Erste Eindrücke: Malo govorim bosanski

Mein Kopf ist so voll mit neuen Eindrücken, Gedanken und Bildern, ich weiß gar nicht wo ich anfangen soll. Am Montag, den 12.03., bin ich in Bosnien und Herzegowina angekommen. Als ich die bosnische Grenze überquert habe und es immer weiter auf Bosanska Krupa zuging, wurde ich immer aufgeregter. Jetzt wurde es ernst und das war der Moment, wo ich realisiert habe, dass es kein Zurück mehr gibt. Bosnien ist jetzt für ein Jahr mein Zuhause. Vorher war das alles noch so weit weg, selbst bei der Verabschiedung von meiner Familie hatte ich das noch nicht realisiert. Aber jetzt war ich wirklich hier. Ich habe eigentlich nur mit offenen Mund aus dem Fenster gestarrt und versucht ganz viel von der Landschaft aufzunehmen. Es ist alles so anders (Überraschung, ist ja auch ein anderes Land), die Architektur und natürlich auch die Landschaft. Wir sind an der Una, einem Fluss, entlanggefahren. Hier ein paar Fotos auf dem Weg nach Bosanska Krupa:

Meine Wohnung ist echt toll, ich weiß jetzt schon, dass ich mich hier wohlfühlen werde. Von außen ist das Haus gewöhnungsbedürftig, die Bosnier kümmern sich nicht wirklich um die Fassade, es geht nur ums Innere. Aber das ist ja eigentlich auch wichtiger. Eigentlich habe ich dann erstmal nur alle Sachen ausgepackt und meine Wohnung teilweise schon eingerichtet. Abends habe ich dann das erste Mal bosnisch gegessen, ich war bei meiner Ansprechperson (der Deutschlehrerin des Gymnasiums) zum Abendessen eingeladen. Ich habe keine Bilder gemacht, weil ich nicht unhöflich sein wollte, aber es war wirklich lecker. Das bosnische Essen scheint auf jeden Fall fleischlastig zu sein. :D Ich habe mir die ganzen Namen der Gerichte natürlich nicht gemerkt, weil es so viele bosnische Wörter waren, aber irgendwann werde ich es wissen. :D Was für mich auch ungewohnt ist, ist dass die Menschen sich hier oft mit Küsschen begrüßen, da habe ich mich zunächst erstmal unwohl gefühlt. Aber die meisten geben sich auch erstmal die Hand und an die Küsschen werde ich mich schon gewöhnen. Sympathisch ist es allemal. Meine Ansprechpartnerin hat mir außerdem erklärt, dass die meisten hier muslimisch sind, jedoch nicht konservativ. Heißt, sie essen kein Schweinefleisch, feiern natürlich muslimische Feiertage, fasten während des Ramadan, aber es trägt so gut wie niemand ein Kopftuch und es wird auch kein Wert auf weite, konservative Kleidung gelegt.

Die Aussicht von meinem Balkon:

Heute (13.03.) hat mich dann meine Ansprechperson etwas in der Stadt herumgeführt. Ich hoffe mal, dass ich mich schnell zurechtfinden werde, auf jeden Fall wohne ich direkt im Zentrum und komme überall zu Fuß hin. Ich finde die Stadt wirklich schön. Besonders die Una ist natürlich ein Traum, weil der Fluss mitten durch die Stadt fließt. Momentan ist allerdings das Wasser sehr hoch, weil noch vor zwei Wochen viel Schnee gefallen ist und der Schnee dann geschmolzen ist. Aber ich will nicht verschweigen, dass man noch Kriegsspuren vom Krieg vor 20 Jahren sieht. Bosnien wurde während des Bosnienkrieges besonders schwer getroffen, viel musste wiederaufgebaut werden. Naja und dann wurde halt nicht immer alles wiederaufgebaut. Manche Häuser haben also Einschusslöcher oder sind nur noch Ruinen, mein Balkonsichtschutz hat auch ein Loch. Meine Ansprechpartnerin sagte, dass es den Bosniern natürlich nicht mehr auffallen würde,  sie seien es ja gewohnt. Ich wusste das auch schon vorher und war dementsprechend nicht schockiert. Aber diese Häuser sind nicht (!) in der Mehrzahl, ansonsten ist Bosanska Krupa so wie jede andere Stadt auch. Es gibt schöne Ecken, weniger schöne Ecken, belebte Ecken und weniger belebte Ecken. Schöner war das ganze natürlich dadurch, dass die Sonne schien und es nicht wirklich kalt war.

Hier ein paar Bilder von der Stadt (Ich habe hauptsächlich die Una fotografiert, weil ich mir eh schon wie eine Fremde vorkam, die neugierig gemustert wurde – da wollte ich nicht noch mehr auffallen. Es ist jetzt nicht so, als ob alle mich angestarrt haben, aber mit meinen blonden Haaren falle ich schon eher auf. Naja und am Anfang fühlt man sich ja immer so, als würden alle einen angucken und man fühlt sich etwas fehl am Platz.):

Die Brücke, die im Stadtzentrum über die Una führt:

Hier sieht man links die katholische Kirche und rechts die orthodoxe Kirche. Weiter hinten ist die Moschee, hier nicht zu sehen:

Dann war ich heute auch das erste Mal in der Schule, um ein paar SchülerInnen Hallo zu sagen. Freundlicherweise wurde ich von einer Schülerin abgeholt und lieb von allen begrüßt. Heute war ich erstmal nur in der 13. Klasse, also bei denen in meinem Alter. Die sind auch alle 18, ein paar sind schon 19.  Da ich während der Pause gekommen bin, habe ich mit ein paar Schülerinnen erstmal Karten gespielt, nacheinander kamen dann alle anderen SchülerInnen und haben sich mir vorgestellt. Ich habe mich entschieden für die Deutschstunde zu bleiben, um mir das erstmal anzugucken. Die SchülerInnen mussten unregelmäßige Verben wiederholen und haben dann eine Aufgabe gemacht. Danach meinte meine Ansprechperson, dass wir jetzt einen Stuhlkreis machen, damit die SchülerInnen mich kennenlernen können. Dann mussten die SchülerInnen mein Alter, meine Heimatstadt, meine Hobbies usw. erraten und ich habe ihnen dann die richtige Antwort gesagt. Die SchülerInnen haben interessiert zugehört und ich glaube, dass ich mich super gut mit denen verstehen werde. Ich wurde nämlich schon vorgewarnt, dass kaum jemand zu Besuch nach Krupa kommt und alle deswegen so gespannt seien. Aber das ist denke ich normal, wenn an meine Schule jemand neues kam, haben sich natürlich auch erstmal alle für die Person interessiert.

Heute war ich auch das erste Mal in einem bosnischen Supermarkt. Ich muss ehrlich sagen, dass ich kurz vor eine Panikattacke stand. Das hat mir tatsächlich vorher am meisten Angst gemacht, weil ich wusste, dass die älteren Menschen weder Englisch, noch Deutsch sprechen. Ich spreche ein paar Wörter Bosnisch, aber definitiv nicht gut genug, um die Bosnier zu verstehen. Ich kann stolz verkünden, dass ich vier Mal „Hvala“ (Danke) gesagt habe. :D An der Theke habe ich dann „Malo govorim bosanski. Dolazim iz Njemačke.“ (Ich spreche wenig Bosnisch. Ich komme aus Deutschland) gesagt und mich irgendwie damit durchgeschlagen. Das Brot ausgewählt habe ich mit „Das da“ und darauf zeigen, das funktioniert ja immer irgendwie. Die Verkäuferinnen waren super nett, auch an der Kasse hat alles irgendwie funktioniert. Irgendwann wird es einfacher, zumindest rede ich mir das ein… Erstmal bin ich stolz auf mich, dass ich mich immerhin getraut habe bosnisch zu sprechen – ich hatte nämlich keine Ahnung von der richtigen Aussprache und das r zu rollen fällt mir teilweise sehr schwer. Dafür habe ich einige Lebensmittel und Artikel entdeckt, die man auch in Deutschland kaufen kann. 😊 Barilla Nudeln zum Beispiel, darüber habe ich mich sehr gefreut.

Die erste selbstgekaufte Mahlzeit, alles im Supermarkt gekauft:

Alles in allem ist mein erster Eindruck erstmal positiv. Auf mich wirken die Bosnier entspannt, gelassen, gastfreundlich und offen. Ich bin gespannt auf die nächsten Tage und halte euch auf dem Laufenden!

 

Abschiede, Nervosität und letzte Vorbereitungen

Das Vorbereitungsseminar ist vorbei, ich war für eine Nacht wieder zu Hause und heute geht es los nach Bosnien. In den letzten Wochen gab es so viele letzte Male. Das letzte Mal in die Uni fahren, das letzte Mal meine Freunde treffen, das letzte Mal mit meiner Fußballmannschaft trainieren, das letzte Mal arbeiten, das letzte Mal ins Weserstadion gehen. Dabei ist es ja gar nicht wirklich das letzte Mal, es ist kein Abschied für immer und doch fällt mir das ganze schwerer, als ich es mir selbst gegenüber eingestehe. Der Monat Februar war definitiv stressig und durcheinander. Ich musste zu allen wichtigen Ärzten gehen, zu den Behörden für die Dokumente für mein Visum, nochmal alle Freunde sehen, meine Verwandten verabschieden, für vier Klausuren lernen, jede Menge letzte Besorgungen machen, hoffen, dass meine Ansprechperson eine Wohnung findet, packen und nebenbei irgendwie noch Zeit für mich selbst finden. Drei Mal dürft ihr raten, was am meisten auf der Strecke geblieben ist. :D Richtig, die Uni.

Die zehn Tage beim Vorbereitungsseminar am Werbellinsee mit den 164 anderen Freiwilligen haben mich wirklich bereichert und mir einen neuen Blickwinkel auf manche Sachen gegeben. Ich habe so viele coole Menschen getroffen, über interessante Themen diskutiert und der Austausch hat mich über vieles nachdenken lassen. In unserer „Homezone“ (so wurden die Seminargruppen genannt) haben wir unter anderem über Rassismus, Diskriminierung, Antiziganismus, Sexismus, Konfliktverhalten und unsere Rolle als Freiwillige*r geredet. Außerdem haben wir über unsere Ängste, Zweifel und Ziele für unseren Auslandsaufenthalt geredet und uns selbst reflektiert. Es war schön zu sehen, dass man nicht alleine ist mit seinen Ängsten und jeder sich auf seine Weise Sorgen macht. Super interessant war auch, als das Goethe-Institut uns über didaktische Methoden informiert hat und wir selbst eine Unterrichtsstunde planen mussten, als Vorbereitung auf unseren Aufenthalt in der Schule. Abends saßen wir mit den „Homies“ (der Spitzname für die Leute aus unserer Homezone) zusammen, haben lustige Spiele gespielt und viel gelacht, aber auch über ernstere Themen geredet. Ich hatte mich zwar auf das Vorbereitungsseminar gefreut, aber das hat meine Erwartungen tatsächlich übertroffen. Verrückt, wie man als Gruppe nach zehn Tagen so sehr zusammen wachsen kann… :) Falls meine Homies das hier lesen: Shoutout an euch, ihr seid die Coolsten! <3 Eigentlich ist die Zeit viel zu schnell herumgegangen, ich hätte mit einigen gerne noch mehr geredet. Andererseits bin ich auch froh, dass ich jetzt wieder mehr Privatsphäre habe – die 10 Tage waren schon anstrengend.

Aber morgen geht es los und diesmal so wirklich. Natürlich habe ich irgendwie Angst, dass das alles nicht so läuft, wie ich es mir vorgestellt habe, dass ich einsam bin, Heimweh habe, mich dort nicht richtig wohlfühle, Sachen schiefgehen oder ich alleine verzweifle. Aber ich habe mich bewusst für diesen Schritt entschieden, weil ich wusste, dass es mir Angst machen würde. Zuzugeben, dass man Angst hat, ist ja nichts Schlimmes. Schließlich lasse ich für ein Jahr alles Bekannte hinter mir: Mein Zuhause, meine Familie, meine Freunde. Aber noch größer als die Angst ist eigentlich die Vorfreude. Ich freue mich auf eine fremde Kultur, eine fremde Sprache, neue Menschen, neue Erfahrungen, meine erste eigene Wohnung und mein neues Zuhause. Ich weiß nicht genau, was mich in dem Jahr erwartet, aber das haben Abenteuer wohl so an sich… Seid gespannt!

Meine Homies:

Vor der Weltuhr in Berlin, als wir am Sonntag einen Ausflug dorthin gemacht haben:

Am Werbellinsee: