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Zwischen Arbeit und Alltag

„Gut dass ein Herz du hast, gut dass du fühlst“
(Gerhard Schöne – Augen, Ohren, Herz)

Während sich meine Familie und Freunde in Deutschland auf Weihnachten mit Lichtschutzfaktor 50 einstellen, sitze ich in Sofia und freue mich über den ersten bulgarischen Regen. Morgens ist der Himmel eher grau als blau, ohne Socken kann ich nicht mehr durch die Wohnung gehen und verzweifelt suche ich nach dem Trick, der die Heizung zum Laufen bringen wird. Auf dem Weg zur Arbeit steige ich mit riesigen Schritten über gelbe Blätterhaufen. Diese sehen zwar schön aus, kooperieren aber leider mit den darunterliegenden Hundehaufen. Wenigstens die müssen nicht frieren – im Gegensatz zu mir: Immer öfter greife ich zur Mütze statt zum Haarband. Für mich das wohl wichtigste Indiz, dass der Sommer endgültig vorbei ist.

Tatsächlich rennt die Zeit. Im März musste ich innerhalb weniger Tage entscheiden, ob ich für sechs oder für zwölf Monate nach Bulgarien gehen möchte. Den Spruch „Mach lieber ein Jahr, die Zeit wird so schnell vergehen“ konnte ich zwar als gut gemeinten Rat verbuchen, zweifelte jedoch an dessen Wahrheitsgehalt. Jetzt, wo ich seit fünf Wochen hier bin und mir oft wünsche, die Zeiger der Uhr anhalten zu können, muss ich mich wohl nachträglich bei all den Besserwissern vom März bedanken.

Nicht nur der Blick aus dem Fenster oder in den Kalender, auch dieses Blog zeugt davon, wie schnell die Tage vergehen. Zwei Wochen lang habe ich es nicht geschafft die gespeicherten Entwürfe zu überarbeiten und zu veröffentlichen. Dadurch könnte der Eindruck entstanden sein, dass hier entweder nichts mehr los ist, oder dass ich viel zu sehr damit beschäftigt bin, meine Freizeit und die (für mich) günstigen Preise im Restaurant zu genießen. Beide Annahmen kann ich so nicht ganz bestätigen!

Ganz im Gegenteil: Eigentlich erlebe ich hier immer noch ziemlich viel, wenn auch momentan eher auf der Arbeit, statt nach Feierabend. Bevor ich heute also endlich mal genauer berichte mit welchen Aufgaben ich meine 39 bis 42 Stunden Arbeitszeit pro Woche so fülle, vielleicht noch ein paar kurze Informationen zu den Strukturen am Goethe-Institut. Es besteht aus drei Abteilungen, die unter dem Slogan „Sprache.Kultur.Deutschland“ zusammengefasst werden. Die ersten beiden Kategorien erklären sich irgendwie von selbst: Während sich die Sprachabteilung ums Deutsch lernen kümmert, organisiert die Kulturprogrammabteilung  Veranstaltungen wie zum Beispiel Konzerte, Ausstellungen oder Theateraufführungen. Es werden nicht nur deutsche Projekte, sondern auch bulgarische Künstler_Innen eingeladen und unterstützt. Die deutsche Kulturkeule wird also weniger häufig geschwungen, als zu Beginn noch von mir befürchtet.

Blick auf das Goethe-Institut.

Leider erinnert mich der Slogan „Sprache.Kultur.Deutschland“ an eine Werbekampagne von 2005. „Du bist Deutschland“ vermittelten uns damals unter anderem Günther Jauch und Xavier Naidoo, während im Hintergrund schmalzige Pianomusik dudelte. Im Falle des Goethe-Instituts verbirgt sich hinter dieser Formulierung eigentlich der Begriff „Information“ und somit die Abteilung in der ich eingesetzt bin: Die Bibliothek. Wie schon in einem früheren Eintrag erwähnt gibt es hier hauptsächlich deutschsprachige Literatur, Filme und Musik zum Ausleihen. Aber auch bulgarische Texte und Übersetzungen lassen sich finden. Medien wie eine Playstation, die Virtual Reality Brille und analoge Brettspiele scheinen oftmals ganz ohne Sprachbarriere zu funktionieren. Tatsächlich habe ich mit all diesen Dingen jedoch nur wenige Berührungspunkte, zumindest im Moment. An manchen Tagen fühlt es sich so an, als sei mein Büro nur zufällig in diesen Räumlichkeiten untergebracht. Statt durch die Regale zu schlendern oder am Ausleihtresen zu sitzen, verbringe ich die meiste Zeit vor dem Bildschirm. Es gibt zwei Projekte die ich in den nächsten Wochen, bzw. Monaten, unterstützen werde. Zunächst wäre da ein „Edit-a-thon“. Dahinter verbirgt sich eine Art Marathon, bei dem nicht gerannt, sondern getippt wird. Am 10. November sollen Teilnehmende aus verschiedenen osteuropäischen Ländern so viele Wikipedia Artikel verfassen, bzw. bearbeiten, wie möglich. Außerdem sollen Anfänger_Innen (sogenannte „Newbies“) die Möglichkeit haben, überhaupt erst einmal zu lernen, wie so ein Artikel in die Online-Enzyklopädie gelangt.

Für diesen „Edit-a-thon“ braucht es nicht nur gutes W-Lan und genügend Steckdosen, sondern auch Catering, Hotelzimmer, Flüge, ein Touri-Programm und starke Nerven für Elli. Denn um ehrlich zu sein überfordern mich manche der Aufgaben noch etwas. Ich glaube nicht, dass mich irgendwer als organisiert, strukturiert oder ordentlich bezeichnen würde (und wenn, dann möchte ich unter das Sofa dieser Person wirklich nur ungern einen Blick werfen). Natürlich führen die Koordination von 15 internationalen Flügen oder das Schreiben von englischen Verträgen in meinem Falle oft zu einem Chaos von Zetteln und schlecht sortierten E-Mails. Ich weiß, dass ich erst wieder ruhig schlafen werde, wenn auch der letzte Teilnehmer endlich in Sofia gelandet und im Hotelzimmer angekommen ist.

Manchmal gehört es tatsächlich auch zu meinen Aufgaben den Kaffee zu kochen – hier glücklicherweise für den Workshop, an dem ich selber teilnehmen durfte.

Am Dienstag habe ich an einer Facebook-Schulung teilgenommen. Referentin war eine der wichtigsten bulgarischen Social-Media Redakteurinnen.

Auch wenn mein Bürotisch zwischenzeitlich an einen explodierten Schreibwarenladen erinnert merke ich, dass ich dazu lerne und langsam einen Überblick bekomme. Saß ich in der ersten Woche noch völlig verwirrt herum und fragte mich „Edit-a-was, bitte?“, fand ich mich in dieser Woche bei Tee und Keksen mit einem Filmemacher wieder, mit dem ich sein Angebot für einen kurzen Film über das Event besprochen habe.

Immerhin sieht ein voller Schreibtisch stets nach viel Arbeit aus!

Die Vorbereitungen von Projekt Nummer Zwei sind im Moment ebenfalls noch viel mit dem Bildschirm verbunden. Gleichzeitig bringen sie mich jedoch auch den Büchern wieder näher. Gemeinsam mit einer anderen Freiwilligen und unserem Praktikanten soll ich die interaktiven Bibliotheksführungen unterstützen. Erwartetes Publikum: Kinder und Jugendliche. Sie sollen mit Tablets und Smartphones die Räumlichkeiten und den Bestand erkunden um sich quasi spielerisch mit unseren Angeboten auseinanderzusetzen. Noch bin ich dabei die Themen zusammenzustellen und mich in die Köpfe der jeweiligen Altersgruppe hineinzudenken: Welches Buch könnte ihnen gefallen, was für Musik hören die so und wie schreibt sich gleich dieser Youtuber?

„Natürlich mache ich das nur für die interaktiven Führungen“ – die wohl beste Ausrede für ein bisschen Spaß bei der Arbeit.

Wir probieren lieber vorher aus, wie es funktioniert.

Einmal in der Woche unterbrechen sportliche Aktivitäten den Arbeitsalltag. Am Montag gibt es die Möglichkeit zum Yoga zu gehen. Eigentlich versuche ich körperliche Anstrengungen zu vermeiden, doch in diesem Falle merke ich regelrecht wie es mir mein Rücken dankt. Und dann gibt es da noch den Sprachkurs. Montags und Mittwochs heißt es vor oder nach der Arbeit noch Vokabeln und Grammatik pauken. Das was ich dort lerne, versuche ich sooft es geht in den Alltag einzubauen: In dem Café in dem ich meine Mittagspause verbringe, lachen sie mich zwar wegen der Aussprache aus, helfen mir aber gerne weiter, wenn mir mal wieder die Worte fehlen.

Täglicher Blick auf dem Weg zur Mittagspause.

Bulgarisch lernen mit „Sigi“ und „Ivan“.

Eigentlich geht es mir ziemlich gut und ich erwische mich im Zustand grundlegender Zufriedenheit. Doch es gibt Tage, an denen mir alles ein bisschen zu viel wird. Dann sitze ich Zuhause und ärgere mich, dass ich es immer noch nicht geschafft habe aus meiner deutschen Blase auszubrechen. Langsam gibt es auch erste Anzeichen von Heimweh. Es wird bei mir interessanterweise durch Gerüche hervorgerufen. Zum Beispiel wenn ich einen Kiosk betrete und mich die Atmosphäre und die Gerüche darin irgendwie an meinen Lieblings-Späti in Leipzig erinnern. Ich glaube, es ist Zeit um mal wieder ein bisschen auszubrechen! Nächstes Wochenende plant das Goethe-Institut einen Ausflug nach Serbien. Mein Plan ist es, danach nicht einfach in den Bus zurück nach Sofia zu steigen, sondern weiter zu fahren, um zwei Nächte in einer naheliegenden Stadt zu verbringen. Danach werde ich zwar nicht behaupten können, wirklich viel von Serbien gesehen zu haben. Aber immerhin kann ich mir selbst mal wieder vor Augen führen, wie wichtig es sein kann das gewohnte Umfeld zu verlassen und auf eigene Faust etwas zu unternehmen. Ich hoffe, der Eintrag dazu wird nicht wieder so lange auf sich warten lassen ;).

Impressionen vom vergangenen Wochenende und Antwort auf die Frage „Wie passen ein Bulgare, drei Deutsche und zwei Franzosen in ein Auto?“

Impressionen von der Straße. Gehwege sind überbewertet!

Ordnung muss sein – zumindest theoretisch! Neue Putzuhr für die WG :).

Und hier die Originalgesichter…

Wenn man am Sonntag von SO einem Frühstückstisch geweckt wird…

Täglicher Blick auf dem Heimweg vom Institut.

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