Eine Woche in UB: Zwischen Großstadttrubel und kleinen Atempausen

UB (wie die Einheimischen Ulaanbaatar nennen) kannte ich vor meiner Ausreise kaum. Nach ein paar Stunden Recherche ahnte ich, dass die Stadt moderner sein würde als das gängige Bild der Mongolei. Trotzdem überraschten mich vor allem die weitläufigen Plätze, wie etwa der Sukhbaatar Platz vor dem Parlament und der Social Pay Park.

Die Stadt ist voller Geschichte. Es gibt Gedenkstätten wie die für die Opfer politischer Repression, das Neue Nationalmuseum und prächtige sozialistische Bauten. Zwischen all dem wirken viele Wohnhäuser sehr einfach. Mich ließ der Gedanke nicht los, wie kalt es dort im Winter werden muss. Bei manchen Häusern dachte ich, dass sie leer stehen und bald abgerissen werden. Dann sah ich Menschen mit Einkaufstüten hineingehen und Bewegungen hinter den Gardinen.
Die Situation hat mir verdeutlicht, wie viele Vorurteile ich habe und unter welch privilegierten Umständen ich sozialisiert worden bin. Da kommt die Frage auf, ob es wirklich privilegiert ist oder ob das bereits ein weiteres Vorurteil ist. Denn in Wahrheit habe ich keine Ahnung, wie es den Menschen hier geht und welche Werte ihnen wichtig sind.

Am Wochenende ging es in den FatCat Jazz-Club. Jazz war bisher nicht wirklich meine Musikrichtung gewesen, weshalb ich vorher skeptisch war. Wir kamen erst zehn Minuten vor Ende der Vorstellung an und durften kostenlos hinein. Die Musik war sehr melodisch und beschwingend. Sie klang ganz anders als der Jazz, den ich bisher kannte, und regte zum Schunkeln an.

An allen Tagen prägte der Verkehr meinen Eindruck von UB. Er schien endlos und im Vergleich zu Deutschland chaotisch. In der Rushhour regeln Polizisten mitten auf den Kreuzungen den Verkehr, während überall gehupt und gedrängelt wird. Anfangs überforderte mich das. Mit der Zeit faszinierte mich das Zusammenspiel der Fahrzeuge. Es wirkte unübersichtlich und funktionierte trotzdem. Einen Unfall habe ich nicht miterlebt, doch eine Frage lässt mich nicht los: Wie geht das alles ohne Zusammenstoß aus? Vielleicht ist das auch alles eine Frage der Perspektive. Schließlich bin ich bisher nicht groß mit anderen Fahrweisen in Kontakt gekommen.

Neben dem Großstadttrubel gab es viele weitere Eindrücke. Beim Besuch des Chojin-Lama-Tempels fielen mir die bunten Verzierungen und die Gesichter der Götter auf. Faszinierend war auch der Kontrast. Direkt neben der Anlage ragen Hochhäuser mit spiegelnden Glasfassaden auf. Mir fiel auf, wie selbstverständlich beides nebeneinander existiert.
Am Mittwoch ging es für uns auf einen Ausflug zur Chinggis Khaan Statue. Obwohl sie nur rund 55 km östlich der Stadt liegt, fuhren wir gute 2,5 Stunden dorthin. Die Straßen waren zwar asphaltiert, glichen jedoch eher einer Huckelpiste als einer Straße. Trotzdem gelang es mir, ein wenig Schlaf nachzuholen. Als ich die Augen öffnete, sah ich etwas Silberglänzendes mitten in der Landschaft stehen. Wir hatten unser Ziel erreicht. Die Chinggis Khaan Statue war überwältigend. Ich musste den Kopf in den Nacken legen und die Augen zusammenkneifen, so sehr strahlte die Statue mit der Sonne um die Wette.
Anschließend ging es in den Gorkhi-Terelj-Nationalpark. Dort erklommen wir den bekannten Turtle Rock und genossen die Aussicht. Oben angekommen, den Blick in die Weite gerichtet, spürte ich, wie viel Glück ich mit meiner Einsatzstelle habe. Diese ganz andere Landschaft erkunden zu dürfen bedeutet mir sehr viel.

Ein besonderer Moment für mich war ein Nachmittag im Social Pay Park. Mit den anderen Freiwilligen saß ich auf ein paar Stufen in der Sonne. Einige malten, andere lasen oder hörten Musik. Dazwischen unterhielten wir uns. Der Baulärm störte ein wenig, aber die Luft war besser als im Rest der Stadt. Die spontane Hostelsuche hatte mich gestresst und richtig ausruhen konnte ich nie. Ich wollte so viel wie möglich von der Stadt sehen und schnell die Sprache lernen. Dabei verdrängte ich, dass ich eigentlich Ruhe brauchte. Ich dachte, die bekäme ich schon an der Einsatzstelle. Auf den Stufen konnte ich zum ersten Mal wirklich innehalten, durchatmen und alles auf mich wirken lassen.

Neben den Ausflügen war uns Freiwilligen wichtig, die Sprache zu lernen. Demnach prägte der Sprachunterricht unsere Woche in UB. Nach der ersten Stunde hatte ich ein richtiges Hochgefühl. Ich dachte, ich könnte die Sprache in kurzer Zeit sehr gut lernen. Am nächsten Tag folgte eine Doppelstunde und der Höhenflug war vorbei. Es kamen so viele neue Vokabeln und das kyrillische Alphabet dazu. Das überforderte und verunsicherte mich. Nach einem Ruhetag ging es zwar etwas besser, blieb aber eine große Herausforderung.
In der vorletzten Stunde wollten wir online Bustickets für einen Teil der Strecke zu unserer Einsatzstelle kaufen. Wir scheiterten an den uns unbekannten Bezahl-Apps. Unsere Sprachlehrerin bot an, uns das Geld vorzustrecken. Mit mongolischen Konten sei es am einfachsten. Zuerst dachte ich, ich höre nicht richtig. Sie wollte die Tickets für uns alle bezahlen. Für uns war das nicht viel Geld. Für sie war es aus meiner Sicht ein halbes Vermögen. Ich war sprachlos über die erlebte Hilfsbereitschaft. Sie sollte sich weiter durch meinen Aufenthalt ziehen.

Ein weiterer Höhepunkt war der vorgezogene Empfang zum Tag der Deutschen Einheit am 17. September in der Deutschen Botschaft. Ich fühlte mich geehrt, eingeladen worden zu sein. Gleichzeitig spürte ich ein gewisses Pflichtgefühl. Der Empfang selbst war festlich mit rotem Teppich und einem förmlichen Händedruck des Botschafters, vor dem ich doch etwas nervös war. In seiner Rede ging es um Miteinander und gegenseitige Unterstützung. Die Verbindung zwischen beiden Ländern klang sehr eng. Das überraschte mich. Hatte ich in Deutschland noch nie etwas über die Beziehungen zur Mongolei gehört. Das Highlight war für mich trotzdem das Essen. Kartoffelauflauf, Schnitzel und Brezel erinnerten mich an Zuhause. Nach dieser Woche tat es gut, wieder etwas Vertrautes zu schmecken.
An dem Abend trafen wir die Band aus dem Jazz-Club wieder. Der Cellist ist Professor an der Universität München und lebt seit zwölf Jahren in Ulaanbaatar. Wir kamen ins Gespräch und konnten so unseren letzten Abend in der Hauptstadt gemeinsam im Jazz-Club ausklingen lassen.

Am nächsten Tag hatten wir noch eine letzte Sprachstunde. Danach ging es zum Busterminal. Die Vorfreude auf meine Einsatzstelle war riesig. Die Tage in der Hauptstadt waren schön, interessant und anstrengend zugleich. Nach einer Woche voller neuer Eindrücke sehnte ich mich nach Ruhe. Vor allem aber danach, endlich für längere Zeit an einem Ort zu bleiben. Ich hatte viele touristische Seiten der Stadt gesehen, aber noch nicht den Alltag der Menschen kennengelernt. Genau das erhoffte ich mir von meiner Einsatzstelle.

Also rein in den Bus, Türen zu und los ging die Reise zu unserem Zuhause auf Zeit.

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