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Die Stadt, die niemals endet

„Wir sind lange schon auf Reisen
und kommen immer nur so weit,
wie die Ideen uns tragen,
wie der Mangel uns treibt“
(Spaceman Spiff – Vorwärts ist keine Richtung)

Es passiert nicht oft, dass ich nach einem Städtetrip das Gefühl habe, den Ort möglichst bald noch einmal besuchen zu wollen. Meistens reicht der kurze Aufenthalt und das Gefühl „Die Stadt mal gesehen zu haben“. Die nächste Reise darf dann gerne wieder woanders hingehen. Nicht so bei Istanbul: Die bunten Straßen, die Fähren und Brücken, der Blick auf den Bosporus, die Maronenstände, die Farben, die kleinen Läden und Cafés haben mich so begeistert, dass ich mir wünsche, irgendwann einmal dorthin zurückkehren zu können.

Schon die Anreise stand unter dem Zeichen der Begeisterung. Statt eingeengt im Fernbus oder nervös im Flugzeug, durfte ich mich Istanbul auf eine sehr bequeme und bisher unbekannte Art des Reisens nähern: Mit dem Nachtzug, der täglich von Sofia aus in Richtung Türkei fährt, ging es am Donnerstagabend los, um am Freitagmorgen halbwegs ausgeschlafen in Istanbul anzukommen. Halbwegs, weil dieser Schlaf natürlich von deinen Reisegefährten und der nächtlichen Grenzkontrolle abhängt. Diese stört die nächtliche Erholung ungefähr auf der Hälfte der Fahrt – in meinem Fall hieß das: Gerade eingeschlafen, schon wieder aufgeweckt werden. Dass Müdigkeit in meinem Fall selten mit Freundlichkeit verbunden ist, ist sicher bekannt. Dies in Kombination mit dem Anblick von Stacheldrahtzäunen an den EU-Außengrenzen – ein Wunder, dass ich mich auf ein paar muffelige Kommentare beschränken konnte.

Nach der ersten (bulgarischen) Passkontrolle fuhr der Zug weiter in Richtung Türkei. Dort hieß es aussteigen, abstempeln lassen, wieder einsteigen und… warten. Warten auf die zweite Kontrolle, warten auf das Auspacken der Gepäckstücke, warten auf das Wiedereinsetzen des gemütlichen Schaukelns und der beruhigenden Fahrtgeräusche.

Nach gefühlt fünf Minuten Schlaf klopfte es schon wieder an der Abteiltür: „Wir erreichen Istanbul in zwanzig Minuten, bitte Bettzeug zusammenpacken und auf das Aussteigen vorbereiten“. Trotzdem muss ich sagen, dass das Reisen im Nachtzug ab sofort meine Lieblingsart der längeren Fortbewegung ist. Zugfahren und schlafen – zwei Dinge die ich mag, ergeben in meinen Augen eine tolle Mischung.

Da unser Haltebahnhof eher außerhalb lag, mussten wir noch 45 Minuten mit dem Bus fahren. Der erste Eindruck vom Verkehr in Istanbul war bereits mit Blick aus dem Fenster anstrengend und so beschloss ich, noch einmal die Augen zu schließen und öffnete diese erst wieder, als wir endlich in der Stadt angekommen waren. Bis wir in unsere Unterkunft konnten, mussten noch einige Stunden überbrückt werden. Und so hieß es erstmal die Altstadt zu erkunden, schwarzen Tee trinken, spazieren gehen, einen Bazar besuchen und irgendwo etwas zu Essen zu finden. Somit waren auch die grundlegenden und wiederkehrenden Programmpunkte dieses Kurzurlaubs schon abgesteckt und weiter konnte es in Richtung Unterkunft gehen. Da diese nicht im europäischen, sondern im asiatischen Teil der Stadt lag, genauer gesagt im wunderschönen Viertel „Kadiköy“, fuhren wir dazu mit der Fähre. Nach ersten Verwirrungen und der traurigen Feststellung, dass aus dem einjährigen Türkischkurs, den ich einst in der Uni belegt habe, nicht eine einzige Vokabel hängen geblieben ist, schafften wir es dann tatsächlich auf das richtige Boot.

In Kadiköy angekommen, kamen wir aus dem Schwärmen nicht mehr heraus. Hier reihen sich Secondhandläden an Cafés, es gibt Graffiti und bunt bemalte Treppenstufen, Häuser, die mit Holzfassaden und verschnörkelten Ornamenten verziert sind, kleine Restaurants und überall Dinge, die jeden Berliner Hipster neidisch machen würden. Auch unsere Wohnung überraschte uns mehr als positiv und nach einem kurzen Mittagsschlaf meinerseits ging es von dort aus am frühen Abend in Richtung Bosporus. Nur wenige Laufminuten entfernt fanden wir einen kleinen Park und eine schöne Stelle, von der aus wir das Wasser und den Sonnenuntergang bestens im Blick hatten.

Am nächsten Tag sah das Wetter leider nicht mehr ganz so sonnig aus. Graue Wolken, Wind und regnerische Kälte schlugen uns entgegen, als wir die Fähre betraten und zurück in Richtung Altstadt fuhren. Dort spulten wir zunächst das typische Sightseeing-Programm herunter und besuchten die Blaue Moschee und die Hagia Sophia. Später besichtigten wir noch eine riesige Markthalle, den sogenannten „gedeckten Bazar“ und die wirklich sehr beeindruckende Süleymanyie-Moschee. Leider hatten wir für das Museum „Hagia Sophia“ Kombi-Tickets gekauft, so dass ich auch am nächsten Tag noch einmal zur Kultur gezwungen wurde und mit meiner Reisegruppe das archäologische Museum und den Palast des Sultans besuchen musste. Hier konnte ich mal wieder unter Beweis stellen, dass auch mit Mitte zwanzig noch Tendenzen zum nörgeligen Kleinkind vorhanden sein können.

Zum Glück waren diese Programmpunkte irgendwann überstanden und über die Brücke ging es in den Stadtteil „Beyoğlu“. Hier steht der sogenannte Galataturm, der ursprünglich Teil der Stadtbefestigung und Symbol des christlichen Glaubens war. In der langen Zeit zwischen seiner Errichtung und heute, diente er jedoch auch schon als Leuchtturm, als Gefängnis, und als Nachtclub. Heute ist er eine sehr begehrte Aussichtsplattform, welche wir aufgrund der langen Touristenschlangen dann doch lieber nur von unten erlebten. Stattdessen verbrachten wir die Zeit mal wieder mit Kartenspielen und Tee trinken, schlenderten durch die Einkaufszone in Richtung Taksimplatz und suchten am Abend ein im Grünen verstecktes Restaurant auf, bevor es wieder mit der Fähre zurück zur Unterkunft ging.

Für den letzten Tag hatte ich mir etwas besonderes gewünscht: Einen Milchshake trinken, der aus Cornflakes, Eis, zahlreichen Süßigkeiten und auf Wunsch sogar Zuckerwatte bestand. Die Anderen stellten fest, dass sie hier „bereits beim Blick in die Speisekarte Diabetes bekommen würden“. Doch es half alles nichts, auch hier kam das Kleinkind in mir wieder zum Vorschein und schrie „will haben“. Und so mussten diese Bedürfnisse eben  befriedigt werden, bevor wir uns irgendwann wieder in Richtung Europa auf den Weg machen konnten. Hier ging es noch einmal über den Bazar und bald darauf zum Bahnhof, wo wir auf unsere Abreise warteten.

Wie ich es bereits eingangs erwähnt habe: Istanbul hat mich begeistert und mir das Gefühl gegeben, noch so viel mehr von dieser tollen Stadt entdecken zu wollen. Trotzdem wurde diese Freude direkt nach unserer Ankunft in Sofia wieder etwas getrübt. Nachrichten von Journalisten, die aus der Türkei ausgewiesen werden, die Tatsache, dass Wikipedia dort verboten ist und das Gefühl auf offener Straße nicht allzu negativ über den 12. Präsidenten der Türkei reden zu dürfen, waren Teil dieser Reise – ebenso wie das Gefühl, irgendwie nicht zu rosarot über Istanbul berichten zu wollen.

Mit dem Nachtzug von Sofia nach Istanbul

Erster Eindruck von Istanbul: Ganz schön bunt hier!

Colorblocking in Istanbul

Frisch gepresste Säfte an jeder Ecke 🙂

Posen im Sonnenuntergang

Bunte Luftballons im Sonnenuntergang

Das einzige türkische Wort, das ich mir merken konnte! „Elli“ bedeutet auf türkisch ganz einfach „Fünfzig“

Die Reisebegleitung mit dem Rücken zur Stadt

Der Blick auf die Stadt von der Süleymaniye Moschee

Die Süleymanyie Moschee im Abendlicht

Blick auf die Hagia Sophia

Mein Versuch ein schönes Foto von der Straßenbahn zu machen

Der Garten neben dem Archäologischen Museum

Mau!

Symbolbild der Überreizung im gedeckten Bazar

Nochmal gedeckter Bazar

 

Symbolbild für die zahlreichen bunten Straßen Istanbuls

Zum Abschied: ZUCKER FÜR ALLE!

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Zwei Monate in einem Artikel

„Deine Schönheit bleibt im Innersten verborgen
Nur was dich überlebt ist von Bedeutung für morgen“
(OK KID – Februar)

Zu Weihnachten bekam ich ein Plakat geschenkt, auf dem hundert Dinge aufgelistet sind, die es in Bulgarien zu sehen oder zu erleben gibt. Jede erledigte Aktivität darf mit einer Münze freigerubbelt werden. Bei der Geschenkübergabe fiel das Resultat noch sehr übersichtlich aus. Lediglich der Besuch von Plovdiv, das Wandern im Rila-Gebirge und ein paar Ausflüge in und um Sofia hatte ich bis dahin geschafft. Irgendwie deprimierte mich das. Der Gedanke, dass ein FSJ in Deutschland und eine Urlaubswoche in Bulgarien ähnliche Ergebnisse im Bereich der Landeskunde hervorgebracht hätten, wie diese ersten drei Monate, kam mir nicht nur einmal.

Mittlerweile hat sich das geändert. Im kalten und verschneiten Januar konnte ich nicht nur meine Kenntnisse im Skifahren autodidaktisch erneuern, sondern auch nächtliche Schneeballschlachten im Park, eine WG-Party und meine selbstgebackene Banitza genießen. Das Abenteuer „Zug fahren“ erledigte ich am selben Nachmittag wie die „bulgarischen Kukeri“ sehen. Gemeinsam mit den anderen Freiwilligen fuhr ich am 25. Januar nach Pernik zur Eröffnungsfeier des internationalen Maskeradenfestes (auf bulgarisch „Surva“). Dort sahen wir uns den Umzug der Kukeri an – Menschen verkleiden sich mit Tiermasken, läuten mit Kuhglocken und tragen Fackeln, um die bösen Geister des Winters zu vertreiben und den Frühling einzuleiten.

Das scheint ihnen gelungen zu sein. Denn von dem „sibirschen Winter“, vor dem mich mein Vermieter warnte, habe ich noch nicht viel mitbekommen. Auf den Schnee folgten zwei Regentage und an einem Abend vor drei Wochen roch die Luft plötzlich nach Frühling. Wenn ich nach Feierabend nachhause gehe, ist es nicht mehr stockdunkel. Bereits Anfang Februar gab es lauwarme Temperaturen im zweistelligen Bereich. Praktisch, dass ich ausgerechnet zu diesem Zeitpunkt meine  Dienstreise antreten konnte. Gemeinsam mit einer Kollegin sollte ich zwei der drei deutschen Lesesäle in Bulgarien sowie das neue Goethe-Institut in Bukarest besuchen. Erste Station: Varna am Schwarzen Meer.

In Varna angekommen, spazierten wir durch den Meeresgarten in Richtung Strand. Meine Kollegin Maria kommt ursprünglich aus Varna und konnte mir so viele interessante Dinge über die Stadt erzählen. Sie zeigte mir unter anderem eine kleine Holzbrücke im Park und riet mir, diese mit geschlossenen Augen zu überqueren und mir dabei etwas zu wünschen. Gesagt, getan und siehe da: Mein Wunsch, einen Cappuccino direkt am Strand zu trinken, wurde wahr. Am nächsten Morgen entdeckte ich die magische Anziehungskraft des Meeres und stand deutlich früher als gewöhnlich auf, um vor dem Frühstück noch einen kurzen Spaziergang am Strand zu machen. Später besichtigten wir den Lesesaal, bevor es weiter in Richtung Ruse ging. Ruse ist eine Stadt an der rumänischen Grenze und liegt direkt an der Donau. Hier gibt es zwar keinen Strand, dafür aber ein historisches Stadtzentrum. Ich benannte einen Teil davon in  „Zuckerwattestraße“ um, da es hier statt sozialistischen Grautönen eher romantische Altbaufassaden in hellen Pastelltönen gibt.

Einen ganz anderen Eindruck als Varna hinterließ auch die Bibliothek von Ruse. Während der Lesesaal in Varna in einem sozialistischen Betonklotz untergebracht ist und von innen her eher an einen gemütlichen, aber etwas chaotischen Dachboden erinnerte, zählt die Bibliothek in Russe für mich in ihrer Gesamtheit zu den schönsten Bibliotheken die ich je sah. Meterhohe Regale, gemütliche Sitzecken und viele Pflanzen verleihen ihren Räumlichkeiten einen gewissen Charme. Gekrönt wird dieser durch die fast hundertjährige Uhr, die in einer kleinen Mansarde unter dem Dach untergebracht ist und alle zwei Tage per Hand aufgezogen werden muss.

Da unser Auftrag lautete drei Städte in drei Tagen zu besuchen, ging es keine vierundzwanzig Stunden später weiter nach Bukarest. Bis dahin hatte ich mich kaum mit der rumänischen Hauptstadt auseinandergesetzt. Ich erwartete eine Art zweites Sofia. Umso überraschter war ich, als ich in Bukarest plötzlich an Berlin und Paris denken musste. Die vielen Menschen, der hektische Verkehr, die riesigen Prachtbauten und die zahlreichen Kneipen ließen Sofia im Vergleich plötzlich wie einen gemütlichen Kurort wirken. Nach dem ich mich dann plötzlich auch sehr sehnte.

Irgendwie verrückt, dass es schon wieder ein Jahr her ist, dass ich in Berlin saß und noch keine Ahnung hatte wohin und vor allem letztendlich für wie lange es mich irgendwohin verschlagen sollte. Jetzt bin ich seit einigen Monaten in Bulgarien und fühle mich in Sofia irgendwie zuhause. Das mag auch an meiner Mitbewohnerin und Arbeitkollegin Pia gelegen haben. Für sie endet der Freiwilligendienst am Wochenende. Ihre sechs Monate sind bereits vorbei, während für mich gerade die zweite Halbzeit beginnt. Ich hoffe, dass ich diese genauso gut überstehen werde, auch wenn ich Pia und die anderen Freiwilligen, die bereits wieder in Deutschland sind, höchstwahrscheinlich vermissen werde.

Fotos aus dem Januar:

Pernik: Die traditonellen „Kukeri“, die den Winter vertreiben sollen.

Pernik: Diese Wintergeister sind aber auch gruselig!

Borovetz, autodidaktisches Skicamp Nr. 2: Paul, Elli und Brigitte auf Wilder Fahrt.

Fotos aus dem Februar:

Sofia: Endlich mal wieder klettern.

Varna: Abendspaziergang.

Varna: Morgenrunde.

Varna: Mittagspause.

Ruse: Die „Zuckerwattestraße“ im Stadtzentrum

Bukarest: Ich fand es dort schön und schrecklich zugleich.

Bukarest: Neben hohen sozialistischen Platten auch viel historischer Kram. Auf jedenfall hektischer, pompöser und irgendwie stressiger als Sofia.

Sofia: Abends ist es nicht mehr dunkel und die Luft riecht nach Frühling.

Sofia: Beim Ausflug zu Ikea haben wir sehr wichtige Dinge für die Bibliothek gekauft!

Sofia: Abschiedsrunde 1.0 – Für Finn, Pia, Johanna und Clara ist das FSJ nun vorbei.

 

 

 

 

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Skiausflug im Vitosha-Gebirge

„In der Gegenwart bin ich zufrieden, ziemlich schräge Sache
Ja fast niedlich, denn man sieht sogar die Zähne wenn ich lache“
(Chakuza – Dieser eine Song)

„Skifahren ist wie Fahrradfahren“, an diese Hoffnung klammerte ich mich am vergangenen Wochenende, als es für mich zum ersten Mal seit 18 Jahren wieder auf die Piste gehen sollte. Angesteckt durch Clara hatten auch Finn, Paul und ich den Entschluss gefasst, den „Hausberg“ von Sofia, den Vitosha, endlich einmal nicht nur zu Fuß, sondern auch zu Ski zu erkunden. Am Sonntagmorgen verließen Clara und ich unsere Wohnung, um mit dem Bus an den Stadtrand zu fahren. Dort mussten wir noch einmal in die sagenumwobene „66“ steigen. Doch während Finn und ich noch in unseren Erinnerungen an unseren Wanderausflug vom November schwelgten, von dem klapprigen Bus berichteten, der uns damals an unser Ziel gebracht hatte und innerlich schon präventiv mit der Reisekrankheit zu kämpfen hatten, bog die erste Überraschung des Tages um die Ecke: Statt des knallgelben Mercedes-Oldtimers der uns im Herbst auf den Berg gebracht hatte, fuhr ein relativ moderner und vor allem gut beheizter Reisebus an der Haltestelle vor. Ob diese Neuerung mit der Witterung und den somit erschwerten Anfahrtsbedingungen oder mit dem Versuch das Skigebiet für seine Gäste attraktiver zu gestalten zusammenhing konnten wir nun auf der rund 45-minütigen Fahrt diskutieren.

Oben angekommen liehen wir Skier, Stöcke und Schuhe aus. Auf Helme und Brillen mussten wir verzichten – die führte der Verleih leider nicht in seinem Sortiment. Zum Glück hatte ich meine dicke Pudelmütze mit der Bommel auf – die würde das Schlimmste schon abhalten, hoffte ich und malte mir grauenvolle Unfallszenarien aus. Die passende Skikleidung hatten wir bereits am Samstag in Sofia gekauft. Mit Finn und Paul war ich losgezogen, um Skihosen oder zumindest so etwas ähnliches im Second-Hand-Laden zu erstehen. Paul ergatterte dabei das heißeste Teil: Einen Skianzug in den schönen Komplementärfarben blau, gelb und rot, mit der Aufschrift „Skiadventure unlimited“, dessen letztes Abenteuer im Schnee garantiert noch länger her war als meins. So ausgerüstet konnte doch gar nichts mehr schiefgehen!

Und tatsächlich, Überraschung Nummer zwei an diesem Tag: Nach anfänglichen Schwierigkeiten überhaupt in die Skischuhe zu kommen, geschweige denn mit den Skiern an den Füßen irgendwie vorwärts zu gelangen, klappten die ersten Übungen ganz gut. Clara, als einzige von unserer Gruppe wirklich bewandert in diesem Sport, zeigte uns das Bremsen und Kurvenfahren auf dem „Babyhügel“. Bevor ich jedoch soweit war, musste ich erst einmal eine halbe Stunde rumheulen, zum Aufwärmen sozusagen. „Die Schuhe drücken, mein Knöchel tut weh, ich komme gar nicht vorwärts, ich hab keine Lust mehr, ich höre sofort auf“ jammerte ich eine Weile vor mich hin, bis eine Lockerung der Skischuhe zumindest beim rechten Bein irgendwann für eine Entlastung sorgte. Danach konnte auch ich mich endlich auf das Skifahren einlassen und schon bald entließen wir unsere Trainerin Clara, damit diese nun endlich die richtige Piste fahren konnte, während wir weiter neben zahlreichen sechsjährigen Kindern versuchten nicht ganz bescheuert auszusehen. Paul hatte schon bald genug von diesen langweiligen Übungen und folgte Clara auf die Piste. Dass es sich dabei um eine rote handelte, hatte er in Vorfreude auf seine erste Abfahrt wohl verdrängt.

Und so erlebte er einen starken Adrenalinausstoß, während Finn und ich noch von einfachen Fortbewegungsmethoden träumten. Doch schon bald hatten auch wir die Nase voll von dem flachen Wanderweg auf dem wir trainierten und fassten unser nächstes Ziel ins Auge: Den nahegelegenen Rodelberg. Da wir unsere Ausweichmanöver dann doch als noch nicht sehr ausgeprägt einschätzten, verwarfen wir diesen Plan bald wieder und zogen weiter in Richtung Skipiste. Auf dem Weg dorthin kamen wir an weiteren Hügelchen vorbei, trauten uns aber noch nicht so recht, da auch diese von zahlreichen Kinderskikursen bevölkert wurden. Wir wollten ja niemanden gefährden. Irgendwann (das Fortbewegen auf Skiern im Flachen kam in unserem Fall zunächst einer Schnecke gleich), erreichten wir die Piste. Statt des erwarteten sanften Gefälles gruselten wir uns jedoch vor dem steilen Abhang der sich uns offenbarte. „Da fahre ich niemals im Leben runter“ verkündete ich und fragte mich, wie Paul diese Abfahrt wohl überstanden hatte. Finn, ausnahmsweise einmal auf meiner Seite, hatte ebenfalls wenig Lust sich diesem Risiko auszusetzen und so entdeckten wir wenig später einen kleinen Berg, der uns für unsere Anfängerfähigkeiten optimal erschien. Leider durften wir den Tellerlift, der sich dort befand, nicht benutzen, da er ausschließlich für die Skischulen zur Verfügung stand und mussten den Berg auf unseren Skiern erklimmen. Nach einer gefühlten Ewigkeit kamen wir „oben“ an und stellten fest, dass es von hier aus plötzlich doch tiefer hinabging als gedacht und dass die zahlreichen Snowboarder, die hier anscheinend ihre Pausen einlegten, wirklich alle mitten in der Fahrbahn saßen (ich habe diese Menschen beobachtet, sie haben den ganzen Tag lang nur im Schnee gesessen und dabei wirklich keine sportlichen Bewegungen gemacht). Mutig fuhren wir trotzdem los und da ich kurzzeitig vergessen hatte, wie eine Bremsung funktioniert, schmiss ich mich provisorisch in den Schnee um anzuhalten. Nur Sekunden später lag Finn neben mir. Doch erneut rutschten und fluchten wir den Berg hinauf; die zweite Abfahrt klappte schon besser. Ein drittes Mal wollten wir uns die Tortur des Aufstieges jedoch nicht geben und so kam ich auf die grandiose Idee, die Skier einfach auszuziehen und nur in Skischuhen hinaufzusteigen. Leider hatte ich vergessen, dass Skischuhe einem gewöhnlichen Schuh tatsächlich nicht sehr nahe kommen und so war auch dieses Unterfangen etwas kompliziert. Außerdem etwas unbedacht von mir – wäre ich in ein Loch getreten (und es gab leider einige davon), hätte ich die tolle „Dr. Walter“ Krankenversicherung eventuell in Anspruch nehmen müssen. Doch zum Glück ging alles gut und oben angekommen versuchten wir die Skier wieder anzuziehen. Leider stellten wir uns dabei so dumm an, dass ein paar der rumsitzenden Snowboarder Hilfestellung leisten mussten. Eigentlich hatte Finn beschlossen, dass wir davon niemandem erzählen würden. Doch da ich im Laufe des Tages auch andere Leute beobachtet habe, die diese Taktik anwandten, denke ich, dass es gar nicht so ungewöhnlich ist, bzw. wenn doch, dass wir immerhin nicht alleine dumm waren. Während wir noch einmal den Berg „hinuntersausten“, glitten Paul und Clara im Lift über uns hinweg. Paul hatte also überlebt. Dadurch angespornt beschloss nun auch Finn dieses Abenteuer zu wagen. Da Paul mit den Worten „Ich möchte nie wieder da runterfahren“ wieder zu uns gestoßen war, musste ich Angsthase jedoch nicht alleine bleiben. Während nun also Finn und Clara hinab fuhren, blieb Paul bei mir und während wir über den flachen Weg zwischen den einzelnen Hügeln schlichen, philosophierten wir darüber, dass Langlaufen doch eigentlich auch eine schöne Art des Skisports wäre.

Im Laufe des Tages wagte ich mich dann doch noch einmal auf die beiden überbevölkerten Skischulpisten. Bei einer durften wir sogar den Tellerlift benutzen, doch da es in diesem Moment leider schneestürmte, wurde die Abfahrt vom frisch gefallenen Neuschnee abgebremst. Doch ich ließ mich nicht entmutigen und versuchte es nach einer kurzen Mittagspause erneut. Und, Überraschung Nummer drei, irgendwann hatte ich das Gefühl den Bogen zumindest etwas herauszuhaben. Kurven fahren, Bremsen – das alles klappte plötzlich wirklich gut. Natürlich war ich trotzdem noch nicht mutig genug nun auch die rote Piste in Angriff zu nehmen. Neben der steilen Abfahrt spielte dort auch meine Angst vor dem Sessellift mit hinein. Da ich Fahrten mit solchen Gerätschaften schon unter normalen Bedingungen nicht genießen kann, traute ich mich nicht so recht, dieses Abenteuern mit Skiern unter den Füßen zu wagen.

Diese Befürchtungen sollte ich wohl möglichst bald überwinden. Denn tatsächlich habe ich Spaß gefunden an diesem Sport und große Lust schon bald einen wirklichen Berg hinabzufahren, statt mich um sitzende Snowboarder und rodelnde Kinder herumwinden zu müssen.

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Der rutschige Start ins Neue Jahr

„Wenn du glaubst, dass du ständig gegen Wände rennst
Sieh es als Vorteil, wenn du endlich alle Wände kennst“
(Neonschwarz – Hinter Palmen)

Achtung, Rutschgefahr! Dieser Warnhinweis sollte dick und fett überall dort in Sofia hingeklebt werden, wo sich Hausbesitzer oder -bewohner nicht die Mühe gemacht haben den Schnee vor der Tür wegzukehren. Außerdem bitte auch noch auf jeden einzelnen der gelben Backsteine mit denen ein Großteil des Stadtzentrums gepflastert ist. Und natürlich überall dort, wo statt normaler Bodenplatten eine Art von Fliesen auf dem Gehweg verlegt wurde. Also eigentlich überall. Denn: In Sofia wird nicht gestreut. Und somit verwandelt sich der Schnee, der in den ersten Tagen des neuen Jahres fast ununterbrochen vom Himmel fiel, mit einsetzendem Tauwetter mehr und mehr in eine stabile Eisfläche. Die tägliche Herausforderung ist es, diese sicher und ohne Zwischenfälle zu überqueren und dabei noch zügig voranzukommen. Denn wie das eben so ist mit den guten Vorsätzen: Die Idee, ab 2019 wieder um 9 Uhr statt um 10 Uhr mit der Arbeit anzufangen (Gleitzeit sei Dank) ließ sich schwerer realisieren als zunächst gedacht. Irgendwas war an den ersten Abenden des neuen Jahres immer los und somit habe ich den Kampf gegen meine innere Uhr (spät ins Bett, spät raus aus dem Bett) wieder einmal verloren.

2019 begann für mich, wie bereits in meinem letzten Post von 2018 erwähnt, nicht in Sofia, sondern in der Nähe der Stadt Gotze Delchev, genauer gesagt in dem 40-Seelen Dorf namens Delchevo. Hier verbrachte ein paar schöne Urlaubstage mit einer bunt gemischten Reisegruppe, bevor es am 1. zurück in die vertraute Umgebung ging. Hier dauerte es nicht lange und der Alltag hatte mich wieder. Ich gehe täglich zur Arbeit, hatte schon viermal Sprachkurs und sehe die bekannten Gesichter wieder. Alles wie immer also, oder doch nicht?

Tatsächlich brachte der Jahreswechsel ein paar Änderungen mit sich. Zunächst einmal haben wir eine neue Freiwillige und für Pia und mich heißt das auch, dass wir gleich zwei neue Mitbewohner in die WG bekommen haben. Clara, die eigentlich in Russland eingesetzt war und dort Probleme mit dem Visum hatte und Fabian, einen deutschen Erasmus-Studenten. Außerdem bekam ich am ersten Januarwochenende mal wieder ein sehr vertrautes Gesicht zu sehen, dessen letzter Anblick schon wieder mehr als sechs Monate zurücklag: Mein zweiter Besuch aus Deutschland stand an. Sophie, die ich noch aus dem ersten Semester in Leipzig kenne und die mittlerweile längst in Frankfurt (Main) wohnt, hatte sich auf den Weg gemacht um mir wiedereinmal ihre Leidenschaft für „den Osten“ unter Beweis zu stellen. Eine bessere Jahreszeit hätte sie sich dafür nicht aussuchen können – selten sah Sofia so authentisch „osteuropäisch“ aus, wie an diesen eiskalten Wintertagen.

Gemeinsam stapften wir drei Stunden lang durch den Schnee um uns bei einer Stadtführung mehr über die kommunistische Vergangenheit Bulgariens erläutern zu lassen. Die Tatsache, dass ich bis dahin nicht wusste, dass ein Stück Berliner Mauer auf einem meiner Lieblingsplätze in Sofia steht, spricht dafür, dass diese Unternehmung trotz gewisser Vorkenntnisse meinerseits einen gewissen Bildungsauftrag erfüllt hat. Zum Ausgleich verbrachten wir die restliche Zeit meistens sehr kapitalistisch. Entweder in einem Restaurant oder einem Geschäft, einer Bar oder einfach nur auf meinem Sofa – mit Tee und Schokolade in der Hand.

Damit mir nach so viel freundschaftlichem Input nicht die Decke auf den Kopf fallen konnte, beschloss ich mich am darauffolgenden Wochenende den anderen Freiwilligen (und dem Praktikanten vom Goethe-Institut) anzuschließen. Sie wollten nach Plovdiv fahren. Dort war ich ja eigentlich erst im November gewesen und wirklich Lust auf nochmal Sightseeing, vor allem bei diesen Temperaturen, hatte ich eigentlich nicht. Aber da es bei diesem Ausflug eigentlich mehr um die Eröffnung als diesjährige „Europäische Kulturhauptstadt“ gehen sollte, fuhr ich mit. Eine sehr gute Entscheidung, wie sich im Nachhinein herausstellte. Zum einen lag unsere Wohnung direkt im Zentrum der Stadt. Den Weg dorthin wies uns nicht der Stern von Bethlehem, sondern der Fernsehturm zu Babel: In die Mitte einer großen Straße hineingepflanzt machte ein mehrstöckiger Block, bestehend aus Bildschirmen, Boxen und sonstiger Technik die Nacht von Freitag auf Samstag zum Tag. Im Viertelstundentakt wechselten Lichter und Töne sowie deren Intensität: Generalprobe für die große Veranstaltung am nächsten Tag.

Diese sollte jedoch erst am Abend stattfinden. Wie bereits erwähnt: Nochmal Lust auf antikes Theater oder kommunistisches Kriegerdenkmal hatte ich an diesem Wochenende nicht. Also trafen Finn, Nele und ich uns mit einer deutschen Lehrerin, bzw. Schulinspektorin, aus Plovdiv zum Kaffee, während die anderen Drei sich die historische Altstadt anschauten. Aus einem Kaffee wurde bei mir eine heiße Schokolade und später der gemeinsame Besuch der Eröffnunsfeier. Dort zitterten wir mehrere Stunden, während wir traditionelle bulgarische Tänze und moderne Bearbeitungen des Mottos „заедно“ („Zusammen“) beklatschten und verschiedenen Eröffnungsreden lauschten. 

Am nächsten Tag ging es zurück nach Sofia und am Montag ganz gewohnt ins Goethe-Institut. Hier geht auch alles seinen gewohnten Gang. Einige Projekte vom letzten Jahr, wie beispielsweise der Edit-a-thon und die Buchmesse bedürfen noch einiger Nachbereitung, aber ansonsten gibt es eigentlich wenig Nervenaufreibendes auf das ich mich gerade konzentrieren muss.

Und somit kann ich meine Tage damit verbringen durch die Regale zu streifen und den Bestand zu sortieren. Da es immer etwas chaotisch zugeht, ist diese Aufgabe gar nicht so einfach, wie zunächst gedacht. Nicht immer steht das gesuchte Buch dort, wo es stehen sollte. Manchmal taucht es gar nicht mehr auf – oder Stunden später, jedoch an ganz unvermuteter Stelle. Trotzdem bereitet mir diese Aufgabe viel Spaß. Wenn ich ein interessantes Buch entdecke, kann es vorkommen, dass ich mich erstmal eine halbe Stunde damit auf den Boden der Bibliothek setze (oder lege), um es mir in Ruhe anzuschauen. Außerdem gehören zum Bestandsortieren auch kleine Aufräumarbeiten dazu. An manchen Tagen finde ich Sachen in den Regalen, die dort definitiv nicht hingehören. Oder ich spitze die Buntstifte in der Kinderecke an.

Neben diesen sehr praktischen Übungen gibt es natürlich trotzdem auch E-Mails die beantwortet werden wollen. Gerade arbeite ich an einem kleinen Projekt das sich „Nacht der Literaturen“ nennt. Diese soll im Mai stattfinden und wird vom Tschechischen Zentrum in Sofia initiiert. Die Idee ist es, bulgarische Übersetzungen von Texten aus verschiedenen europäischen Ländern vorzutragen. Neben Tschechien und Deutschland beteiligen sich beispielsweise auch das Institut Francais und das British Council. Ich organisiere den Beitrag des Goethe-Instituts. Gesucht wurde ein zeitgenössisches deutsches Buch, das erst nach 2000 verlegt wurde und das natürlich ins Bulgarische übersetzt wurde. Meine Wahl viel auf „Das Ende der Einsamkeit“ von Benedict Wells. Sowohl Buch als auch Autor gehören seit längere Zeit zu meinen persönlichen Favoriten.

Momentan scheint es also bei mir zu laufen. Es kann sein, dass es nur die anfängliche Neujahrseuphorie ist, die sich momentan noch wacker hält und mich zur guten Laune zwingt. Von den Zweifeln, die mich im November beschlichen und dem kurzen Gefühl von Heimweh, dass sich nach den Weihnachtsferien in Deutschland plötzlich einstellte ist, zumindest im Moment, nicht mehr viel übrig.

Nico genießt den Ausblick auf den Party-Turm in Plovdiv – er ahnt noch nicht, dass er bis 4 Uhr morgens Freude daran haben wird

Diesen Hinweis hätte es in Plovdiv gar nicht gebraucht! Da lag kein Schnee – im Gegensatz zu Sofia.

Das Motto für Plovdiv 2019: Zusammen

Bei eisigen Temperaturen warteten wir auf die Eröffnung von Plovdiv als diesjährige „Europäische Kulturhauptstadt“

Ich sortiere und sortiere und sortiere…

Berliner Mauerstücke dienen heute als Kunst.

Nochmal Kunst – eine bunte Treppe in einem meiner neuen Lieblinsgeschäfte in Sofia.

Sophie und ihr Ausflug in die bulgarische Küche.

Sofia – das Winterwunderland.

Das obligatorische Schneefoto von der Newski-Kathedrale, an der ich täglich vorbeikomme.

„Der deutscheste Moment meines Lebens“ – Feldgiekerabend bei Finn und Paul. Oder auch „Es gibt Stulle mit Brot“.

Bulgarien ist, wenn du dich über die Anwesenheit einer Duschkabine freust!

Nochmal ein Stück Berliner Mauer

„Der wilde Osten“ – ganz verschneit.

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Weihnachtlicher Zwischenstopp in Deutschland

„Ich verlor dich aus den Augen, aber niemals aus dem Sinn, du lebst in mir noch ganz tief drin“ (Die Toten Hosen – Kein Grund zur Traurigkeit)

Als ich am 13. Dezember in den Flieger zurück nach Deutschland stieg, waren es drei Gedanken die mich begleiteten: „Ich freue mich so sehr!“, „Hoffentlich wird es nicht langweilig“ und „Ob ich danach wohl noch zurück nach Sofia kommen möchte?“. Tatsächlich waren die Tage in der Heimat so vollgepackt, dass die wenigen Stunden in denen ich einmal nichts zu tun hatte, eine willkommene Abwechslung waren. Ob nun das alltägliche Chaos in meinem Elternhaus, die Goldene Hochzeit meiner Großeltern, der kurze Zwischenstopp in Berlin, das alljährliche Weihnachtsessen mit den Freunden in Leipzig, die Harry Potter Ausstellung in Potsdam, das Kaffeetrinken mit einer Schulfreundin oder die traditionellen Weihnachtsabläufe mit meiner Familie – all die Dinge die ich erlebt habe, waren mehr als schön und so fiel es mir nicht gerade leicht meine Koffer zu packen und wieder zurück nach Sofia zu fliegen.

Mittlerweile bin ich wieder in Bulgarien angekommen. Die letzten Tage von 2018 verbringe ich jedoch nicht in der Hauptstadt, sondern in Delchevo, einem Dorf mit 40 Einwohnern, das rund zwanzig Minuten von der griechischen Grenze entfernt liegt. Die Reisegruppe ist bunt gemischt und besteht aus einer Russin, zwei Franzosen, vier Deutschen und zwanzig Bulgaren. Das Haus ist in einen Berg hineingebaut und dementsprechend eher hoch als breit. Im Keller gibt es eine Wohnküche mit Balkon, in den folgenden Stockwerken jeweils zwei Schlafzimmer. Leider habe ich nicht das Glück in einem dieser Räume zu schlafen, sondern bin im Dachgeschoss gelandet. Hier gibt es zwei Zimmer mit jeweils fünf Betten und einem kleinen Badezimmer. Dank der Dachschrägen hat es dort jedoch nicht mehr für eine normale Dusche gereicht und generell gibt es kaum eine Möglichkeit aufrecht zu stehen. Die Aussicht auf den im Tal liegenden Ort Gotze Delchev und der allabendliche Sternenhimmel entschädigen mich jedoch ein bisschen für die Raumaufteilung.

Eigentlich passt dieser Ausflug ganz gut zu dem Jahr das hinter mir liegt: Etwas anstrengend, aber trotzdem okay und an gewissen Stellen mit einer super Aussicht.

Ich wünsche all den Menschen die diesen Eintrag lesen einen Guten Rutsch und ein schönes 2019!

Alle Jahre wieder: Weihnachtsessen in Leipzig

Alraunen pflücken: In der Harry Potter Ausstellung in Potsdam

Lange nicht mehr gesehen: Mit Babs und Martin beim Kaffeetrinken auf dem brandenburgischen Dorf

Wir haben einen Weihnachtsbaum: Alljährliches gemeinsames Baumschmücken bei Familie Leisker

Ich bin dann mal wieder da: Blick auf Sofia

Haus mit Ausblick: Silvestertage in Delchevo

Klein ohne fein: Die Dusche unter dem Dach

Liebe ist: Straßendeko in Gotze Delchev

Familienausflug: Bulgarisch-russisch-französisch-deutsche Reisegruppe

Im Tal: Blick auf Gotze Delchev.

Silvesterspaziergang: Dorfgemeinschaft trifft Touris

Hoch das Bein: Gemeinsamer Endjahres-Spaziergang durch Delchevo

Happy New Year: Frohes Neues Jahr: Честита Нова Година

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Vom Zwischenseminar, europäischen Kulturhauptstädten und dem ersten Schnee

„Was soll ich tun, wenn ich so seh
Ich kann den Wind nicht ändern nur die Segel drehen
Tausend Fragen, schlagen Rad
Ich will kein neues Leben, nur einen neuen Tag
Was tut gut? Was tut weh?
Ein Gefühl braucht keine Armee
Vor, zurück, zur Seite, ran
Herzlich willkommen!
Neuanfang“
(Clueso – Neuanfang)
Die mittlerweile vorletzte Woche (ja, ich lasse mir momentan viel Zeit mit dem Schreiben) habe ich nicht in Sofia verbracht, sondern etwa 20 Kilometer davon entfernt in einem der Top 10 Kurorte Bulgariens. Die Kleinstadt Bankja liegt am Fuße des Berges Ljulin, hat rund 350 Einwohner und heißt übersetzt so viel wie „Kleines Bad“. Grund für diese Namensgebung sind die zahlreichen Mineralquellen die hier zum entspannen und erholen einladen. Obwohl ich leider nicht in einem Hotel mit hauseigenem Swimmingpool untergebracht war, spielte das Thema „Wasser“ auch in meiner Woche eine große Rolle. Es regnete fast täglich: Montags waren wir mit dem Bus von Sofia aus noch durch wunderschöne Schneelandschaften gefahren – doch schon am Dienstag verwandelten sich diese in kalten und grauen Matsch. Und auch der Tagesausflug am Mittwoch zeichnete sich vor allem dadurch aus, dass ich Sofia einmal im eiskalten Regen erleben durfte. Glücklicherweise schien das Hotel diese Umstände bedacht zu haben – wie um den Überschuss an Feuchtigkeit auszugleichen, fielen am Donnerstag die sanitären Anlagen aus.

Reisegruppe „Bulgarien“ macht sich auf den Weg nach Bankja.

Im Unterschied zu den Freiwilligen, die nur sechs Monate im Gastland bleiben, bedeutet das Zwischenseminar für mich nicht Halbzeit, sondern dass erst ein Viertel der Zeit hier in Bulgarien rum ist und der Großteil noch vor mir liegt. Trotzdem war die Woche mein vorerst letzter Kontakt mit kulturweit: Das nächste Seminar wird für mich erst im September 2019 stattfinden. Inwiefern das jetzt gut oder schlecht ist, kann ich gerade nicht sagen. Meine Meinung wechselt im Moment fast stündlich – es gibt Momente in denen finde ich alles ganz toll, dann gehe ich dazu über, mich selbst zu hinterfragen und die Dinge sehr kritisch zu sehen und schlussendlich bin ich irgendwann sehr genervt von zu viel Kopflastigkeit.
So ähnlich ging es mir auch in Bankja. Ja, die rumänischen Freiwilligen waren sehr nett. Und ja, die Trainerinnen waren auch okay. Ja, der Ort lädt bei besserem Wetter sicherlich zum Wandern ein. Und ja, die Leute im Hotel haben sich sehr bemüht und waren sehr freundlich. Trotzdem konnte ich mich hier nicht mehr so auf die vermittelten Inhalte einlassen wie noch im September beim Vorbereitungsseminar. Meine anfängliche Euphorie hat sich nach und nach von der täglichen Routine verdrängen lassen.
In den letzten Wochen habe ich realisiert, dass ich hier zwar eine gute Einsatzstelle gefunden habe, mit der ich nicht nur meinen Lebenslauf verschönern, sondern bei der ich sogar auch was lernen kann. Aber dass diese Einsatzstelle eben auch bedeutet, weniger Freizeit als andere Freiwillige zu haben und dass sie nicht allzu viel dazu beiträgt, hier wirklich Land und Leute kennenlernen zu können. An manchen Tagen habe ich es dann doch bereut mich für so lange Zeit zur Arbeit hier verpflichtet zu haben, anstatt nur ein halbes Jahr zu gehen und noch ein paar Monate Backpacking dranzuhängen. Es gab auch Momente in denen ich mich einfach zu alt für dieses Experiment gefühlt habe. Denn natürlich, es ist meine erste Gelegenheit für längere Zeit im Ausland zu sein, aber im Unterschied zu einigen der jüngeren Freiwilligen ist es für mich eben nicht das erste Mal „Alleine“. Ich lebe seit sechs Jahren nicht mehr bei meinen Eltern, dh. einkaufen gehen und die Waschmaschine bedienen gehören für mich nicht erst seit diesem September zu den Herausforderungen des Alltags.
Was mir das Zwischenseminar wirklich gebracht hat? Nicht so viel, leider. Aber immerhin erreichte ich dadurch irgendwann den Punkt, an dem ich mir sagen konnte, dass mit dieser übertriebenen Selbstreflektion jetzt auch mal wieder Schluss sein muss. Wer sich nur mit negativen Dingen auseinandersetzt katapultiert sich selbst in eine Gedankenspirale und die Zeit die es braucht, um aus dieser wieder auszubrechen ist mir eigentlich zu schade. Und so habe ich beschlossen, mich weniger selbst zu bemitleiden und stattdessen lieber die freie Zeit die ich manchmal eben doch habe sinnvoll zu gestalten. Diesen guten Vorsatz setzte ich übrigens, ganz gegen meine Natur, direkt in die Tat um: Gemeinsam mit Finn fuhr ich nach Plovdiv.
Plovdiv liegt zwei Stunden mit dem Bus südlich von Sofia und ist die zweitgrößte Stadt Bulgariens. Im Gegensatz zu Sofia findet sich hier ein historischer Stadtkern sowie ein Fluss – die Atmosphäre in der Stadt wird dadurch gleich gemütlicher und da hier sowieso nur knapp 350000 Einwohner leben (offiziell) wirkt alles entspannter und weniger hektisch. Finn und ich tranken erst zwei Stunden lang Kaffee, bevor wir uns auf zum ethnographischen Museum und zum Antiken Theater machten. Später besuchten wir verschiedene Aussichtspunkte und natürlich musste ein kurzer Fotostopp am „Hotel und Restaurant Leipzig“ eingelegt werden, bevor es mit dem Bus zurück nach Sofia ging. Im nächsten Jahr wird Plovdiv übrigens eine der beiden europäischen Kulturhauptstädte sein. Wenn es soweit ist, werde ich natürlich nochmal hinfahren – wenn auch vielleicht nur, um den Flair der Stadt auch mal bei angenehmen Temperaturen und bei Sonne zu genießen ;).

Das Antike Theater in Plovdiv.

Sonst gibt es heute gar nicht viel Neues zu berichten. Auf der Arbeit verläuft es gerade ruhig, die Weihnachtsvorfreude kommt langsam auf und der „fast sibirsche Winter“, vor dem mich mein Vermieter ganz zu Beginn schon gewarnt hatte, scheint eingebrochen zu sein.
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Das erste große Projekt

„Du siehst die Tage, siehst die Stunden,
Sie an dir vorüber zieh’n.
Und irgendwann schließt du die Augen,
Scheint dich nicht mehr zu berühren.
Alles, was dir soviel wert war,
Liegt am Boden, ist zerstört.
Du willst jetzt einfach nur noch raus hier,
Es gibt nichts mehr, was dich hält.“
(Juli – Kurz vor der Sonne)

Geschafft! Endlich ist auch der letzte Zettel, der irgendwas mit dem „Edit-a-thon“ zu tun hatte von meinem Schreibtisch verschwunden. Wo sich in den letzten Wochen noch Abrechnungen, Formulare, Verträge, Post-its mit Telefonnummern und Merchandise-Produkte gestapelt haben herrscht gähnende Leere. „Mein“ erstes großes Projekt am Goethe-Institut ist nach fast zwei Monaten Arbeit plötzlich abgeschlossen.

Alle Teilnehmenden kamen pünktlich in Sofia an, es gab genug Betten im Hotel und beim gemeinsamen Abendessen wurden keine Tomaten nach mir geworfen. Trotz aller Befürchtungen habe ich sogar die finanziellen und verwaltungstechnischen Geschichten wie „Reisekostenrückerstattung“ und „Tagegeldpauschalenrechnung“ ganz gut überstanden. Die einzige Sache die mir auch im Nachhinein noch Bauchschmerzen bereitet hat, waren die zahlreichen Süßigkeiten, die die Teilnehmenden als Geschenke mitgebracht hatten. Und vielleicht die Erkenntnis, dass meine Theorie „Schmeckt nach Medizin, hilft also gegen Erkältung“ sich in Bezug auf Rakia nicht bestätigen ließ.

Denn Erkältung sei Dank konnte ich nicht selbst beim Schreibmarthon mitmachen. Geplättet von der Registrierung von 40 Teilnehmenden hing ich den Nachmittag über mehr oder weniger wach in meinem Bürostuhl und versuchte jegliche geistige oder körperliche Anstrengung zu vermeiden. Trotzdem erhielt ich bei der abschließenden Präsentation der 57 neuen oder bearbeiteten Wikipediaartikel eine Urkunde für die erfolgreiche Teilnahme. Die werde ich mir zwar nicht an die Wand hängen, aber doch als Andenken an das Projekt behalten. Immerhin bescheinigt sie mir den Weg von der „neuen kulturweit-Freiwilligen“ hin zur „Koordinatorin des Edit-a-thons“.

Die letzte Woche verlief im Vergleich zu den Vorherigen also sehr ruhig. Montag und Dienstag lag ich krank im Bett, der Mittwoch fällt durch den Sprachkurs eh immer kurz aus und der Donnerstag und der Freitag sind auch kaum der Rede wert. Gestern gab es dann nochmal ein bisschen Arbeit für uns kulturweit-Freiwilligen. Im Rahmen des „Digitalen Novembers“ hatte unser Institutsleiter vor einigen Wochen die grandiose Idee gehabt, dass wir uns zusätzliche Projekte ausdenken könnten. Sie sollten irgendeinen Bezug zum Digitalen haben und dabei Nähe zur Zivilgesellschaft schaffen. Wir trafen uns daher um 14 Uhr zum „PokémonGo-Walk“ am Goethe-Institut. Die Idee war es, mit Teilnehmenden durch die Innenstadt zu spazieren, dabei zu spielen und ein bisschen Deutsch zu sprechen. Nächste Woche wollen wir so etwas Ähnliches nochmal mit Instagram machen: Gemeinsam auf den deutschen Weihnachtsmarkt gehen, Fotos machen, Hashtags ausdenken und dann bei einer Tasse Tee im Institut aufwärmen.

Bis dahin steht jedoch erstmal das Zwischenseminar auf dem Programm. Morgen geht es in einen Vorort von Sofia, nach Bankya. Die Lust darauf hält sich noch in Grenzen. Ich bin gespannt, ob ich mich „kulturweit“ danach wieder näher fühle, oder ob sich die Zweifel, die ich in den letzten Wochen plötzlich bekommen habe, bestätigen werden.

Süßigkeiten aus 7 verschiedenen Ländern.

Entspanntes Schreiben in der Bibliothek.

Wikipedia für Anfänger – meine Chefin und kulturweit-Freiwillige Lina versuchen sich an der Übersetzung eines Artikels.

Ich mit dem Sicherheitsmann vom Goethe-Institut.

 

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Von Bastel- und Spielnachmittagen…

„Du verlierst deine Ordnung
Du verlierst dein System
Du verlierst deinen Reichtum
Und du kannst nichts mehr sehn
Du stehst im Gedränge
Mitten im Geschehn
Du fängst an zu tanzen
Und kannst es nicht verstehen Willkommen im Chaos“
(Madsen – Willkommen im Chaos)

Man nehme etwa zwanzig Kinder im Alter zwischen 5 und 10 Jahren, lege ein paar Permanentmarker hinzu, lasse die technischen Geräte unbeaufsichtigt und stelle jede Menge Glitzer auf den Tisch. Das Ganze einmal umrühren, kurz ziehen lassen und für etwa zwei Minuten die Augen schließen – fertig ist das perfekte Chaos in der Bibliothek.

Schon vor Wochen hatte meine Chefin durchblicken lassen, dass Kindernachmittage in der Bibliothek immer eine ganz besondere Herausforderung wären. „Je nachdem, wie viele Kinder da sind, hast du am Ende des Tages entweder den Namen deiner Großmutter, oder, wenn wirklich viel los ist, deinen eigenen Namen vergessen“ meinte sie. Damals lachte ich nur und konnte nicht im Ansatz erahnen, als wie zutreffend sich diese Aussage herausstellen würde. Letzten Donnerstag hatte die Caritas ein Herbstbasteln für geflüchtete Kinder in der Bibliothek angesetzt. Dazu kamen noch Kinder aus den Sprachkursen des Goethe-Instituts sowie die Sprösslinge meiner Chefin. Da eine Erzieherin und eine Lehrerin sowie weitere mitgebrachte Erwachsene vor Ort waren, wurde meine Hilfe zunächst nicht gebraucht. Ich zog mich ins Büro zurück, schloß die Tür  und arbeitete vor mich hin. Etwa eine Stunde später betrat ich nichtsahnend die Bibliothek – und erkannte diese kaum wieder. Bücher und CD´s steckten falsch herum in den Regalen oder fehlten ganz, Kastanienmännchen und buntes Laub verteilten sich über alle Tische, Glitzer schwirrte durch die Luft und trat sich allmählich im Teppich fest.

Sehr herbstliche Resultate eines Bastelnachmittages.

Cooler Typ auf dem Tisch.

Das große Aufräumen konnten beginnen! Bewaffnet mit Tüchern, Putzmitteln und Müllbeuteln machte sich das komplette Team an die Arbeit. Tatsächlich halfen auch einige der Kinder brav mit und so schien zumindest das Gröbste schnell beseitigt. Als ich meinen Blick durch den Raum schweifen ließ, um weitere Spuren der Verwüstung ausfindig zu machen, blieb ich an dem dem interaktiven Whiteboard hängen, das, wie der Name schon sagt, eigentlich eine weiße Oberfläche haben sollte. Nun war sie jedoch mit grünen Malereien und schwarzen Strichen verziert. Mit großen Augen starrte ich das wundersame Kunstwerk an. „Wow – so viel Geld, zerstört in so kurzer Zeit“, dachte ich, bevor ich los eilte,  um das Internet nach einer Lösung für das Problem zu befragen. Da sämtliche Tipps und Tricks nichts brachten, beschlossen wir seufzend, das Ding erst einmal so zu belassen und zu hoffen, dass unser Techniker uns die Köpfe nur halb abreißen würde.

Doch Wunder geschehen! Als ich nach Feierabend die Bibliothek verlassen wollte, stand das Whiteboard vor mir und zwar (fast) so weiß wie es einmal gewesen war. Die zehnjährige Tochter meiner Chefin hatte mehr Ahnung gehabt als Google und Youtube zusammen und, wie auch immer, einen Weg gefunden die Malereien zum verschwinden zu bringen. Puh, Glück gehabt.

Dieses erste Chaos vom Donnerstag war dann nur die Vorstufe von dem, was uns am Samstag erwartete. Im Rahmen der Sofia Game Night hatten Veranstaltungen nicht nur in der Stadt verteilt, sondern auch im Goethe-Institut selber stattgefunden. Während sich die Erwachsenen in der zweiten Etage eine Ausstellung von bulgarischen Spieleentwicklern anschauten, sprangen im unteren Stockwerk eindeutig zu viele Kinder umher. Ich hatte mich bereit erklärt den Workshop zum Programmieren für Kinder zu unterstützen. Da bereits im Vorfeld ein paar organisatorische Dinge durcheinander geraten waren und Eltern sich anscheinend auch gerne spontan entscheiden ihre Nachkommen irgendwo abzuliefern, gab es plötzlich zu viele Kinder für zu wenige Laptops. Trotzdem konnte irgendwann mit dem Workshop begonnen werden. Zunächst gelang es jedoch kaum eine Form von Ruhe und Konzentration in den Raum zu bringen. Ich, ganz die Informatikerin die ich natürlich nicht bin, ging von Tisch zu Tisch und versuchte zu erläutern, was da auf den Bildschirmen eigentlich geschehen sollte. Meistens fuchtelte ich dazu nur mit den Händen, drückte ein paar Tasten und warf abwechselnd deutsche, englische und bulgarische Worte durcheinander. Zwischendurch flüchtete ich und versuchte in der Bibliothek einen klaren Kopf zu bekommen. Tatsächlich klappte es irgendwann und so konnte ich in der zweiten Runde des Workshops eigentlich die meiste  Zeit entspannt am PC sitzen und mich selber im programmieren eines Online-Spiels versuchen.

Parallel hatte ein weiterer Workshop stattgefunden. Kleinere Kinder sollten auf Tablets irgendein Spiel ausprobieren, zumindest laut Programmheft. Was dann der tatsächliche Inhalt war kann ich leider nicht sagen, ich weiß nur, dass dieses Mal zum Glück kein Glitzer im Spiel war. Und, dass das Freibier, dass ich als Mitarbeiterin nach Feierabend trinken konnte einer Belohnung gleichkam.

Nach den Kinderworkshops wurde ich noch als „Fotografin“ eingesetzt.

Zur Entspannung ging ich am nächsten Tag, am Sonntag, mit Finn auf den Gipfel des Vitosha-Gebirges. Obwohl, das „Gehen“ eigentlich die wenigste Zeit in Anspruch genommen hat. Erstmal fuhren wir über eine Stunde lang von Sofia aus mit dem Bus zum Berg. Da ich kein Geld für ungewollten Nervenkitzel ausgeben wollte, beschlossen wir auf den Lift zu verzichten und stattdessen direkt nach oben zu fahren. An der Berghütte gab es erst einmal einen schlechten teuren Kaffee bevor wir dann den rund zweistündigen Aufstieg zum Gipfel begannen. Oben angelangt genoßen wir leckere günstige Bohnensuppe und dann ging es auch schon wieder hinunter, um den letzten Bus zurück nach Sofia nicht zu verpassen.

Mit Finn mal wieder im Vitosha-Gebirge.

Mit Blick in Richtung Sofia.

Die öffentlichen Verkehrsmittel haben manchmal sogar Charme!

Belohnungs-Bohnen.

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Sommergefühle in Serbien

„Und was sollen, was sollen wir denn machen
außer einfach weiter unsere Feuer zu entfachen
und die Wellen tragen alles davon
Im Schatten der Häuser wächst über Wunden Beton“

(Tonbandgerät – Sekundenstill)

Beeindruckende Gebirgslandschaften, lebendige Straßenzüge, hilfsbereite Menschen, ein Wiedersehen mit den serbischen kulturweit-Freiwilligen, Temperaturen die eher an Sommer statt den bevorstehenden Wintern erinnern… die Liste der schönen Eindrücke vom Wochenende ist lang. Kein Wunder, dass der Satz „Oh, wie schön ist Serbien“ in Dauerschleife durch meinen Kopf lief.

Am vergangenen Freitag führte mich der Betriebsausflug des Goethe-Instituts nach Serbien und somit nicht nur raus aus Bulgarien, sondern auch raus aus der EU. Zu den Programmpunkten gehörten die Besichtigung zweier serbischer Kloster, ein kurzer Ausflug in die Stadt Pirot sowie ein gemeinsames Mittagessen. Praktisch, wie ich manchmal bin, dachte ich mir „Wenn ich schon da bin, kann ich auch bleiben“.

Trotz dieser Pläne verließ ich meine Wohnung am Freitagmorgen in eher lockerer Erwartungshaltung. Da ich mich schon etwas länger nicht mehr im schulpflichtigen Alter befinde und generell eher Probleme damit habe mir Zahlen und Fakten zu merken, gab es zum Frühstück nicht nur Müsli mit Joghurt, sondern auch Erklärvideos zu Serbien und den Jugoslawienkriegen. Ein bisschen Vorbildung ist schließlich nie verkehrt.

Die Straße von Sofia in Richtung serbische Grenze führt zunächst durch Industriegebiet und später durch, meiner Empfindung nach, eher trostlose Landschaften. Braune und gelbe Felder reihen sich aneinander und auch die Berge im Hintergrund tragen nichts zur Verbesserung der Aussicht bei. Endlich an der Grenze angekommen wartet das langwierige Kontroll-Prozedere. Das regt zwar zum selbstreflexiven Denken an („Wie glücklich kann ich mich schätzen, dass es diese Kontrollen innerhalb der EU, zumindest für mich, nicht mehr gibt“ etc.), nervt aber trotzdem.

Aktueller Lebensstatus: „Balkantourist“.

Direkt hinter der Grenze sieht die Landschaft weiterhin gewöhnungsbedürftig aus. „Wer wohnt denn hier?“, fragte ich mich, als wir durch das erste Dorf direkt nach der Grenze fuhren. Zerfallene Scheunen, kaputte Dächer und alte Holzverschläge prägen die Örtlichkeiten in diesem Gebiet. Auffällig war auch die Vielzahl der (noch) nicht fertiggebauten Häuser – die teilweise keinen Putz an den Wänden und keine Fenster hatten, aber dafür wirklich alle schon einen, mehr oder weniger provisorischen, Balkon vorweisen konnten. Je weiter sich der Bus von der Grenze entfernte, desto schöner wurde die Umgebung. Plötzlich erstreckten sich die meter hohe Berge des Balkangebirges direkt neben der Straße.

Kopf einziehen!

Am ersten Programmpunkt, dem Kloster Poganovo, erwarteten uns freilaufende Welpen und eine Brücke aus Metallplatten. Das Scheppern bei jedem Schritt verlieh dem kurzen Spaziergang einen abenteuerlichen Charakter. Zum Kloster, das Ende des 14. Jahrhunderts errichtet wurde, gehört natürlich auch eine kleine Kirche. Laut Wikipedia zeichnet sie sich durch ihre Kreuzkuppel und die Fresken im Inneren aus. Laut meiner kulturbanauserischen Wenigkeit ist es darin ganz nett anzusehen, aber der Rest des Geländes weitaus interessanter. Während sich meine Kolleg_Innen also die Kirche und den Souvenirstand davor anschauten, lief ich ein Stück den Hügel hinauf, der sich hinter dem Kloster erstreckt. Und freute mich dabei, endlich mal wieder aus der Stadt rausgekommen zu sein.

Die Brücke zum Kloster.

Das Kloster Poganovo

Sieht irgendwie nach „Aschenbrödel“ aus.

Die Kirche von Kloster Poganovo.

Die Natur drumherum gefiel mir dann aber doch besser.

Der nächste Halt war wieder bei einem Kloster. Dieses erinnerte mich jedoch eher an einen bayrischen Bauernhof. Hier wartete ich vergeblich auf die angekündigten Teambuilding-Maßnahmen, stattdessen besichtigten wir erneut die Kirche und den dazugehörenden Fan-Shop. Aber ich will nicht meckern, immerhin konnte ich die Zeit nutzen um die Nasenspitze in die Sonne zu stecken und mich dabei über den dicken Pullover zu ärgern, den ich noch unter meiner Jacke trug.

Bauernhofgefühle bei Kloster Nummer 2.

Hallo, ich bins. Klosterfrau Melissengeist.

Drei Freiwillige und ein Praktikant.

Danach ging es mitten hinein ins Stadtzentrum von Pirot, einer Stadt mit rund 40.000 Einwohnern im Westen Serbiens. Ich kann keinen direkten Vergleich zu einer bulgarischen Kleinstadt herstellen, einfach weil ich bisher noch keine besucht habe. Trotzdem behaupte ich, dass es hier irgendwie freundlicher und lebendiger zuging. Unzählige Menschen liefen durch die Straßen und über den Markt, es gibt winzige Bäckereien, Fleischereien und Läden für Tiernahrung die sich aneinander reihen und der Verkehr ist zwar ähnlich anstrengend wie in Sofia, aber immerhin gibt es in Pirot auch Fahrräder und nicht nur Autos zu sehen.

Nach einem kurzen Stadtbummel ging es weiter zum letzten Punkt auf der Tagesordnung: Dem gemeinsamen Mittagessen. Und somit zum ersten Moment meines Lebens,an dem ich ernsthaft mit dem Gedanken gespielt habe, Vegetarierin zu werden. Das Menü bestand aus Fleisch, angerichtet an Fleisch. Dazu nochmal etwas mehr Fleisch und als krönender Abschluss die Beilage Wurst. Und für die bereits vegetarisch lebenden Kolleg_Innen am Tisch ein frisch geangelter Fisch samt Gräten. Lecker.

Zum Glück musste ich nach dieser Völlerei nicht wieder in den Bus steigen, sondern konnte mich mal wieder ein paar Kilometer zu Fuß fortbewegen. Wie erwähnt, wollte ich die Gelegenheit, einmal in Serbien  zu sein, nicht ungenutzt lassen und hatte mir vorher eine Unterkunft in Pirot gebucht. So dachte ich zumindest. Hätte ich mir die Adresse und den Standort vorher genauer angeschaut, hätte ich gleich gewusst, dass ich mindestens fünf Kilometer von der Stadt entfernt, in einem sehr dörflichen wirkenden Vorort, übernachten würde. Und so wanderte ich etwa 1,5 Stunden am Stadtrand entlang, bevor ich irgendwann in der Pension ankam. Dank der früh einsetzenden Dunkelheit konnte ich von dem Bergblick, wegen dem ich diese eigentlich gebucht hatte, dann gar nichts mehr sehen. Aber, um ehrlich zu sein, es hat mir gut getan einen Abend lang irgendwo in der Pampa in einem Bett zu liegen, Tagebuch zu schreiben, Hausaufgaben für den Sprachkurs zu machen und ein paar Seiten zu lesen.

Am Samstag wollte ich dann mit dem Bus weiter nach Niš (ausgesprochen wie „Niesch“ lädt der Name zu vielen Wortwitzen ein – „von Niescht kommt niescht“ usw.) fahren. Da ich das Ticket nicht online, sondern nur vor Ort erstehen konnte, beschloss ich, schon um 9 Uhr am Busbahnhof zu sein, um das Ticket für kurz nach 10 zu kaufen. Die restliche Stunde wollte ich mit Marktbesuch und Kaffee trinken füllen. Leider erfuhr ich an dieser Stelle einen Überschwang von Hilfsbereitschaft und so geschah es, dass ich von dem freundlichen Ticketverkäufer kurzerhand in einen früheren Bus geschubst wurde, der bereits um dreiviertel Acht nach Niš fahren sollte.

Dort stieg ich dann glücklicherweise nicht direkt am Busbahnhof, sondern eine Station zu früh aus. Das hatte den Vorteil, dass ich erstens kurze Zeit W-Lan (keine EU = keine mobilen Daten = keine Kommunikation mit den Leuten, mit denen man sich verabredet hat) und zweitens noch einen Kaffee genießen konnte, bevor ich mich auf den Weg machte um Finn und Paul (zwei weitere Freiwillige in Sofia) abzuholen. Eigentlich war es Teil mein Plans gewesen, die deutsche Blase zu verlassen und auf eigene Faust etwas zu unternehmen. Da sich aber die serbischen kulturweit-Freiwilligen dazu entschlossen hatten, dass es zu einem Treffen kommen müsste, waren auch Finn und Paul kurzerhand nachgereist. So traf ich die zwei mir mittlerweile sehr vertrauten Gesichter kurze Zeit später.

Straßenbahncafé.

Niš am Abend.

Im Laufe des Nachmittags sammelten wir die serbischen Freiwilligen ein und wollten unser Glück mit der Unterkunft versuchen. Da wir den Vermieter weder telefonisch, noch per Mail oder WhatsApp erreicht hatten, wurde ich langsam unruhig. Wir verglichen nochmal Gebäude mit Bild, Reservierungstermin mit Kalenderdatum, die Telefonnummer im Internet mit der in meinem Handy. Alles stimmte, nur die Reaktion kam nicht. Dank der Hilfsbereitschaft der Nachbarn mussten wir dann aber doch nicht unter der Brücke schlafen. Sie, natürlich der serbischen Sprache mächtig, riefen für uns noch einmal bei der Agentur  an und kurze Zeit später stand eine Frau vor uns und führte uns zu einer anderen Unterkunft. Die entsprach zwar nicht ganz meinen Vorstellungen, aber um ehrlich zu sein: Mehr als Schlafen wollte ich da ja eh nicht.

Nach einer kurzen Ausruh- und Spielerunde sowie ein paar Erfrischungsgetränken, zogen wir los ins Nachtleben von Niš. Zwei verrauchte Kneipen später überkam mich plötzlich großes Berlin-Leipzig-Weh. Ich überbrückte dieses mit einem nächtlichen Heißhungeranfall, der mich dann übrigens auch all meine Pläne von wegen „Ich mach jetzt mal vegetarisch“ wieder vergessen ließ.

Mit Clara und Justus, zwei der serbischen kulturweit-Freiwilligen.

Da es natürlich nicht so toll kommt, immer nur von Kneipen und vom Essen zu berichten, erwähne ich jetzt noch schnell, dass wir am nächsten Tag zumindest ein bisschen Sightseeing gemacht haben. Besonderen Eindruck hinterließ dabei „Ćele Kula“, auch der „Schädelturm“ genannt. Errichtet wurde er vor rund 200 Jahren von den Osmanen. Sie betonierten die Schädel von gefallenen serbischen Rebellen darin ein – als Warnung vor weiteren Aufständen. Von ursprünglich 952 Schädeln sind heute keine 100 mehr erhalten. Viele von ihnen wurden im Laufe der Zeit von der serbischen Bevölkerung entwendet und bestattet. Das was übrig geblieben ist, gilt heute als nationales Mahnmal. Nach dieser Besichtigung ging es noch zur Festung von Niš. Auch sie wurde von den Osmanen errichtet, löste in mir aber weitaus weniger Unwohlsein aus, als kurz zuvor noch der Schädelturm.

Impressionen vom „Schädelturm“.

Sportliche Übungen auf den Festungsmauern.

Blick über die Dächer von Niš.

Um 16 Uhr stiegen wir in den Bus zurück nach Sofia und kamen somit in das Vergnügen der erneuten Grenzkontrolle. Da Sonntagabend Rushhour zu sein scheint, benötigten wir bei diesem Mal fast eine Stunde, bis wir endlich wieder in Bulgarien waren.

„Sind wir schon da?“ und „Wie lange dauert es noch?“

 

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Zwischen Arbeit und Alltag

„Gut dass ein Herz du hast, gut dass du fühlst“
(Gerhard Schöne – Augen, Ohren, Herz)

Während sich meine Familie und Freunde in Deutschland auf Weihnachten mit Lichtschutzfaktor 50 einstellen, sitze ich in Sofia und freue mich über den ersten bulgarischen Regen. Morgens ist der Himmel eher grau als blau, ohne Socken kann ich nicht mehr durch die Wohnung gehen und verzweifelt suche ich nach dem Trick, der die Heizung zum Laufen bringen wird. Auf dem Weg zur Arbeit steige ich mit riesigen Schritten über gelbe Blätterhaufen. Diese sehen zwar schön aus, kooperieren aber leider mit den darunterliegenden Hundehaufen. Wenigstens die müssen nicht frieren – im Gegensatz zu mir: Immer öfter greife ich zur Mütze statt zum Haarband. Für mich das wohl wichtigste Indiz, dass der Sommer endgültig vorbei ist.

Tatsächlich rennt die Zeit. Im März musste ich innerhalb weniger Tage entscheiden, ob ich für sechs oder für zwölf Monate nach Bulgarien gehen möchte. Den Spruch „Mach lieber ein Jahr, die Zeit wird so schnell vergehen“ konnte ich zwar als gut gemeinten Rat verbuchen, zweifelte jedoch an dessen Wahrheitsgehalt. Jetzt, wo ich seit fünf Wochen hier bin und mir oft wünsche, die Zeiger der Uhr anhalten zu können, muss ich mich wohl nachträglich bei all den Besserwissern vom März bedanken.

Nicht nur der Blick aus dem Fenster oder in den Kalender, auch dieses Blog zeugt davon, wie schnell die Tage vergehen. Zwei Wochen lang habe ich es nicht geschafft die gespeicherten Entwürfe zu überarbeiten und zu veröffentlichen. Dadurch könnte der Eindruck entstanden sein, dass hier entweder nichts mehr los ist, oder dass ich viel zu sehr damit beschäftigt bin, meine Freizeit und die (für mich) günstigen Preise im Restaurant zu genießen. Beide Annahmen kann ich so nicht ganz bestätigen!

Ganz im Gegenteil: Eigentlich erlebe ich hier immer noch ziemlich viel, wenn auch momentan eher auf der Arbeit, statt nach Feierabend. Bevor ich heute also endlich mal genauer berichte mit welchen Aufgaben ich meine 39 bis 42 Stunden Arbeitszeit pro Woche so fülle, vielleicht noch ein paar kurze Informationen zu den Strukturen am Goethe-Institut. Es besteht aus drei Abteilungen, die unter dem Slogan „Sprache.Kultur.Deutschland“ zusammengefasst werden. Die ersten beiden Kategorien erklären sich irgendwie von selbst: Während sich die Sprachabteilung ums Deutsch lernen kümmert, organisiert die Kulturprogrammabteilung  Veranstaltungen wie zum Beispiel Konzerte, Ausstellungen oder Theateraufführungen. Es werden nicht nur deutsche Projekte, sondern auch bulgarische Künstler_Innen eingeladen und unterstützt. Die deutsche Kulturkeule wird also weniger häufig geschwungen, als zu Beginn noch von mir befürchtet.

Blick auf das Goethe-Institut.

Leider erinnert mich der Slogan „Sprache.Kultur.Deutschland“ an eine Werbekampagne von 2005. „Du bist Deutschland“ vermittelten uns damals unter anderem Günther Jauch und Xavier Naidoo, während im Hintergrund schmalzige Pianomusik dudelte. Im Falle des Goethe-Instituts verbirgt sich hinter dieser Formulierung eigentlich der Begriff „Information“ und somit die Abteilung in der ich eingesetzt bin: Die Bibliothek. Wie schon in einem früheren Eintrag erwähnt gibt es hier hauptsächlich deutschsprachige Literatur, Filme und Musik zum Ausleihen. Aber auch bulgarische Texte und Übersetzungen lassen sich finden. Medien wie eine Playstation, die Virtual Reality Brille und analoge Brettspiele scheinen oftmals ganz ohne Sprachbarriere zu funktionieren. Tatsächlich habe ich mit all diesen Dingen jedoch nur wenige Berührungspunkte, zumindest im Moment. An manchen Tagen fühlt es sich so an, als sei mein Büro nur zufällig in diesen Räumlichkeiten untergebracht. Statt durch die Regale zu schlendern oder am Ausleihtresen zu sitzen, verbringe ich die meiste Zeit vor dem Bildschirm. Es gibt zwei Projekte die ich in den nächsten Wochen, bzw. Monaten, unterstützen werde. Zunächst wäre da ein „Edit-a-thon“. Dahinter verbirgt sich eine Art Marathon, bei dem nicht gerannt, sondern getippt wird. Am 10. November sollen Teilnehmende aus verschiedenen osteuropäischen Ländern so viele Wikipedia Artikel verfassen, bzw. bearbeiten, wie möglich. Außerdem sollen Anfänger_Innen (sogenannte „Newbies“) die Möglichkeit haben, überhaupt erst einmal zu lernen, wie so ein Artikel in die Online-Enzyklopädie gelangt.

Für diesen „Edit-a-thon“ braucht es nicht nur gutes W-Lan und genügend Steckdosen, sondern auch Catering, Hotelzimmer, Flüge, ein Touri-Programm und starke Nerven für Elli. Denn um ehrlich zu sein überfordern mich manche der Aufgaben noch etwas. Ich glaube nicht, dass mich irgendwer als organisiert, strukturiert oder ordentlich bezeichnen würde (und wenn, dann möchte ich unter das Sofa dieser Person wirklich nur ungern einen Blick werfen). Natürlich führen die Koordination von 15 internationalen Flügen oder das Schreiben von englischen Verträgen in meinem Falle oft zu einem Chaos von Zetteln und schlecht sortierten E-Mails. Ich weiß, dass ich erst wieder ruhig schlafen werde, wenn auch der letzte Teilnehmer endlich in Sofia gelandet und im Hotelzimmer angekommen ist.

Manchmal gehört es tatsächlich auch zu meinen Aufgaben den Kaffee zu kochen – hier glücklicherweise für den Workshop, an dem ich selber teilnehmen durfte.

Am Dienstag habe ich an einer Facebook-Schulung teilgenommen. Referentin war eine der wichtigsten bulgarischen Social-Media Redakteurinnen.

Auch wenn mein Bürotisch zwischenzeitlich an einen explodierten Schreibwarenladen erinnert merke ich, dass ich dazu lerne und langsam einen Überblick bekomme. Saß ich in der ersten Woche noch völlig verwirrt herum und fragte mich „Edit-a-was, bitte?“, fand ich mich in dieser Woche bei Tee und Keksen mit einem Filmemacher wieder, mit dem ich sein Angebot für einen kurzen Film über das Event besprochen habe.

Immerhin sieht ein voller Schreibtisch stets nach viel Arbeit aus!

Die Vorbereitungen von Projekt Nummer Zwei sind im Moment ebenfalls noch viel mit dem Bildschirm verbunden. Gleichzeitig bringen sie mich jedoch auch den Büchern wieder näher. Gemeinsam mit einer anderen Freiwilligen und unserem Praktikanten soll ich die interaktiven Bibliotheksführungen unterstützen. Erwartetes Publikum: Kinder und Jugendliche. Sie sollen mit Tablets und Smartphones die Räumlichkeiten und den Bestand erkunden um sich quasi spielerisch mit unseren Angeboten auseinanderzusetzen. Noch bin ich dabei die Themen zusammenzustellen und mich in die Köpfe der jeweiligen Altersgruppe hineinzudenken: Welches Buch könnte ihnen gefallen, was für Musik hören die so und wie schreibt sich gleich dieser Youtuber?

„Natürlich mache ich das nur für die interaktiven Führungen“ – die wohl beste Ausrede für ein bisschen Spaß bei der Arbeit.

Wir probieren lieber vorher aus, wie es funktioniert.

Einmal in der Woche unterbrechen sportliche Aktivitäten den Arbeitsalltag. Am Montag gibt es die Möglichkeit zum Yoga zu gehen. Eigentlich versuche ich körperliche Anstrengungen zu vermeiden, doch in diesem Falle merke ich regelrecht wie es mir mein Rücken dankt. Und dann gibt es da noch den Sprachkurs. Montags und Mittwochs heißt es vor oder nach der Arbeit noch Vokabeln und Grammatik pauken. Das was ich dort lerne, versuche ich sooft es geht in den Alltag einzubauen: In dem Café in dem ich meine Mittagspause verbringe, lachen sie mich zwar wegen der Aussprache aus, helfen mir aber gerne weiter, wenn mir mal wieder die Worte fehlen.

Täglicher Blick auf dem Weg zur Mittagspause.

Bulgarisch lernen mit „Sigi“ und „Ivan“.

Eigentlich geht es mir ziemlich gut und ich erwische mich im Zustand grundlegender Zufriedenheit. Doch es gibt Tage, an denen mir alles ein bisschen zu viel wird. Dann sitze ich Zuhause und ärgere mich, dass ich es immer noch nicht geschafft habe aus meiner deutschen Blase auszubrechen. Langsam gibt es auch erste Anzeichen von Heimweh. Es wird bei mir interessanterweise durch Gerüche hervorgerufen. Zum Beispiel wenn ich einen Kiosk betrete und mich die Atmosphäre und die Gerüche darin irgendwie an meinen Lieblings-Späti in Leipzig erinnern. Ich glaube, es ist Zeit um mal wieder ein bisschen auszubrechen! Nächstes Wochenende plant das Goethe-Institut einen Ausflug nach Serbien. Mein Plan ist es, danach nicht einfach in den Bus zurück nach Sofia zu steigen, sondern weiter zu fahren, um zwei Nächte in einer naheliegenden Stadt zu verbringen. Danach werde ich zwar nicht behaupten können, wirklich viel von Serbien gesehen zu haben. Aber immerhin kann ich mir selbst mal wieder vor Augen führen, wie wichtig es sein kann das gewohnte Umfeld zu verlassen und auf eigene Faust etwas zu unternehmen. Ich hoffe, der Eintrag dazu wird nicht wieder so lange auf sich warten lassen ;).

Impressionen vom vergangenen Wochenende und Antwort auf die Frage „Wie passen ein Bulgare, drei Deutsche und zwei Franzosen in ein Auto?“

Impressionen von der Straße. Gehwege sind überbewertet!

Ordnung muss sein – zumindest theoretisch! Neue Putzuhr für die WG :).

Und hier die Originalgesichter…

Wenn man am Sonntag von SO einem Frühstückstisch geweckt wird…

Täglicher Blick auf dem Heimweg vom Institut.

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