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p LOVE div und mehr

Plowdiw ist in diesem Jahr die europäische Kulturhauptstadt und hat sich dafür ganz schön in Schale geschmissen. Wir besuchten die zweitgrößte Stadt Bulgariens die zwei Autostunden südöstlich von Sofia liegt, am Sonntag vor Ostern, der sogennate  „Blumentag“ („Zvetnitza“). Die meisten Bulgaren und Bulgarinnen tragen an diesem Tag einen geflochtenen Weidenkranz (als Ersatz für Palmenzweige) auf dem Kopf. Neben dem Einzug Jesus in Jerusalem wird auch das Frühlingserwachen der Natur gefeiert. Dieser Tag ist auch Namenstag      für alle, deren Name von einer Blume oder einer Pflanze abgeleitet wird wie z.B. Violetta.

Da Lina übersetzt Knospe einer Dattelpalme oder auch nur Palme heißt, habe ich mir kurzerhand auch einen eingedrehten Busch auf das Haar gelegt. Hier seht ihr also ein Foto einer Palme unter einer Palme.

 

 

 

 

Unter dem antiken Amphitheater  erstreckt sich die Altstadt in der Blüte des Frühlings, der darauf drängt, endlich Sommer zu werden.

Wie ich hier gerade von sonnigeren Tagen schreibe, sitze ich im Nationalen Kulturpalast und schaue den Menschen zu, wie sie mürrisch unter gespanntem Stoff durch den Regen hetzen, dabei versuchen, die schon nassen Füße von tiefen Pfützen fern zu halten. Es sieht aus, als würden unzählige Wasserläufer über die Oberfläche der Eintagsbäche hüpfen. Morgen schon versiebt, morgen schon vergessen. Aber heute sind sie die kleinen Dämonen des sofi’schen Unwetters, das ich hinter der Fensterfront beobachte. Dann passiert es. Der Blitz schlägt ein. Alles wackelt. Die Wände, der Boden, die Jeder eingestandene Hipster und jeder „Ich bin kein Hipster“-Hipster blickt von seinem Macbook auf und schaut besorgter als meine Mutter, wenn sie die Wäsche im Regen vergisst. Kurz rieche ich Rauch. Bin dann doch sehr beruhigt, als ich merke, dass es von der Raucherecke auf dem Balkon entspringt.

Später am Tag machte ich Bekanntschaft mit Ketchup-Senfs neuem Fahrrad, das ich aufgrund seiner Dreifarbigkeit Bleu-Blanc-Rouge taufte. Wenn er also parallel neben meiner Straßenbahn herfuhr, wobei der sich bemühen musste, nicht genügend Pausen einzulegen, da er deutlich schneller war, sah ich stets die französische Fahne hinter dem Tramfenster.

Am Wochenende erkundeten wir Velico Tornovo. Eine Stadt mit stolzer Burg und Panoramablicken, wohin man auch geht und schaut.

 

Die ergiebigen Aussichten mussten wir jedoch mit einem Funkloch bezahlen und so konnten wir uns leider nicht zur stadtbesten  Konditorei navigieren lassen. Irgendwann entschieden wir uns dazu, uns einfach im nächsten Café niederzulassen. Wir betraten das Gebäude. Wir sahen uns um. Grinsten. Aßen den besten Kuchen der Stadt.

Plowdiw und ich haben einander so sehr vermisst, dass ich schon eine Woche später wieder durch die Gassen der Altstadt schlendere. Dieses Mal mit einigen meiner Schüler, die angereist sind, um am Landesfinale der Lesefüchse teilzunehmen. Dies ist eine Literaturveranstaltung, bei welcher vier Jugendromane analysiert und diskutiert werden. Es fand in einem wunderschönen Saal im historischen Museum statt.  Zudem gab die Autorin einer der Romane eine Lesung mit anschließender Fragerunde. Aktuelle politische und soziale Themen wurden aufgegriffen und mit der Handlung der Geschichten verknüpft. Häppchen sind Snacks für Reiche.  Ich mampfte mich in der Pause durch mit Frischkäse behaubte Rundbrötch, winzige Sahneleckereien und getürmte Gemüsespießchen. Irgendwann konnten mich sogar diese Diminutiva sättigen. Wenn man sich drei Häppchen auf einmal in den Mund schiebt, wird daraus sogar ein Happen. Nach der leckeren Unterbrechung  wurde der Sieger verkündet. Unruhig rutschten die Schüler auf ihren Stühlen hin und her. Ein Name fiel. Fast sprang ich auf. Ich klatschte in die Hände, bis sie fasst brannten. Einer meiner Schüler hatte gewonnen und wurde somit nach Berlin zum internationalen Finale eingeladen.

Noch immer vom Stolz berauscht verbrachte ich den Rest des Tages in einem Park, lernte ein wenig Bulgarisch und hatte endlich mal Muße. Die Muße ist meine Muse. So lag ich im Gras und schrieb ein paar Zeilen. Und wünschte kurz, ich könnte länger verweilen.

 

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