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Ich hab da was begriffen.

„Man ist oft mit sich selbst so sehr im Widerspruch als mit Andern.“ – Francois de la Rochefaucauld

Die letzten Wochen waren nicht ganz einfach. Dienstag vor zwei Wochen bin ich mit einem derartig entzündeten Hals aufgewacht dass es sich angefühlt hat als hätte mir jemand eine Handvoll Rasierklingen in den Hals gesteckt. Folglich war ich die ganze Woche zu nichts zu gebrauchen, habe im Bett gelegen, meine Schüler vermisst, zwei Staffeln Queer Eye vernichtet und mich buchstäblich zu Tode gelangweilt, während draußen auch noch das schönste Wetter war. Nicht mal geschrieben habe ich. Immerhin ging es zum Wochenende hin aufwärts und samstags waren Kira und ich endlich einmal in Pawlowsk – ein Zarenschloss mit Park oder wohl eher ein Park mit Zarenschloss.

            

How to shoot like a Pro in Pawlowsk.

Es tat unendlich gut, außerhalb der Stadt und vor allem an der frischen Luft zu sein. Wir sind ewig durch die Alleen und an den Seen entlang spaziert, aber letztlich hat es mich doch ein bisschen überfordert und ich war am Abend so fertig wie seit langem nicht mehr.

Wer braucht schon den Indian Summer, wenn er den Sommergarten im Oktober hat?

Sonntags habe ich es also nochmal ein bisschen langsamer angehen lassen und bin in den Sommergarten, der nur ein paar Minuten zu Fuß entfernt liegt, um gemütlich einen Kaffee zu trinken und ein bisschen zu lesen. Das Wetter war einfach sagenhaft, es war sonnig und warm und selbst der St. Petersburger Wind hat Sonntagspause gemacht. Anschließend bin ich noch eine große Runde an der Newa entlangspaziert und Ende vom Lied war folgendes: Rückfall deluxe. Montag lag ich  wieder im Bett, Husten, Halsschmerzen und Fieber inklusive und das schlug dann so richtig auf die Stimmung. Den ganzen Montag hab ich durchgeheult und mich nach Zuhause gesehnt, nach meinem eigenen Bett, nach dem Blick aus dem Fenster direkt auf die Weinberge, nach meiner Oma die mit einem einzigen Blick Fieber messen kann und dann wortlos eine Kanne Tee hinstellt, der dich in nullkommanix wieder auf den Damm bringt. Weiß der Geier, was sie da rein mischt.

Ich bin niemand, der zu Heimweh neigt, aber diese Woche war der Gedanke an zuhause wie ein ständiger Stich. Ich kann an einer Hand abzählen, wie oft ich in den letzten paar Jahren krank war und das mein Körper nicht so mitmacht, wie ich das will, ohne normalerweise auch nur einen Gedanken daran verschwenden zu müssen, dazu noch in einem Land, in dem ich im äußersten Notfall nicht mal einem Arzt sagen kann was mir fehlt, das hat das Gedankenkarussell angeworfen.

Die Sache ist die: Du bist krank, du bist gelangweilt, deine Kraft (und Geduld) reicht für nicht mehr als Netflix und Instagram. Ersteres ist okay, sich irgendeine harmlose Serie reinzuziehen tut der Seele gut. Letzteres…naja. Ich glaube, wir sind uns alle sehr gut darüber im Klaren, das Social Media auf vielfältige Weise Erwartungsdruck aufbaut, obwohl man weiß das es immer nur eine Realität darstellt und wie leicht die sich fälschen lässt. Aber da liegst du nun und scrollst und scrollst und dein einer Freund ist hier unterwegs, ein Freiwilliger erlebt dies und das sensationelles, der andere sieht da und dort schöne Sachen…und du liegst einfach nur da und schlürfst deinen Kamillentee. Und auf einmal willst du alles andere tun, herumspringen, Leute kennen lernen, feiern, eben das, was die anderen auch so tun.

Nicht falsch verstehen, ich mag und mache all das, aber eben nicht im Übermaß. Ein Abend mit einem spannenden Buch ist mir nun mal lieber als auszugehen und mich eventuell von Menschen ansprechen und angraben lassen zu müssen, denen ich im Grunde am liebsten den Rücken zudrehen würde. Und dabei krampfhaft gute Laune haben zu müssen. Nennt es Arroganz, nennt es Faulheit oder Bequemlichkeit, mir egal. Extrovertiert sein bedeutet für mich manchmal mehr Überwindung, als gut ist und das weiß ich auch. In einer fremden Sprache einen Kaffee zu bestellen stresst mich, in einem Gespräch mit einem Kerl der mir gefällt halbwegs entspannt zu wirken lässt mich meistens nur noch mehr verkrampfen. Ich kann mit dir über Bücher, über Filmsoundtracks und das Alte Rom reden, aber Smalltalk ist zuweilen eine unlösbare Gleichung für mich. Und deswegen fühle ich mich manchmal mit mir selbst unwohl, weil in mir immer noch ein Teil der kleinen Realschülerin weiterlebt, die genau deswegen schief angeschaut wurde und nicht wirklich dazugehört hat.

Petersburg, I love you – but this week, you brought me down.

Das genau dieses Gefühl hier in Russland aufkam, tat verdammt weh. Es mag der Krankheit geschuldet sein, aber da lag ich nun und hab ich nicht nur in Selbstmitleid, sondern auch in Selbstvorwürfen ergangen. Warum gelingt es dir nicht, hier zu schreiben, hier, wo du so viel Möglichkeit und Input hast wie während der ganzen Schulzeit nicht? Warum starrst du an die Decke, hörst deprimierende Musik, statt zu lesen? Warum liegst du überhaupt hier? Du solltest draußen sein, die Herbstfarben genießen, die letzten warmen Sonnenstrahlen des Jahres auf dein Gesicht scheinen lassen. Du solltest mehr tun, mehr sein.

Nicht in der Erkenntnis liegt das Glück, sondern im Erwerben der Erkenntnis.“ – Edgar Allan Poe

Und dann sind zwei wunderbare Dinge passiert: Erstens, es ging endlich bergauf mit meiner Gesundheit. Zweitens, ich habe angefangen zu schreiben, genau diese Fragen. Gleich vorweg, ich hab keine Antworten darauf gefunden, wäre ja auch zu einfach. Stattdessen steht jetzt eine Abfolge der immer gleichen Fragen in meinem Tagebuch: Was will ich von diesem Aufenthalt? Wenn ich Ende Februar Russland verlasse, was soll sich dann für mich erfüllt haben? Eigentlich dachte ich, dass mir das klar wäre seit dem Vorbereitungsseminar.

Die Wahrheit ist: Ich weiß es immer noch nicht.

Warum sollte ich auch? An manchen Tagen überfordert es mich schon zu entscheiden, was ich frühstücken soll, weshalb habe ich es mir dann zur Aufgabe gemacht, mir bereits über die Erkenntnisse und Lebenslektionen und Weisheiten im Klaren zu sein, die ich aus diesen sechs Monaten mitnehme? Weil ich ein Idiot bin, der grundsätzlich zur eigenen Fehleinschätzung neigt. Weil ich aus irgendeinem Grund wohl der Meinung war, ich müsse ums Verrecken aus diesen sechs Monaten eine Parabel auf weiß Gott was machen, irgendeinen tieferen Sinn dahinter ausgraben.

Und wenn der Zweck von all dem hier einfach ist, eine gute Zeit zu haben? Und zwar auf meine Weise?

Es hat zwei Wochen Bettlägrigkeit gebraucht, bis ich das endlich mal geschnallt habe. Ich muss mich nach keiner Norm richten, nach keinem vorgegebenen Maß. St. Petersburg ist einfach nur, was ich daraus machen werde und wenn das heißt, in den Augen anderer ein bisschen langweilig zu scheinen, wat soll’s. Im Moment ist mir das egal, der Zeitpunkt, da mir das wider besseren Wissens etwas ausmachen wird, kommt schon wieder. Aber nicht jetzt.

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Serie der Woche: Queer Eye – für ganz viel, dringend benötigte gute Laune und ein bunter Strauß Toleranz und Mitmenschlichkeit oben drauf. Jedem Teilnehmer des Vorbereitungsseminars dürfte hier das Herz aufgehen.

Lied der Woche: New York I love you, but your bringing me down – LCD Soundsystem. Hat die Stimmung auf den Punkt gebracht.

Randnotiz am Schluss: Solltet ihr in Russland krank werden und zufällig eine Vermieterin wie die meine haben, dann nehmt auf jeden Fall jede Tablette, die sie euch gibt, wickelt euch jeden Umschlag um den Hals, den sie euch reicht, gurgelt jede Tasse Essigwasser, die neben dem Waschbecken steht und trinkt brav die widerwärtige Lösung, die in dem Glas auf dem Nachttisch auf euch wartet. Ohne werdet ihr wahrscheinlich draufgehen.

2 thoughts on “Ich hab da was begriffen.

  1. Liebe Sarah,
    es hört sich einerseits nach einem Inneren Monolog an in dem du dir selbst versuchst die Antwort auf die Frage zu geben die du dir stellst, andererseits aber auch nach einem kleinen hilferuf da es dir scheint in der Schwebe zu sein und keinen Schritt weiterzukommen. Ich kann nicht genau sagen weshalb ich zu deinem äußerst gut geschriebenen Eintrag einen Kommentar schreibe, da dieser keine wirkliche Antwort oder Bemerkungen verlangt, möchte dir aber folgendes sagen; die Veränderung wird kommen, von alleine und anfangs unbemerkt. Versuche nicht auf die Erwartungen zu achten die du dir selbst gestellt hast und schon gar nicht deinen Auslandsaufenthalt mit anderen zu Vergleichen, ich habe das zu Anfang getan und es hat geschmerzt, dann wurde mir klar, jedes Land, jeder Kulturweitfreiwillige, jede Situation, jeder Ablauf des Freiwilligendienstes verläuft ziemlich unterschiedlich und niemals gleich. Kurz: Nase hoch, es sind nur noch 5 Monate (das ist sehr wenig) und genieße es, jeden noch so kleinen Moment ;))))) Ich wünsche dir eine gute Besserung und schreib weiter 🙂
    Mit lieben Grüßen aus Serbien
    Julia

  2. Mein Baby, du sprichst mir mit dem Teil über das introvertiert sein aus dem Herzen. Aber wir haben uns ja auch schon so oft darüber unterhalten und trotzdem muss man sich immer wieder selbst klar machen, dass Glück für jeden etwas anderes bedeutet auch wenn gefühlt jeder andere gerade in dem ausgefallensten Land mit den ausgefallensten Menschen die ausgefallensten Partys feiert und natürlich jeden auf Instagram daran teilhaben lässt.
    In diesem Sinne, du weißt wir sind super darin introvertiert zu sein, also muss das doch wohl so stimmen. Ich hoffe die Muse kommt noch ganz oft über dich und und lässt dich tolle Geschichten schreiben.
    Dein Marvel-Mittwoch-Kumpel

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