Gazellen zählen in der Gobi: Meine erste Patrouille

Es war unser zweiter Sonntag in der Einsatzstelle. Den Samstag hatten wir als Ruhetag verbracht, und auch für diesen Tag hatten wir uns nichts vorgenommen. Nachdem alle ausgeschlafen hatten, entschieden wir uns für ein spätes Frühstück. Gegen halb zwölf stand plötzlich Ariunbuyan, genannt Buyna, in unserem Zimmer und fragte, ob wir die Ranger auf ihrer Patrouille begleiten wollten. Was für eine Frage! Um zwölf Uhr sollte es losgehen. Wir schlangen unser Frühstück hinunter, packten Snacks und Getränke ein und zogen uns warm an.

Der Anlass der Patrouille war ernst: Derzeit trifft erstmals nach ca. 50 Jahren wieder eine Ziegenseuche die Region sehr hart. Diese Krankheit kann auf die hier lebenden Gazellen (englisch Black-tailed Gazelle) übertragen werden. Sie stehen auf der roten Liste der gefährdeten Arten der Mongolei. Die Ranger wollten erfassen, wie viele Tiere im Umkreis von Bayantooroi leben, um einschätzen zu können, ob der Bestand bedroht ist.

Wir wurden jeweils einem erfahrenen Motorradfahrer unter den Rangern zugeteilt. Dann setzten wir die Helme auf und es ging los.
Zunächst fuhren wir gemeinsam aus dem Ort. Nach einer kurzen Pause besprachen die Ranger die Aufteilung, dann trennten sich unsere Wege. Hermine und ich hielten als Erstes bei einer Nomadenfamilie, die Kamele und Ziegen besaß und ein kleines Feld bewirtschaftete. Dort bekamen wir etwas zu essen und Proviant für die Weiterfahrt.

Wenig später entdeckten die Ranger die ersten Gazellen. Ich war erstaunt, wie sicher sie die Tiere in der Weite der Landschaft  ausmachten. Und das, obwohl sie gleichzeitig Motorrad fuhren und auf den unebenen Boden achten mussten. Ich selbst erkannte die Gazellen vor allem an dem weißen Fleck am Hinterteil. Die Ranger zählten die Tiere, hielten fest, wie viele Männchen und Weibchen darunter waren, und notierten die Koordinaten. Ihre Beobachtungen trugen sie sowohl in Notizbücher als auch in eine App ein, in der später sämtliche Daten zusammenlaufen.

Nach mehreren Sichtungen trennten wir uns erneut und ich war fortan allein mit Ranger Tuvshinzuul unterwegs. Anfangs folgten wir noch den Reifenspuren anderer Motorräder, bald aber ging es querfeldein. Der Boden war steinig und Tuvshinzuul musste ständig auf auf die großen Steinbrocken achten und ihnen ausweichen. Trotzdem fand er immer neue Gazellen. Bei einer Herde von 14 Tieren staunte sogar er, denn so viele auf einmal sieht man selten. Ich selbst war währenddessen hauptsächlich damit beschäftigt, mich gut festzuhalten und eine bequeme Sitzposition zu finden.

Immer wieder kreuzten Kamele, Ziegen und Kühe unseren Weg, die frei in der Landschaft grasten. Sie gehörten den Hirten der Umgebung. Ich verlor schnell die Orientierung, während Tuvshinzuul stets wusste, wo der Weg lang ging. Zwischendurch fragte er mich, ob ich hungrig oder müde sei. Ich verneinte jedes Mal, bis daraus ein Running Gag wurde: „Sie sagt immer nur nein.“ Unsere Verständigung bestand aus ein paar englischen Wörtern, meinen Versuchen, Mongolisch zu verstehen, und viel Zeichensprache.

Irgendwann trafen wir bei einer Kamelherde auf Hermine, die mit Somyer unterwegs war. Dort sahen wir, wie einem Kamel ein Nasenring eingesetzt wurde. Seine Vorderbeine waren zusammengebunden, damit es nicht ausschlagen konnte. Trotzdem brauchte es drei Männer, um das Tier zu halten. Der Ring bestand aus Tierknochen und war Y-förmig. Buyna erklärte uns, dass der Nasenring dem Reiter hilft, das Kamel besser zu führen.
Mir fiel es schwer dabei zuzusehen, denn das Tier litt sichtbar. Zwischendurch musste ich wegschauen. Einen derartigen Umgang mit Tieren kannte ich bisher nicht. Diese Beobachtung beschäftigt mich noch sehr und die Schreie des Kamels werde ich nicht vergessen.

Anschließend stießen wir wieder zu Grit, die mit Toogie unterwegs war. Gemeinsam erklommen wir einen hohen, bewachsenen Sandberg. Der Aufstieg fiel mir schwerer als gedacht, denn vom Motorradfahren hatte ich bereits kräftigen Muskelkater in den Oberschenkeln. Auf dem Plateau angekommen wärmte die Sonne so stark, dass ich erst einmal eine Schicht auszog. Belohnt wurde ich mit einer Aussicht auf die unendliche Weite und den Mother Mountain.

An die Heimfahrt war noch nicht zu denken. Die Patrouille führte mich weiter durch einen kleinen „Wald” aus Tooroi-Bäumen (über sie schreibe ich noch einmal separat). Auch hier sichteten wir Gazellen und trugen sie in unsere Listen ein. Die Landschaft wechselte ständig: mal sandig, mal steinhart und völlig ausgetrocknet, dann wieder etwas grüner.
Gegen halb sechs erreichten wir ein Ger, ein traditionelles Rundzelt, am Rand einer Kamelzuchtstation. Es gab Snacks, Wasser und eine Toilette. Nach Stunden unterwegs eine willkommene Pause. Knapp eine Stunde später machten wir uns auf den Heimweg und Tuvshinzuul gab noch einmal richtig Gas. Erst jetzt, auf der Rückfahrt merkte ich, wie unendlich viel Spaß mir Motorrad fahren macht. Das Grinsen ging mir nicht mehr aus dem Gesicht.

Zurück in Bayantooroi wurde ich erst einmal entstaubt. Die Rückfahrt war bei dem Tempo doch ziemlich staubig. Außerdem bekam ich drei Gurken für uns in die Hand gedrückt. Nach einer Dusche und einem Abendessen trafen wir uns am späten Abend noch einmal, um die gesammelten Daten zusammenzutragen. Gegen elf Uhr fiel ich ins Bett, müde von einem langen Tag, aber noch ganz erfüllt von dieser ersten Patrouille.

Wann hatte ich mich das letzte Mal so frei gefühlt?

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