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Hejnice war echt nice

Es ist 8.56 Uhr und anders als vor gut einer Woche sitze ich diesmal am Flughafen und tatsächlich, ich bekomme meinen Flug. Russland wartet, neue Abenteuer und Erfahrungen und Verrücktheiten warten und das ich mir jetzt tatsächlich Gedanken machen kann, welchen Teil des Landes ich in den nächsten zweieinhalb Monaten noch besichtige, scheint mir selbst schon wieder zu schön um wahr zu sein. Im Grunde habe ich das Gefühl, meine Stadt noch einmal völlig neu kennen lernen zu können.

Der Blick vorwärts verlangt aber auch den Blick zurück und ich schulde meinen tausenden und abertausenden von Lesern natürlich noch den obligatorischen Zwischenseminar-Post. Was hat sich getan in diesen fünf Tagen in Tschechien?

Erster Gedanke: Wo zur Hölle haben die uns denn jetzt schon wieder hinverfrachtet?

Ein Teil des Teils der Tingel-Tangel-Gruppe nach Hejnice. Wir hatten ja noch keine Ahnung auf was wir uns samt unseren 100 Koffern eingelassen hatten.

Ähnlich wie bereits beim Vorbereitungsseminar rief die Erwähnung des Örtchens Hejnice erst einmal Irritationen hervor. Wat? Und wo soll das liegen? Tschechien, haben wir dann erfahren und praktischerweise hatten die Russen auch mit der tschechischen Homezone das Zwischenseminar. Das wussten wir zwar bereits schon am Werbellinsee, wo man sich an einem Abend auch zusammengesetzt hat, aber es war eine schöne Möglichkeit, sich doch noch ein bisschen besser kennenzulernen.

Hejnice, einst Haindorf oder wie wir es genannt haben: Hej-nice (man achte auf die Intonation!) liegt etwa sechzehn Kilometer von Liberec entfernt, was wiederrum nahe der deutsch-tschechischen Grenze liegt. Inmitten des Isergebirges, sehr idyllisch aber auch sehr weit vom Schuss und allein unsere Anreise war ein Abenteuer für sich: Zu zweit mit dem Bus von Berlin nach Dresden, zu fünft mit dem Zug nach Zittau, zu siebt mit einem weiteren Zug nach Liberec und von dort dann noch mit der Minibahn nach Hejnice. Eine Schrecksekunde gab es, als die Bahn auf einmal anfing, rückwärts zu fahren und wir schon der festen Meinung waren jetzt geht’s zurück nach Liberec, aber sie hat dann doch einen Schlenker gemacht. Und dann standen wir am Bahnhof und dachten erst einmal: Toll. Die Kulisse war nicht unbedingt einladend, nebelverhangene Berge, Nieselregen und auf den ersten Blick Trostlosigkeit in Ortsform. Tatsächlich aber kann das seinen Reiz haben – wie ich zwei Absätze weiter unten erläutern will.

Zweiter Gedanke: Hey ihr Pappnasen, schön euch wieder zu sehen!

So wenig Lust ich in den Wochen davor auf das Zwischenseminar hatte, so groß war meine Freude, als ich nach und nach meine Homies begrüßen durfte. Gott sei Dank bin ich ja nicht allein in Petersburg unterwegs, aber es ist doch etwas ganz anderes, alle auf einen Schlag wieder zu haben. Die Ausgangssituation war nur bedingt mit dem Werbellinsee vergleichbar und das hat mir so gut gefallen: Ich habe meine Schwierigkeiten damit, neue Leute kennen zu lernen und dass ich diese elf nicht nur alle schon kannte, sondern wir Gott sei Dank auch in der Lage waren unsere Erfahrungen zu teilen, darauf war ich schon unheimlich gespannt. Und außerdem sind wir einfach eine super Truppe, die sich untereinander gut versteht, ohne einzelne Personen zu sehr einzuengen, eine sehr gesunde Gruppendynamik also.

Sehr froh war ich um die Möglichkeit, mir die Geschichten der tschechischen Freiwilligen anzuhören und Vergleiche zu unserer Situation anzustellen und ein bisschen beneidet habe ich sie schon, denn wer im Schengenraum seine Einsatzstelle hat muss nicht einmal halb so viel Papierkram und Gerenne bewältigen wie wir. Aber andererseits kann ich auch gut verstehen dass der Aufenthalt im direkten Nachbarland von Zeit zu Zeit ein bisschen unbefriedigend sein kann. Ich fand es sehr aufschlussreich wie die einzelnen kulturweitler mit den schwierigen Seiten des Freiwilligendienstes umgehen und egal, wie unterschiedlich die Bewältigungsstrategien aussehen, wie vielfältig die Probleme, irgendwie schafft es doch jeder, zurechtzukommen und sich selbst zu helfen. Das gilt schließlich auch für mich und es tat gut, über den schwierigen Start in meinen Aufenthalt zu sprechen, mehr noch aber zu hören, das es nicht nur mir so ging.

Dritter Gedanke: Eigentlich finde ich Hejnice doch nicht so schlecht

 

Wie gesagt waren wir fünf Tage von Bergen und Wäldern und einem auf den zweiten Blick doch recht charmanten Örtchen umgeben. Ich habe mich an den Schwarzwald erinnert gefühlt, eine Gegend die ich sehr liebe und das hat mir unseren Aufenthaltsort dann doch schmackhaft gemacht. An den Berghängen hinauf und hinunter schlängeln sich Straßen und Fußwege und es gibt Wanderpfade zu den verschiedenen Aussichtspunkten, zu einem davon haben wir uns am letzten Tag auch aufgemacht. Bereits in den Tagen zuvor haben wir immer wieder die Pausen genutzt, um Hejnice zu Fuß zu erkunden, allein oder in der Gruppe, auch mal des Abends, wenn sich hoch oben am Waldrand kaum ein Geräusch vernehmen lässt außer dem Wind und es kaum etwas zu sehen gibt außer die Lichter hinter den Fenstern und den Sternen über uns. Es überrascht mich immer wieder, wie nah so schöne, reizvolle Landstriche liegen, aber wie wenig ich doch über unsere Nachbarländer weiß.

Vierter Gedanke: Du. Darfst. Nicht. Einschlafen.

Die Krux an Seminaren ist, dass man die meiste Zeit in der Gegend herumsitzt und den Kopf anstrengen muss. Im Grunde fand ich die Inhalte des Seminars nicht uninteressant, aber es ist eben nichts, worüber man sich zu einem anderen Zeitpunkt nicht schon einmal Gedanken gemacht hätte und es war verdammt anstrengend manchmal. Nicht körperlich, eigentlich nicht einmal geistig, aber langes Sitzen, aufmerksames Zuhören, Diskussionen, Brainstorming, das schlaucht auf die Dauer eben doch. Vor allem, weil wir Abends immer lange zusammengesessen sind und es morgens verhältnismäßig früh losging. Manche hatten auch mit dem Zeitunterschied zwischen ihrem Einsatzort und Hejnice zu kämpfen. Im Nachhinein bin ich froh für den ganzen Input, aber zwischendrin dachte ich mir schon „Maaaaan, ich will mich doch einfach nur fünf Minuten hinlegen.“

Gelegenheiten zum Reflektieren – wirklich interessant, aber auf Dauer eben doch anstrengend.

 

Fünfter Gedanke: Argh, Visum, $&§)“=!§&$, Visum, argh!!!

Nun, da ich zehntausend Meter über Polen durch die Wolken schwebe, kommen wir zu dem unangenehmen Teil der ganzen Sache: Visaangelegenheiten. Die Frage, ob unsere Anträge durchgehen oder nicht hing wie ein Damoklesschwert über der ganzen Veranstaltung und wie nicht anders zu erwarten traten an der ein oder anderen Stelle Probleme auf. Vier von zwölf Russlandfreiwilligen wurden abgelehnt, wegen, ja, weil hat. Ich zumindest hab das Problem bis zuletzt nicht so richtig verstanden und was mich am meisten aufregt ist, dass eine Freiwillige überhaupt nicht mehr nach Russland geht. Nicht nur, dass ich jetzt nicht mehr die Chance habe, sie zu besuchen, es tut mir vor allem leid, weil sie nach Russland wollte. Sie wollte sich ihre eigene Meinung von diesem Land bilden, anders als ich, die sich überall hätte hinverfrachten lassen und nur zufällig in ihrem heimlichen Favoriten gelandet ist. Natürlich hat es seinen Reiz nun noch drei Monate in einer anderen Einsatzstelle in einem anderen Land zu verbringen, aber schade ist es trotzdem. Und unnötig obendrein, es geht hier immer noch um junge Leute, die einen Freiwilligendienst leisten. Warum behandelt man gerade die, als wären sie verdächtige Subjekte die das Land infiltrieren wollen?

Ein gutes hatte die Sache aber trotzdem: Ein richtig schönes, solidarisches Frustsaufen mit den anderen Abgelehnten. Seitdem freue ich mich total, das ganze an Silvester fortzusetzen, wenn fast die ganze Homezone zum Feiern nach Petersburg kommt.

Sechster Gedanke: Ich liebe Geschichte einfach, gebt mir mehr!

Mein Highlight des Zwischenseminars? Der vorletzte Tag, der ganz der deutsch-tschechischen Vergangenheit gewidmet war. Eine Mitarbeiterin der Organisation Antikomplex hat am Vormittag mit uns über die vielfältigen historischen Beziehungen zwischen diesen beiden Ländern geredet, besonders im Bezug auf Hejnice und das Isargebirge, wir haben den örtlichen Friedhof besucht und hatten dazwischen immer wieder den Raum, unseren eigenen Gedanken zu dieser schwierigen und unendlich faszinierenden Thematik nachzuhängen. Und dann kam der Nachmittag, als eine Zeitzeugin, die aus Hejnice stammt und dort heute noch lebt, uns quasi ihre Geschichte erzählt hat. Diese Frau kam rein und ich hab mich direkt verliebt, sie hat mich einfach so sehr an meine eigene Oma erinnert. Doch egal, wie gerne ich ihr zugehört habe und wie sehr ich sie nach ein paar Minuten ins Herz geschlossen hatte, als sie von den Vertreibungen und ihren Erinnerungen an den Anschluss und das Kriegsende erzählt hat und selbst kurz mit den Tränen kämpfen musste, da wäre ich lieber herausgegangen, weil ich diese Geschichten in einer ähnlichen Form eben schon einmal gehört hatte und es mich mitten ins Herz getroffen hat. Trotzdem möchte ich dieses Gespräch, bzw. ihre Erzählung nicht missen. Ich bin im Gegenteil unendlich dankbar, dass es Leute gibt, die darüber reden möchten und das ich ihnen zuhören darf.

Siebter Gedanke: Was das Gehen angeht…

Bei diesem Ausblick kamen Heimatgefühle hoch…

Ich habe eine faszinierende Erkenntnis über mich selbst gewonnen: Je größer mein innerer Widerstand ist, einen Ort wieder verlassen zu müssen, desto schöner war es dort. Trotz aller Vorfreude auf Zuhause, ich weiß ganz genau das ich im Februar bittere Tränen vergießen werde bei dem Gedanken daran, Petersburg endgültig verlassen zu müssen. Letzte Woche, als ich mit den Nerven so runter war das ich nur noch heim wollte, fiel es mir nicht im Geringsten schwer, Berlin zu verlassen, weil Berlin in diesem Moment einfach nur das pure Grauen für mich war. Aber heute, als ich mich ins Flugzeug gesetzt habe, war mir doch etwas weh ums Herz, weil ich Berlin einfach so gerne mag. Und natürlich freue ich mich auf alles, was nächstes Jahr kommt, aber da gibt es doch immer wieder das Gehen und das fällt mir eben manchmal so schwer wie aus Hejnice abzureisen. Wir hatten eine wirklich tolle Zeit und im Nachhinein beweist sich mal wieder, dass meckern eben meckern ist und erleben etwas ganz anderes und das das eine Angewohnheit ist, die ich hoffentlich irgendwann einmal verliere – immer das schlechteste annehmen und motzen, statt zurücklehnen und abwarten.

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