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Goethe und gute Schuhe

Es sind die kleinen Dinge, die manchen, dass man sich angekommen fühlt. Immer wenn der Hausmeister, der nur bulgarisch spricht, und ich uns auf dem Gang begegnen, sagen wir lächelnd den Namen des anderen. Beim Schulkiosk bestelle ich immer das Übliche: einen ungesüßten Tee.

An einem sonnigen Nachmittag besuchten einige Schüler zusammen mit mir das Goethe-Institut. Spielerisch sollte die dazugehörige Bibliothek erkundet werden. Im Anschluss auf eine digitale Schnitzeljagd nahmen die Schüler an einem Deutschland-Quiz teil. Dabei wurde mir recht schnell bewusst, dass ein, zwei Stündchen Heimatkunde mir auch nicht schlecht tun würden. Moderne Ausstattung trifft auf Werke aus allen Zeiten. Ich mochte es sofort in der Bibliothek.

Derzeit sind im Hause Wolfgangs Werke  von der bulgarischen Künstlerin Marta Djourina und der Berlinerin Lisa Peters „der Raum zwischen uns“ ausgestellt. Darunter befindet sich auch eine Impressionsfilm in Dauerschleife, der Bilder des Alltags zeigt. Einer der Schüler fragte mich, wieso man sich das in einer Galerie anschauen sollte, wenn man es auch zu Hause hätte. Ich gab ihm Recht, entgegnete aber auch, dass es nicht darum geht, was man sehen könnte, sondern um das, was man sieht.

Auf der Außenwand der Toilettenkabine entdeckte ich paar Regenbogen-Sprenkel. Verrückt, wie man das gebrochene Licht auf dem Foto kaum von echter Farbe unterscheiden kann. Leider hatte ich bei der bunten Entdeckung keine Kamera zur Hand und musste auf meine prähistorische Handykamera zurückgreifen, aber wie sagt ein altes Fotographensprichwort so schön: Die beste Kamera ist immer die, die du bei dir hast.

Eigentlich wollte ich, nachdem ich mich mit Kultur vollgesogen hatte wie ein Schwamm unter Wasser, direkt zu meiner Wohnung fahren. Als ich mich nach einer passenden Buslinie umsah, entdeckte ich einen schnuckligen Second-Hand-Laden auf der gegenüberliegenden Straßenseite. Was kann es denn schade, mal reinzuschauen? – „Nur mal reinschauen“ kostet anscheinend etwa 140 Lewa (70 Euro). Meine Hände mussten meinen Blicken folgen, strichen über weichen Stoff, griffen nach Schuhen, die ich seit drei Ewigkeiten gesucht hatte und kramten nach dem Anprobieren nach meinem Portemonnaie.

Wem sich bei dem Gedanken an gebrauchte Schuhe nun alles vor Ekel zitronensauer im Mund zusammenzieht, den muss ich daran erinnern, dass es da draußen Menschen gibt, die ihre Pizza mit Ananas belegen! Schlimmer geht immer! Neben Sandalen, die wohl kaum ein einziges Mal die Außenseite ihres ehemaligen Schuhschranks gesehen hatten und blaugrauen Schnürschuhen, kaufte ich auch ein Wickeltop in rosa, das in mir verstaubte Erinnerungen an das Ballett weckt.

 

Nach meiner kleinen Shopping-Eskalation, die mich wohl dazu zwingen wird, den Rest des Monats von Kartoffel und Wasser zu leben, traf ich mich mit dem neuen Besitzer der Matiniza, die er letztes Mal als Trostpreis nach dem Verlieren unserer Wette bekommen hatte. Als wir uns kennengelernt haben, trug er eine rote Hose und einen gelben Pullover. Ketchup-Senf hatte ich seinen Look genannt. Diese eigentlich größte aller Fashion-Sünden hatte ich aber an diesem Morgen selbst zusammengewürfelt. Ich wies ihn darauf hin. Schulterzuckend entgegnete er nur, dass meine Jacke nicht gelb, sondern orange sei. Ich gab an, dass mir das Leben eine Sehstärke von 150% geschenkt hatte, dass es das gelbste Gelb unter der Sonne sei, aber er wollte sich nicht überzeugen lassen.

An einem kleinen Stand in Parknähe sahen wir zu, wie der frische Saft von sonnengereiften Orangen in aus der Maschine tropfte. Wir ließen unsere Blicke über die große Schokoladenauswahl schweifen. Ich entdecke eine meiner Lieblingssüßigkeit: Kakaopuderbestreute Mandeln in Schokolade. Mama und ich essen sie immer zur Weihnachtszeit. Ratet, auf welche kurz danach zeigte und als seinen Favoriten auserkor! Orangensafttrinkend tauschten wir später im Park unsere Theorien aus, ob die Frucht nach der Farbe oder die Farbe nach der Frucht benannt wurde. Auf seiner Muttersprache ist das Orange und die Orange aber beispielsweise nicht dasselbe Wort.

Mit dem Bus fuhr ich abends gen Wohnung, verpasste allerdings meine Haltestelle. Normalerweise überquert man, wennman  es bemerkt, einfach die Straße oder nutzt eine Unterführung, um dieselbe Busnummer in die entgegengesetzte Richtung zu nehmen. Nicht an dem Ort, wo ich Hals über Kopf aus dem Fahrzeug stolperte. Ich fand mich am größten Kreisverkehr Sofias wieder. Fünf Straßen im nahtlosen Feierabendverkehr mussten überquert werden, um zur richtigen Haltestelle zu gelangen. Ich schluckte.

(Bewerbungsgespräch: „Was sind Ihre Schwächen?“ – „Straßen überqueren!“)

Dankend fuchtelte ich mit den Händen, wenn die Autos zum Stehen kamen und mich überqueren ließen. Irgendwann hatte ich das Drehkreuz halb umrundet und stand somit neben der Haltebucht für Busse. Ich blickte auf. Der Mond blickte runter. Voll war er und rund. Er sah auf den ebenfalls runden Verkehrskreis, den er bestrahlte mit dem uneigenen Licht, das ihm die Sonne lieh. Er sah  Autos wie Ameisen darum herum tanzten, die nur anhielten, wenn ein noch kleineres Insekt an den Bordsteinrand trat. Ich hatte die Frechheit, den Mond in  drei Pixeln zu verwandeln.

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