadventure unlimited“, dessen letztes Abenteuer im Schnee garantiert noch länger her war als meins. So ausgerüstet konnte doch gar nichts mehr schiefgehen!

Und tatsächlich, Überraschung Nummer zwei an diesem Tag: Nach anfänglichen Schwierigkeiten überhaupt in die Skischuhe zu kommen, geschweige denn mit den Skiern an den Füßen irgendwie vorwärts zu gelangen, klappten die ersten Übungen ganz gut. Clara, als einzige von unserer Gruppe wirklich bewandert in diesem Sport, zeigte uns das Bremsen und Kurvenfahren auf dem „Babyhügel“. Bevor ich jedoch soweit war, musste ich erst einmal eine halbe Stunde rumheulen, zum Aufwärmen sozusagen. „Die Schuhe drücken, mein Knöchel tut weh, ich komme gar nicht vorwärts, ich hab keine Lust mehr, ich höre sofort auf“ jammerte ich eine Weile vor mich hin, bis eine Lockerung der Skischuhe zumindest beim rechten Bein irgendwann für eine Entlastung sorgte. Danach konnte auch ich mich endlich auf das Skifahren einlassen und schon bald entließen wir unsere Trainerin Clara, damit diese nun endlich die richtige Piste fahren konnte, während wir weiter neben zahlreichen sechsjährigen Kindern versuchten nicht ganz bescheuert auszusehen. Paul hatte schon bald genug von diesen langweiligen Übungen und folgte Clara auf die Piste. Dass es sich dabei um eine rote handelte, hatte er in Vorfreude auf seine erste Abfahrt wohl verdrängt.

Und so erlebte er einen starken Adrenalinausstoß, während Finn und ich noch von einfachen Fortbewegungsmethoden träumten. Doch schon bald hatten auch wir die Nase voll von dem flachen Wanderweg auf dem wir trainierten und fassten unser nächstes Ziel ins Auge: Den nahegelegenen Rodelberg. Da wir unsere Ausweichmanöver dann doch als noch nicht sehr ausgeprägt einschätzten, verwarfen wir diesen Plan bald wieder und zogen weiter in Richtung Skipiste. Auf dem Weg dorthin kamen wir an weiteren Hügelchen vorbei, trauten uns aber noch nicht so recht, da auch diese von zahlreichen Kinderskikursen bevölkert wurden. Wir wollten ja niemanden gefährden. Irgendwann (das Fortbewegen auf Skiern im Flachen kam in unserem Fall zunächst einer Schnecke gleich), erreichten wir die Piste. Statt des erwarteten sanften Gefälles gruselten wir uns jedoch vor dem steilen Abhang der sich uns offenbarte. „Da fahre ich niemals im Leben runter“ verkündete ich und fragte mich, wie Paul diese Abfahrt wohl überstanden hatte. Finn, ausnahmsweise einmal auf meiner Seite, hatte ebenfalls wenig Lust sich diesem Risiko auszusetzen und so entdeckten wir wenig später einen kleinen Berg, der uns für unsere Anfängerfähigkeiten optimal erschien. Leider durften wir den Tellerlift, der sich dort befand, nicht benutzen, da er ausschließlich für die Skischulen zur Verfügung stand und mussten den Berg auf unseren Skiern erklimmen. Nach einer gefühlten Ewigkeit kamen wir „oben“ an und stellten fest, dass es von hier aus plötzlich doch tiefer hinabging als gedacht und dass die zahlreichen Snowboarder, die hier anscheinend ihre Pausen einlegten, wirklich alle mitten in der Fahrbahn saßen (ich habe diese Menschen beobachtet, sie haben den ganzen Tag lang nur im Schnee gesessen und dabei wirklich keine sportlichen Bewegungen gemacht). Mutig fuhren wir trotzdem los und da ich kurzzeitig vergessen hatte, wie eine Bremsung funktioniert, schmiss ich mich provisorisch in den Schnee um anzuhalten. Nur Sekunden später lag Finn neben mir. Doch erneut rutschten und fluchten wir den Berg hinauf; die zweite Abfahrt klappte schon besser. Ein drittes Mal wollten wir uns die Tortur des Aufstieges jedoch nicht geben und so kam ich auf die grandiose Idee, die Skier einfach auszuziehen und nur in Skischuhen hinaufzusteigen. Leider hatte ich vergessen, dass Skischuhe einem gewöhnlichen Schuh tatsächlich nicht sehr nahe kommen und so war auch dieses Unterfangen etwas kompliziert. Außerdem etwas unbedacht von mir – wäre ich in ein Loch getreten (und es gab leider einige davon), hätte ich die tolle „Dr. Walter“ Krankenversicherung eventuell in Anspruch nehmen müssen. Doch zum Glück ging alles gut und oben angekommen versuchten wir die Skier wieder anzuziehen. Leider stellten wir uns dabei so dumm an, dass ein paar der rumsitzenden Snowboarder Hilfestellung leisten mussten. Eigentlich hatte Finn beschlossen, dass wir davon niemandem erzählen würden. Doch da ich im Laufe des Tages auch andere Leute beobachtet habe, die diese Taktik anwandten, denke ich, dass es gar nicht so ungewöhnlich ist, bzw. wenn doch, dass wir immerhin nicht alleine dumm waren. Während wir noch einmal den Berg „hinuntersausten“, glitten Paul und Clara im Lift über uns hinweg. Paul hatte also überlebt. Dadurch angespornt beschloss nun auch Finn dieses Abenteuer zu wagen. Da Paul mit den Worten „Ich möchte nie wieder da runterfahren“ wieder zu uns gestoßen war, musste ich Angsthase jedoch nicht alleine bleiben. Während nun also Finn und Clara hinab fuhren, blieb Paul bei mir und während wir über den flachen Weg zwischen den einzelnen Hügeln schlichen, philosophierten wir darüber, dass Langlaufen doch eigentlich auch eine schöne Art des Skisports wäre.

Im Laufe des Tages wagte ich mich dann doch noch einmal auf die beiden überbevölkerten Skischulpisten. Bei einer durften wir sogar den Tellerlift benutzen, doch da es in diesem Moment leider schneestürmte, wurde die Abfahrt vom frisch gefallenen Neuschnee abgebremst. Doch ich ließ mich nicht entmutigen und versuchte es nach einer kurzen Mittagspause erneut. Und, Überraschung Nummer drei, irgendwann hatte ich das Gefühl den Bogen zumindest etwas herauszuhaben. Kurven fahren, Bremsen – das alles klappte plötzlich wirklich gut. Natürlich war ich trotzdem noch nicht mutig genug nun auch die rote Piste in Angriff zu nehmen. Neben der steilen Abfahrt spielte dort auch meine Angst vor dem Sessellift mit hinein. Da ich Fahrten mit solchen Gerätschaften schon unter normalen Bedingungen nicht genießen kann, traute ich mich nicht so recht, dieses Abenteuern mit Skiern unter den Füßen zu wagen.

Diese Befürchtungen sollte ich wohl möglichst bald überwinden. Denn tatsächlich habe ich Spaß gefunden an diesem Sport und große Lust schon bald einen wirklichen Berg hinabzufahren, statt mich um sitzende Snowboarder und rodelnde Kinder herumwinden zu müssen.

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Der rutschige Start ins Neue Jahr

„Wenn du glaubst, dass du ständig gegen Wände rennst
Sieh es als Vorteil, wenn du endlich alle Wände kennst“
(Neonschwarz – Hinter Palmen)

Achtung, Rutschgefahr! Dieser Warnhinweis sollte dick und fett überall dort in Sofia hingeklebt werden, wo sich Hausbesitzer oder -bewohner nicht die Mühe gemacht haben den Schnee vor der Tür wegzukehren. Außerdem bitte auch noch auf jeden einzelnen der gelben Backsteine mit denen ein Großteil des Stadtzentrums gepflastert ist. Und natürlich überall dort, wo statt normaler Bodenplatten eine Art von Fliesen auf dem Gehweg verlegt wurde. Also eigentlich überall. Denn: In Sofia wird nicht gestreut. Und somit verwandelt sich der Schnee, der in den ersten Tagen des neuen Jahres fast ununterbrochen vom Himmel fiel, mit einsetzendem Tauwetter mehr und mehr in eine stabile Eisfläche. Die tägliche Herausforderung ist es, diese sicher und ohne Zwischenfälle zu überqueren und dabei noch zügig voranzukommen. Denn wie das eben so ist mit den guten Vorsätzen: Die Idee, ab 2019 wieder um 9 Uhr statt um 10 Uhr mit der Arbeit anzufangen (Gleitzeit sei Dank) ließ sich schwerer realisieren als zunächst gedacht. Irgendwas war an den ersten Abenden des neuen Jahres immer los und somit habe ich den Kampf gegen meine innere Uhr (spät ins Bett, spät raus aus dem Bett) wieder einmal verloren.

2019 begann für mich, wie bereits in meinem letzten Post von 2018 erwähnt, nicht in Sofia, sondern in der Nähe der Stadt Gotze Delchev, genauer gesagt in dem 40-Seelen Dorf namens Delchevo. Hier verbrachte ein paar schöne Urlaubstage mit einer bunt gemischten Reisegruppe, bevor es am 1. zurück in die vertraute Umgebung ging. Hier dauerte es nicht lange und der Alltag hatte mich wieder. Ich gehe täglich zur Arbeit, hatte schon viermal Sprachkurs und sehe die bekannten Gesichter wieder. Alles wie immer also, oder doch nicht?

Tatsächlich brachte der Jahreswechsel ein paar Änderungen mit sich. Zunächst einmal haben wir eine neue Freiwillige und für Pia und mich heißt das auch, dass wir gleich zwei neue Mitbewohner in die WG bekommen haben. Clara, die eigentlich in Russland eingesetzt war und dort Probleme mit dem Visum hatte und Fabian, einen deutschen Erasmus-Studenten. Außerdem bekam ich am ersten Januarwochenende mal wieder ein sehr vertrautes Gesicht zu sehen, dessen letzter Anblick schon wieder mehr als sechs Monate zurücklag: Mein zweiter Besuch aus Deutschland stand an. Sophie, die ich noch aus dem ersten Semester in Leipzig kenne und die mittlerweile längst in Frankfurt (Main) wohnt, hatte sich auf den Weg gemacht um mir wiedereinmal ihre Leidenschaft für „den Osten“ unter Beweis zu stellen. Eine bessere Jahreszeit hätte sie sich dafür nicht aussuchen können – selten sah Sofia so authentisch „osteuropäisch“ aus, wie an diesen eiskalten Wintertagen.

Gemeinsam stapften wir drei Stunden lang durch den Schnee um uns bei einer Stadtführung mehr über die kommunistische Vergangenheit Bulgariens erläutern zu lassen. Die Tatsache, dass ich bis dahin nicht wusste, dass ein Stück Berliner Mauer auf einem meiner Lieblingsplätze in Sofia steht, spricht dafür, dass diese Unternehmung trotz gewisser Vorkenntnisse meinerseits einen gewissen Bildungsauftrag erfüllt hat. Zum Ausgleich verbrachten wir die restliche Zeit meistens sehr kapitalistisch. Entweder in einem Restaurant oder einem Geschäft, einer Bar oder einfach nur auf meinem Sofa – mit Tee und Schokolade in der Hand.

Damit mir nach so viel freundschaftlichem Input nicht die Decke auf den Kopf fallen konnte, beschloss ich mich am darauffolgenden Wochenende den anderen Freiwilligen (und dem Praktikanten vom Goethe-Institut) anzuschließen. Sie wollten nach Plovdiv fahren. Dort war ich ja eigentlich erst im November gewesen und wirklich Lust auf nochmal Sightseeing, vor allem bei diesen Temperaturen, hatte ich eigentlich nicht. Aber da es bei diesem Ausflug eigentlich mehr um die Eröffnung als diesjährige „Europäische Kulturhauptstadt“ gehen sollte, fuhr ich mit. Eine sehr gute Entscheidung, wie sich im Nachhinein herausstellte. Zum einen lag unsere Wohnung direkt im Zentrum der Stadt. Den Weg dorthin wies uns nicht der Stern von Bethlehem, sondern der Fernsehturm zu Babel: In die Mitte einer großen Straße hineingepflanzt machte ein mehrstöckiger Block, bestehend aus Bildschirmen, Boxen und sonstiger Technik die Nacht von Freitag auf Samstag zum Tag. Im Viertelstundentakt wechselten Lichter und Töne sowie deren Intensität: Generalprobe für die große Veranstaltung am nächsten Tag.

Diese sollte jedoch erst am Abend stattfinden. Wie bereits erwähnt: Nochmal Lust auf antikes Theater oder kommunistisches Kriegerdenkmal hatte ich an diesem Wochenende nicht. Also trafen Finn, Nele und ich uns mit einer deutschen Lehrerin, bzw. Schulinspektorin, aus Plovdiv zum Kaffee, während die anderen Drei sich die historische Altstadt anschauten. Aus einem Kaffee wurde bei mir eine heiße Schokolade und später der gemeinsame Besuch der Eröffnunsfeier. Dort zitterten wir mehrere Stunden, während wir traditionelle bulgarische Tänze und moderne Bearbeitungen des Mottos „заедно“ („Zusammen“) beklatschten und verschiedenen Eröffnungsreden lauschten. 

Am nächsten Tag ging es zurück nach Sofia und am Montag ganz gewohnt ins Goethe-Institut. Hier geht auch alles seinen gewohnten Gang. Einige Projekte vom letzten Jahr, wie beispielsweise der Edit-a-thon und die Buchmesse bedürfen noch einiger Nachbereitung, aber ansonsten gibt es eigentlich wenig Nervenaufreibendes auf das ich mich gerade konzentrieren muss.

Und somit kann ich meine Tage damit verbringen durch die Regale zu streifen und den Bestand zu sortieren. Da es immer etwas chaotisch zugeht, ist diese Aufgabe gar nicht so einfach, wie zunächst gedacht. Nicht immer steht das gesuchte Buch dort, wo es stehen sollte. Manchmal taucht es gar nicht mehr auf – oder Stunden später, jedoch an ganz unvermuteter Stelle. Trotzdem bereitet mir diese Aufgabe viel Spaß. Wenn ich ein interessantes Buch entdecke, kann es vorkommen, dass ich mich erstmal eine halbe Stunde damit auf den Boden der Bibliothek setze (oder lege), um es mir in Ruhe anzuschauen. Außerdem gehören zum Bestandsortieren auch kleine Aufräumarbeiten dazu. An manchen Tagen finde ich Sachen in den Regalen, die dort definitiv nicht hingehören. Oder ich spitze die Buntstifte in der Kinderecke an.

Neben diesen sehr praktischen Übungen gibt es natürlich trotzdem auch E-Mails die beantwortet werden wollen. Gerade arbeite ich an einem kleinen Projekt das sich „Nacht der Literaturen“ nennt. Diese soll im Mai stattfinden und wird vom Tschechischen Zentrum in Sofia initiiert. Die Idee ist es, bulgarische Übersetzungen von Texten aus verschiedenen europäischen Ländern vorzutragen. Neben Tschechien und Deutschland beteiligen sich beispielsweise auch das Institut Francais und das British Council. Ich organisiere den Beitrag des Goethe-Instituts. Gesucht wurde ein zeitgenössisches deutsches Buch, das erst nach 2000 verlegt wurde und das natürlich ins Bulgarische übersetzt wurde. Meine Wahl viel auf „Das Ende der Einsamkeit“ von Benedict Wells. Sowohl Buch als auch Autor gehören seit längere Zeit zu meinen persönlichen Favoriten.

Momentan scheint es also bei mir zu laufen. Es kann sein, dass es nur die anfängliche Neujahrseuphorie ist, die sich momentan noch wacker hält und mich zur guten Laune zwingt. Von den Zweifeln, die mich im November beschlichen und dem kurzen Gefühl von Heimweh, dass sich nach den Weihnachtsferien in Deutschland plötzlich einstellte ist, zumindest im Moment, nicht mehr viel übrig.

Nico genießt den Ausblick auf den Party-Turm in Plovdiv – er ahnt noch nicht, dass er bis 4 Uhr morgens Freude daran haben wird

Diesen Hinweis hätte es in Plovdiv gar nicht gebraucht! Da lag kein Schnee – im Gegensatz zu Sofia.

Das Motto für Plovdiv 2019: Zusammen

Bei eisigen Temperaturen warteten wir auf die Eröffnung von Plovdiv als diesjährige „Europäische Kulturhauptstadt“

Ich sortiere und sortiere und sortiere…

Berliner Mauerstücke dienen heute als Kunst.

Nochmal Kunst – eine bunte Treppe in einem meiner neuen Lieblinsgeschäfte in Sofia.

Sophie und ihr Ausflug in die bulgarische Küche.

Sofia – das Winterwunderland.

Das obligatorische Schneefoto von der Newski-Kathedrale, an der ich täglich vorbeikomme.

„Der deutscheste Moment meines Lebens“ – Feldgiekerabend bei Finn und Paul. Oder auch „Es gibt Stulle mit Brot“.

Bulgarien ist, wenn du dich über die Anwesenheit einer Duschkabine freust!

Nochmal ein Stück Berliner Mauer

„Der wilde Osten“ – ganz verschneit.

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Weihnachtlicher Zwischenstopp in Deutschland

„Ich verlor dich aus den Augen, aber niemals aus dem Sinn, du lebst in mir noch ganz tief drin“ (Die Toten Hosen – Kein Grund zur Traurigkeit)

Als ich am 13. Dezember in den Flieger zurück nach Deutschland stieg, waren es drei Gedanken die mich begleiteten: „Ich freue mich so sehr!“, „Hoffentlich wird es nicht langweilig“ und „Ob ich danach wohl noch zurück nach Sofia kommen möchte?“. Tatsächlich waren die Tage in der Heimat so vollgepackt, dass die wenigen Stunden in denen ich einmal nichts zu tun hatte, eine willkommene Abwechslung waren. Ob nun das alltägliche Chaos in meinem Elternhaus, die Goldene Hochzeit meiner Großeltern, der kurze Zwischenstopp in Berlin, das alljährliche Weihnachtsessen mit den Freunden in Leipzig, die Harry Potter Ausstellung in Potsdam, das Kaffeetrinken mit einer Schulfreundin oder die traditionellen Weihnachtsabläufe mit meiner Familie – all die Dinge die ich erlebt habe, waren mehr als schön und so fiel es mir nicht gerade leicht meine Koffer zu packen und wieder zurück nach Sofia zu fliegen.

Mittlerweile bin ich wieder in Bulgarien angekommen. Die letzten Tage von 2018 verbringe ich jedoch nicht in der Hauptstadt, sondern in Delchevo, einem Dorf mit 40 Einwohnern, das rund zwanzig Minuten von der griechischen Grenze entfernt liegt. Die Reisegruppe ist bunt gemischt und besteht aus einer Russin, zwei Franzosen, vier Deutschen und zwanzig Bulgaren. Das Haus ist in einen Berg hineingebaut und dementsprechend eher hoch als breit. Im Keller gibt es eine Wohnküche mit Balkon, in den folgenden Stockwerken jeweils zwei Schlafzimmer. Leider habe ich nicht das Glück in einem dieser Räume zu schlafen, sondern bin im Dachgeschoss gelandet. Hier gibt es zwei Zimmer mit jeweils fünf Betten und einem kleinen Badezimmer. Dank der Dachschrägen hat es dort jedoch nicht mehr für eine normale Dusche gereicht und generell gibt es kaum eine Möglichkeit aufrecht zu stehen. Die Aussicht auf den im Tal liegenden Ort Gotze Delchev und der allabendliche Sternenhimmel entschädigen mich jedoch ein bisschen für die Raumaufteilung.

Eigentlich passt dieser Ausflug ganz gut zu dem Jahr das hinter mir liegt: Etwas anstrengend, aber trotzdem okay und an gewissen Stellen mit einer super Aussicht.

Ich wünsche all den Menschen die diesen Eintrag lesen einen Guten Rutsch und ein schönes 2019!

Alle Jahre wieder: Weihnachtsessen in Leipzig

Alraunen pflücken: In der Harry Potter Ausstellung in Potsdam

Lange nicht mehr gesehen: Mit Babs und Martin beim Kaffeetrinken auf dem brandenburgischen Dorf

Wir haben einen Weihnachtsbaum: Alljährliches gemeinsames Baumschmücken bei Familie Leisker

Ich bin dann mal wieder da: Blick auf Sofia

Haus mit Ausblick: Silvestertage in Delchevo

Klein ohne fein: Die Dusche unter dem Dach

Liebe ist: Straßendeko in Gotze Delchev

Familienausflug: Bulgarisch-russisch-französisch-deutsche Reisegruppe

Im Tal: Blick auf Gotze Delchev.

Silvesterspaziergang: Dorfgemeinschaft trifft Touris

Hoch das Bein: Gemeinsamer Endjahres-Spaziergang durch Delchevo

Happy New Year: Frohes Neues Jahr: Честита Нова Година

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Vom Zwischenseminar, europäischen Kulturhauptstädten und dem ersten Schnee

„Was soll ich tun, wenn ich so seh
Ich kann den Wind nicht ändern nur die Segel drehen
Tausend Fragen, schlagen Rad
Ich will kein neues Leben, nur einen neuen Tag
Was tut gut? Was tut weh?
Ein Gefühl braucht keine Armee
Vor, zurück, zur Seite, ran
Herzlich willkommen!
Neuanfang“
(Clueso – Neuanfang)
Die mittlerweile vorletzte Woche (ja, ich lasse mir momentan viel Zeit mit dem Schreiben) habe ich nicht in Sofia verbracht, sondern etwa 20 Kilometer davon entfernt in einem der Top 10 Kurorte Bulgariens. Die Kleinstadt Bankja liegt am Fuße des Berges Ljulin, hat rund 350 Einwohner und heißt übersetzt so viel wie „Kleines Bad“. Grund für diese Namensgebung sind die zahlreichen Mineralquellen die hier zum entspannen und erholen einladen. Obwohl ich leider nicht in einem Hotel mit hauseigenem Swimmingpool untergebracht war, spielte das Thema „Wasser“ auch in meiner Woche eine große Rolle. Es regnete fast täglich: Montags waren wir mit dem Bus von Sofia aus noch durch wunderschöne Schneelandschaften gefahren – doch schon am Dienstag verwandelten sich diese in kalten und grauen Matsch. Und auch der Tagesausflug am Mittwoch zeichnete sich vor allem dadurch aus, dass ich Sofia einmal im eiskalten Regen erleben durfte. Glücklicherweise schien das Hotel diese Umstände bedacht zu haben – wie um den Überschuss an Feuchtigkeit auszugleichen, fielen am Donnerstag die sanitären Anlagen aus.

Reisegruppe „Bulgarien“ macht sich auf den Weg nach Bankja.

Im Unterschied zu den Freiwilligen, die nur sechs Monate im Gastland bleiben, bedeutet das Zwischenseminar für mich nicht Halbzeit, sondern dass erst ein Viertel der Zeit hier in Bulgarien rum ist und der Großteil noch vor mir liegt. Trotzdem war die Woche mein vorerst letzter Kontakt mit kulturweit: Das nächste Seminar wird für mich erst im September 2019 stattfinden. Inwiefern das jetzt gut oder schlecht ist, kann ich gerade nicht sagen. Meine Meinung wechselt im Moment fast stündlich – es gibt Momente in denen finde ich alles ganz toll, dann gehe ich dazu über, mich selbst zu hinterfragen und die Dinge sehr kritisch zu sehen und schlussendlich bin ich irgendwann sehr genervt von zu viel Kopflastigkeit.
So ähnlich ging es mir auch in Bankja. Ja, die rumänischen Freiwilligen waren sehr nett. Und ja, die Trainerinnen waren auch okay. Ja, der Ort lädt bei besserem Wetter sicherlich zum Wandern ein. Und ja, die Leute im Hotel haben sich sehr bemüht und waren sehr freundlich. Trotzdem konnte ich mich hier nicht mehr so auf die vermittelten Inhalte einlassen wie noch im September beim Vorbereitungsseminar. Meine anfängliche Euphorie hat sich nach und nach von der täglichen Routine verdrängen lassen.
In den letzten Wochen habe ich realisiert, dass ich hier zwar eine gute Einsatzstelle gefunden habe, mit der ich nicht nur meinen Lebenslauf verschönern, sondern bei der ich sogar auch was lernen kann. Aber dass diese Einsatzstelle eben auch bedeutet, weniger Freizeit als andere Freiwillige zu haben und dass sie nicht allzu viel dazu beiträgt, hier wirklich Land und Leute kennenlernen zu können. An manchen Tagen habe ich es dann doch bereut mich für so lange Zeit zur Arbeit hier verpflichtet zu haben, anstatt nur ein halbes Jahr zu gehen und noch ein paar Monate Backpacking dranzuhängen. Es gab auch Momente in denen ich mich einfach zu alt für dieses Experiment gefühlt habe. Denn natürlich, es ist meine erste Gelegenheit für längere Zeit im Ausland zu sein, aber im Unterschied zu einigen der jüngeren Freiwilligen ist es für mich eben nicht das erste Mal „Alleine“. Ich lebe seit sechs Jahren nicht mehr bei meinen Eltern, dh. einkaufen gehen und die Waschmaschine bedienen gehören für mich nicht erst seit diesem September zu den Herausforderungen des Alltags.
Was mir das Zwischenseminar wirklich gebracht hat? Nicht so viel, leider. Aber immerhin erreichte ich dadurch irgendwann den Punkt, an dem ich mir sagen konnte, dass mit dieser übertriebenen Selbstreflektion jetzt auch mal wieder Schluss sein muss. Wer sich nur mit negativen Dingen auseinandersetzt katapultiert sich selbst in eine Gedankenspirale und die Zeit die es braucht, um aus dieser wieder auszubrechen ist mir eigentlich zu schade. Und so habe ich beschlossen, mich weniger selbst zu bemitleiden und stattdessen lieber die freie Zeit die ich manchmal eben doch habe sinnvoll zu gestalten. Diesen guten Vorsatz setzte ich übrigens, ganz gegen meine Natur, direkt in die Tat um: Gemeinsam mit Finn fuhr ich nach Plovdiv.
Plovdiv liegt zwei Stunden mit dem Bus südlich von Sofia und ist die zweitgrößte Stadt Bulgariens. Im Gegensatz zu Sofia findet sich hier ein historischer Stadtkern sowie ein Fluss – die Atmosphäre in der Stadt wird dadurch gleich gemütlicher und da hier sowieso nur knapp 350000 Einwohner leben (offiziell) wirkt alles entspannter und weniger hektisch. Finn und ich tranken erst zwei Stunden lang Kaffee, bevor wir uns auf zum ethnographischen Museum und zum Antiken Theater machten. Später besuchten wir verschiedene Aussichtspunkte und natürlich musste ein kurzer Fotostopp am „Hotel und Restaurant Leipzig“ eingelegt werden, bevor es mit dem Bus zurück nach Sofia ging. Im nächsten Jahr wird Plovdiv übrigens eine der beiden europäischen Kulturhauptstädte sein. Wenn es soweit ist, werde ich natürlich nochmal hinfahren – wenn auch vielleicht nur, um den Flair der Stadt auch mal bei angenehmen Temperaturen und bei Sonne zu genießen ;).

Das Antike Theater in Plovdiv.

Sonst gibt es heute gar nicht viel Neues zu berichten. Auf der Arbeit verläuft es gerade ruhig, die Weihnachtsvorfreude kommt langsam auf und der „fast sibirsche Winter“, vor dem mich mein Vermieter ganz zu Beginn schon gewarnt hatte, scheint eingebrochen zu sein.
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Das erste große Projekt

„Du siehst die Tage, siehst die Stunden,
Sie an dir vorüber zieh’n.
Und irgendwann schließt du die Augen,
Scheint dich nicht mehr zu berühren.
Alles, was dir soviel wert war,
Liegt am Boden, ist zerstört.
Du willst jetzt einfach nur noch raus hier,
Es gibt nichts mehr, was dich hält.“
(Juli – Kurz vor der Sonne)

Geschafft! Endlich ist auch der letzte Zettel, der irgendwas mit dem „Edit-a-thon“ zu tun hatte von meinem Schreibtisch verschwunden. Wo sich in den letzten Wochen noch Abrechnungen, Formulare, Verträge, Post-its mit Telefonnummern und Merchandise-Produkte gestapelt haben herrscht gähnende Leere. „Mein“ erstes großes Projekt am Goethe-Institut ist nach fast zwei Monaten Arbeit plötzlich abgeschlossen.

Alle Teilnehmenden kamen pünktlich in Sofia an, es gab genug Betten im Hotel und beim gemeinsamen Abendessen wurden keine Tomaten nach mir geworfen. Trotz aller Befürchtungen habe ich sogar die finanziellen und verwaltungstechnischen Geschichten wie „Reisekostenrückerstattung“ und „Tagegeldpauschalenrechnung“ ganz gut überstanden. Die einzige Sache die mir auch im Nachhinein noch Bauchschmerzen bereitet hat, waren die zahlreichen Süßigkeiten, die die Teilnehmenden als Geschenke mitgebracht hatten. Und vielleicht die Erkenntnis, dass meine Theorie „Schmeckt nach Medizin, hilft also gegen Erkältung“ sich in Bezug auf Rakia nicht bestätigen ließ.

Denn Erkältung sei Dank konnte ich nicht selbst beim Schreibmarthon mitmachen. Geplättet von der Registrierung von 40 Teilnehmenden hing ich den Nachmittag über mehr oder weniger wach in meinem Bürostuhl und versuchte jegliche geistige oder körperliche Anstrengung zu vermeiden. Trotzdem erhielt ich bei der abschließenden Präsentation der 57 neuen oder bearbeiteten Wikipediaartikel eine Urkunde für die erfolgreiche Teilnahme. Die werde ich mir zwar nicht an die Wand hängen, aber doch als Andenken an das Projekt behalten. Immerhin bescheinigt sie mir den Weg von der „neuen kulturweit-Freiwilligen“ hin zur „Koordinatorin des Edit-a-thons“.

Die letzte Woche verlief im Vergleich zu den Vorherigen also sehr ruhig. Montag und Dienstag lag ich krank im Bett, der Mittwoch fällt durch den Sprachkurs eh immer kurz aus und der Donnerstag und der Freitag sind auch kaum der Rede wert. Gestern gab es dann nochmal ein bisschen Arbeit für uns kulturweit-Freiwilligen. Im Rahmen des „Digitalen Novembers“ hatte unser Institutsleiter vor einigen Wochen die grandiose Idee gehabt, dass wir uns zusätzliche Projekte ausdenken könnten. Sie sollten irgendeinen Bezug zum Digitalen haben und dabei Nähe zur Zivilgesellschaft schaffen. Wir trafen uns daher um 14 Uhr zum „PokémonGo-Walk“ am Goethe-Institut. Die Idee war es, mit Teilnehmenden durch die Innenstadt zu spazieren, dabei zu spielen und ein bisschen Deutsch zu sprechen. Nächste Woche wollen wir so etwas Ähnliches nochmal mit Instagram machen: Gemeinsam auf den deutschen Weihnachtsmarkt gehen, Fotos machen, Hashtags ausdenken und dann bei einer Tasse Tee im Institut aufwärmen.

Bis dahin steht jedoch erstmal das Zwischenseminar auf dem Programm. Morgen geht es in einen Vorort von Sofia, nach Bankya. Die Lust darauf hält sich noch in Grenzen. Ich bin gespannt, ob ich mich „kulturweit“ danach wieder näher fühle, oder ob sich die Zweifel, die ich in den letzten Wochen plötzlich bekommen habe, bestätigen werden.

Süßigkeiten aus 7 verschiedenen Ländern.

Entspanntes Schreiben in der Bibliothek.

Wikipedia für Anfänger – meine Chefin und kulturweit-Freiwillige Lina versuchen sich an der Übersetzung eines Artikels.

Ich mit dem Sicherheitsmann vom Goethe-Institut.

 

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